moravcik karolAnfang April haben der in der Slowakei arbeitende Priester Karol Moravcik und der aus der Slowakei stammende und in der Diözese Eisenstadt arbeitende Priester Gabriel Kozuch im Rahmen einer Vortragsreihe "30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs - Kirche, Politik und Gesellschaft im Grenzland" einen Vortrag im Haus St. Stephan in Oberpullendorf / Burgenland gehalten.

Karol Moravcik hat uns seinen Vortrag zur Verfügung gestellt und wir veröffentlichen ihn nachstehend. Er gibt darin Einblicke in die Slowakische Gesellschaft und die slowakische Kirche.

Die Kirche in einer postkommunistischen Gesellschaft / Zwischen Ängsten und Hoffnungen

Dr. Karol Moravčík, 4. 4. 2019; „30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs“; Haus St. Stephan, Oberpullendorf.

Einleitung

Ich gab meinem Beitrag über die Kirche in der heutigen Gesellschaft in der Slowakei den Titel Zwischen Ängsten und Hoffnungen. Ich finde nämlich, dass dieser Titel die Meinungen von vielen slowakischen Katholiken charakterisiert. In Anlehnung an die Zielsetzung der Organisation, anlässlich des 30. Jubiläums des Falls des Eisernen Vorhangs über die Situation der Gesellschaft und Kirche in der Grenzregion Burgenland zu diskutieren, möchte ich mich an die Position der Kirche mittendrin in der heutigen Kultur und Politik der Slowakei konzentrieren.

In welchem Sinne kann man behaupten, dass die Kirche in der Slowakei von Angst geprägt wird?

Die Angst findet man erstens in der Kirchenführung, also unter den Bischöfen, und solchen Katholiken, die man als traditionell oder konservativ bezeichnen könnte. Wie diese sogar selbst meinen, haben sie Angst vor der Entwicklung in unserem Kulturraum (Europa, insbesondere Westeuropa). Für sie nahm den Platz des Kommunismus, als eines Erzfeindes der Christenheit und der Kirche, der neue Liberalismus ein, der nach ihrem Verständnis die christliche Zivilisation, traditionelle Moral und die Familie brechen wolle.

Zweitens empfindet der Teil der Bevölkerung, der die Religion als eine private Angelegenheit eines jeden Menschen versteht und den kirchlichen Einfluss auf die Gesellschaft ablehnt, Angst vor der Kirche und ihrem Einfluss auf die säkulare Politik und Gesetzgebung.

Und drittens empfinden auch die Katholiken Angst, die aufrichtig eine Kirchenreform und einen Dialog wünschen. Zu dieser dritten Gruppe zähle ich mich und meine Freunde: es bereitet uns Sorgen, dass eine in sich verschlossene und von der Entwicklung der Welt verängstigte Kirche das Evangelium nicht verkündet, sondern falsifiziert, dass sie von ihren Gläubigen verabscheut wird, und dass sie sich somit vor den Nicht-Gläubigen kompromittiert. Dadurch setzt die Kirche die Gesellschaft den Opportunisten und unverantwortlichen Entscheidungsträgern aus.

Im ersten Teil meines Beitrags möchte ich diese Ängste näher vorstellen und ihre Ursachen erklären. Im zweiten Teil präsentiere ich einige Gründe, beziehungsweise Quellen von etwaigen Hoffnungen.

1. Die Lage der Kirche in der Slowakei 30 Jahre nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“

Vor einigen Tagen fand in der Slowakei die zweite Präsidentschaftswahlrunde, die die Kandidatin Zuzana Čaputová gewann, die Kandidatin der Partei Progresívne Slovensko (PS) – Progressive Slowakei. Diese Partei ist in der slowakischen politischen Landschaft neu, sie ist noch nicht im Parlament und gehört zur Fraktion der europäischen Liberalen. Die Kandidatin war bis vor Kurzem noch relativ unbekannt, bisher engagierte sie sich außerhalb des Regierungsbereichs. Während des Wahlkampfs äußerte sie öffentlich mehrmals ihre liberalen Meinungen und Lebensansichten. Sie profitierte von großer Unterstützung der Medien und auch finanziellen Mitteln für den Wahlkampf. Ihr Wahlspruch war einfach: Ich bin gegen das Böse und für eine anständige Slowakei. In der ersten Wahlrunde bekam sie 40,57% der Stimmen, in der zweiten 58,40%.

Ihr Gegenkandidat war Maroš Šefčovič, ein Nominierter (kein Mitglied) der regierenden sozialdemokratischen Partei, Vizepräsident der Europäischen Kommission, ein erfahrener Diplomat. Im Unterschied zu westeuropäischen Soziademokraten, die in kulturellen und ethischen Fragen liberale Ansichten vertreten, präsentierte sich Šefčovič in öffentlichen Diskussionsrunden als Katholik und Konservativer. Er wurde durch die Tatsache benachteiligt, dass ihn ein Teil der Wähler und Wählerinnen mit der regierenden Partei identifizierte – mittlerweile wird die Partei nach ihrer langjährigen Regierung nämlich für alles Schlechte in der Slowakei verantwortlich gemacht. Šefčovič bekam in der ersten Runde 18,66% der Stimmen, in der zweiten 41, 59%.

Ein relativ großer Teil der Wahlberechtigen in der Slowakei (25%) unterstützte in der ersten Wahlrunde solche Kandidaten, die als unsystemisch bis antidemokratisch bezeichnet werden können. In der ersten Wahlrunde kandidierte auch František Mikloško, ehemaliger katholischer Dissident, ein Aktivist der sogenannten geheimen Kirche, erster slowakischer Parlamentsvorsitzender nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, Demokrat und ein aufrichtiger Gläubiger. Er bekam 5,72% der Stimmen.

Das Bild der slowakischen Kirche wird auch durch die Einmischung der Kirchenvertreter in den Wahlkampf geprägt. Die Kirchenführung in der Slowakei betont wiederholt ihren kompromisslosen Zugang zu Fragen der Abtreibungen, homosexuellen Partnerschaften und sog. Gender-Ideologie. Auf diese Themen haben die slowakischen Bischöfe auch jetzt vor der Präsidentschaftswahl wieder aufmerksam gemacht. Die katholische und christliche Öffentlichkeit ist diesbezüglich gespaltet und eine Diskussion wird in dieser Hinsicht meistens sehr einseitig geführt. In liberalen Medien übernehmen die Verfechter des modernen individualistischen Humanismus die Wortführung, worauf die Konservativen mit ihren kompromisslosen Ansichten reagieren.

Merkwürdigerweise unterstützen mehrere gebildete Theologen und Priester der katholischen und evangelischen Kirche, die sich von ihren kirchlichen Gemeinschaften getrennt haben, diese liberalen Positionen.

Am Kulturkampf vor der Präsidentschaftswahl nahmen unerwartetemaßen auch zwei Erzbischöfe teil: sowohl der ehemalige als auch der jetzige Erzbischof von Trnava. Der ehemalige Erzbischof, Róbert Bezák, wurde 2012 erklärungslos seines Amtes enthoben, was natürlich der slowakischen Kirche schadete und sie vor der säkularen Öffentlichkeit lächerlich gemacht hat. Bezák unterrichtet mittlerweile auf einem von einer evangelikalen Kirche gegründeten Gymnasium und im Wahlkampf unterstützte er öffentlich die liberale Kandidatin. Er sieht in ihr die Hoffnung auf Schwächung der Machthaber-Kreise, die laut ihm die Korruption in der Slowakei decken. Der bekannte tschechische Priester Tomáš Halík kam ebenfalls persönlich nach Bratislava, um der Kandidatin seine Unterstützung zu erklären. Der jetzige Erzbischof von Trnava, Ján Orosch, hat während der Messe am Sonntag vor der ersten Wahlrunde die Ansicht von Bezák verurteilt und den Wählern der Kandidatin mitgeteilt, mit der Abgabe ihrer Stimme für sie eine schwere Sünde zu begehen. Was ich als paradox betrachte, ist die Tatsache, dass sich beide Bischöfe gegenüber F. Mikloško herabwürdigend geäußert haben, einem aufrichtig gläubigen Menschen und demokratischen Politiker. Laut Bezák sei seine Zeit bereits vorbei und laut Orosch sei er zu wenig konservativ.

Die Ansichten beider Erzbischöfe symbolisieren meiner Meinung nach die unglückliche Situation der Kirche in der Slowakei. Einerseits gibt es Katholiken, die von der Kirche enttäuscht sind, die am Kirchenleben teilzunehmen aufgehört haben. Besorgt um die Aufrechterhaltung der Demokratie knüpfen sie an säkulare und liberale Personen an. Andererseits gibt es Katholiken, die ihr Christsein als einen Kampf für einen engen traditionellen Zugang zu kulturellen und ethischen Themen verstehen. In diesem Engagement haben sie die volle Unterstützung der slowakischen Kirchenführung. In der weltlichen Politik grenzen sie sich gerne gegen den Westen ab, häufig gegen „Brüssel“, von wo aus ihrer Meinung nach liberale Agenda verbreitet wird.

Katholiken, die sich um einen Dialog innerhalb der Kirche und mit der säkularen Gesellschaft bemühen, die ein schwarz-weiß Denken in kulturellen und ethischen Fragen ablehnen, für diese gibt es keinen Raum, weder in liberalen noch in kirchlichen Medien. Mit Liberalen wollen sie die Demokratie beschützen, allerdings einigen sie sich mit ihnen nicht darauf, was Demokratie bedeutet. Mit der Kirche wollen sie ihren Glauben leben, mit der Kirchenführung und mit den kämpferischen Katholiken einigen sie sich aber wieder nicht darauf, was Kirche und Evangelium bedeutet.

2. Ursachen der Angst und der Befürchtungen

Die Denk- und Handlungsmodelle der Kirchenangehörigen in der Slowakei sind durchaus vergleichbar mit denen in anderen postkommunistischen Ländern. Es gibt aber doch einige Unterschiede, wenn man die Situation der Kirche etwa in Tschechien, Polen und Ungarn vergleicht.

In der tschechischen Öffentlichkeit hat der Abstand zur katholischen Kirche eine lange Tradition, die Kirche galt oft in der Vergangenheit als antinationales Element. Auch deswegen wirkt die tschechische Kirchenführung nach außen bescheidener, die Seelsorge verträgt sogar gewisse Experimente und die Theologie ist offener. Das teilweise positive Bild der Kirche in der tschechischen Gesellschaft wird von einigen Intellektuellen geprägt.

In der polnischen Kirche gibt es eine starke national-konservative Fraktion, allerdings gibt es hier auch andere Stimmen. Dies ist eine Folge davon, dass die polnische Kirche auch während des Kommunismus ihre Universität aufrechterhalten konnte, die Priester durften in westlichen Ländern studieren, es gab einige Qualitätszeitschriften, der Zugang zur Fachliteratur war gewährt.

In Ungarn hat die Kirchenführung nach der gewaltsamen Niederschlagung des Aufstandes im Jahre 1956 für einen kompromisvollen Zugang optiert: somit konnten bereits vor 1989 alle Diözesen mit Bischöfen besetzt werden, einige Kirchenschulen wurden aufrechterhalten, einige Orden konnten öffentlich ihre Tätigkeit ausüben, und den Priestern wurde erlaubt im Ausland zu studieren. In der Gegenwart ist allerdings die säkulare Tendenz sehr spürbar und die katholische Kirche weist einen Priestermangel auf.

In der Slowakei ist die Situation im Vergleich zu ihren Nachbarn viel uniformer. Im Kommunismus durfte die Kirche praktisch kein Eigentum und keine Institutionen behalten (Schulen, Medien), nur die Gotteshäuser sind geblieben. Neue wurden nicht gebaut. Es gab im Endeffekt keine theologische oder spirituelle Literatur, herausgegeben wurde nur eine – von den Kommunisten kontrollierte – Kirchenzeitung, Literatur im Selbstverlag (sog. Samizdat) oder geschmuggelte Literatur aus dem Ausland hatten nur einen begrenzten Einfluss. Eine Alternative dazu waren einige initiative Priester, geheime Angehörige verbotener Ordensgemeinschaften und Aktivisten der sogenannten Verborgenen Kirche.

Nach 1989 kamen die Akteure der geheimen Kirche nicht in die Führungspositionen der slowakischen Kirche, beziehungsweise wurde ihr Beitrag marginalisiert. Von den bekannten Persönlichkeiten der verborgenen Kirche nahm lediglich Bischof Ján Chryzostom Korec, der zum Bischof von Nitra und zum Kardinal ernannt wurde, eine Führungsposition ein. Gegenüber dem Zweiten Vaticanum und der Westkirche war er ziemlich reserviert eingestellt. Die slowakischen Kirchenflüchtlinge, die nach 1990 in ihre Heimat zurückkehrten, leisteten keinen Beitrag zur Vernetzung der heimischen Kirche mit der Entwicklung der Weltkirche, ganz im Gegenteil, sie kamen mit einer Warnung vor der Kirchenentwicklung in westlichen Ländern zurück. Die Führung der slowakischen Kirche, die sich nach 1989 ohne politischen Einfluss im Einklang mit Papst Johannes Paul II. formierte, begann ihren Feind im westlichen Liberalismus zu sehen, bzw. im Relativismus (Kultur des Todes), ohne diese Begriffe oder die Situation allerdings besser verstehen zu wollen.

Ich möchte daran erinnern, dass die Ortskirchen in den postkommunistischen Ländern ihre Freiheit in einer Zeit erreicht haben, als sich im Vatikan am Ende der 80-er Jahre stark konservative Tendenzen durchgesetzt haben. Daher wurden die Bischöfe für die vom Kommunismus befreiten Länder nach diesen Kriterien ausgewählt. (Dazu möchte ich nur anmerken, dass damit auch die österreichische Kirche Erfahrung gemacht hat, am Beispiel von H. Groer, K. Krenn und anderen.) Diese Bischöfe haben nach dem Fall des Kommunismus die Kirche nicht nach den Beschlüssen des Zweiten Vaticanums erneuert, sondern im Geiste der klerikalen Verschlossenheit. Heute folgt die slowakische Kirche nach wie vor diesen Prinzipien, trotz Anregungen aus dem Vatikan, die nach dem Amtsantritt von Papst Franziskus kamen: Die Stütze für die kirchliche Moralvorstellung sucht sie in der Staatslegislative und die ökonomischen Sicherheiten hofft sie durch die finanzielle Verflochtenheit mit dem Staat zu schützen. Ein gesellschaftlich-kulturelles Environment, das der Kirche die staatliche Unterstützung für ihr Weiterbestehen garantiert, existiert allerdings selbst in der Slowakei nicht mehr. Es gibt nunmehr einige politische Interessen, die sich manchmal aus pragmatischen Gründen mit den Interessen der Kirchenführung decken.

3. Befreiende Erfahrung in und mit der Kirche während der kommunistischen Epoche

Wo sehe ich Hoffnungen für eine positivere Entwicklung, für eine offenere und pastoral mutigere Kirche? Ich gehöre zu der Generation, die politische Diktatur, die Verfolgung der Kirche und den Spott über alles Religiöse erlebt hat. Trotzdem halte ich die Zeit der Verfolgung spirituell, theologisch und auch politisch nicht für ein schwarzes Loch, sondern für eine Epoche, in der sich die Kirche überprüfen konnte, um herauszufinden, worauf ihr Wesen und ihre Aufgabe für die Gesellschaft beruhen. Ich sehe in dieser Erfahrung auch heute die Gründe von Hoffnungen und die Inspiration nicht nur für die Ortskirchen in postkommunistischen Ländern, sondern auch für die ganze Weltkirche. Im folgenden Teil versuche ich diese Erfahrung näher darzustellen.

Die Ortskirchen im ehemaligen kommunistischen Ostblock haben nach dem zweiten Weltkrieg eine außerordentlich interessante Epoche erlebt. Diese Epoche war nicht nur die Zeit der Verfolgung der Kirche, sondern auch die Gelegenheit zur Überprüfung und Unterscheidung, was an der Kirche zeitbedingt oder historisch hemmend entstanden ist und was zum wirklichen Wesen der Kirche gehört. Während der Auseinandersetzung der Kirche mit den ihr feindlichen Mächten konnte sich die Kirche als eine befreiende Größe und humanistische Alternative für die ganze Gesellschaft präsentieren. In der Zeit des Umbruchs nahm ein großer Teil der Gesellschaft die Kirche als ein wichtiges Symbol des Kampfes für Demokratie und Freiheit wahr.

Die Ortskirchen des heutigen Mittel- und Osteuropas gehören nicht zu den Kirchen, die im Rahmen der Weltkirche die Trends und Tendenzen prägen. Dennoch gewannen sie in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg sehr wertvolle Erfahrungen. Die Ortskirchen von Mittel- und Osteuropa wurden unter dem Druck des totalitären kommunistischen Regimes nämlich auf ihr bloßes Wesen reduziert, wodurch das befreiende und humanitätsrettende Potential der Kirche aufs Neue entdeckt werden konnte. Ich wage es sogar von der Kirche als von einem Raum der Freude und Freiheit und als von einer Institution der Humanitätsrettung würdevoll zu sprechen.

Die Kirche wurde unter den belastenden Bedingungen ein Freiheitsraum für Unterdrückte und Marginalisierte, Raum nicht nur für das geistige Überleben der Einzelnen, sondern auch Raum, in dessen Rahmen Schritte zur Überwindung der gesellschaftlichen und kulturellen Geschlossenheit unternommen werden konnten. Interessanterweise bieten die Erfahrungen unserer Ortskirchen aus der Zeit der Verfolgung die Gelegenheit, viele Kirchenvisionen und Ansätze der offeneren Theologen und der Reformbewegungen zu bezeugen und zu überprüfen. Die massive Verdrängung aller normalen kirchlichen Strukturen führte nämlich dazu, dass die Kirchenexistenz natürlich zum Wesen selbst reduziert wurde und das Freiheitspotential in der Kirche durch den gelebten Glauben und dessen Verwirklichung zutage getreten ist.

Während der Verfolgung gab es in der Kirche eigentlich keinen Machtapparat, keine Machtstrukturen, keine gut funktionierende kirchliche Bürokratie (mit der ein Kirchenmitglied oder ein Außenstehender in einen Konflikt geraten würde). Das, was aus dem kirchlich institutionellen, möglich Machbaren an der Kirche geblieben ist, blieb nur wohl das Wesentlichste: das Evangelium Jesu Christi, als das verkündete und gelebte Vermächtnis, das Zeugnis seiner Nachfolgenden und ein Netz unterschiedlicher Verbindungen und Gemeinschaften; zu diesem Wesentlichen an der Kirche ist der Kampf hinzuzurechnen – sowohl um den Geist und die Wahrheit in der Nachfolge Jesu, als auch der Kampf als Widersetzung gegen den Drang der antichristlichen Totalität.

Diese Situation und die dadurch erweckte Atmosphäre haben Vorstellungen und Visionen zum Leben gebracht, die überraschenderweise in manchen Punkten den mutigen theologischen Ansätzen (nach dem II. Vaticanum) entsprechen. Alle Bestrebungen um eine alternative Christenheit und Kirchlichkeit entwickelten sich stufenweise, sie wurden allerdings von den offiziellen kirchlichen Stellen bis heute leider nicht genügend berücksichtigt. Trotzdem kam es neben unangenehmen Auswirkungen in den verfolgten Ortskirchen auch zu sehr positiven Äußerungen.

Wir müssen uns wohl daran erinnern, dass die Kirche während der ca. vierzigjährigen Verfolgung eine sehr beschränkte Hierarchie hatte, was aber andererseits zu einem Entstehen von mündigen, kritischen und verantwortlichen Christen geführt hatte. Diese Christen mussten sich daran gewöhnen, ohne Ratschläge von „oben“ zu existieren, sie wurden selbstständig und schufen alternative Gruppierungen (nah an den Basisgemeinden) mit heimlichen/halbheimlichen Priestern oder auch mit Laien in ihrer Leitung. Neben den offiziellen Kirchenstrukturen gab es so auch alternative Strukturen, die nicht nur außerhalb einer staatlichen Kontrolle, sondern lange Zeit auch ohne eine wirkliche hierarchische Betreuung existierten. Ein Priester oder ein Laie konnte eine Autorität in diesen alternativen Strukturen nur mittels der Bewährung in der Praxis gewinnen, nicht aufgrund einer rein kirchenrechtlichen Maßnahme. Diese alternativen Strukturen waren dabei nicht streng von den offiziellen getrennt, sondern kooperierten nach Möglichkeit auf der Ebene des gegenseitigen Vertrauens. In diesen Strukturen war es in mancherlei Hinsicht möglich, all das in der Kirche zu realisieren und zu erleben (nicht immer und überall, doch sehr oft), wovon zum Beispiel vor vielen Jahren Karl Rahner in seinem Buch Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance geschrieben hat: Demokratisierung, Entklerikalisierung, Gewissensfreiheit, Überwindung der Übermoralisierung, Zusammenarbeit mit den Menschen außerhalb der Kirche (z. B. beim Thema der Menschenrechte).

Die praktische Inexistenz der offiziellen kirchlichen Hierarchie während der längeren Epoche hat das natürliche Entstehen der selbstständigen Gemeinschaften ermöglicht. Die traditionellen Leitungssubjekte der Kirche wurden durch neue Subjekte ergänzt/ersetzt: Es gab hierbei natürliche spirituelle Führer, freiwillige „amateurhafte“ Religionslehrer, die heimlichen Priester verschiedener Art (Arbeiterpriester, Intellektuellenpriester, Künstlerpriester, Familienväter-Priester, heimliche Ordenspriester- und Brüder usw.), die offiziellen Priester, die neben ihrer „normalen“ Tätigkeit mit den Alternativen zusammenarbeiteten, die Frauen und Männer, die in den eigenen Privaträumen die Kontakte, die Organisation und eine Verbindung untereinander sicherten, und die Theologen, die mehr Propheten als Lehrer wurden.

Das alles, was als das Wesen der Kirche in der Zeit der Verfolgung klarer präsent wurde, soll meiner Meinung nach keinesfalls nur die Sache einer begrenzten Periode bleiben, sondern kann vielmehr die offenere Auffassung der Kirche bestätigen und als die Ermutigung für gegenwärtiges Suchen nach einer der Zeit gemäßigteren Gestalt der Kirche dienen.

4. Zukunft in der Rückkehr zum Wesen der Kirche

Aufgrund dieser Erfahrungen kann ich bezeugen, dass die Kirche am besten funktioniert, wenn sie auf ihr eigenes Wesen reduziert ist. Theologisch gesagt, dieses Wesen beruht nicht auf den unterschiedlichen, geschichtlich gewachsenen Momenten, sondern auf ihrem Ursprungspunkt in der Gnadeninitiative Gottes durch Jesus Christus und in der Annahme seiner Gnade, und auch in ihrer Beantwortung seitens des Menschen. Daher bleibt Jesus Christus der Ausgangspunkt und somit das Wesen der Kirche. Gleichzeitig kommt die Akzeptanz Jesu Christi als dem nachzufolgenden Herrn seitens seiner Jünger/-innen zu diesem Wesen hinzu, und das sowohl in der individuellen als auch in der gemeinschaftlichen Dimension dieser Nachfolge. Folglich aus dieser Nachfolge entsteht eine Gemeinschaft der Menschen, die die Glaubensgemeinde, die Gemeinschaft der Nachfolgenden sind, also die Kirche Christi. Die Kirche im Sinne der Katholizität besteht dann darin, dass der Glaube an Gott durch Christo und in Christo in der verantwortlichen gegenseitigen Verbindung, Kooperation, Kommunikation geschieht.

Die Verkündigung der befreienden Kraft des Evangeliums mittels der Kirche wird 30 Jahre nach dem Zerfall der kommunistischen Macht von den Vorstehern der Kirche in Mittel- und Osteuropa gehemmt, weil sich unsere Ortskirchen zurzeit in einer innerlichen Spannung befinden und von verschiedenen Ängsten vor der postmodernen Welt beherrscht werden. Dabei geht es um die beweisbare Realität, dass sich die Kirche unter dem Druck des antichristlichen totalitären Regimes als gesellschaftliche Größe (auch in institutioneller Gestalt) bewährte, die nicht nur um eigene Interessen kämpft, sondern auch auf der Seite des Menschen steht und für die Menschlichkeit engagiert ist. Damit brach die Kirche sowohl die äußere als auch die eigene Geschlossenheit auf und begann die Offenheit – die Freiheit selbst zu repräsentieren. Die Kirche konnte diese Offenheit und Freiheit deshalb äußern, da sie unter Druck mehr zu ihrem Wesen hingeführt wurde.

Mit Hilfe der offeneren Einstellung zu den eigenen Erfahrungen seitens der Kirche könnten diese Erfahrungen und Visionen als realisierbare Realität demzufolge bestätigt und in die neuen Umstände der postchristlichen/postsäkularen Gesellschaft von heute hilfreich übertragen werden. Die Erfahrung mit der Kirche als Freiheitsraum, der sich aufgrund der Praxis und der kritischen Reflexion bewährt hat, liefert auch einen Beitrag zur Lösung der bedrohten Menschlichkeit, für die die politischen Liberalen mit ihren Mitteln kämpfen. Der kirchliche Beitrag und Ansatz kommen nämlich mit dem Blick auf die Verletzlichkeit, Berührbarkeit und Kontingenz des Lebendigen, worin sich auch eine Möglichkeit der Begegnung mit Gott und der verlorenen Transzendenz befindet.

Wir können nur dankbar sein, dass diese offenere, die Geschlossenheit aufbrechende Auffassung der Kirche momentan von dem Hauptzeugen der Botschaft Christi in der Kirche unterstützt wird, wenn Papst Franziskus zum Verlassen der kirchlichen Bequemlichkeit und Verschlossenheit auffordert, ohne Angst sich dabei zu verletzen oder zu beschmutzen (vgl. Evangelii gaudium Nr. 49).

Ich bin überzeugt, dass das, was wir von Ost- und Mitteleuropa zurzeit für uns selbst und für die Weltkirche anbieten können, gerade unsere Erfahrung aus der Verfolgungszeit ist, also die in der Praxis bewährten Themen der armen Kirche, der Kirche an der Peripherie, der Kirche des Volkes Gottes – alles Prioritäten des jetzigen Papstes – in ihren Ergebnissen und Früchten. In einer erneuerten Aneignung dieser Erfahrungen sehe ich die Hoffnung zur Überwindung der gegenwärtigen Ängste und Befürchtungen, die unsere Kirche auf ihrem Weg bremsen, und die Hoffnung zum Antreten der Wege, die uns sowohl von den Fallstricken des aggressiven Liberalismus als auch vom beängstigten katholischen Traditionalismus herausführen werden.


Zum Autor:

Dr. Karol Moravčík wurde 1952 in Žilina geboren, er ist Theologe, Priester und Publizist.

Moravčík studierte an der Römisch-Katholischen Theologischen Fakultät der Comenius - Universität in Bratislava und wurde am 8. Juni 1975 zum Priester geweiht. Nach der politischen Wende in der Slowakei studierte er neben seinem Dienst als Pfarrer in Bratislava - Devínska Nová Ves am Institut für die Fundamentaltheologie (Theologische Grundlagenforschung) an der Katholischen Theologischen Fakultät der Universität Wien. Seine Dissertation: „Kirche als Freiheitsraum. Die Kirchenvision Karl Rahners vor dem Hintergrund der postkommunistischen slowakischen Gesellschaft.“

Im Jahre 1995 gehörte er zu Gründern des „Theologischen Forums“ (TF), einer Gemeinschaft zur Entwicklung der Theologie im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils und im Dialog mit der gegenwärtigen Gesellschaft. Moravčík war mehrmaliger Vorsitzender des TF.

Nach der Veröffentlichung des Aufrufs des Theologischen Forums zur Erneuerung der Kirche im Jahre 2012 kam es zu einem Eingriff von Stanislav Zvolenský. Der Erzbischof von Bratislava drohte den Mitgliedern des TF mit einer kirchlichen Strafe. In dem Zusammenhang beschloss das TF eine Verbindung mit der Initiative Freckenhorster Kreis in Münster einzugehen und wechselte seine Benennung zu „Theologisches Forum - Freckenhorster Kreis“ (TF FK).

Im Jahre 2016 zog der Erzbischof von Bratislava Karol Moravčík von seinem Dienst als Pfarrer ab und teilte ihn als Aushilfspriester ein. Vermutet wird in dieser Dekratierung eine Strafe für das Buch „Die Freude des Evangeliums in der Slowakei. Versuch um eine Analyse der Situation von Katholischer Kirche.“ Nach einem Eingriff von Rom kann Karol Moravčík nun wieder als Pfarrer in der Pfarrgemeinde Borinka (nahe von Bratislava) tätig sein.

Im Juni dieses Jahres wird ein weiteres Buch von ihm zur Situation der Kirche in der Slowakei herausgegeben (auch in Deutsch). Gegenwärtig publiziert Moravčík vor allem auf der Homepage des TF FK: www.teoforum.sk.