Baumann Ruth und Leopold 200Ruth und Leopold Baumann sind Anfang und Mitte Mai von dieser Welt heimgegangen, zum Urgrund allen Seins, das wir Gott nennen. Leopold 90-jährig, Ruth 89-jährig. Sie hatten ein reich gefülltes Leben. Es war nicht immer leicht aber gemeinsam meisterten sie es vorbildlich. Sie traten zumeist gemeinsam auf und waren fest, treu und entschlossen miteinander und mit vielen Menschen verbunden.

Ruth und Leopold waren Eltern dreier Kinder. Ihr Sohn, das älteste Kind, starb 18-jährig an Krebs. Ein schwerer Schlag, der schon auch aus der Bahn werfen kann. Die beiden Töchter, der Freundeskreis in der Pfarre und ihr Glaube ließ sie jedoch den Mut wieder finden, um das Leben positiv und nicht verbittert mit seinen vielfältigen Aufgaben wieder anzunehmen und in Summe glücklich zu leben.

Sie waren von ihrer Jugend an in der Pfarre St. Gertud in Wien Währing beheimatet. Ruth und Leopold gehörten zu jener Gruppe Christen, die von Anfang der Erneuerungsbewegung in der Erzdiözese Wien gegen die Ernennung von Kurt Krenn zum Weihbischof auftraten. Seit damals waren wir in Verbindung.

Sie trugen die Erneuerungsgedanken in ihre Pfarre, in ihre Familienrunde und waren so etwas wie Missionare einer Kirche, die in der heutigen Zeit angekommen ist. Entschlossen, Selbsständig und Solidarisch mit den Schwächeren.

Nicht nur von ihren Beiträgen und Erfahrungen, sondern auch von ihrer Wanderlust profitierten wir. Das Arbeitsjahr wird regelmäßig mit einer Wanderung beendet, die in vielen der vergangenen Jahre Ruth und Leopold ausgesucht und geleitet haben. In gemütlicher Runde, beim Heurigen klang die Arbeit an der Erneuerung der Kirche jeweisl aus und stimmte auf den Sommer ein. Auch dafür ist euch herzlich zu danken. Es waren Beiträge, die einander näher brachten, Gefühl und Herzlichkeit zeichneten die Begegnungen aus.

Eine der Wurzeln war vermutlichauch Ruth's Herkunft. Sie war Halb-Jüdin und hat in ihrer Schulzeit erlebt, was Entsolidarisierung, Ausgrenzung und Verfolgung bedeutet. Ruth und Leopold scheuten nicht erforderliche Auseinandersetzungen. Sinnlosen Machtkämpfen oder Widerstreit zur eigenen Profilierung traten sie entgegen und bezogen mit klaren Worten eindeutig Position. Nicht gegen jemanden, sondern Für jemanden. Auch dafür ist ihen zu danken.

Liebe Ruth, lieber Leopold, ihr seid heimgegangen, wie ihr gelebt habt: Miteinander. Wir werden Euch und die vielen erfreulichen und aufbauenden Stunden mit euch nicht vergessen!


Im Rahmen der Abschiedsfeier vor ihrem letzen Weg auf dieser Welt hat die ältere Tochter Gitti nachstehenden Text vorgetragen. Er zeugt von der tiefen Verbundenheit in der ganzen Familie. Eine besondere Beziehung hatten Ruth und Leopold nicht nur zu ihren Töchtern und Schwiegersöhnen, sondern auch zu ihren Enkelkindern und Urenkeln. Das war auch in der Abschiedfeier präsent.

Hier der Text:

Liebe Mama, lieber Papa! Ihr seid gegangen, wie ihr gelebt habt – gemeinsam. Auch wenn wir unendlich traurig sind, möchten wir auch noch einiges sagen. Zunächst einmal DANKE. Danke für das Leben, das ihr uns ermöglicht habt, danke für viele schöne, lustige aber auch traurige Zeiten.

Ihr wolltet sicher immer das Beste für uns. Im Vordergrund stand eine gute Schulbildung, Erfolg im Beruf und Glück in der Liebe.

Papa, du hast dir deine Stellung im Berufsleben hart erarbeitet, die Matura und ein Studium waren dir versagt, da deine Familie nicht gerade begütert war und du dir jeden beruflichen Fortschritt erarbeiteten musstest.

Mama, du hast das von dir angestrebt Chemiestudium aufgegeben, hast einen HAK-Abschluss gemacht, um dich mit Papa auf das gemeinsame Abenteuer des Ehelebens zu begeben.

Es gab viele Dinge, die für euch die Grundsteine eines erfüllten Lebens darstellten. Gemeinsame Urlaube, von dir Papa minuziös geplant, in einer Zeit, da die Welt noch viel größer war als heute. Wir durften Orte erforschen und erleben, die damals noch nicht zum alltäglichen Erleben gehörten. Mit dem VW-Käfer und Zelt zeigtet ihr uns die weite Welt.

Familienfeste waren ein fixer Bestandteil eures Lebens, da gab es Geburtstage, Namenstage und die Hochzeiten von uns, aber auch die Hochzeiten eurer Enkelkinder. Mama, du warst das Gedächtnis der Familie. Mama, deine handwerklichen, kreativen Fähigkeiten stelltest du immer deiner Familie zur Verfügung. Seien es die Hochzeitskleider für Susi und mich, ein Taufkleid bestickt für deine Urenkel um nur einige Highlights deiner Arbeiten zu erwähnen.

Ein anderer wichtiger Eckpfeiler in eurem Leben war der Glaube, zunächst traditionell geprägt, verschriebt ihr euch euren Glauben der Erneuerung – kritisch und trotzdem gläubig. Mama, du hast immer wieder gesagt „Ich lasse mir meine Kirche nicht wegnehmen, ich darf kritisch sein und trotzdem glauben“, einfach toll!

Ihr habt euch in der Pfarre engagiert, seid dabei wahrscheinlich manchmal missverstanden worden und habt trotzdem beharrlich weitergemacht.

Auch davon haben wir gelernt, unsere Meinung zu haben und diese auch zu vertreten.

Selbst am Ende eurer Zeit, zeigtet ihr, dass ihr zueinander steht.

Papa, du hast an deinem letzten Lebenstag noch gemeint, wir sollen doch im Magistrat die Urkunde beantragen dass ihr 67 1⁄2 Jahre verheiratet seid (das wäre am 22.06.2019 gewesen).

Als du, Mama, vom Tod Papas erfahren hast, sagtest du „C’est la vie“, darauf folgte nur mehr Ruhe, du hast wahrscheinlich genau in diesem Moment beschlossen, gewusst – „Ich gehe mit dir!“

Ruth und Leopold Baumann