reisenbichler ign klImmer wieder ist zu hören: Wozu eigentlich noch immer das Alte Testamen lesen? Es ist doch voll mit Rache und Gewalt. Wir glauben doch an den liebenden Gott Jesu, der im Neuen Testament gezeigt wird. Existiert der Gegensatz tatsächlich so?

Das Netzwerk: zeitgemäß glauben hat sich im Oktober mit dieser Position auseinander gesetzt. Der katholische und evangelische Theologe Ignaz Reisenbichler hat uns dazu eine gute Grundlage gelegt. Sein Referat haben wir nachstehend dokumentiert.

Mein Ausgangspunkt ist die Frage, ob die Bibel des 1. Testamentes von einem vergeltenden, hassenden und rächenden Gott bestimmt ist. Darauf gibt es die klare Antwort: Nein! Denn immer wieder sprechen die biblischen Autoren und Redakteure im 1. Testament von Gottes Liebe zu uns Menschen. Sie bezeugen einen vergebenden und barmherzigen Gott.

Gottes Liebe zu uns Menschen begründe ich in 2 Schritten:
- Zunächst durch zwei Schlüssel als Voraussetzung, das 1. Testament zu erschließen und zu verstehen.
- Dann durch fünf Themenbereiche, die den Vorrang von Barmherzigkeit und Liebe Gottes vor seiner Vergeltung und strafenden Gerechtigkeit zur Sprache bringen.

1. Zwei Schlüssel zum Verständnis des Ersten Testaments:

1.1 Vergeltung und Rache:

Wenn Gott Feuer und Schwefel regnen lässt und gelegentlich Mord und Totschlag inszeniert, dann ist es nicht Gott der das tut, sondern es sind die biblischen Autoren und Redakteure, die Gott so auftreten lassen. Sie lassen Gott aus ihrer persönlichen Sicht und Glaubensüberzeugung heraus so handeln. Sie bezeugen damit, dass Gott von ihm geliebte Menschen vor Unrecht und Bedrohung schützt und für sie Sorge trägt.

Bezüglich der sogenannten Rachepsalmen hat bereits ein Umdenken eingesetzt: Auf persönliche Empfehlung von Paul VI. wurden aus dem Stundengebet der Orden die drei Rachepsalmen 58, 83 und 109 gänzlich entfernt und aus 16 weiteren Passagen Rache und Fluch entfernt. In diesen Texten vergeltender Rache fordern Menschen Gott auf, dreinzuschlagen, andere Menschen zu vernichten. Diese Texte instrumentalisieren ihn zum vergeltenden Rächer. Menschen sind viel ‚grauslicher‘ als Gott. Nicht umsonst ist gelegentlich die Rede, die Theodizee durch eine Anthropodizee zu ersetzen oder zumindest zu ergänzen, denn der Mensch habe sich zu rechtfertigen.

Nicht alle halten sich an die Empfehlung. Manche argumentieren, dass dem gedemütigten, verzweifelten und ‚am Boden liegenden‘ Menschen die Möglichkeit offen zu halten sei, dass Gott ihn von seinen Peinigern befreien möge.

1.2 Liebende Zuwendung Gottes zu uns Menschen

Wenn Gott im 1. Testament immer wieder als der treue, sorgende, barmherzige und liebende Gott dargestellt wird, gibt das ebenfalls die Überzeugung und Offenbarung der jeweiligen biblischen Autoren und Redakteure wieder. Sie bekunden, dass sie Gott als einen den Menschen liebenden Gott sehen.

* So spricht die Bibel von Gott als Vertragspartner. Er übt Verbundenheit und Treue, er ist glaubwürdig, verlässlich und zärtlich. Er steht in ständigem Dialog mit den Menschen, denen er sich in inniger Liebe zuwendet, sowohl dem Volk wie auch Einzelnen. Besonders deutlich ist das bei Salomo zu sehen. Gott wendet sich Salomo trotz seiner Vielgöttereien und Frauengeschichten immer wieder zu, wie das 11. Kapitel des 1. Königbuches berichtet. Das Buch Hose meint lapidar: „Als Israel (Jakob) jung war, hatte ich ihn lieb“ (11,1).

* Hose spricht von Bräutigam und Braut (2,21 und 22): „Ich will mich mit dir verloben für alle Ewigkeit, ich will mich mit dir verloben in Gerechtigkeit und, in Gnade und Barmherzigkeit. Ja, in Treue will ich mich mit dir verloben.“

* Weiters wird Gott in mindestens 20 biblischen Textstellen mit weiblichen Zügen ausgestattet. So wird er etwa wie eine Mutter (Jesaja 46,3-4, 49,15 und 66,13 und andere Stellen), wie eine Bärin (2 Samuel 17,8 und Hose 13,8); wie eine Adlermutter (Ex 19,4 und Deuteronomium 32,11); wie unter Gottes schützenden Flügeln behütet (etwa Psalm 17,8 und 57,2 und andere Bibelstellen) verstanden und beschrieben. Als Beispiel zwei Texte aus Jesaja: „Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen.“ (49,15) und: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (66,13)

* Die biblischen Autoren und Redakteure machen Gott zum Hirten und Gastgeber: Der nachexilische Psalm 23 greift archaische Motive aus Israels Nomadenzeit auf: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. … er führet mich zum frischen Wasser … und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir … du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde … Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang …“

2. Fünf Themenbereiche für Gottes Liebe:

Das 1. Testament spricht von einer mitunter leidenschaftlichen Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen. Im Folgenden zeige ich 5 wichtige Facetten dieser Liebe auf. Zu den prophetischen Texten gebe ich jeweils eine kurze Hintergrundinformation.

Im Blick auf die damalige Zeit ist immer zu fragen: Wer hat was für wen wann in welcher Situation in welcher Absicht mit welchen literarischen Mitteln geschrieben?
Deshalb gibt es oft unterschiedliche Darstellungen derselben Ereignisse. Zum Beispiel gibt es drei Versionen von Aussagen über die Könige Israels und Judas, jeweils aus unterschiedlicher Perspektive: Die Beschreibung in den beiden Büchern der Könige um etwa 550, die Darstellung im 2. Buch der Chronik zirka 300 Jahre später und bei den Propheten Stellungnahmen zu einzelnen Königen.

2.1 Liebe als Grundmotiv des Handelns Gottes:

- Das prophetische Buch Hose ist vom Grundmotiv Liebe bestimmt. Als Beispiel, was der Autor über Gottes heilige Liebe zu Israel und dem Stamm Ephraim sagt, stellvertretend für seine liebende Zuwendung zu jedem von uns die Verse 8 und 9 von Kapitel 11: „Wie kann ich dich preisgeben, Ephraim, und dich ausliefern, Israel? Wie kann ich dich preisgeben, …und dich zurichten wie Zebojim (eine der mit Sodom ausgelöschten Städte)? Mein Herz ist andern Sinnes, alle meine Barmherzigkeit ist entbrannt. Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch und bin der Heilige unter dir und will nicht kommen zu verheeren.“

Der Prophet Hose wirkt zwischen 750 und 725 im Nordreich, hauptsächlich in der Hauptstadt Samaria. Angesichts der zunehmenden Bedrohung durch die Assyrer kämpft er gegen den Götzendienst und die Gottvergessenheit vieler Bewohner Samarias in Kult und Politik. Er macht das in Metaphern einer Liebesbeziehung.

- Schon die Erwählung Israels erfolgt aus Liebe, nachzulesen in Deuteronomium 7, 7 und 8, wo Mose zum Volk spricht: „Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten…“

Der Text aus Deuteronomium 7 entstand in der Zeit von Hose, im Nordreich und will sagen: Gottes Liebe hat Israel aus freien Stücken erwählt mit der Verpflichtung des ganzen Volkes zu sozialer Verantwortung und Solidarität.

- Gottes Liebe als Grundmotiv geht im Alten Testament noch viel ‚tiefer‘ und betrifft alle Menschen. In Genesis 1,1 und 2 heißt es: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde wurde (war) wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe“ Die Erde war zu einem Tohuwabohu geworden. Daher greift jetzt Gott nach dem Zeugnis der biblischen Autoren in die Geschichte der Menschheit ein und erweist ihr seine Liebe, wie der Schöpfungsmythos der priesterlichen Quellschrift in Genesis 1,3-5a berichtet: „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.“ Das Tohuwabohu war verschwunden und ‚Ordnung tritt hervor‘. Haydns Schöpfung bringt das beeindruckend in Noten.

2.2 Gottes Liebe gibt dem Schuldigen Leben:

- Ezechiel 18,21-23 legt dar, was im Herzen Gottes vor sich geht, wenn er in den Konflikt zwischen Vergeltung und Liebe gerät: „Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben. Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben, um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat. Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der Herr, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?“

Ezechiel war Priester und Exilant, der seine Leidensgefährten aufrichtet und ermutigt. Sein Tenor ist die Unheilsverkündung wegen des Abfalls vor dem Exil und die Heilsverkündigung nach dem Abfall und nach dem Exil.

- Dass Gott dem Schuldigen neue Perspektiven eröffnet, schildert Jesaja 43,18 und 19 überaus ermutigend: „Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde.“

Deutero-Jesaja, dem wir die Kapitel 40 bis 55 des Buches Jesaja verdanken, wirkt gegen Ende des Exils zur Zeit des beginnenden Siegeszuges der Perser gegen Babylon. Seine Aufgabe ist es, dem Volk Befreiung und die liebende Zuwendung Gottes anzusagen. Daher immer wieder der Aufruf: „Fürchte(t) dich (euch) nicht!“

- In Genesis 4,15 macht der biblische Schreiber deutlich, dass Gott in der Spannung zwischen Vergeltung und Barmherzigkeit, zwischen Gerechtigkeit und Liebe der Liebe den Vorrang gibt. Denn „… Wer Kain totschlägt, der soll siebenfältig gerächt werden. Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.“

Welche Reaktion wird Gott in diesem bekannten Mythos von Kain und Abel zugeschrieben? Mit dem Kainsmal schützt er den Täter Kain vor weiterer Gewalt gegen ihn, Gottes Liebe sichert und schützt trotz der Schuld sein Leben.

2.3 Gottes helfende Barmherzigkeit als Liebeserweis:

In Luthers Bibelübersetzung ist Barmherzigkeit ein multifunktionaler Begriff. Er verwendet ihn als Sammelbegriff für verschiedene hebräische und griechische Ausdrücke mit den Bedeutungen von vorrangig Liebe, aber auch Treue, Güte, Gnade und Segen.

- Der Schluss des Buches Micha 7,18 und 19 zeigt Gottes Barmherzigkeit und Vergebung als Liebeserweis an uns Menschen auf: „Wer ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und die Schuld erlässt denen, die übriggeblieben sind von seinem Erbteil; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er ist barmherzig! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“

Micha wirkte in der 2. Hälfte des 8. Jhdts. Im Südreich. Er ist Zeitgenosse des Jesaja. Mit dem prophetischen Buch Amos teilt er die Anklage gegen soziale Ungerechtigkeit und religiöse Verderbtheit. Aber Gottes Liebe zu den Menschen hat im Glauben und aus der Sicht von Micha stets das letzte Wort. Liebe steht vor Vergeltung.

- In Jakobs Traum von der Himmelsleiter in Genesis 28,10-15 sieht Jakob Gott oben auf der Himmelsleiter stehend. Und in Vers 15 beschreibt der Autor Gott als liebenden Helfer und legt ihm folgende Worte in den Mund: „ Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“

- Was steht nicht alles an Anklage in den Propheten-Büchern! Unerbittlich wird jedes Versagen beim Namen genannt, werden Fehler bloßgelegt. Die Propheten geißeln erbarmungslos alle vom König bis zu den einfachen Leuten. Dieser nüchterne Realismus lässt aber auch die Größe von Gottes erbarmender Liebe ahnen. Immer wieder erfolgte Vergebung statt angekündigter Vergeltung, Heilszusage statt rächendem Unheil. Gottes Liebe und Barmherzigkeit zieht sich durch das gesamte 1. Testament.

2.4 Durch Vergeltung bestätigt Gott seine Liebe zu uns Menschen:

- Im 6. Kapitel des Buches Exodus schildert der Autor Gottes Treue und Liebe zu den Seinen, als ihre Unterdrückung an seine Ohren gedrungen ist. Er kündigt durch Mose Vergeltung an: „Darum sage den Israeliten: Ich bin der Herr und will euch wegführen von den Lasten, die euch die Ägypter auflegen, und will euch erretten von eurem Frondienst und will euch erlösen mit ausgestrecktem Arm und durch große Gerichte; ich will euch annehmen zu meinem Volk und will euer Gott sein, dass ihr’s erfahren sollt, dass ich der Herr bin, euer Gott, der euch wegführt von den Lasten, die euch die Ägypter auflegen …“ (6,6 und 7)

- Als zweites Beispiel eine Rarität. Obadja ist mit 21 Versen das kürzeste prophetische Buch des 1. Testaments. Über die Person Obadja wissen wir nichts, ebenso über den Zeitpunkt seines Wirkens, das zwischen dem 8. und 4. Jahrhundert eingestuft wird. Am wahrscheinlichsten nimmt der Autor Bezug auf die Eroberung Jerusalems durch die Philister zwischen 851 und 845. Obadja tadelt das Brudervolk der Edomiter, dessen Stammvater vermutlich Esau ist, weil es sich über den Fall Jerusalems freut. Der biblische Autor Obadja sagt Jerusalem Zukunft zu, weil es von Gott geliebt wird. „Du (Edom) sollst nicht mehr herabsehen auf deinen Bruder zur Zeit seines Elends und sollst dich nicht freuen über die Söhne Juda zur Zeit ihres Jammers und sollst mit deinem Mund nicht so stolz reden zur Zeit ihrer Angst. … Aber auf dem Berge Zion werden Gerettete sein, und er soll heilig sein, und das Haus Jakob soll seine Besitzer besitzen. Und das Haus Jakob soll ein Feuer werden und das Haus Josef eine Flamme, aber das Haus Esau Stroh; das werden sie anzünden und verzehren, so dass vom Hause Esau nichts übrig bleibt; denn der Herr hat’s geredet.“ (Verse 11,17 und 18)

- Gott wird gegenüber seinem Volk von den Propheten nicht als gleichgültig dargestellt. Seine Liebe ist leidenschaftlich. Wenn von seinem Zorn die Rede ist, dann ist das nur die Kehrseite seiner leidenschaftlichen Liebe. Sein Zorn ist der Ausdruck seiner Sorge. Denn wenn wir uns von ihm abwenden, bringt das Unglück und Not. Jeremia drückt das kurz und bündig in Kapitel 2,13 aus: "Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und das Wasser nicht halten". Es gilt darüber nachzudenken, wie viel bei uns allen rissig ist.

2.5 Unsere Würde und Zukunft ist Gottes Anliegen:

- Ein herrliches Beispiel für die Einschätzung des Menschen bringt Psalm 8 in den Versen 5 bis 9: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan: Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die wilden Tiere, die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.“

Der Psalm ist wegen seiner Schöpfungstheologie und dem Bezug auf den priesterschriftlichen Schöpfungsbericht im Exil oder knapp danach entstanden. Er sollte auferbauen und Mut geben. Weil Gott uns Menschen liebevoll anblickt und sich fürsorglich um uns kümmert, sind wir nicht der Vergänglichkeit und Schwachheit, Zerbrechlichkeit und Sterblichkeit ausgeliefert. Gottes wertschätzende Zuwendung lässt uns unsere Endlichkeit und unser ständiges Bedrohtsein annehmen.

- Deutero-Jesaja stellt uns in Kapitel 40,29-31 Gott als den vor, der uns Menschen Mut und Kraft gibt. Metaphorisch macht der liebende Gott uns zum kühnen Adler: „Er (Gott) gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

- Und die Liebeserklärung Gottes an uns Menschen, die Deutero-Jesaja als sein persönliches Glaubenszeugnis formuliert, steigert sich in den Kapiteln 41 – 45 noch. Die Verse 1b, 2 und 4a von Kapitel 43 darf ich als Beispiel zitieren: “Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. .. weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe.“

Ein Fazit:

  1. In den Glaubensbotschaften der ersttestamentlichen Bibel überwiegen die Liebeserklärungen Gottes, nicht die Worte der Drohung und Vergeltung. In verantwortungsloser Weise wird es immer umgekehrt gesagt und in den Köpfen verankert.

    Die Psalmen umfassen 2.527 Verse. 82 Verse lang sind die drei eliminierten Psalmen, weitere 41 Verse bitten Gott unverblümt, die Feinde zu bestrafen und andern Menschen Leid zufügen. Diese 123 Verse machen knapp 5% der gesamten Psalmen aus.

  2. Das 1. Testament hat eigenständigen Wert. Dass es erst in Verbindung mit dem Neuen Testament und durch Jesus Christus seinen Wert erhält, wird jeder Jude als Affront empfinden und nicht verstehen. Aber auch für Christen ist das 1. Testament ein zentrales Offenbarungsgeschehen.
    - Der eigenständige Wert wird durch seinen Umfang erhärtet. In meiner Jubiläumsausgabe von 2017 umfasst das 1. Testament 1.115 Seiten, das Neue Testament hingegen 299 Seiten.
    - Beachtlich ist auch der Zeitraum der Texte des 1. Testamentes: Literarisch reichen vom 10. Jahrhundert bis 50 vor Christus, geschichtlich sind sie bis ca. 1700 zurückreichend. Die Mythen des 1. Testamentes sind überhaupt zeitlos.

  3. Das Erste Testament ist verstärkt zu lesen und zu verwenden: Kardinal Schönborn hat am 11. November 2007 in einer Katechese im Stephansdom dieses Anliegen aufgegriffen und sagt: „Kennen wir das Alte Testament? Ist es nicht für viele von uns ein verschlossenes, unbekanntes Buch? Seit der Liturgiereform haben die Lesungen aus dem Alten Testament einen eigenen Platz im Gottesdienst bekommen. Meist sind die kurzen Abschnitte schwer verständlich. Deshalb werden sie in den Pfarrgottesdiensten oft - leider und unerlaubterweise - einfach ausgelassen.

Das Alte Testament erschließt sich nur, wenn wir es besser kennen lernen. Wir müssten es viel mehr selber lesen! Ein Kartäuser-Mönch, ein einfacher Laienbruder, hat mir einmal gesagt: „Das Alte Testament ist die Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen."