Benedikt Altpapst 120Am 11. April 2019 veröffentlichte CNA-Deutsch den Artikel von Joseph Ratziger zum Missbrauchsskandal in der römisch-katholischen Kirche. In Fachkreisen herrscht weit verbreitetes Entsetzen.

Berichte: ORF, Hier können Sie einige Kritiken lesen: Dogmatikprofessor Hermann Häring, Fundamentaltheologe Magnus Striet, Alt-Abt Martin Werlen, Markus Nolte, Pastoraltheologe Johann Pock, Sprecher der deutschen Arbeitsgemeinschaft Moraltheologie, Der Tagesspiegel, Wunibald Müller, Michael Seewald uva;

„Geh‘ Pepperl plausch net“

Noch vor Ostern veröffentlicht Joseph Ratzinger einen Aufsatz im Bayerischen "Klerusblatt" zum Missbrauchsskandal in der römisch-katholischen Kirche. Der angeblich aus Notizen beim Missbrauchsgipfel im Februar zusammengestellte Beitrag ist einseitig und ein kirchenpolitischer Querschuss gegenüber der dringend nötigen und gründlichen Aufarbeitung der schrecklichen Vorfälle.

Der 92-Jährige sieht in dem Artikel die Ursachen der vielfältigen Missbräuche in der 68er-Bewegung, im Zusammenbruch der Moraltheologie nach dem II. Vatikanum und in einer Gottlosigkeit.

So richtig es zweifelsohne ist, dass eine ausschließlich aus politischen Kategorien und rein aus Menschenhand geformte Kirche gottlos bleiben könnte, so durchsichtig ist auch die Absicht in diesem Beitrag, die angeblich gottgewollte Überordnung der Kleriker weiter aufrecht zu erhalten.

Aber genau in dieser unbegründeten pseudogöttlichen Überhöhung der Kleriker liegt ein entscheidender Kern des Übels. Diese von einzelnen Theologen mit Zirkelschlüssen gestützte These führt zu einer Machtfülle und Unkontrollierbarkeit, die neben anderen Auslösern und den jeweils persönlichen Dispositionen diese Verbrechen begünstigen.

Warum schreibt Ratzinger diesen Beitrag?

Nach seinem Rücktritt als Bischof von Rom wollte sich Ratzinger in das extra für ihn umgebaute Kloster Mater Ecclesiae zurückziehen. Er wolle im Gebet und in Meditation verharren. Damit wolle er der Aussage von Johannes Paul II. folgen, für einen "emeritierten Papst gibt es in der Kirche keinen Platz", wie 2013 sein Sprecher Federico Lombardi verlautete. Seine Loyalität zu Franziskus solle damit zum Ausdruck kommen.

Zweifelsohne will Ratzinger mit diesem Beitrag Einfluss auf kirchliches Geschehen nehmen. Das dieser Artikel nicht nur in Bayern gelesen wird, davon konnte der erfahrene Autor ausgehen.

Wie bereits zu seiner Amtszeit als Bischof von Rom versucht er den irdischen, menschlichen Konflikten mit spiritualisierten Höhenflügen zu begegnen. Mit solchen grundsätzlichen, dem Leben sehr weit entfernten Ansagen bleibt alles beim Alten. Es ändert sich nichts.

Genau das ist auch seine Absicht. Sein Weltbild lebt von der Unterordnung, vom gefürt werden. Ein Bewusstsein, der Mensch ist endlich und verdankt sein Sein Gott, kann die Herrschaft von Menschen über Menschen verhindern. Dort aber, wo die Göttlichkeit ausschließlich der kleine Gruppe der Kleriker zugesprochen wird, errichtet sich ein neues menschliches Herrschaftssystem, das auch noch göttlich begründet wird.

Ratzinger hat seinen Glauben und sein Leben in diesem die Freiheit raubenden Unterordnungssystem erlernt. Und er hat, mit weltlichen Maßstäber gemesen, darin viel erreicht. Letztlich wurde er zum strengen Herrscher über die ganze Kirche. Das andere Menschen unter dieser von außen unkontollierbaren Machtausübung leiden hat er nicht erkannt. In diesem System ist ein verantwortungsvoller Umgang mit  Freiheit nicht erlernbar. Die Bahnen werden vorgezeichnet und die Gläubigen können in diesen laufen. Abweichungen werden als Sünde sanktioniert. Damit wird das Leben, die Krativität und der Umgang mit der Freiheit niedergehalten, beschnitten und die volle Entfaltung der Menschen verhindert.

Spätestens seit Hans Hermann Groer waren die Verbrechen auch in der Öffentlichkeit bekannt, wie auch die immer wieder genannten strukturellen Ursachen. Ihnen hielten Ratzinger und seine treuen Bischöfe immer mangelnden Glauben entgegen. Natürlich könne jede und jeder ein Mehr an Glauben gut gebrauchen. Aber dieses von Oben herab verletzt die Opfer neuerlich.

Mit einer solchen Ansage tritt aber noch keine Änderung ein. Und das ist nicht alleine die Schuld der Einzelperson, weil sie sich vielleicht zu wenig bemüht hätte. Hier geht es um ein Klima des gegenseitigen Vertrauens und um Strukturen, die dieses Vertrauen bekräftigen können. Dafür konkrete Bausteine zu legen ist verlangt.

Ratzinger schreibt diesen Artikel, weil er offensichtlich die nun endlich zur Diskussion anstehenden strukturellen Änderungen für weltliches und gottloses Getue hält. So wichtig und richtig es ist, dass auf Gott nicht vergessen und nicht alles nur auf menschliche Kraft gesetzt werden soll, so hinterhältig ist es auch, denen Stimme verleihen zu wollen, die nichts anderes im Sinn haben als den Klerikalismus mit allen seinen die Menschen klein machenden Eigenschaften retten zu wollen.

Ist Eitelkeit die Triebfeder?

Ratzinger zeigt sich sechs Jahre nach seinem Rücktritt immer noch mit Insignien, die auf seine aufgegebene Aufgabe verweisen. Beispiele dafür sind die weiße Sutane oder die nirgendwo im Kirchenrecht enthaltene Bezeichnung „Ex-Papst“. Sein Sekretär Georg Gänswein nannte als Autor des Nachrufs beim Trauergottesdienst für Joachim Meisner „papa emeritus“.

Das alles ist neu und lässt den Schluss zu, er wolle seine Großartigkeit zeigen, mit der er es bis zum Bischof von Rom gebracht habe. Einem bescheidenen Ratzinger stünde es gut an, in schwarzer Sutane gesehen und als Bischof mit seinem Namen statt mit Benedikt angesprochen zu werden. Diese Hervorhebungen sind mit ein Teil des klerikalen Gehabes, mit den farblich unterscheidenden Rangabzeichen.

Ob der alte Herr aus eigenem den Artikel geschrieben hat oder ob er von der konservativen Anti-Franziskus-Phalanx einschließlich seinem Sekretär darum gebeten wurde, bleibt Spekulation. Der Hinweis, er habe das Schreiben nach Rücksprache mit Franziskus verfasst, will Autor und Schriftstück zusätzliche (Schein)Bedeutung verleihen.

Der Inhalt ernüchternd

Ratzinger sieht die sogenannte sexuelle Revolution als Grund für die Verbrechen. „Zu den Freiheiten, die die Revolution von 1968 erkämpfen wollte, gehörte auch diese völlige sexuelle Freiheit, die keine Normen mehr zuließ.“ Sexfilme erzeugten Gewalt, deshalb seien sie in Flugzeugen wieder aus dem Programm genommen worden. Die Machtfrage sieht er gar nicht.

Der Aufklärungsunterricht in deutschen Schulen oder der Sexkoffer in Österreich oder die sich ausbreitenden Pornofilme in der Folge der 68er-Jahre des vorigen Jahrhunderts seien Auslöser.
Wer einen Widerstreit zwischen dem guten Gott der alles zum Besten führen wird und der bösen Welt konstruiert, schwebt über der Realität.

Die 68er können gar nicht der Auslöser gewesen sein. Nach Daten der Österreichischen Bischofskonferenz sind 51,5 % aller in Österreich bekannten Fälle vor 1970 verübt worden. Mehr als 14 % aller Verbrechen wurden bereits in den 50er-Jahren verübt.

Mangelnder Glaube wird eine Ursache sein, aber dieser kann nicht mit der 68er-Bewegung begründet werden. Eine mangelhafte Verkündigung gab es schon länger. Seit mehr als 100 Jahren vorher gab sie keinen ausreichenden Halt für ein zeitgemäßes verantwortungsvolles Leben. Die Debatten um die Unfehlbarkeit, der Antimodernismusstreit, die große Zahl der Nazi-Schergen mit guter katholischer Ausbildung und die Unterstützung und Duldung dieses Regimes durch Bischöfe und Gläubige oder die individuellen Konflikte mit einer unmenschlichen Sexualmoral sind wohl mehr als deutliche Hinweise, dass schon länger ein das Leben stützender Glaube fehlte.

Joseph Ratzinger irrt. Mit diesem Aufsatz beteiligt er sich an geistlichem Missbrauch. Sein Beitrag wurde auch vielfältig kritisiert. Schweigen wäre wohl besser gewesen. Wienerisch gesagt: „Geh‘ Pepperl plausch net“!

Hans Peter Hurka