Kosch Daniel 120Im Rahmen der Veranstaltungsreihe: Kirchen zwischen Macht und Ohnmacht hat der Schweizer Theologe Daniel Kosch im Februar 2019 vor dem Forum für Universität und Gesellschaft der Universität Bern nachstehenden Vortrag gehalten. Darin beschäftigt sich Kosch mit Visionen, die in der Gegenwart Relevanz haben. Der Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz zeigt das anhand gesellschaftlicher Entwicklungen und beschreibt die Auswirkungen auf Religionsgemeinschaften. Der Titel seines Vortrags lautete: Kirchen und Gesellschaft: Zukunftsvisionen aus römisch-katholischer Sicht

Kirchen und Gesellschaft: Zukunftsvisionen aus römisch-katholischer Sicht

von Daniel Kosch

Forum für Universität und Gesellschaft der Universität Bern, Referat vom 16. Februar 2019

I. Zur Funktion von Zukunftsvisionen

Jede «Zukunftsvision» entsteht in einer ganz bestimmten Gegenwartssituation und ist mitgeprägt davon, wie der jeweilige Visionär, die jeweilige Visionärin die Erfahrungen und Entwicklungen versteht, die zu ihr geführt haben. Daher ist jede «Zukunftsvision», die die Bezeichnung «Vision» verdient und nicht bloss wolkige, unverbindliche Wunschvorstellungen enthält, eine Intervention im Präsens. Sie beschreibt nicht primär, was sein wird, sondern richtet den Blick, den Glauben und das Tun ihrer Adressatinnen und Adressaten auf das Entscheidende. Diese gegenwartsbezogene
Funktion von Visionen zeigt ein Blick in die Bibel:

  • Johannes der Täufer ruft jenen, die ihn am Jordan aufsuchen, zu: «Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt» (Lk 3,9). Er bezweckt eine unmittelbare und tiefgreifende Umkehr seiner Zuhörerinnen und Zuhörer und damit das Gegenteil dessen, was er sagt. Botschaft der Vision von der Axt lautet: Nur wenn ihr euer Verhalten ändert und euer Herz für Gott öffnet, wird der Baum eures Lebens nicht umgehauen, sondern wird sein «wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken» (Ps 1,3). Verpasst diese Chance nicht, sondern ergreift sie, und zwar sofort!

  • Auch Jesu Vision, die vom Baum spricht, «in dessen Zweigen die Vögel des Himmels nisten» (Lk 13,18) hat nicht die Absicht, unseren Blick auf die grosse und grossartige Zukunft des Reiches Gottes (oder gar der Kirche) zu richten. Vielmehr geht es ihm um das «Senfkorn, das ein Mann nahm und in seinen Garten säte» (13,19). Auch dieser Vision geht es um die Gegenwart und die Aufforderung, deren Chancen nicht zu übersehen, die im Kleinen und Unscheinbaren liegen.

Deutlich wird die Gegenwartsrelevanz von Visionen aber auch an modernen Beispielen:

  • Die jährlich vom Bulletin of the Atomic Scientists neu gerichtete «Doomsday Clock», also die «Weltuntergangsuhr» wurde am 24. Januar 2019 vom zuständigen Gremium, dem 17 Nobelpreisträger angehören, auf «zwei vor Zwölf» gestellt. Dies wegen fehlender Abrüstungsverhandlungen, Donald Trump, der den Einsatz von Atomwaffen befürwortet und der Klimaerwärmung, die Millionen von Menschen existenziell bedroht 1 ).

  • Noch weiter geht – bezogen auf die Kirche – der ehemalige Abt von Einsiedeln, Martin Werlen. Er veröffentlichte 2018 ein Buch mit dem Titel «Zu spät» 2) . Es sei nicht mehr, wie er es früher oft formuliert hatte, «fünf vor Zwölf», sondern bereits «fünf nach Zwölf», eben «zu spät». Während es um «fünf vor Zwölf» darum geht, «zu retten was zu retten ist» und die letzten Kräfte zu mobilisieren, um die Kirche vor dem Absturz zu retten, gilt es um «fünf nach Zwölf» zu anerkennen, dass es für vieles «zu spät» ist, dass Chancen vertan wurden und es keinen «Weg zurück» mehr gibt, was allerdings kein Grund sei zu resignieren, sondern einen neuen, unbelasteten Aufbruch ermöglicht.

Sowohl jene Wissenschaftler, die warnen, es sei ökologisch und friedenspolitisch «zwei vor Zwölf» für den Planeten Erde, als auch der Mönch, der sagt, die Zeit für eine Neuorientierung der Kirche sei eigentlich bereits abgelaufen, wollen «pro-vozieren» im Sinne von «heraus-rufen», bewegen, ja erschüttern und aufrütteln. Im Buch von Martin Werlen lässt sich das bereits am Untertitel ablesen. Er lautet: «Eine Provokation für die Kirche. Hoffnung für alle».

II. Zur gesellschaftlichen Situation und zur Rolle von Religion(sgemeinschaften)

Weil es in Visionen um die Gegenwart geht, richtet sich auch mein Blick nicht auf die Zukunft, sondern auf das Heute. Denn immer nur Hier-und-Jetzt entscheidet sich, ob der Baum der Axt zum Opfer fällt und ob die Kirche die Senfkörner der Gottesherrschaft sieht oder übersieht.

Rasender Stillstand

Zu dieser Gegenwart gehört, dass unsere Gesellschaft mit vielfältigen Umbrüchen und Transformationsprozessen und damit konfrontiert ist, dass alles immer schneller wird und schneller gehen soll. Sämtliche Teilsysteme unserer Gesellschaft sind herausgefordert und tun sich schwer mit diesen Zumutungen: Der Staat und die Politik, die Wirtschaft, der Bildungsbereich, das Gesundheitssystem, die Welt der Kommunikation und der Medien, die Altersvorsorge etc. Der Zeitdiagnostiker Paul Virilio prägte dafür den Begriff «rasender Stillstand» 3) : Alles bewegt sich schnell und schneller, und trotzdem scheint man nicht wirklich voranzukommen. Kein Wunder, dass sich auch die religiösen Organisationen schwertun mit der Gegenwart und mit der Entwicklung von Zukunftsperspektiven, und dass die Einschätzungen bezüglich der Bedeutung von Religion in unserer Gesellschaft divergieren.

Unterschiedliche Beurteilung der Rolle von Religion(sgemeinschaften)

Die einen beurteilen die Rolle der Kirchen und Religionsgemeinschaften positiv: In dieser unübersichtlichen und für die Einzelnen wie für gesellschaftliche Teilsysteme mit viel Unsicherheit und Stress verbundenen Zeit vermitteln sie Sicherheit, Orientierung, Werte und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie verweisen auf Dimensionen des Lebens, die über das Materielle hinausgehen und in den Bereich des Unverfügbaren gehören, der unserem Planen und Handeln entzogen ist 4 ). Auch ihr gesamtgesellschaftliches Engagement wird von vielen positiv beurteilt und mit staatlichen Geldern oder mit der Kirchensteuer für juristische Personen mancherorts auch finanziell entschädigt 5 ).

Andere beurteilen die Rolle der Kirchen und Religionsgemeinschaften kritisch: Sie erinnern an das Gewaltpotenzial und an Konflikte, die ihre Wurzeln in religiösen Wahrheits- und Absolutheitsansprüchen haben. Sie weisen darauf hin, dass gewisse ihrer Überzeugungen im Widerspruch zu unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung stehen, sei es mit patriarchalen Mustern, sei es mit einem Weltbild, das sich den Erkenntnissen der Wissenschaften verschliesst. Den grossen Kirchen schliesslich wird vorgeworfen, sie verteidigten rechtliche und finanzielle Privilegien, ohne die sie ihren ohnehin geschwächten gesellschaftlichen Rückhalt gänzlich verlören.

Für die positive wie für die kritische Sichtweise gibt es gute Gründe und wichtige Argumente – und die Kirchen wie auch die Gesellschaft tun gut daran, beide Sichtweisen ernst zu nehmen und daraus praktische Konsequenzen zu ziehen.

Die anerkannten christlichen Kirchen in der Schweiz sind zudem damit konfrontiert, dass ihr Verhältnis zum Staat zum Dauerbrenner geworden ist. Permanent wird irgendwo das Staatskirchenrecht revidiert und beschäftigen Vorstösse zu religionspolitischen Fragen die Parlamente 6 ). Zusätzlich müssen die Kirchen anerkennen, dass es bezüglich der statistischen und religionssoziologischen Entwicklungen keinerlei Anzeichen für eine Trendumkehr gibt. Der Anteil ihrer Mitglieder an der Gesamtbevölkerung ist anhaltend rückläufig. Die Zahl der Konfessionslosen nimmt zu. Die Religions- und Kirchenlandschaft wird bunter und vielfältiger 7 ).

Kleinere und buntere Grosskirchen

Auch innerhalb der grossen Kirchen ist der Pluralismus so gross, dass Religionssoziologen von Protestantismen und Katholizismen im Plural sprechen – und zwar mit Blick auf die innerkirchliche Vielfalt im selben geographischen Raum. In der gleichen Stadt oder Region koexistieren unterschiedliche Katholizismen und Protestantismen.

Die Grosskirchen, denen in der Schweiz im Jahr 1910 noch 98%, im Jahr 1970 noch 95% der Bevölkerung angehörten, kommen heute noch auf einen Anteil von knapp 60%. In den Städten Genf und Basel sind es bereits unter 50%, in der Stadt Zürich sind die Konfessionslosen die grösste Gruppe 8 ). Die beiden christlichen Grosskirchen sind also auf dem Weg zur Minderheit in der Gesellschaft. Bei den Reformierten wirkt sich das bereits finanziell aus, bei den Katholiken geht es finanziell noch gut, aber auch das wird sich ändern.

Nur einen Seitenblick werfen kann ich auf die anderen christlichen Kirchen, d.h. die Freikirchen und die orthodoxen Kirchen. Die Mitglieder der orthodoxen Kirchen kommen hauptsächlich aus dem Balkan, aus Russland, dem Nahen Osten oder Griechenland. Als Teil der schweizerischen Kirchenwirklichkeit werden sie bisher noch wenig wahrgenommen. Die zahlreichen Freikirchen 9) sind von der Reformation geprägt. Ihr Hauptmerkmal besteht im hohen Engagement ihrer Mitglieder. Manche haben ein gottesdienstliches und gemeinschaftliches Leben entwickelt, das von der heutigen Musik- und Eventkultur geprägt ist und junge Menschen in grosser Zahl anspricht. Ihre öffentliche Wahrnehmung ist bescheiden. Am ehesten wird man auf sie aufmerksam, wenn sie mit einem Event ein Fussballstadion füllen, oder wenn es in reformierten Kirchgemeinden zum Konflikt zwischen landeskirchlich und stärker freikirchlich orientierten Gruppierungen kommt.

III. Zur geistigen Situation und zur Lage des Glaubens

Diese Skizze der gegenwärtigen Situation wäre unvollständig, wenn sie nicht auch die geistige Situation der Zeit und die Lage des Glaubens anspräche. Cicero, das deutsche Magazin für Kultur, hat 2018 den Philosophen Peter Sloterdijk an die Spitze der Liste der wichtigsten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum gestellt 10 ). Sein Buch zum Thema Religion trägt den Titel «Nach Gott» 11 ). Viel Beachtung hat auch das Buch des Soziologen Hans Joas gefunden, das unter dem Titel «Glaube als Option» erschienen ist 12 ). Beide Formulierungen sprechen etwas Zentrales für die aktuelle religiöse Situation in unserer westlichen Gesellschaft an: Man «braucht» Gott heute nicht mehr. «Das Erlösungsangebot des Christentums [wird] gesamtkulturell wie individuell weitgehend nicht mehr benötigt. [...] Man merkt häufig gar nicht mehr, dass einem etwas fehlt, wenn Gott fehlt» 13 ). Die Fragen, auf die der Glaube an Gott und die Erlösung die Antwort waren, haben für viele an Bedeutung und Dringlichkeit verloren. Dieser Verlust wirkt sich auch in der Stellung der Kirchen in der Gesellschaft aus. Nicht mehr wegen ihres religiösen Amtes, das Gotteswort zu verkündigen, sondern wegen ihres gesamtgesellschaftlichen Engagements werden sie vom religiös neutralen Staat unterstützt 14 ).

«GlaubensSchwachheit»

Darüber hinaus trifft der Verlust an existenzieller Relevanz des Gottesbezugs die Kirchen «mitten ins Herz», denn wo die Sehnsucht nach Gott erlischt und der Eindruck entsteht, dass Gott nicht mehr notwendig ist, braucht es keine Kirchen mehr. Der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann hat diese veränderte Grundsituation treffend auf den Punkt gebracht: «Es geht den Kirchen [...] in jeder Hinsicht gut, mit einer Ausnahme: dass sie den Kontakt zur Seele der meisten Menschen verloren zu haben scheinen, sie also innerlich nicht mehr ansprechen können» 15 ).

Nicht nur von Aussen, sondern auch aus den eigenen Reihen der meist distanzierten Mitglieder «schlägt dem Christentum der Verdacht entgegen, es antworte auf die Nöte und Ängste der Menschen nur noch mit verbrauchten Geheimnissen». Seine amtlichen Verkündiger erwecken den Eindruck, dass sie «mit Leichtigkeit Wörter aussprechen, die leer geworden sind» 16 ). Charles Morerod, Bischof von Freiburg, Lausanne und Genf und bis Ende 2018 Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, sagte kürzlich in einem Interview, die «grundlegende Herausforderung» bestehe darin, «einer Gesellschaft, die glaubt, nichts mehr davon erwarten zu können, zu zeigen, dass sich das Christentum lohnt» 17 ).

Ein eindrückliches Bild für diese Situation stammt vom französischen Jesuiten Michel de Certeau (1925-1986), der auch von Papst Franziskus sehr geschätzt wird. In einem Aufsatz mit dem Titel «Glaubensschwachheit» (La faiblesse de croire) schrieb er 1977: «Einst stellte eine Kirche einen Boden bereit, das heisst ein fest umrissenes Terrain, innerhalb dessen man die soziale und kulturelle Garantie hatte, dass man auf dem Acker der Wahrheit wohnte. ... Heutzutage ist das Christentum – ähnlich jenen majestätischen Ruinen, aus denen man Steine bricht, um damit andere Bauten zu errichten – für unsere Gesellschaften zum Lieferanten eines Vokabulars, eines Schatzes an Symbolen, Zeichen und Praktiken geworden, die anderswo neue Verwendung finden. Jedermann macht auf seine Weise Gebrauch von ihnen, ohne dass die kirchliche Autorität ihre Verteilung steuern oder ihrerseits ihren Sinngehalt definieren könnte. ... Daher besitzt der christliche Körper keine Identität mehr; fragmentiert und zerstreut, hat er seine Gewissheit und seine Kraft verloren.» Zurück bleiben «die in aller Stille gebliebenen, aber kraftlos gewordenen Strukturen» und «überall keine Gruppen ..., die das Zusammensein pflegen und an Stelle des nicht mehr existierenden Körpers frohen Mutes einen Diskurs entwickeln» 18 ).

Diese Situation der «Glaubenschwachheit» und der «Optionalität» des Glaubens in der Zeit «nach Gott» verändert auch die Sprache des Glaubens. Die Veränderung betrifft nicht nur den Dialog mit einer Gesellschaft, die mit einem traditionell religiösen Sprachspiel nichts mehr anfangen kann, das sich unreflektiert auf «Gottes Willen», «Gottes Wort in der Bibel» oder «die Lehre der Kirche» beruft und deshalb auf Übersetzungen des Gemeinten in eine nichtreligiöse Sprache angewiesen ist.

Die tiefgreifend veränderte geistige Lage des Glaubens betrifft auch die Glaubenskommunikation im Inneren – und zwar im Inneren der Kirche, wie im eigenen Innersten, also dem, was man früher «Frömmigkeit» nannte und heute oft «Spiritualität». Wer sich ernsthaft auf diese Veränderung eingelassen hat, kann auch im Blick auf seine eigene Glaubensüberzeugung und Gotteserfahrung nicht mehr davon abstrahieren, dass «die Rede von Gott» immer nur «eines von mehreren Modellen der Wirklichkeitsbewältigung dar(stellt)» 19 ). Eine «ungebrochene», rein affirmative Gottesrede bleibt möglich im Lied, im Bekenntnis oder in der der unmittelbaren Erfahrung des «Anderen», aber schon im persönlichen Gebet und sobald die Reflexion ins Spiel kommt, ist religiöse Rede vielfach von der Erfahrung der «Gebrochenheit» geprägt. Dazu noch einmal Michel de Certeau: «Der Bruch [...] ist das Zeichen eines Glaubens, der gerade damit beginnt, aus einer neuen Mentalität sein eigentliches Credo zu formen» 20 ).

IV. Zur Lage der römisch-katholischen Kirche

Angesichts dieser komplexen Situation im schweizerischen Kontext «Zukunftsvisionen» für «Kirchen und Gesellschaft» zu formulieren, die mehr sind als fromme, aber unverbindliche Wünsche, ist schon grundsätzlich schwierig. Und die Aufforderung, diese Visionen «aus römisch-katholischer Sicht» zu entwickeln, lenkt den Blick auf mindestens drei zusätzliche Komplikationen.

Die römisch-katholische Kirche in der Schweiz ist Teil der Weltkirche

Erstens ist die römisch-katholische Kirche in der Schweiz Teil einer Weltkirche, deren Schwerpunkt sich in den letzten Jahrzehnten zahlenmässig wie theologisch und pastoral zunehmend nach Lateinamerika, Asien und Afrika verlagert. Der Blick der Weltkirche ist nicht mehr primär auf die europäische, von Aufklärung, Reformation, Menschenrechten, Demokratie und Wohlstand geprägte Kultur gerichtet. Immer wichtiger und drängender wird, was in jenen Weltteilen geschieht, in denen Armut, Gewalt, Korruption und die bereits spürbaren Folgen des Klimawandels und zerstörter Lebensrundlagen das Leben prägen und wo die katholische Kirche teils massiv von missionarischen und charismatischen Freikirchen konkurrenziert wird und mancherorts trotzdem zahlenmässig wächst. In der «Zukunftsvision» der katholischen Weltkirche spielen die rund drei Millionen Katholiken aus der reichen, zunehmend entkirchlichten Schweiz nur eine geringe Rolle.

Zudem hat die Zugehörigkeit zur Weltkirche in Zeiten zunehmender globaler Migrationsbewegungen eine weitere Auswirkung: Längst ist die «Kirche Schweiz» keine ausschliesslich «helvetische» Wirklichkeit mehr, sondern stark migrantisch geprägt. Rund ein Drittel der Kirchenmitglieder haben eine Migrationsgeschichte. Sie bringen ganz andere Mentalitäten und theologisch-kirchenpolitische Sichtweisen mit. Viele Seelsorger der katholischen Migrationsgemeinden beurteilen den für sie fremden kirchlichen Kontext in der Schweiz negativ, was zur Folge hat, dass sie sich abgrenzen und dazu neigen, ihre noch «wahrhaft katholische» Migrationsgemeinde vor den Gefahren der «säkularisierten» oder «protestantisierten» Schweizer Kirche fernzuhalten. Die katholische Kirche in der Schweiz ist dank ihrer migrantischen Prägung einerseits grösser, lebendiger und bunter, anderseits aber zusätzlichen kircheninternen Spannungen ausgesetzt 21 ).

Die römisch-katholische Kirche befindet sich in einer tiefgreifenden Krise

Zweitens befindet sich die römisch-katholische Kirche in einer tiefgreifenden Krise, die meist als «Missbrauchskrise» bezeichnet wird. Mit dem Missbrauch von Vertrauen und Macht und der Zerstörung unzähliger Biographien meist junger Menschen ist ein katastrophaler Glaubwürdigkeitsverlust verbunden. Für den 21. bis 24. Februar 2019 hat Papst Franziskus die Präsidenten sämtlicher Bischofskonferenzen zu einem «Krisengipfel» nach Rom gerufen. So etwas gab es noch nie. In Frage gestellt ist nicht nur die moralische Integrität. Es steht zur Debatte, ob der Missbrauchsskandal dazu zwingt, sich als Kirche neu zu positionieren: In der Genderfrage und der Sexualethik, in Bezug auf fehlende Gewaltenteilung und ungenügendem Rechtsschutz für die Kirchenglieder. Ein «weiter wie bisher» ist in dieser Situation undenkbar. Auch wenn die katholische Kirche in der Schweiz statistisch von Missbrauchsfällen weniger betroffen ist als andere, steht sie vor der gleichen Frage – die sich bei uns stärker als Infragestellung des zölibatären Männern vorbehaltenen Priesteramtes artikuliert.

Die römisch-katholische Kirche ist massiv mit internen Konflikten konfrontiert

Drittens hat diese Krisensituation die schon länger bestehenden internen Spannungen massiv verstärkt und es tritt zutage, dass die Konflikte bis in die höchsten Hierarchiestufen in grosser Härte ausgetragen werden. Ein reformorientiertes Lager fordert, ermutigt durch die ersten Jahre des Pontifikates von Papst Franziskus, dass die Kirche den Klerikalismus 22) und ihre vormoderne Ordnung 23) überwindet. So sagte Georg Bätzing, Bischof von Limburg, am 24. Januar dieses Jahres: «Die Kirche muss sich in gewisser Weise neu erfinden, damit sie für die Menschen wieder wichtig wird» 24 ). Das sind ungewohnt deutliche Worte.

Ganz anders sehen jene die Zukunft der Kirche, die sich als Gegner des Reformkurses von Papst Franziskus profilieren. Sie orten das zentrale Problem der Missbrauchskrise in der Homosexualität und damit im sündigen Verhalten einzelner Amtsträger. Daraus folgt: Was bisher mit Blick auf die kirchlichen Strukturen wie mit Blick auf die menschliche Sexualität als «göttliche Ordnung» erkannt wurde, muss nicht geändert werden. Im Gegenteil: Es muss richtig gelebt und durchgesetzt werden. Demzufolge braucht es auch keine Reformen und die Machtverhältnisse in der Kirche bleiben gewahrt 25 ).

Noch komplizierter wird die Situation allerdings dadurch, dass auch jene, die wie Papst Franziskus den Klerikalismus überwinden wollen, nicht nur Teil, sondern auch Nutzniesser des klerikalen Systems sind. Deshalb äussern und verhalten sie sich manchmal selbstwidersprüchlich, was die Lage schwierig und unübersichtlich macht.

V. Rückblick

Dieser Blick auf die Gegenwart legt nahe, beide Visionen vor Augen zu haben: Jene von der «Axt, die schon an den Baum gelegt» und jene von den «Senfkörnern» des Gottesreiches, die es nicht zu übersehen gilt. Auch für die Feststellung, dass es für vieles «zwei vor Zwölf» oder sogar «zu spät» ist gibt es wichtige Argumente. Eigens festhalten möchte ich fünf Punkte:

  1. Die römisch-katholische Kirche in der Schweiz wird (wie die evangelisch-reformierte) zahlenmässig an Bedeutung einbüssen, was auch mit der Zeit zu veränderten Rahmenbedingungen führen wird. Dieser Prozess ist keine Zukunftsmusik, sondern ist bereits im Gang. Gesellschaftliche Relevanz und spirituelle Leuchtkraft werden nicht mehr auf flächendeckender Präsenz beruhen, sondern auf einzelnen Menschen und Gemeinschaften, konkreten Projekten und Initiativen, in denen das Evangelium in Wort und Tat greifbar wird.

  2. Die innerkatholische Vielfalt ist Bereicherung und Chance, aber zugleich Quelle ernster Konflikte. Die Zauberformel «Einhalt in der Vielfalt» droht zur unverbindlichen Floskel zu verkommen, wenn die römisch-katholische Kirche es nicht schafft, ein «Konflikt- und Diversity-Management» zu entwickeln, um pluralitätsfähig zu werden und nicht in Grabenkämpfen stecken zu bleiben.

  3. Papst Franziskus hat in den ersten Jahren seines Pontifikates wichtige Anstösse für Reformen gegeben. Nun wird zunehmend deutlich, wie stark er im Gegenwind steht – und dass er selbst Anteil hat am «klerikalen System», das der anprangert. Wenn die mit ihm zurückgekehrte «Freude des Evangeliums» 26) und «Freude der Liebe» 27) auch in der Schweizer Kirche aufblühen und Bestand haben soll, braucht es die Entschiedenheit, trotz mancher Irritation auf dem eingeschlagenen Weg weiterzugehen und weder zu resignieren, noch jenen Gehör zu schenken, die den Teufel an die Wand malen 28 ).

  4. Die Kirche muss der radikal veränderten Lage des Glaubens Rechnung tragen, denn diese prägt zunehmend das Lebensgefühl in und ausserhalb der Kirchen. Dietrich Bonhoeffer fand dafür schon 1945 die Kurzformel: «Vor und mit Gott leben wir ohne Gott» 29 . Während das traditionelle christliche Alltagsbewusstsein verschwindet, richtet sie eine oft diffuse Sehnsucht suchender Menschen auf eine «Mystik der offenen Augen» 30 ), eine Spiritualität, die die Augen vor dem Schrecken und den Brüchen des Lebens nicht verschliesst und weiss, dass Gott «nicht zu haben ist» und trotzdem «nicht ohne» 31) auskommt. Diese Herausforderung dringt bei uns erst langsam ins Bewusstsein, sie wurde durch di vermeintliche äussere Stabilität der Strukturen lange verdeckt.

  5. Die geschichtlich gewachsenen Strukturen, das soziale Engagement, die kulturellen Aktivitäten und die guten staatskirchenrechtlichen Rahmenbedingungen haben für Kirchen und Gesellschaft einen grossen Wert, dem es Sorge zu tragen gilt. Aber wenn die Kirchen ihre Daseinsberechtigung primär von ihrer Rolle als «gesamtgesellschaftliche Akteure» herleiten, sind sie in Gefahr, sich selbst zu säkularisieren und aus den Augen zu verlieren, dass sie «Kirche Gottes» sind.

Die Kirchen können ihren Glutkern und ihre Identität nur bewahren, wenn sie das Doppelgebot nicht aus den Augen verlieren, das sie existenziell und konkret an ihren Gott bindet: «Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit Deiner ganzen Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» Könnte das vielleicht eine Art Zukunftsvision sein? Eine Kirche, die sich ganz und gar diesem Doppelgebot verschreibt und ernst macht mit dem Nachsatz Jesu: «Kein anderes Gebot ist grösser als diese beiden» (vgl. Mk 12,29-31)?


 Anmerkungen:

  1. Vgl. https://thebulletin.org/doomsday-clock/.

  2. Martin Werlen, Zu spät. Eine Provokation für die Kirche. Hoffnung für alle, Freiburg 2018; vgl. meinen Artikel zu diesem Buch auf fein-schwarz.net: < https://www.feinschwarz.net/zu-spaet/>.

  3. Paul Virilio, Rasender Stillstand, München/Wien 1992. Zum Thema «Beschleunigung» aus theologischer Sicht s. Tobias Kläden / Michael Schüssler (Hg.), Zu schnell für Gott? (QD 286), Freiburg 2017.

  4. Vgl. dazu aus soziologischer Sicht Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, Wien/Salzburg 2018.

  5. Vgl. zu dieser Position z.B. die Leitsätze, die der Zürcher Regierungsrat 2017 zum Thema «Staat und Religion» publiziert hat: https://www.zh.ch/internet/de/aktuell/news/medienmitteilungen/2017/leitsaetze-zum-verhaeltnis-zwischen-staat-und-religionsgemein-sch.html.

  6. Vgl. dazu Antonius Liedhegener, Bund – Kanton – Gemeinde: Religionspolitik in der Schweiz seit 1990, in: Julia Hänni u.a. (Hg), Religionsfreiheit im säkularen Staat, Zürich/St. Gallen 2019, 151-166, der von der «Erweiterung und Dynamisierung der Schweizer Religionspolitik seit 1990» spricht (157).

  7. Zur Entwicklung der Religionslandschaft und den statistischen Daten siehe https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelke-rung/sprachen-religionen/religionen.html.

  8. Zur Stadt Zürich s. Klemens Rosin, Stadtzürcher Religionslandschaft: https://www.stadt-zuerich.ch/prd/de/index/statistik/publikationen-angebote/publikationen/Analysen/A_001_2019.html.

  9. Jörg Stolz u.a., Phänomen Freikirchen. Analysen eines wettbewerbsstarken Milieus (CULTuREL 5), Zürich 2014.

  10. https://www.cicero.de/kultur/die-500-wichtigsten-intellektuellen-dichter-denker-sloterdijk/plus

  11. Peter Sloterdijk, Nach Gott, Berlin 2017.

  12. Hans Joas, Glaube als Option, Zukunftsmöglichkeiten des Christentums, Freiburg 2013.

  13. Jan Loffeld, Wenn Gott nicht mehr notwendig ist ... Oder: Was macht eine Erlösungsreligion in einer Welt, die sie nicht mehr braucht?:
     Zitate 105.112.

  14. Ein anschauliches Beispiel ist der Wandel in der Begründung der staatlichen Kirchenfinanzierung im Kanton Zürich. Früher waren die reformierten Pfarrer und Pfarrerinnen als «Verbi Divini Ministri», Diener und Dienerinnen des Gotteswortes vom Staat angestellt und bezahlt. Es war ihr religiöses Amt, welches das staatliche Engagement begründete. Seit dem Erlass des Kirchengesetzes von 2007 stellt der Staat den Kirchen einen finanziellen Beitrag zur Abgeltung ihrer «gesamtgesellschaftlichen Leistungen» in den Bereichen Bildung, Kultur und Soziales zur Verfügung. Der Dienst am Wort Gottes und damit die spezifisch religiöse Aufgabe der Kirche wird vom religiös neutralen Staat und von der Gesellschaft als deren interne Angelegenheit betrachtet, deren Finanzierung nicht mehr im öffentlichen Interesse liegt.

  15. Franz-Xaver Kaufmann, Kirchenkrise. Wie überlebt das Christentum?, Freiburg 2011, 172.

  16. Vgl. Tiemo Rainer Peters, Entleerte Geheimnisse. Die Kostbarkeit des christlichen Glaubens, Ostfildern 2017, 9.

  17. Rosemarie Schärer, «Es ist Gott, der die Kirche führt» (Interview mit Bischof Charles Morerod): SKZ (187) 2019, 31.

  18. Michel de Certeau, GlaubensSchwachheit (ReligionsKulturen 2), Stuttgart 2009, 245f. Zur theologischen Bedeutung von Michel de Certeau s. auch Christian Bauer/Marco A. Sorace (Hg.), Gott anderswo? Theologie im Gespräch mit Michel de Certeau, Ostfildern 2019.

  19. Joachim Valentin, «Nicht ohne dich». Mystische Sprache bei Michel de Certeau in Bauer/Sorace (Anm. 18) 67

  20. De Certeau (Anm. 18) 53 nach der Übersetzung von Christian Bauer, Verwunderter Wandersmann?, in ders./Sorace (Anm. 18) 67.

  21. Vgl. dazu Judith Albisser/Arnd Bünker (Hg.), Kirchen in Bewegung. Christliche Migrationsgemeinden in der Schweiz, St. Gallen 2016.

  22. Vgl. dazu den Brief des Papstes zur Missbrauchskrise, für die er in erster Linie den Klerikalismus verantwortlich macht: http://w2.vatican.va/content/francesco/de/letters/2018/documents/papa-francesco_20180820_lettera-popolo-didio.html.

  23. Vgl. dazu den offenen Brief prominenter Katholiken an Kardinal Reinhard Marx, Präsident der deutschen Bischofskonferenz, einen offenen Brief, in dem es unter anderem heisst: «Die aktiven Katholiken in Deutschland tragen in ihrer großen Mehrheit die vormoderne Ordnung der Kirche nicht mehr mit. Sie ertragen sie nur noch» (https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/offener-brief-an-marx-theologen-fordern-reformen).

  24. https://bistumlimburg.de/beitrag/tiefenbohrungen-im-katholischen-grossstadtleben/, vgl. auch das Pastoralschreiben im Anschluss an die Visitation in Frankfurt im Jahr 2018, bei dessen Präsentation er die zitierte Äusserung machte: .

  25. Vgl. zuletzt das «Glaubensmanifest» von Kardinal Gerhard Ludwig Müller, dem ehemaligen Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation: https://www.kath.ch/newsd/kardinal-mueller-veroeffentlicht-erklaerung-zur-glaubenslehre/.

  26. So der Titel des programmatischen apostolische Schreibens «Evangelii gaudium»: .

  27. So der Titel des Schreibens zur Ehe- und Familienpastoral «Amoris laetitia»: http://w2.vatican.va/content/francesco/de/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione-ap_20160319_amoris-laetitia.html>.

  28. Vgl. dazu die Wortwahl von Gerhard Ludwig Müller, der vor dem «Antichrist» warnt (Anm. 24).

  29. Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft (DBW 8), Gütersloh 1998, 534.

  30. Johann Baptist Metz, Mystik der offenen Augen. Wenn Spiritualität aufbricht, Freiburg 2011.

  31. Vgl. dazu Michel de Certeaus persönliches Credo: «Ohne dich kann ich nicht mehr leben. Ich habe dich nicht, aber ich halte mich an dich. Du bleibst für mich der Andere und zugleich bist du mir notwendig, denn das, was ich wirklich bin, geschieht zwischen uns.» (Zitiert in: Bauer (Anm. 18) 69
    Zum Autor:

Daniel Kosch, Dr. theol., ist Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz.