Bürcher Peter 120Franziskus hat für die Diözese Chur am 20 Mai einen Apostolischen Administrator eingesetzt. Er löst den seit 2007 amtierenden und umstrittenen Bischof Vitus Huonder ab. Damit wurde zwar formal einer Forderung der reformorientierten Allianz "Es reicht!" entsprochen. Sie hatte bereits 2016 die Petition «Gemeinsam für einen Neuanfang im Bistum Chur» gestartete, die vor der Ernennung eines neuen Bischofs einen vermittelnden Administrator vorschlug.

Ob Peter Bürcher der Mann ist, der einen solchen Übergang mit Vernunft und ohne tendentielle Scheuklappen ermöglichen wird, ist allerdings offen. Die Diözese Chur hatte bereits einmal, nämlich von 1990 bis 1997 den einseitig konsevativen Bischof Wolfgang Haas zu ertragen. Für ihn wurde aus dem bisher zur Diözese Chur gehörenden Dekanat Lichtenstein ein Erzbistum gemacht, in das er zum Erz-Bischof "hinaufbefördert" wurde, nach dem der Kanton Zürich ihm Kirchensteuergelder verweigerte.

Erwin Koller, Präsident der Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche, hat zur Ernennung von Bücher den nachstehenden Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Aufbruch" geschrieben.

Zusätzlich bietet das Netzwerk: zeitgemäß glauben auch noch zwei Beiträge dazu aus der Neuen Züricher Zeitung vom 21. Mai 2019 zur Lektüre an.

Koller Erwin 2009 120Erwin Koller in der Zeitschrift "Aufbruch" am 22. Mai 2019:

Endlich

Am 20. Mai 2019 hat Papst Franziskus den 73-jährigen Oberwalliser Peter Bürcher zum Apostolischen Administrator der Diözese Chur ernannt. Damit ist Vitus Huonder nicht mehr Bischof von Chur. Bischof Bürcher wäre gut beraten, wenn er Glaubwürdigkeit zu seinem obersten Prinzip macht. Kommentar von Erwin Koller zur Bischofsablösung in Chur

Endlich … bewegt sich was in einer Sache, die man als kirchenpolitisches Desaster bezeichnen muss. Als wäre der 75. Geburtstag eines Bischofs ein nicht zu erwartendes Unglück, hat man zuerst die verfahrene Situation im Bistum Chur um zwei Jahre verlängert. Und wie auch diese Frist abgelaufen war, musste man einen weiteren Monat ohne jegliche Information zuwarten. Dabei geht es um die Nachfolge im wichtigsten Amt einer römisch-katholischen Teilkirche. Jeder drittklassige Fussballclub bekundet mehr Transparenz, wenn es um die Besetzung seines Präsidiums geht. Sogar der Pressechef der Diözese musste zugeben: Ich weiss von nichts. Schmählicher kann eine grosse Institution die Regeln der Öffentlichkeit kaum verletzen. Nachdem sie wegen sexuellen und spirituellen Übergriffen ohnehin in der grössten Krise seit mindestens hundert Jahren steckt, müsste man erwarten, dass sie wenigstens ihr Alltagsgeschäft beherrscht.

Endlich kann Vitus Huonder bei den Piusbrüdern im Knabeninstitut Wangs SG, – um in seinem bevorzugten Vokabular zu reden – «Gemeinschaft mit den Häretikern pflegen».

Endlich … kann nun Vitus Huonder dorthin gehen, wo es ihm wohl ist, zu den Piusbrüdern im Knabeninstitut Wangs SG, wo er – um in seinem bevorzugten Vokabular zu reden – Gemeinschaft mit den Häretikern pflegen kann. Mit ihnen wird er frisch von der Leber über das Zweite Vatikanische Konzil schimpfen, Religionsfreiheit und andere Menschenrechte als Teufelswerk abtun, Ökumene und interreligiöse Dialoge als Verrat an der Wahrheit verurteilen und Gift und Galle speien gegen jedes Aggiornamento in der Kirche. Zwar geben sie sich dort alle ganz und gar päpstlich … doch nur solange, als der Papst bereit ist, ihre Engstirnigkeit zum Merkmal des Katholischen zu erklären.

Endlich … ist ein erster vernünftiger Schritt getan. Ein Vermittler ist da. Er hat die Chance und soll sie bekommen, die Situation zu beruhigen, vielen Verzweifelten wieder eine Perspektive zu geben, Barrikaden einzureissen, Wege zu ebnen und Brücken zu bauen, damit der Nachfolger einen Neubeginn ohne viele Altlasten starten kann.

Allerdings

Ohne harte Entscheidungen wird das nicht gehen. Es ist die edelste Aufgabe eines Bischofs Pontifex zu sein, Brückenbauer also. Darum müssen auch jene „befördert“ werden, die bisher genau dieser Aufgabe nicht nachkamen, die alles taten, um Gräben aufzureissen, und die den Bischof unterstützten, wenn nicht gar befeuerten, Spaltpilz zu sein.

Ein Lehrstück

Der Umgang mit autoritären und totalitären Regimen hat im 20. Jahrhundert Lernprozesse ausgelöst, die nicht immer im Sinn ihrer Erfinder waren. Die katholische Kirche hat 1968 mit der sogenannten Pillenenzyklika ihr Lehrstück absolviert. Der kluge Konzilspapst Paul VI. glaubte, in Sachen Sexualmoral seinem Vorgänger Pius XI. mehr verpflichtet zu sein als der von ihm im Auftrag des Konzils eingesetzten Kommission. Dieser überzogene Autoritätsglaube hatte die kaum erwartete Folge, dass sich – nicht nur hierzulande – katholische Frauen grossmehrheitlich von der kirchlichen Moral emanzipierten und ihrem Gewissen folgten, einen durchaus willkommenen Effekt also. Die ungewollte, aber wirksame Lehre aus fast zwanzig Jahren, in denen die Bischöfe Wolfgang Haas und Vitus Huonder das Bistum Chur leiteten, besteht darin, dass kirchliche Autorität weitherum ausgelaugt ist. Katholikinnen und Katholiken haben sich auch von dieser Autorität emanzipiert. Wenn man es zuspitzen will: Was die Reformatoren nicht bewerkstelligen konnten, haben diese zwei Bischöfe fertiggebracht.

«Bischof Peter Bürcher ist gut beraten, wenn er Glaubwürdigkeit, dieses gegenwärtig in der Kirche sehr rare Gut, zum obersten Prinzip macht, um den Weg zur Wahl des neuen Bischofs zu ebnen.»

Selbstverständlich kann das nicht die Lösung sein, vor allem für die Seelsorgerinnen und Seelsorger, die in Schlüsselsituationen – wie bei ihrer Beauftragung (missio canonica) und bei Firmspendungen in ihrer Gemeinde – dann doch wieder vom Bischof abhängig sind. Der alte Bischof hat solche Gelegenheiten nicht selten ausgenützt, um sein Personal zu demütigen, was freilich weniger Lernprozesse als Abgründe von Bitterkeit und Resignation ausgelöst hat. Die beiden Bischöfe haben ihre kirchenrechtlich legale Autorität ad absurdum geführt. Legitime Autorität dagegen lebt von Glaubwürdigkeit. Bischof Peter Bürcher ist gut beraten, wenn er dieses gegenwärtig in der Kirche sehr rare Gut zum obersten Prinzip macht, um den Weg zur Wahl des neuen Bischofs zu ebnen.

Hanna Arendt hat ihre Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus auf eine Erkenntnis kondensiert, die man für die Kirche voll und ganz unterschreiben kann: «Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen.» Wer lieber will, kann mit Klaus Mertes SJ «Widerspruch aus Loyalität» fordern (so sein Buchtitel).

Dr. Erwin Koller, Präsident der Herbert Haag Stiftung für Freiheit in der Kirche und Ehren-Herausgeber vom aufbruch


Aus der NZZ vom 21. Mai 2019

Ein Walliser soll es richten

Der Papst ernennt den 73-jährigen Peter Bürcher zum interimistischen Nachfolger von Bischof Huonder

ERICH ASCHWANDEN UND SIMON HEHLI

Papst Franziskus hat mit Datum vom 20. Mai 2019 den Amtsverzicht von Vitus Huonder als Bischof von Chur angenommen, dies teilte das Bistum Chur am Montag mit. Die Nachfolge übernimmt einstweilen der vom Papst ernannte Apostolische Administrator des Bistums Chur, Peter Bürcher, emeritierter Bischof von Reykjavik. Die Ernennung Bürchers kommt unerwartet und löste auch bei Insidern der Kirche grosse Überraschung aus. Bürcher selbst spricht in einer am Montag verbreiteten schriftlichen Botschaft nur von einer Amtszeit von «ein paar Monaten». In dieser Zeit ist der 73-Jährige mit allen Rechten und Pflichten eines Diözesanbischofs ausgestattet.

Die kurze Dauer, die Bürcher in seinem Amt bleiben soll, ist bemerkenswert. Es stellt sich die Frage, wieso es nicht gelungen ist, eine dauerhafte Lösung zu finden – schliesslich liess sich Huonders altersbedingter Abgang antizipieren. Offenbar ringen hinter den Kulissen im Vatikan Konservative und Reformer um die Macht. Mehrere Kirchenkenner vermuten, ein Grund für die Vorgänge könnte der nahende Geburtstag von Marc Ouellet sein. Der Chef der Bischofskongregation wird am 8. Juni 75-jährig, er muss dann beim Papst seinen Rücktritt einreichen. Ouellet gilt als Traditionalist, und Franziskus könnte bei der Nachfolge auf einen moderateren Kardinal setzen. «Unter Ouellet hätte es für das Bistum Chur sicher keine gute Lösung gegeben», ist ein Kenner der Verhältnisse überzeugt.

Bürcher werde in einer ersten Phase interne Gespräche führen und sich mit dem Bistum vertraut machen, hiess es seitens des Bistums Chur. In seiner Botschaft richtete Bürcher einen besonderen Gruß an «diejenigen, die nach den vielen Negativmeldungen bezüglich etwa der Missbrauchsfälle von ihrer Kirche oder allgemein vom Leben enttäuscht sind, sowie an die Personen, die an Körper und/oder Seele leiden».

Bischof von Island

Geboren ist Bürcher in Fiesch, doch seine Familie zog nach seiner Geburt nach Nyon. Nach zwanzig Jahren Seelsorge in der Westschweiz weihte ihn Papst Johannes Paul II. 1994 zum Weihbischof von Lausanne. 2007 wurde Bürcher von Papst Benedikt XVI. zum Bischof von Reykjavik, Island, ernannt. Als Mitglied der Nordischen Bischofskonferenz erlebte Bürcher die Finanzkrise mit, welche die Insel schwer traf. Seit dem 1. November 2015 ist er emeritiert und lebt in der Schweiz und in Israel.

Bürcher gilt in der Romandie als konservativ und doktrinär. Als er 2011 als Bischof für das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg im Gespräch war, befürchteten Kritiker ähnliche kirchenspalterische Tendenzen wie im Bistum Chur unter Bischof Haas. Denn wie der hoch umstrittene Liechtensteiner Kleriker ist Bürcher ein Gegner des dualen Systems in der Schweiz. Die demokratischen Elemente der kantonalen Körperschaften seien nicht kompatibel mit der Grundstruktur der katholischen Weltkirche, erklärte Bürcher. Als Generalvikar für die Waadt zerstritt er sich mit den Verantwortlichen der Kantonalkirche, es ging um die Frage der Finanzierung von seelsorgerischen Leistungen. Der Graben ging so tief, dass der damalige Bischof Bernard Genoud seinen Kollegen absetzen musste. Dem Vernehmen nach waren auch einige Waadtländer Kirchenleute froh über die «Wegbeförderung» von Bürcher nach Island.

Martin Kopp, der Generalvikar für die Urschweiz, spricht von «einem guten Zwischenschritt». Nachdem Bischof Huonder nicht mehr im Amt sei,könne Bürcher das Terrain als Aussenstehender etwas auflockern. Franziskus erfüllt mit der Einsetzung von Bürcher auf den ersten Blick eine Forderung der Allianz «Es reicht». Diese Gruppierung von Reformkatholiken verlangte 2017 in einer Petition vom Papst, auf die Wahl eines neuen Bischofs durch das «gelähmte» Churer Domkapitel zu verzichten. Nach Huonder und seinem Vorvorgänger Wolfgang Haas solle dem Bistum Chur und der ganzen katholischen Schweiz kein weiteres Mal ein «Bischof aufgezwungen und zugemutet werden, der für eine überholte Kirche steht, die es in unserem Land nicht mehr geben soll»,hielten die Unterzeichnenden fest – unter ihnen Altbundesrichter Giusep Nay, die Thurgauer Ständerätin Brigitte Häberli und die frühere Zürcher Stadt- und Nationalrätin Monika Stocker.

Ihre Hoffnung: Ein breit anerkannter Administrator könnte «die Situation im gespaltenen Bistum beruhigen, Brücken bauen, Gräben zuschütten, Vertrauen schaffen und somit den Boden bereiten, auf dem in ein paar Jahren ein wirklich neuer und neu machender Hirte von Chur gewählt werden kann». Bürcher ist jedoch nicht der Mann, der für Jahre Ruhe ins Bistum bringt, zumal er nur für «einige Monate» eingesetzt wurde.

Offene Türen im Kanton Zürich

Mit besonderem Interesse verfolgt man die Nachfolgeregelung Huonders im Kanton Zürich,wo Vertreterinnen und Vertreter der Landeskirche immer wieder heftige Kritik an Huonder übten. In einer gemeinsamen Medienmitteilung zeigten sich Synodalpräsidentin Franziska Driessen-Reding und Generalvikar Josef Annen erfreut über die vom Papst gewählte Lösung. Man reiche dem neuen Administrator die Hand «für den Versöhnungsprozess, der in unserem Bistum dringend notwendig ist». Bischof Bürcher sei in Zürich noch nicht sehr bekannt. «Unsere Türen stehen offen für einen zukunftsgerichteten Dialog und einvernehmliche Schritte im bewährten dualen System der Katholischen Kirche im Kanton Zürich», halten Driessen-Reding und Annen fest.

Der aus dem Oberwallis stammende Bürcher wurde 1971 zum Priester geweiht.

Quelle: Neue Züricher Zeitung vom 21. Mai 2019


Aus der NZZ vom 21. Mai 2019 Kommentar von SIMON HEHLI

Konservative bleiben an der Macht

Manch ein Katholik zwischen Rafz und Poschiavo wird aufgeatmet haben: Die Wahl eines Konservativen wie Martin Grichting oder Alain de Raemy zum Churer Bischof ist vorderhand abgewendet. Stattdessen soll der Walliser Peter Bürcher als Administrator die Gräben im Bistum zuschütten. Doch ob sich das wirklich als frohe Botschaft herausstellen wird, ist noch alles andere als gewiss.

Der Leistungsausweis von Bürcher ist bescheiden. Zum Bischof schaffte er es nur auf Island, wo weniger Katholiken leben als in Kriens. Zuvor entpuppte er sich im Waadtland als Verächter der demokratischen Verfassung der kantonalen Kirchen – er ist also ein Bruder im Geiste des abtretenden Churer Bischofs Vitus Huonder. Der Westschweizer kennt die Zustände in den sieben Bistumskantonen kaum. Zudem zeigt Bürcher wenig Lust auf den anspruchsvollen Job, den er in wenigen Monaten erledigen will.

Kann der 73-Jährige unter diesen Voraussetzungen mehr sein als nur eine Marionette der bisherigen Machthaber in Chur? Im Idealfall richtet er wenig Schaden an. Stossend bleibt, dass der Vatikan keinerlei Transparenz schafft über den ganzen Prozess. Die Berufung von Peter Bürcher verblüffte nicht nur ihn selber, sondern alle Kirchenkenner des Landes. Wie es nach seinem Intermezzo weitergehen soll, ist weiterhin ein Rätsel.

Die Black Box hat immerhin den Vorteil, dass das Endresultat positiv überraschen kann. Die Hoffnung besteht, dass auf Bürcher ein offener Bischof folgt. Oder zumindest ein weiterer Administrator, der langfristig für Ruhe sorgt in der Diözese. Dass einiges auf dem Spiel steht, hat offenbar auch Papst Franziskus erkannt: Was in Chur passiert, strahlt auf die ganze Schweiz aus. Zumal davon direkt auch Zürich als Kanton mit der grössten katholischen Bevölkerung betroffen ist.

Die Wahl eines weiteren Bischofs, der die Errungenschaften der Moderne ablehnt, der die Frauen klein halten will und gegen Homosexuelle wettert, wäre verheerend. Sie würde, nach all den Missbrauchsskandalen, zu einer weiteren Entfremdung zwischen dem Kirchenvolk und seinen Oberhirten führen. Und irgendwann verkäme die heute noch einigermassen bunte und lebendige Volkskirche zur Sekte der Strenggläubigen.

Quelle: Neue Züricher Zeitung vom 21. Mai 2019