reisenbichler ign klDr. Ignaz Reisenbichler hielt am 27. Mai 2015 nachstehenden Vortrag, den wir hier zum Nachlesen dokumentieren:


"Die Geistesgaben sind die Kraft Gottes, die in und durch Menschen wirksam wird.

In 1 Korinther 12; 8-10 sind alle neun Geistesgaben angeführt:


Dem einen wird durch den Geist gegeben, von der Weisheit zu reden; dem andern wird gegeben, von der Erkenntnis zu reden, nach demselben Geist; einem andern Glaube, in demselben Geist; einem andern die Gabe gesund zu machen, in demselben Geist; einem andern die Kraft, Wunder zu tun; einem andern prophetische Rede; einem andern die Gabe, die Geister zu unterscheiden; einem andern mancherlei Zungenrede; einem andern die Gabe, sie auszulegen.

Genannt werden drei Erkenntnisgaben, nämlich die Geistesgaben der Weisheit, der Erkenntnis und der Unterscheidung der Geister. Weiters werden die drei Sprachengaben Zungenrede, deren Auslegung und prophetische Rede angeführt. Schließlich werden die drei Kraftgaben besonderer Glaube, Wunder und Heilungen aufgezählt.

Wir Menschen besitzen die Gaben nicht, sondern der Hl. Geist. Und er verteilt sie, wie er will, auch an uns alle. Jeder von uns hat spirituelles Potenzial in sich schlummern. Es bleibt oft ungenutzt, weil wir gar nicht darum wissen. Der Hl. Geist verteilt diese Gaben zum Nutzen aller, wie er will. Er macht keinen Unterschied zwischen Klerikern und Laien, zwischen geistlichen Würdenträgern und Basis, zwischen Mann und Frau, zwischen Alt und Jung, zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern christlicher Kirchen. Diese Geistesgaben lassen sich weder durch religiöse Leistungen, noch moralisches Sich-Anstrengen, noch durch kirchliches Engagement erlangen.

1 Korinther 12; 6,7 und 11 sagt das ganz deutlich:
Und es sind verschiedene Kräfte, aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allem. In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller ... Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt jedem das Seine zu, wie er will.

Empfehlenswert ist jedoch, den Hl. Geist immer wieder um seine Gaben zu bitten und, was noch wichtiger ist, sie zu nutzen und entsprechend zu handeln, wenn er sie uns zuteilt.

Die drei Erkenntnisgaben

Diese drei Gaben haben große praktische Bedeutung für jeden von uns. Es sind jene Gaben, die uns mitunter zugeteilt werden und die wir nutzen, ohne es zu wissen und zu beachten.

1. Die Gabe der Weisheit

Die Gabe der Weisheit bewirkt eine Zuteilung göttlicher Weisheit in Bezug auf künftige Dinge. Sie hat nichts mit der menschlichen Weisheit besonders intelligenter oder gelehrter Menschen zu tun. Die Geistesgabe der Weisheit wird immer bei einem konkreten Anliegen eines Menschen in schwierigen Umständen und Problemen wirksam.

Ich erhalte durch die Power des Hl. Geistes geistlichen Weitblick und durchschaue eine künftige Entwicklung. Ich bekomme eine Lösungsidee, die ich auch tatsächlich umsetzen und realisieren kann.

Die Weisheit Gottes war in Salomo, als er das berühmte Urteil bezüglich des Streites zweier Frauen um ein Kind fällte. Er befahl, das Kind in zwei Hälften zu teilen. Die wirkliche Mutter stimmte dem nicht zu, wollte das Kind retten und daher der falschen Mutter überlassen. 1 Könige 3; 16-28 berichtet davon.
Bei Matthäus 22; 15-22 wollte man Jesus mit der Frage nach dem Steuerzahlen eine Falle stellen und ihn angesichts anwesender Römer in Widersprüche verwickeln. Jesus fand durch die Kraft des Hl. Geistes darauf ein Wort der Weisheit, dem Kaiser und Gott das Ihrige zu geben.

2. Die Gabe der Erkenntnis

Die Gabe der Erkenntnis bewirkt ein Teilhaben an Gottes Verstand als Erkenntnis in einer konkreten Angelegenheit. Sie bezieht sich auf Gegenwart und Vergangenheit. Die Gabe der Erkenntnis ist weder erlernbar noch lässt sie sich studieren. Sie lässt jemanden für eine bestimmte Situation die Erkenntnis Gottes besitzen.
Diese Gabe ermöglicht mir, in einer schwierigen Situation die richtigen Schlüsse zu ziehen und entsprechend zu handeln. Diese Geistesgabe gibt mir geistlichen Hausverstand, ich durchschaue Lüge, Heuchelei und Populismus. Ich entdecke des ‚Pudels Kern‘.

In der Lamm-Parabel von 2 Samuel 12; 1-25 gibt der Hl. Geist dem Propheten Nathan Erkenntnis über den Ehebruch Davids mit Bethseba und den Mord an Uria. David tut daraufhin Buße.
In Apostelgeschichte 5; 1–11 hat Petrus ein Wort der Erkenntnis über die Lüge von Ananias und Saphira. Die beiden waren vom Geist Satans beeinflusst und hatten etwas vom Erlös des Ackerverkaufes für sich zurückbehalten. Statt Buße zu tun, lügen sie.

3. Die Gabe der Unterscheidung der Geister

Der Hl. Geist befähigt durch diese Gabe, in geistliche Bereiche Einsicht zu nehmen und zu sehen, welchen Sinnes Reden und Taten von Menschen sind. Sie ermöglicht eine unterscheidende Bewertung, aus welcher ‚Ecke‘ Anregungen, Wünsche und Pläne kommen. Diese Unterscheidung bewirkt auch, Heuchelei, Lügen, Verirrungen des Gewissens rechtzeitig zu durchschauen und entsprechend zu handeln. Sie gibt Einblick in die Welt der geistlichen und ungeistlichen Mächte und Aktivitäten.

Wir haben diese Gabe sicher alle schon genutzt, wenn es um Entscheidungen Pro und Contra geht. Soll ich das so oder so machen? Was bringt mich weiter und was nicht? Plötzlich bewirkt die Gabe einen Eindruck, so mache ich es, so ist es das Richtige für mich. Diese Gabe ist wichtig für geistliche Ratgeber und pastorale Führung, aber auch für die Führung von Familien und von Institutionen.

Bei Matthäus 16; 15-17 fragt Jesus seine Jünger, für wen sie ihn halten. Petrus antwortet spontan, dass er ihn für Christus, den Sohn des lebendigen Gottes halte. Jesus klärt daraufhin Petrus auf, dass das nicht seine eigenen Gedanken waren, vielmehr hat Gott sie ihm durch den Hl. Geist gegeben.

In Apostelgeschichte 8; 9-25 lässt sich der Zauberer Simon auf Grund der Predigt des Philippus in Samaria taufen. Dann sieht er die Faszination der Geistesgaben auf das Volk und bietet den Aposteln Geld an, über die Geistesgaben zu verfügen. Petrus erkennt, wes Geistes er ist und stellt ihn deswegen zur Rede.

Die drei Sprachengaben

Diese Gaben des Hl. Geistes manifestieren sich am häufigsten in gottesdienstlichen Veranstaltungen von pfingstkirchlichen Gemeinden. Dort gehören sie zum liturgischen Standard. Der Hl. Geist verteilt diese Gaben aber auch an andere Menschen, Gruppierungen und religiöse Gemeinschaften.

4. Die Zungenrede

Die Zungenrede wird häufig auch ‚Beten in neuen Sprachen‘ genannt, weil sie eine Gebetssprache in keiner real existierenden Sprache ist. Die Zungenrede wird im Pfingstgeschehen real dargestellt. Sie gilt als ein Zeichen für die Erfüllung mit dem Hl. Geist, die oft auch Taufe in den Hl. Geist genannt wird.

Zungenrede dient der persönlichen spirituellen Auferbauung, vertreibt Entmutigung und dient somit auch der Entfaltung persönlichen Glaubens. Sie ist geistlicher Austausch in Form eines unmittelbaren Gespräches mit Gott. Sie führt daher zu vertieftem Gebet durch Anbetung und Lobpreis, verehrt Gott und dankt ihm.

Die Apostelgeschichte erzählt in Kapitel 10 vom Aufenthalt des Petrus beim Hauptmann Kornelius in Cäsarea. In den Versen 45 und 46 wird berichtet, dass die mit Petrus mitgekommenen Juden entsetzt sind, dass auch die Heiden die Gabe des Hl. Geistes empfangen haben. Denn diese redeten in Zungen und priesen Gott.
Laut Apostelgeschichte 19; 5 und 6 lassen sich Bewohner von Ephesus auf den Namen des Herrn Jesus taufen. Als Paulus ihnen die Hände auflegt, kommt der Hl. Geist auf sie. Sie reden in Zungen und weissagen.

5. Die Auslegung der Zungenrede

Der Hl. Geist verteilt diese Gabe selten. Es geht um Auslegung, nicht um Übersetzung der Zungenrede.
Zungenrede zur privaten eigenen Auferbauung, in der Versammlung beim gemeinsamen Lobpreis sowie beim Gebet für andere braucht keine Auslegung. Zungenrede in der Gemeinde und in einer Versammlung als öffentliche Botschaft bedarf der Auslegung. Hier ist hohe spirituelle Sensibilität des Versammlungsleiters wichtig. Er hat geistlicher Hybris zu widerstehen, ebenso dem Vortäuschen geistlicher Autorität und Vertrautheit mit Gott. Entscheidender Zweck der Gaben sind schließlich immer die Auferbauung der anderen und der Nutzen für die Gemeinde. Daher ist öffentliche Zungenrede ohne Auslegung überhaupt zu unterbieten.

1 Korinther 14; 13, 16 und 17 führt aus:
Wer also in Zungen redet, der bete, dass er‘s auch auslegen könne ... Wenn du Gott lobst im Geist, wie soll der, der als Unkundiger dabei steht, das Amen sagen auf dein Dankgebet, da er doch nicht weiß, was du sagst? Dein Dankgebet mag schön sein; aber der andere wird dadurch nicht erbaut.

6. Die prophetische Rede

Die prophetische Rede ist Auferbauung, Ermutigung und Trost durch lösungs- und zukunftsbezogene Gedanken, Perspektiven und Lösungen. Bei der prophetischen Rede ist das Urteil anderer besonders wichtig, denn es gibt viele falsche Propheten und falsche Aussagen. Falsches und Richtiges sind oft vermischt, auch bei prophetischen Worten. In Korinth muss Paulus die prophetisch Redenden bremsen, weil sich jeder als Geistbegabter hervor tun wollte. Dieser Missbrauch des geistlichen Sich-Hervortuns besteht allerdings auch heute noch.

Daher sind Grundsätze zur Beurteilung prophetischen Redens zu beachten:
- Stimmt die Prophetie (egal ob öffentlich oder privat) mit dem Wort Gottes überein?
- Baut die Prophetie auf und bestätigt etwas, das man selbst schon im Herzen hat?
- Erhebt ein prophetisches Reden Christus oder den, der prophetisch redet?
- Welche Motive stehen hinter prophetischer Rede?
- Werden eigene Interessen des prophetisch Redenden offenkundig?

Trotz möglichen Missbrauchs will der Hl. Geist die Gabe prophetischen Redens an uns Menschen verteilen.
Schon der Prophet Joel kündigt das an: Ich will meinen Geist ausgießen über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter sollen weissagen, eure Alten sollen Träume haben, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen. Auch will ich zur selben Zeit über Knechte und Mägde meinen Geist ausgießen. (Joel 3; 1 und 2)
Paulus zufolge sollen möglichst viele Menschen prophetisch reden. Apostelgeschichte 21; 8 und 9 berichtet, dass beispielsweise alle vier Töchter des Evangelisten Philippus prophetisch redeten.

Die drei Kraftgaben

Die Kraftgaben sind mächtige Manifestation von Gottes Kraft im Hl. Geist, der in Menschen wirksam wird. Grundlegend für sie ist ein starker Glaube.

7. Die Gabe des besonderen Glaubens

Diese Gabe ist die Glaubenskraft Gottes für einen bestimmten Zweck zu einer bestimmten Zeit. Diese Gabe ist Glaube auf dem Level Gottes. Es geht nicht um Glauben an Gott, sondern um Vertrauen zu haben, wie Gott es zu uns hat. Durch diese Gabe des Hl. Geistes kommt göttliches Vertrauen in unser Herz. Dadurch wird Vertrauen jenseits aller menschlichen Vorstellungen möglich. Diese Gabe ist meist die Voraussetzung der Gaben des Wunderwirkens und der Heilung und ist mit den beiden oft verknüpft. Es ist der ‚bergeversetzende‘ Glaube in außergewöhnlichen Situationen.

Die Bibel spricht in Markus 11; 22 und 23 von diesem außergewöhnlichen Glauben: Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Habt Glauben wie Gott! Wahrlich, ich sage euch: Wer zu diesem Berge spräche: Heb dich und wirf dich ins Meer! und zweifelte nicht in seinem Herzen, sondern glaubte, dass geschehen werde, was er sagt, so wird’s ihm geschehen.
Berge sind hier selbstverständlich metaphorisch zu verstehen: als unsere Probleme, Niederlagen und Herausforderungen.

Im 1. Buch der Könige 18; 41–45 bittet Elias um Regen und kündigt ihn dem König Ahab an. Der Diener schaut ständig nach Regen aus. Erst beim siebenten Mal wird der Himmel schnell schwarz von Wolken und Wind und es kommt starker Regen.
In Markus 4; 35–41gebietet Jesus im Seesturm dem Wind und den Wellen. Er tadelt die Jünger wegen ihrer Furcht und ihres nur geringen Glaubens. Die Gabe des besonderen Glaubens stoppt jeden Tornado in und um uns.

8. Die Gabe des Wunderwirkens

Bei dieser Gabe greift der Hl. Geist mit übernatürlicher göttlicher Power unmittelbar ein und führt sofortige Lösung eines Problems oder Gesundung herbei. Bei der Gabe der Wunderwirkung verschwindet zum Beispiel ein körperliches Gebrechen sofort und die Person gewinnt augenblicklich die Gesundheit wieder. Ähnliches gilt für psychische und geistige Defizite. Diese Gabe teilt der Hl. Geist nur wenigen Menschen zu.

Im Alten Testament wird von vielen Wundern berichtet, vor allem durch Moses, Josua, Elia und Elischa (1 und 2 Könige). Im NT gibt es ebenfalls viele Berichte von Wundern.

Die Bibel schreibt bei Markus 16; 17 und 18 allen Glaubenden zu, dass sie verschiedene Gaben des Hl. Geistes empfangen werden:
Die Zeichen aber, die folgen werden jenen, die da glauben, sind diese: In meinem Namen werden sie böse Geister austreiben, in neuen Zungen reden, Schlangen mit Händen hochheben und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden; auf Kranke werden sie die Hände legen, so wird’s besser mit ihnen werden.
Hebräer 2; 4 spricht von Gottes Zeugnis für die Glaubenden:
Und Gott hat dazu Zeugnis gegeben durch Zeichen, Wunder und mancherlei mächtige Taten und durch die Austeilung des Hl. Geistes nach seinem Willen.

9. Die Gabe der Heilungen

Bei der Gabe der Heilung bildet sich die Ursache der Symptome mitunter langsam, manchmal sehr rasch zurück und ein nachhaltiger Prozess der Besserung tritt ein. Die Gabe des Hl. Geistes wird wirksam und führt zur Genesung. Dabei geht es nicht nur um körperliche Gebrechen und Krankheit, sondern auch um psychische Defizite und geistig/geistliche Irritationen. Zunehmend wirksam wird physische, psychische und geistige Gesundheit hergestellt. Der hl. Geist möchte die Gabe der Heilung öfter geben, aber die Annahme braucht kühnen Mut und starken Glauben.

Apostelgeschichte 3; 1-9 berichtet von der Heilung des Gelähmten. Petrus und Johannes sind oft am Gelähmten vorübergegangen, aber einmal schenkt ihnen der Hl. Geist die Gabe der Heilung. Petrus nimmt diese Gabe an, gehorcht und heilt den Gelähmten.
Laut Apostelgeschichte 8; 5-8 heilte Philippus in Samaria viele Kranke. Der Hl. Geist verteilte an ihn vor allem zwei Heilungsgaben: Verkrüppelte und Gelähmte wurden gesund und unreine Geister verließen Menschen unter großem Geschrei.

Die Akzeptanz der Geistesgaben und ihre Förderung

a) Das kirchliche Bemühen um Erlöschen der Geistesgaben:

- Augustinus meint, dass die Geistesgaben erloschen seien. Er beruft sich dabei auf 1 Korinther 13; 8-13, wonach zuletzt Glaube, Hoffnung und die Liebe als größtes überbleiben. Doch diese Verse beziehen sich auf die Wiederkunft Jesu. Unser stückwerkhaftes Erkennen hört dann auf, wir haben ‚alle Schäfchen im Trockenen‘, nur noch das Vollkommene und die Liebe bleiben. Paulus meinte bei Abfassung des 1. Korintherbriefes außerdem, die Wiederkunft Jesu selbst noch zu erleben.

- Diese Behauptung des Augustinus wurde gern aufgegriffen. Denn die Geistesgaben stellen die hierarchische Ordnung in Frage: ‚Da könnte jeder mit einem Wort der Erkenntnis oder der Weisheit kommen und Autorität beanspruchen‘. Die Geistesgaben stören die Liturgie: ‚Da fängt jemand prophetisch zu reden an oder redet in Zungen und es entstehen Lärm und Unordnung‘. Die Empfänger von Geistesgaben irritieren auch das Lehramt. Sie beanspruchen eine Kompetenz, die doch nur dem Lehramt zusteht, oder?. Daher werden die Geistesgaben rasch suspekt und haben zu ‚verschwinden‘. Vom 5. bis zum 19. Jahrhundert ist dies auch weitgehend gelungen. Einzelne Menschen mit Geistesgaben hat es jedoch immer gegeben.

- Auch die dem Messias zugeschriebene Siebenzahl der Geistesgaben bei Jesaja 11; 1-3 erweist sich hilfreich, die paulinischen Ausführungen über die ‚echten‘ Gaben des Hl. Geistes zu verdrängen. Diese Siebenzahl wird zunehmend allgemein üblich. Der Benediktiner Hrabanus Maurus, Abt in Fulda und Erzbischof von Mainz verfasst im 9. Jhdt. eine Hymne auf die Siebenzahl, desgleichen Stefen Langton, Erzbischof von Canterbury und Kardinal, im 13. Jhdt. Der Franziskaner Bonaventura veröffentlichte 1267 sein Werk über die sieben Gaben des Hl. Geistes. Auch Entsprechungen wurden hergestellt, so etwa mit den sieben Freien Künsten, mit den sieben Todsünden und mit den sieben Sakramenten nach dem Konzil von Trient.

b) Die Renaissance der Geistesgaben:

- Als Beginn der Wiederentdeckung der Geistesgaben nennen die Amerikaner gern den Jahreswechsel 1899/1900, wo in Kansas nach einer Handauflegung eine Frau in neuen Zungen zu sprechen begann. Ab diesem Zeitpunkt erfährt die Praxis der Geistesgaben jedenfalls starkes Wachstum in den USA.

- In Europa beginnt eine nachhaltige Geistesgabenrenaissance nach dem 2. Weltkrieg, zunächst vereinzelt in der Charismatischen Erneuerung und Bewegung. Eine stärkere Ausübung der Geistesgaben beginnt nur zögernd, weil ihre Praxis sehr oft eine Zuordnung zu Sekten bedeutet.

- Die nachhaltige Wiederentdeckung der Geistesgaben beginnt ab 1970. Sie ist weltweit gekennzeichnet durch die Gründung von Pfingstkirchen, auch in Europa. In Österreich beginnt die Wiederentdeckung der Geistesgaben ab 1985. Afrika, Asien, und Südamerika haben heute die größte Entfaltung der Pfingstbewegungen.

- Eine hoffnungsvolle Phase hat inzwischen begonnen. Die Geistesgaben finden Eingang in die Volkskirchen, auch in die römisch-katholische Kirche. Einzelne Ansätze dazu gibt es im Rahmen der Charismatischen Erneuerung bereits. Sie finden auch durchaus Anklang.

c) Aktivitäten zur Förderung der Geistesgaben:

Das Wissen um die Zuteilung der Gaben des Hl. Geistes an uns und ihre Ausübung in der kirchlichen Praxis sehe ich als große Hoffnung für die Volkskirchen. Wenn diese Akzeptanz nicht erfolgt, engagieren sich immer mehr vor allem Christen in den pfingstkirchlichen Freikirchen. Denn dort sind die Geistesgaben spiritueller Standard.

Die Förderung der Geistesgaben und ihre Verankerung im Bewusstsein der Menschen sind daher unumgänglich. Drei Aktivitäten sind diesbezüglich angebracht:

* Lehre über die Geistesgaben
Unverzichtbar ist, eingehend über die Gaben des Hl. Geistes zu lehren. Das betrifft die Firmvorbereitung, die theologische Ausbildung, die Predigt und die Verkündigung insgesamt. Die Siebenzahl der Geistesgaben als spirituelles Potential des Messias ist zu Recht zu rücken. Wir wollen schließlich keine jugendlichen Messiasse, sondern mündige und spirituell reife Firmlinge. Überhaupt ist über eine Theologie des Hl. Geistes verstärkt nachzudenken. Während Jesus Christus durch seine Menschwerdung unser Bruder geworden und in der Gemeinschaft der Eucharistie mitten unter uns ist, ist der Hl. Geist nach wie vor ein weitgehend ‚unbekanntes Wesen‘.

* Bemühen um ein geschwisterliches Kirchenverständnis
Insbesondere die drei Erkenntnisgaben und den außergewöhnlichen Glauben will der Hl. Geist möglichst vielen von uns zuteilen. Hierarchische Position, Geschlecht und sozialer Status, aber auch Frömmigkeit und kirchliche Sozialisation spielen dabei keine Rolle. Der Hl. Geist steht am Beginn der Gemeinde- und Kirchenbildung. Er will auch heute wieder an der Erneuerung beteiligt sein und seine Gaben zuteilen, wie er will, sodass alle Gemeindemitglieder ihre Spiritualität zum Nutzen und zur Auferbauung der andern geschwisterlich entfalten und nutzen.

* Verfügbarkeit für die Geistesgaben
Geistesgaben werden nur dann wirksam, wenn sie die Menschen, denen der Hl. Geist sie zuteilt, auch annehmen. Ausreden und Ausflüchte gelten nicht: Ich bin kein Kirchgänger, ich bin ein Fernstehender, ich bin schon zu alt oder noch zu jung, ich kann nicht gut genug reden und argumentieren. Wir kennen diese Ausreden ja schon bei Moses, bei Jesaja, bei Jeremias, bei Ezechiel und vielen anderen. Die zugeteilte Geistesgabe braucht nur eines: sie dankbar annehmen und danach handeln, sei es gelegen oder ungelegen. Dieser persönlichen Entscheidung kann und darf sich niemand entziehen. Geistesgaben sind nicht planbar, sondern ein Geschenk. Sie stellen nicht die handelnde Person in den Mittelpunkt, sondern Gottes Wirken unter den Menschen. Ihm zuerst gilt Lob und Dank.