Reisenbichler Ignaz 20171229 120Der evangelische und katholische Theologe Ignaz Reisenbichler hat nachstehenden Vortrag "Spirituelle Holzwege" im Rahmen der Netzwerktreffen gehalten. In der Diskussion kamen viele persönliche Eindrücke und Vergleichspunkte bis hin zu "Geständnissen" zur Sprache.

Spirituelle Holzwege

Der 1. Korintherbrief spricht in Kapitel 12, Vers 11 bei der Aufzählung der Gaben des Hl. Geistes von der Gabe der Unterscheidung der Geister. Der Hl. Geist gibt Menschen „die Gabe, die Geister zu unterscheiden“. Er befähigt durch diese Erkenntnisgabe in geistliche Bereiche Einsicht zu nehmen und zu durchschauen, aus welcher spirituellen ‚Ecke‘ wir mit unseren Wünschen und Plänen beeinflusst sind. Die Unterscheidung der Geister demaskiert die ungeistlichen Mächte und ihre Aktivitäten, die zu spirituellen Holzwegen führen. Die Bibel und die christliche Tradition verwenden für diese ungeistlichen Mächte oft Metaphern wie Satan, böse Geister, Dämonen, widergöttliche Mächte, Mächte der Finsternis. Manche Theologen sprechen vom Teufel oder vom Feind. Ich spreche am liebsten von ungeistlichen Mächten, im Gegensatz zu den Mächten, die vom Hl. Geist gesteuert und beeinflusst sind.

Die Exerzitien des Ignatius sprechen ebenfalls von der Unterscheidung der Geister. Denn in der geistigen Welt gibt es göttliche und widergöttliche Mächte, Gutes und Böses. Ignatius geht es in der Unterscheidung der Geister um ein Abwägen, welcher Weg zu gehen ist, welche Entscheidung die richtige ist, welche geistigen Mächte uns weiterbringen und welche Ratgeber uns scheitern lassen.

Manche Ratschläge und Einflussnahmen führen zu spirituellen Holzwegen, auf denen sich zwar fahren lässt, aber eben nur sehr schlecht, weil es eben holprige Holzwege sind.

Ich sehe drei Gruppen von spirituellen Holzwegen:

1. Unversöhnlichkeit
2. Mangelnder Glaube
3. Leistungsdenken.

Alle diese Holzwege beruhen auf Einstellungen und Haltungen, die nach und nach entstehen, sich verfestigen und immer nachhaltiger Denken, Reden und Handeln bestimmen.

1. Unversöhnlichkeit

Die ungeistliche Haltung der Unversöhnlichkeit äußert sich als Ablehnung anderer in Form von Kommunikationsverweigerung, Diskriminierung und Ausgrenzung sowie in einer Lebensgestaltung in Form von Unabhängigkeit und egozentrischem Verhalten.

1.1 Unversöhnlichkeit als Ablehnung:

Bei Mätthäus findet sich in den Versen 23 bis 35 des 18. Kapitels die Erzählung vom ‚Schalksknecht‘. Dieses Gleichnis spricht von einem König, der mit seinen Knechten abrechnet. Einer von ihnen kann dem Herrn eine große Schuld nicht bezahlen und fleht ihn an, mit ihm Geduld zu haben. Da erlässt ihm sein König die ganze Schuld und gibt ihm die Freiheit. Da trifft dieser Knecht einen Mitknecht, der ihm nur eine kleine Geldsumme schuldet und fordert von ihm alles zurück. Der König wird über den unbarmherzigen Knecht zornig, weil dieser sich seinem Mitknecht gegenüber unversöhnlich erweist. Wer sich unversöhnlich verhält und nicht vergibt, überlässt sich dem Einfluss ungeistlicher Kräfte. Diese führen ihn auf einen Holzweg, peinigen ihn durch Gewissensbisse und isolieren ihn menschlich und gesellschaftlich.

In den Versen 6-8 des 2. Kapitels des 2. Korintherbriefes berichtet Paulus von einem Gemeindemitglied, das sich gegen die Gemeinschaft vergangen hat und dafür bereits bestraft wurde. Deshalb ist es „aber genug, dass derselbe von den meisten gestraft ist, so dass ihr nun ihm desto mehr vergeben und ihn trösten sollt, damit er nicht in allzu große Traurigkeit versinkt. Darum ermahne ich euch, dass ihr ihm Liebe erweist.“ Paulus verlangt die Beendigung andauernder Schuldzuweisung. Er verurteilt die Nachlässigkeit im Vergeben und Trösten und ermahnt die Korinther, den Geist der Unversöhnlichkeit abzulegen, weil er der Aktivität widergöttlicher Mächte Tür und Tor öffnet.

1.2 Unversöhnlichkeit als Unabhängigkeit:

Manche Theologen halten die Unabhängigkeit als die Ursünde schlechthin, steht dahinter doch die Haltung: ‚Ich lasse mir von niemandem dreinreden. Ich bin autonom‘. Schon in Genesis 3,1 klingt dieses Motiv an: „Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“ Dieser Gott traut sich was. ‚Ja, darf er denn das‘, könnten Anhänger egozentrischer Unabhängigkeit fortsetzen. Wir lassen uns nichts anschaffen oder verbieten. Andere Theologen nennen die Sünde wider den Hl Geist als Unabhängigkeit von seinem Wirken als Ursünde. Wieder andere sehen als Ursünde an, Jesus nicht als persönlichen Herrn anzuerkennen und die Unabhängigkeit von ihm zu wahren.

Unabhängigkeit ignoriert die Stimme des Gewissens, verschließt sich dem Hören auf andere christliche Kirchen und Gemeinden und der Orientierung an gesellschaftlichen Gegebenheiten. In jedem Fall ist Unabhängigkeit ungeistliches Verhalten.
Typische Ausprägungen von Unabhängigkeit sind Lüge, Stolz und Hass.

- Die Lüge macht unabhängig von der Wahrheit und entfaltet eine unversöhnliche Haltung Gott und den Menschen gegenüber. Hananias und Saphira belügen Petrus im 5. Kapitel der Apostelgeschichte über den Kaufpreis ihres Ackers. Dieser sagt: „Du hast nicht Menschen, sondern Gott belogen." (Vers 4) und: „Warum seid ihr euch denn einig geworden, den Geist des Herrn zu versuchen?“ (Vers 9). Die Bibel beschreibt den buntschillernden Lügenbereich und spricht von Lügenzunge, Lügenwort, falschem Zeugnis, Lügenpredigern, Treubruch, falschem Weg trügerischer Hoffnung und falschem Eid. Falsche Propheten und lügnerische Menschen beschreiten spirituelle Holzwege.

- Der Stolz macht unabhängig von der Realität und klammert sich an ein ‚Mehr-sein-wollen‘. Matthäus 7,22 warnt vor den Lügen falscher Propheten, die von sich selbst eingenommen sind und sich selbst erhebend sagen: „Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Machttaten getan?“ Diese Stolzen stellen sich als Messlatte hin und enden im spirituellen Straßengraben. Über den König von Tyrus mit Anspielung auf Luzifer sagt Ezechiel: „Weil sich dein Herz erhob, dass du so schön warst und du deine Weisheit verdorben hast in all deinem Glanz, darum habe ich dich zu Boden gestürzt und ein Schauspiel aus dir gemacht vor den Königen.“ (28,17)

- Der Hass macht unabhängig von der Nächstenliebe und führt zu radikaler Selbstbezogenheit. Sich um eine Unterscheidung der Geister zu bemühen, sind für hassende Menschen leere Kilometer. Der erste Johannesbrief artikuliert den spirituellen Holzweg der Hassenden in Kapitel 2, Vers 11 unmissverständlich: „Wer aber seinen Bruder hasst, der ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wo er hingeht: denn die Finsternis hat seine Augen verblendet.“

Es ist angebracht, sich einige Fragen zu stellen: Wie steht es mit der Unversöhnlichkeit in unseren christlichen Gemeinschaften und Gemeinden? Existiert immer noch eine breite Palette von Unversöhnlichkeit, Ablehnung, Diskriminierung und Ausgrenzung? Wie gehen wir miteinander und untereinander um? Verzeihen wir Menschen, die uns abgelehnt haben? Finden wir andern gegenüber mangelndes Verzeihen und Trösten, Verharren in Feindschaft und Unversöhnlichkeit mitunter als
angebracht?

2. Mangelnder Glaube

Bei den Gaben des Hl. Geistes wird unter den drei Kraftgaben auch der Glaube genannt, denn gegeben ist „einem andern Glaube, in demselben Geist“. (1 Korinther 12,9a). Gemeint ist hier der starke Glaube, den der Hl. Geist uns in schwierigen Situationen und Entscheidungen gibt. Minderwertigkeitsgefühle, Angst und Passivität sind Ausdruck von mangelndem Glauben und führen viele auf oft befahrene spirituelle Holzwege. Den starken Glauben als Kraftgabe des Hl. Geistes hat wohl auch das Markus-Evangelium im Visier: „Wer zu diesem Berge spräche: Heb dich und wirf dich ins Meer! und zweifelte nicht in seinem Herzen, sondern glaubte, dass geschehen würde, was er sagt, so wird’s ihm geschehen.“ (Vers 11,23).

Der 2. Korintherbrief spricht in Kapitel 10, Verse 4 und 5 ebenfalls metaphorisch davon, dass wir in der Kraft Gottes Festungen zerstören und alles Hohe, das Gottes Absichten entgegensteht, zerstören können.

Minderwertigkeitsgefühle, Angst und Passivität sind die häufigsten Holzwege mangelnden Glaubens.

2.1 Minderwertigkeitsgefühle:

Minderwertigkeit, Selbstvorwürfe und Selbstverurteilung basieren immer im Glaubensmangel, denn in uns ist nicht Verdammenswertes, sondern Gottes Liebe. Johannes 15; 5 sagt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht“. Minderwertigkeitsgefühle sind daher Unglauben an Gottes Zusagen und an die Frohbotschaft des Evangeliums.

Ein probates Mittel, der Minderwertigkeit zu entsagen bietet der Epheserbrief an. Er kleidet im 6. Kapitel, Verse 14–17, den Glaubenden in die Waffenrüstung eines damaligen römischen Soldaten: „So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, und an den Beinen gestiefelt, bereit, anzutreten für das Evangelium des Friedens. Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, und nehmt den Helm des Heiles und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.“ Angesichts einer solchen Waffenrüstung ist Minderwertigkeit wohl nicht angebracht und eine Punktlandung im spirituellen Straßengraben.

Die Glaubensverkündigung von Kirchen hat zu verantworten, welche Botschaften sie an die Menschen weitergibt. Die Liturgie hegt und pflegt in vielen Kirchen immer noch einen Gott, der ständig erlösen und erhören soll. Ist nicht auch eine hierarchische Ordnung oft dazu angetan, die ‚sogenannten‘ Schafe mit Minderwertigkeit und Unterwürfigkeit zu füttern und nicht wenige Getaufte auf den Holzweg zu führen?

2.2 Angst:

Angst ist Unglaube, denn Gott ist gemäß Philipper 4; 19 mein immer präsenter Versorger: „Mein Gott aber wird all eurem Mangel abhelfen nach seinem Reichtum an Herrlichkeit in Christus Jesus.“ Durch ihn und mit ihm bin ich stark. Denn ich "vermag alles durch den, der mich mächtig macht.“ (Philipper 4,13).

Wichtig ist daher das Ablegen der Angst, denn die Furchtlosen haben Gunst bei den Menschen. Angst hingegen quält durch den Gedanken, ‚was alles passieren könnte‘.

Angst interpretiert die ungeistlichen Einflüsse in der Welt oft als Manifestation des mächtigen Imperiums Satans, das Welt und Menschen beherrscht und sich gern der Einschüchterung und des Imponiergehabes bedient. Satan geht im ersten Petrusbrief, Kapitel 5, Vers 8, wie ein brüllender Löwe umher. Denn er weiß, dass er in Wirklichkeit schwach ist. Daher redet er uns ein: Ich bin so groß und ihr so klein. Arrangiert euch mit mir und seid kooperativ! Dann lasse ich euch in Ruhe. - Er schürt mit Imponiergehabe und Einschüchterung Angst. Das verführt viele zur Vorstellung vom großen und mächtigen Satan und vom kleinen und schwachen Gott. Das kehrt die Verhältnisse geradewegs um. Denn Gott ist groß und die widergöttlichen Mächte sind klein. Starker Glaube als Gabe des Hl. Geistes hilft, diese Relation zu sehen und sich danach zu verhalten.

2.3 Passivität:

Passivität negiert die eigene Verantwortung, die Mitarbeit am Schöpfungsauftrag und die Nutzung der eigenen Fähigkeiten. Ein Passiver benutzt seine Autorität als Christ nicht. Passivität ist Gleichgültigkeit und bringt mitunter zum Ausdruck: ‚Ich habe es nicht nötig, mich anzustrengen. Ich bin ein guter Christ und ein guter Mensch. ‘ Solch arrogante Passivität ist geradezu eine Punktlandung im Straßengraben.

Das 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums bietet 2 Beispiele von Passivität: Die klugen und törichten Mädchen (Matthäus 25; 1-13) und das Gleichnis von den anvertrauten Zentnern (Matthäus 25; 14-30) In beiden Erzählungen erwartet Gott Resultate.

- Die törichten Mädchen „nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit.“ (Vers 3). Sie verabsäumten voraus zu denken und etwas für eine ‚brennende‘ Spiritualität zu tun, kurzum ihre ‚Tanks und Akkus‘ aufzuladen. Sie verlassen sich darauf, dass ihnen die andern ohnehin helfen,

- Der dritte Knecht in den anvertrauten Zentnern „ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.“ (Vers 18) Und nach der Rückkehr seines Herrn beteuerte er bei der Abrechnung, „ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine.“ (Vers 25) Der Herr ist darüber alles andere als erfreut. Auch Taufscheinchristen machen es sich bequem, wollen nicht auffallen und keinen Fehler machen. Lebendige Gemeinden entstehen so nicht und das Evangelium als Frohbotschaft wird nicht entfaltet.

Wiederum sind Anfragen an uns nötig: Verhalten sich nicht viele viel zu passiv, weil sie keinen Fehler machen und nicht auffallen wollen? Warum übernehmen nur wenige von uns Verantwortung für andere? Wieso ist der persönliche Glaube vieler so schwach entwickelt, dass er ein Leben voll von Minderwertigkeitsgefühlen zulässt? Warum dominiert in vielen Kirchen und Gemeinden noch immer die Drohbootschaft zu Lasten einer Frohbotschaft?

3. Leistungsdenken

Der dritte spirituelle Holzweg ist die Verflochtenheit an das Leistungsdenken und das in dreifacher Ausfertigung als menschliche, moralische und religiöse Leistung. Es ist schließlich verlockend, Gott durch eigene Leistung zu imponieren. Damit aufzuhören, ist eine vordringliche Herausforderung für ‚des christlichen Standes Besserung‘.

Wiederum ermöglicht die Gabe der Unterscheidung der Geister zu erkennen, welche spirituellen Einflüsse hinter den ‚Produkten‘ menschlicher Leistung stehen.

3.1 Die menschliche Kulturleistung:

Der Turmbau zu Babel ist ein markantes Beispiel für eigene Leistung. Diesen Turm hat Nebukadnezar II. (605-562) erbaut. Dieses Walhall der damaligen kanaanäischen Gottheiten ist den in Babylon festgehaltenen Juden und den Redakteuren von Genesis 11 ein Dorn im Auge. Deshalb lassen sie ‚den Herrn niederfahren‘ und dem Turm ein Ende bereiten (Verse 1-9).

Der Turm von Babel verfällt in der Perserzeit. Alexander der Große will ihn wieder aufbauen, größer und mächtiger als zuvor. Doch er stirbt früh und der Turm gerät endgültig in Vergessenheit. Menschliches Bemühen scheitert immer wieder. Masterpläne werden nicht umgesetzt. Hochgelobte Projekte bleiben Stückwerk, Hoffnungen zerrinnen.

Menschliche Kulturleister haben viele Gesichter. Zwei wichtige sind der Macher und der Humanist.

Der Macher:

Macher wollen stets erfolgreich und stark sein. Sie geben sich gern überlegen, wertvoll und bedeutend, auch für die Kirche und das Evangelium. Man hat etwas und kann etwas. Das ist allerdings Stärke aus sich selbst heraus. Macher sind daher ständig in der Gefahr, auf den steil abfallenden Weg in den Straßengraben mit anschließendem Holzweg zu geraten.

Gott will, dass wir durch ihn und mit ihm stark sind. David geht im 1. Buch Samuel, Kapitel 17, Vers 45 Goliath entgegen und sagt: „Du kommst zu mir mit Schwert, Spieß und Stichelschwert, ich aber komme zu dir im Namen des Herrn Zebaoth, des Gottes der Schlachtreihen Israels, die du verhöhnt hast.“

Der 2. Korintherbrief betont in Kapitel 5, Vers 20, dass wir in dieser Welt „Botschafter an Christi statt“ sind. Deshalb verwirklicht der Dienst am Menschen und die Lebensgestaltung aus persönlichem Glauben Jesu Botschaft überzeugender als Machtdünkel und Macherimage.

Der Humanist:

Er vertritt eine ausgeprägte Form der Selbsterlösung und die Meinung, der Mensch sei das Maß aller Dinge. Er stellt seine Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Schau und nutzt sogar geistliche Gaben, sich in Szene zu setzen. Doch kommt ein Humanist selbst in einer christlichen Gemeinde damit nicht weit und landet in enttäuschten Hoffnungen und vergebenen Chancen.

Schon Goethe zeigt den humanistischen Holzweg in Fausts Dialog mit dem Erdgeist auf: Der Erdgeist artikuliert seine wichtige Rolle: „So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.“ Faust meint, seinesgleichen zu sein: „Der du die weite Welt umschweifst, geschäft’ger Geist, wie nah fühl ich mich dir!“ Darauf die vernichtende Antwort: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!“ Und die resignierende Reaktion von Faust: „Nicht dir! Wem dann? Ich Ebenbild der Gottheit! Und nicht einmal dir!“

Der Kolosserbrief warnt in Vers 8 des 2. Kapitels vor dem Einfluss ungeistlicher Einflüsse und Ideologien: „Seht zu, dass euch niemand einfange durch die Philosophie und leeren Trug, die der Überlieferung der Menschen und den Elementen der Welt folgen und nicht Christus.“ Die Unterscheidung der Geister erschwert oder verhindert die Irrfahrt auf dem spirituellen Holzweg des Humanisten.

3.2 Die moralische Leistung:

Die Bibel verurteilt den Hochmut des Menschen auf moralische Leistung wiederholt. Am bekanntesten ist die Erzählung von Pharisäer und Zöllner bei Lukas, Kapitel 18, Verse 9-14. Der Pharisäer rühmt sich, nicht so zu sein wie die andern Leute, wie Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder der anwesende Zöllner. Er verweist auf sein Fasten und Spenden. Doch die Bitte des Zöllners, „sei mir Sünder gnädig“ kommt bei Jesus besser an als die moralische Leistung des Pharisäers. Auch das Bild vom Splitter im Auge des andern und dem Übersehen des Balkens im eigenen Auge in der Bergpredigt, Matthäus 7,3-5, geht in diese Richtung

Die eigene moralische Leistung öffentlich zur Schau zur stellen, ist ein verlockender spiritueller Holzweg. Viele verhalten sich heute ebenso. Sie möchten durch ein tadellos geführtes Leben glänzen und rühmen sich dessen: Ich begehe keinen Diebstahl, ich verleumde niemanden, ich habe sogar ein Herz für Tiere. Ich bin ein guter und anständiger Mensch. Ich bin besser als andere. Das verleitet, auf andere mit dem Finger zu zeigen sich selbst auf ein Podest zu heben.

Wiederum existiert eine Vielfalt moralischer Leistungsjünger. Zwei wichtige Vertreter sind der Moralist und der Selbstgerechte.

Der Moralist:

Er macht Moral zum idealen Nährboden für ungeistliche Kräfte, die ihn immer stärker beeinflussen. Durch Selbstbetrug, Machtausübung und Unabhängigkeit meint ein Moralist, aus eigener Kraft gut zu sein. Er pocht auf seine vorbildliche Lebensführung, um andere zu belehren, zu unterdrücken oder auszugrenzen. Er beruft sich auch auf seine Rechte Gott gegenüber, dem er vorwirft, nichts gegen Leid und Scheitern zu tun.

Wiederum weist der Kolosserbrief eine Richtung, den spirituellen Holzweg zu verlassen und sich auf die moralischen Leistungen menschlicher Lehren, auf die eigene Frömmigkeit und falsch verstandene Demut nicht zu verlassen. „Was lasst ihr euch … Satzungen auferlegen … ‚Du sollst das nicht anfassen, du sollst das nicht anrühren` - was doch alles verbraucht und vernichtet werden soll. Es sind menschliche Gebote und Lehren. Diese haben zwar einen Schein von Weisheit durch selbst erwählte Frömmigkeit und Demut … sie sind aber nichts wert und befriedigen nur das Fleisch.“

Der Selbstgerechte:

Zu den Selbstgerechten, die eine Sünderin steinigen wollen, sagt Jesus im Johannesevangelium, in Kapitel 8, Vers 7: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ Niemand wagt es, einen ersten Stein zu werfen, alle verschwinden hastig und diskret.

Der Selbstgerechte wendet große Mühe und Anstrengung auf, moralisch integer zu sein. Er demonstriert seine Selbstgerechtigkeit vor anderen und präsentiert seine Redlichkeit und seine Anstrengungen in der Öffentlichkeit.

Schließlich verfällt der Selbstgerechte der irrigen Annahme, dass er gerechter sei als Gott, der böse Dinge und schlimme Umstände zulässt. Er selbst würde das nie zulassen. Dabei übersieht oder ignoriert er die Antwort Gottes im 42. Kapitel des Buches Hiob, dass wir mit Gott nicht auf der Ebene menschlicher Gerechtigkeit diskutieren können. Schon mit dem Erdgeist in Goethes Faustdrama geht das nicht und mit Gott schon gar nicht. Hiob erkennt das und gesteht ein: „Darum habe ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich! Ich habe von dir nur vom Hörensagen vernommen; nun aber hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf …“ (Verse 3b-6a). Der Selbstgerechte sollte das auch tun.

3.3 Die religiöse Leistung:

Religiöse Leistung orientiert sich an Gott Baal. Dieser wohnt an heiligen Orten, lebt in Bäumen und Quellen und residiert auf Bergen. Der Baalskult besteht im Geben und Nehmen im Sinne eines "Wenn-Dann": Wenn ich viel bete, dann gedeiht mein Getreide besser, mein Obst wird saftiger und mein Vieh wächst rascher. Wenn ich Baal opfere, dann segnet er mich mit Gesundheit und Wohlergehen. Wenn ich ihn verehre, dann gefalle ich ihm.

Wegen dieser Reduktion des Gottes Baal auf einen funktionierenden Gott, über den die Menschen verfügen können, gerät er zunehmend ins Abseits. Für das Volk bleibt Baal aber attraktiv. Denn er ist stets präsent. Man kann sich ihm nähern und ihn anfassen. Damit ist er spektakulärer als der Gott Jahwe, von dem man sich nicht einmal ein Bild machen darf.

Baal ist im religiösen Leistungsdenken auch heute präsent. Die Wallfahrtsindustrie beruht auf der Basis des Schauens, Hörens und Anfassens. Und Wunder sind immer noch des Glaubens liebstes Kind.

Die Bibel bekämpft Baal. In Kapitel 18 des ersten Buches der Könige, Verse 26 und 27, weist Elias den Priestern Baals ihre Unfähigkeit nach: Sie „riefen den Namen Baals an vom Morgen bis zum Mittag und sprachen: Baal erhöre uns! Aber es war da keine Stimme noch Antwort und sie hinkten um den Altar herum.“ Daher verspottet sie Elias: „Ruft laut! Denn er ist ja ein Gott; er ist in Gedanken oder hat zu schaffen oder ist über Land oder schläft vielleicht, dass er aufwache.“

Zwei typische Vertreter religiösen Leistungsdenkens sind der Gesetzliche und der religiöse Leistungssportler.

Der Gesetzliche:

Der Gesetzliche beruft sich auf seinen religiösen Eifer und auf sein ständiges Bemühen. Er verteidigt die Dogmen und akzeptiert ihre offizielle Interpretation. Er orientiert sich an der Biberlauslegung durch das kirchliche Lehramt. Durch die Orientierung an Regeln und Gesetzen ist er überzeugt, den Willen Gottes zu 100% zu erfüllen. Daher hat er kein Verständnis für Andersdenkende. Kritikern an seiner Position steht er unversöhnlich gegenüber. Der Gesetzliche lebt nach Katechismusglauben und kirchlichen Vorschriften.

Der Galaterbrief entlarvt diese gesetzliche Haltung als ungeistlichen Holzweg, der dem Evangelium und einem gelebten Glauben widerspricht. Er fragt in den Versen 2 und 3 von Kapitel 3 daher unerbittlich: „Habt ihr den Geist empfangen durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben? Seid ihr so unverständig? Im Geist habt ihr angefangen, wollt ihr’s denn nun im Fleisch vollenden?“ Ein Abgleiten in religiöses Leistungs- und Gesetzesdenken war nicht nur ein Problem der Galater, ist auch ein ‚Unsriges‘.

Der religiöse ‚Leistungssportler‘:

Er realisiert viele religiöse und kirchliche Aktivitäten. Der wortgewaltige kirchliche Funktionär, der eifrige Wallfahrer, der intensive Heiligenverehrer, der unermüdliche Gottesdienstbesucher vollbringen beachtliche Leistungen, die zweifellos Anerkennung verdienen.

Keineswegs ist es zulässig, religiöse Gefühle bei denen zu verletzen, deren Andachten, Wallfahrten, Fasten und althergebrachte Gebetsformen aus gläubigem Herzen kommen. Allerdings werden Gottesdienst und fromme Übungen oft zum Routineverhalten, das keinesfalls im Einklang mit dem Denken und Verhalten im Alltag steht. Nicht selten werden sie zur Pflichtübung, um seine religiöse Leistung zur Schau zu stellen. Religiöse Leistungssportler geraten allzu leicht auf den Holzweg, weil sie ungeistlichen Einflüssen von Lüge, Stolz und Unabhängigkeit Tür und Tor öffnen und sich davon beeinflussen lassen.

Der Prophet Maleachi artikuliert in Vers 10 von Kapitel 1 knallhart, was vom damals üblichen religiösen Opferkult zu halten ist: „Dass doch einer unter euch die Türen zuschlösse, damit ihr nicht umsonst auf meinem Altar Feuer anzündet! Ich habe kein Gefallen an Euch, spricht der Herr Zebaoth, und das Opfer von euren Händen ist mir nicht angenehm.“

Fragen drängen sich auf: Überprüfen wir die Motive und Zielsetzungen menschlicher Leistung, Gott zu gefallen? Orientiert sich die kirchliche Verkündigung am Evangelium oder geht es ihr um Erfolg und Anerkennung? Sind wir jenen gegenüber tolerant, die unseren eigenen Vorstellungen nicht entsprechen? Ist unser religiöses Engagement Ausdruck persönlichen Glaubens? Instrumentalisieren wir Gott zum Lückenbüßer für unsere Sorgen und Probleme? Lösen wir uns von einem veräußerlichten Kulturchristentum?

Ein kurzes Fazit
Unversöhnlichkeit, schwacher Glaube und Leistungsdenken sind drei Zugänge zum spirituellen Holzweg. Durch die Unterscheidung der Geister können wir feststellen, dass diese Zugangswege von ungeistlichen Einflüssen und Mächten gesteuert sind. Wir erkennen dadurch, ob Einflüsse und Ratgeber uns spirituell weiterbringen oder uns scheitern lassen.

Wer sich am biblischen Wort Gottes orientiert, um zu begreifen, was richtig und was falsch ist, der wird seinen ‚Karren‘ immer wieder schnell aus dem Straßengraben herausholen und den spirituellen Holzweg verlassen. Wenn wir unser Denken, Reden und Handeln an Gottes Wort ausrichten, beschreiten wir den Weg der Freiheit eines Christenmenschen.