Kirchschläger Walte 120Im Rahmen der Kirchenvolkskonferenz der Reformgruppen hat am 10. November 2018 der em. Neutestamentler in Luzern und renommierte Österreichische Bibelwissenschafter, Walter Kirchschläger, nahstehenden, bedeutsamen Vortrag gehalten.

Darin zeigt er die Grundlagen von Gemeinde im Neuen Testament, das unausweichliche Zentrum christlichen Glaubens, nämlich die "Leitperson Jesous Christos Kyrios", und wie dies das II. Vatikanische Konzil gesehen hat. Ebenso benennt er Pflichtverletzungen, die in den Jahren nach dem Konzil getätigt wurden. Zur Überwindung kritischer Situationen in den Gemeinden zeigt er mutig "Notstandsregelungen", die von Gemeinden auf der Basis des Neuen Testaments und unter Berücksichtigung gegenseitiger Achtung um möglichst niemanden vor den Kopf zu stoßen, praktiziert werden können, ja sogar müssen, wollen die Gemeinden den Weg Jesu in unserer Zeit gehen.

PFARRE INITIATIV !

Lebendige Pfarren trotz Priestermangel

 

1 ERINNERUNG UND GRUNDLEGUNG


Zunächst Ihnen allen ebenfalls einen herzlichen Willkommgruss. Es ist gut, dass wir heute zusammenkommen, um über Kirche konkret zu sprechen, Kirche, wie wir sie in unseren Pfarrgemeinden leben und erleben. Das Thema brennt Ihnen und mir, und mit Ihnen hoffe ich, dass der Austausch uns heute in unserem Bemühen um diese Kirche einen Schritt weiter bringt.

1.1 Erinnerung. Wir stehen fast 55 Jahre nach Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils, ungefähr fünf Jahrzehnte nach den verschiedenen Diözesansynoden und viele Jahre nach dem Dialog für Österreich (1997-98), nach der Gründung von Wir sind Kirche (1995), Pfarrerinitiative (2006), Laieninitiative (2009), vom Netzwerk zeitgemäss glauben (2015), in der Schweiz nach den Tagsatzungen, den Perspektiven im Bistum Basel und der Pfarreiinitiative (2012) – usw.

Es ist eine ernste Zeit, deren Zeichen am Himmel nach Deutung und Handeln rufen. Denn es kann ja nicht sein, dass wir die Signale am Himmel für das Wetter zu deuten wissen, die Zeichen der Zeit aber übersehen. Für diese Unfähigkeit haben gemäss der Darstellung des MtEv bereits die Sadduzäer und die Pharisäer von Jesus Schelte bezogen (vgl. Mt 16,1-4). Diese Zeichen übersehen, ja: sie missachten: Das hat die Kirchenleitung in den Jahrzehnten seit dem Konzil durch Jahrzehnte zur Genüge getan. Dabei lautet der Auftrag des Konzils ja noch verbindlicher:

„Zur Erfüllung dieses ihres Auftrags

obliegt der Kirche allzeit die Pflicht [per omne tempus Ecclesiae officium incumbit],

nach den Zeichen der Zeit zu forschen [signa temporum perscrutandi]

und sie im Licht des Evangeliums zu deuten.“ 1)

Dies hat nach Wunsch des Konzils in periodischer Regelmässigkeit zu geschehen: „in einer jeweils einer Generation angemessenen Weise.“ 2) Auch das ist in den seltensten Fällen geschehen.

Auf anderen Kontinenten sind Signale in diese Richtung passiert, etwa in Medellin (1968), Puebla (1979) und Aparecida (2007). Die dortigen Ortskirchen wurden dafür unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. entsprechend abgestraft (anders wird frau oder man die personellen Eingriffe und Behinderungen ja kaum bezeichnen können). Hierorts, in Europa, hat man bekanntlich bereits bei oder nach diversen Diözesansynoden entsprechende Versuche oftmals schon auf lokaler Ebene weitgehend abgewürgt. Das Stichwort „Dialog für Österreich“ kann genügen. Ich gehe davon aus, dass viele unter Ihnen von entsprechenden Erfahrungen erzählen könnten.

 

1.2 Pflichtverletzung. Der Hinweis auf das Konzil soll uns bewusst machen: Wir sprechen hier nicht von versäumten Nebensächlichkeiten. Hier wurde durch Jahrzehnte eine von dieser Kirchenversammlung verordnete Pflicht, wörtlich ein officium per omne tempus, einfach unter oberhirtlicher Duldung – um nicht zu sagen: Förderung – nicht wahrgenommen und damit der Weg der Kirche durch die Zeit in schwerwiegender Weise behindert. Da wir in diesem Zusammenhang von einer materia gravis, also einem schwerwiegenden Sachverhalt sprechen, kann die Sache auch nicht einfach zu den Akten gelegt werden, insbesondere, weil sie vielfach Methode hat – so wie die Auswechslung des vom Konzil erneut forcierten Kirchenbildes und die Nivellierung der Konzilstheologie in einem Weltkatechismus.

Demgegenüber beteuerte Johannes Paul II. anlässlich der Einberufung der ausserordentlichen Bischofsynode 1985:

„Das Zweite Vatikanum [war] immer und zumal in diesen Jahren meines Pontifikats ständiger Bezugspunkt für mein ganzes pastorales Wirken, und ich war bewusst bemüht, seine Weisungen konkret und genau für jede Einzelkirche und die Gesamtkirche anzuwenden.“ 3)

Dass auf jener ausserordentlichen Bischofsynode zwanzig Jahre nach Abschluss des Konzils unter massgeblichem Zutun des damaligen Prof. Walter Kasper – es war noch vor seiner späten Bekehrung im Jahr 2014 – gleichsam über Nacht die so genannte Communio-Ekklesiologie dem Konzilsverständnis der Kirche als Pilgerschaft auf dem Weg vorgesetzt wurde, mag da nicht verwundern. Ich habe nichts gegen „Kirche als Gemeinschaft“, also communio. Aber dieses Kirchenbild hat einen entscheidenden Haken: Es bremst die Dynamik des Unterwegs-Seins aus, welche das Konzil in seine Rede von Kirche eingebaut hatte: „Die Kirche schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin“, heisst es unter wörtlicher Bezugnahme auf Augustinus in der Kirchenkonstitution. 4) Abgesehen von ihrer starken und vielfältigen biblischen Verortung beinhaltet diese Idee Bewegung, auch Veränderung, Anpassung an den Weg, kurz gesagt: Inkulturation unter Beachtung der Zeichen der Zeit. Aber Dynamik war (und ist) ja in der Kirche wenig bis nicht gefragt, lieber Festschreiben des Bisherigen, z. B. in einem neuen Katechismus – auch eine Folge jener Sondersynode 1985.

Es scheint also nicht schwierig, die Spuren der kontinuierlichen Pflichtverletzung gegenüber dem Auftrag des Konzils auf der höheren Verantwortungsebene der Kirche zurück zu verfolgen und zu orten. Die Unbekümmertheit, der Mut und das Gottvertrauen eines Johannes XXIII. fehlt der Kirche an allen Orten. Bischof Franziskus spricht zwar vom „Feldlazarett“ Kirche, aber seine Teams sind nicht bereit, aus diesem Bild, das auch einen Notstand signalisiert, Folgerungen zu ziehen ... Die Krise der mittleren, der bischöflichen Leitungsebene der Kirche kann nicht übersehen werden. Der Zentralismus rächt sich gerade in diesem Bereich mit unmittelbaren Folgen und zugleich sehr nachhaltig. Oftmals hat es den Anschein, dass die Kongregation für die Bischöfe die von Bischof Franziskus des öfteren formulierten Kriterien für den bischöflichen Dienst nicht einmal zur Kenntnis nimmt, geschweige denn beachtet. Die zutage tretende Illoyalität lässt erkennen, dass in der Kirche und in ihrer Verwaltung Notstand herrscht.

„In dieser Stunde der Kirche“ 5) sind wir heute hier versammelt. So hat Julius Döpfner, Erzbischof von München-Freising und einer der Präsidenten des Konzils, die Zeit des Konzils und jene in dessen Folge bezeichnet. Es ist diese, es ist unsere Stunde der Kirche, die zwar durch die Jahrhunderte, aber konkret im Heute lebt und zu leben hat. Niemand kann die Eckwerte einer heutigen Kirchenanalyse beschönigen, auch wenn da und dort neue Flicken aufgenäht werden. Aber brauchte es nicht ein erneuertes Gewand? Brauchte es nicht neue Schläuche, damit der kostbare Wein des Evangeliums nicht unbeachtet daneben ausläuft (vgl. dazu Mk 2,21-22)?

 

1.3 Auslegeordnung. In den Tagen der Vorbereitung ist mir immer wieder der Weg des Paulus in die „Kirche Gottes, die in Korinth ist“ (1 Kor 1,2) in den Sinn gekommen – ein Weg, den er kurz nach seiner Abreise aus Korinth in seinem ersten Schreiben an diese Kirche anfangs der Fünfzigerjahre des 1. Jh. nochmals reflektiert:

„ 1 Und als ich zu euch kam, Schwestern und Brüder,

kam ich nicht im Übermass der Rede oder der Weisheit –

verkündigend euch das Mysterium Gottes.

2 Denn ich habe mich entschieden,

nichts unter euch zu wissen ausser Jesus Christus,

und diesen als Gekreuzigten.

3 Und ich kam in Schwachheit und in Angst und in grossem Zittern zu euch, ...“

Natürlich zugegeben: Hier ist nicht Paulus. Aber zumindest ist hier Kirche. Was mich an dieser autobiographischen Notiz des Paulus bewegt, ist nicht nur seine Bescheidenheit, in die ich mich durchaus gerne einfüge. Entscheidender ist die Auslegeordnung, die Paulus in diesen Sätzen für die korinthische Kirche formuliert und die er – so zeigt seine gesamte erhaltene Korrespondenz – zum Grundprinzip seiner Verkündigung und seiner Pastoral gemacht hat: „nichts unter euch zu wissen ausser Jesus Christus“.

Das gerade ist es, und daran möchte ich heute methodisch und inhaltlich anschliessen. Der Focus auf den menschgewordenen, unter uns Menschen lebenden, gekreuzigten und auferstandenen Kyrios Jesous Christos ist Ausgangspunkt und Mitte aller Überlegungen, die wir über Kirche im Grossen und Kirche vor Ort anstellen können. Das ist so seit früher nachösterlicher Zeit, vor allem Paulus ist in diesem methodischen Ansatz ein Lehrmeister.

Für eine ausführlichere Exegese von 1 Kor 2 reicht es jetzt nicht. Es fällt auf, dass Paulus mit seinem Hinweis auf den gekreuzigten Christus auf das Paradoxon christlichen Glaubens zurückgreift, das er schon zuvor, unmittelbar nach der Eröffnung seines Schreibens, in 1 Kor 1 reflektiert hatte. Ja, der Christus, der endzeitliche Gesalbte Gottes als Gekreuzigter - das ist weder zeitgemäss noch entspricht es irgendeiner menschlichen Logik. Den einen ist das ein „Ärgernis“, den anderen eine „Torheit“, uns aber, den Christinnen und Christen aller Zeiten, Ungeachtet woher wir kommen und wie wir inkulturiert sind, ist dieser Christus „Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1 Kor 1,24, vgl. 1,22-25).

Es darf also einmal angenommen werden, dass die Konturen einer Kirche Gottes sich damals wie heute nicht nahtlos in ihr Umfeld einfügen müssen. Im Gegenteil: Kirche steht genauso quer zum allgemeinen Mainstream gesellschaftlicher Maximen wie dieser Kyrios Jesous Christos, von dem Paulus an anderer Stelle sagt, sein Name, also seine Identität, sei von Gott in der Folge seiner Selbsterniedrigung „bis zum Tod, dem Tod aber am Kreuz“, erhöht und „über allen Namen“ erhoben (Phil 2,8.9), auch wenn sich seine Biographie nur mit einem Rückgriff auf die Weisheit Gottes, nicht jene der Menschen erklären lässt – eine Weisheit, die zwar als Torheit erscheint, aber aufgrund ihrer Rückführung auf Gott noch allemal menschliche Weisheit bei weitem überragt.

 

1.4 Grundsätzlich ist heute diese Christozentrik keine theologische Neuigkeit. Johannes XXIII. hat anlässlich der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils am 25. Dezember 1961 ausdrücklich auf die „einzig notwendige Sache“ der Welt verwiesen und damit das Christusgeschehen zum Thema des Konzils gemacht. 6) In seiner programmatischen Radioansprache einen Monat vor Beginn des Konzils konnte er folgerichtig von Jesus Christus als dem „Licht der Völker“ sprechen 7) und in der Eröffnungsansprache zum Konzil öffentlich bekräftigen: Christus macht „immer noch die Mitte der Geschichte und des Lebens aus.“ 8) Bischof Franziskus hat bereits bei der Eucharistiefeier zum Abschluss des Konklaves, aus dem er als Bischof von Rom hervorging, die Kardinäle mit allem Nachdruck auf diese Perspektive hingewiesen:

„Wir können gehen, wie weit wir wollen,

wir können vieles aufbauen,

aber wenn wir nicht Jesus Christus bekennen, geht die Sache nicht.

Wir werden eine wohltätige NGO, aber nicht die Kirche, die Braut Christi.“ 9)

Seither wird Bischof Franziskus nicht müde, diese Christozentrik der Kirche in „Tat und

Wort“ 10) einzumahnen:

„Die Kirche hat sich manchmal in kleine Dinge einschliessen lassen, in kleine Vorschriften.

Die wichtigste Sache ist aber die erste Botschaft: Jesus Christus hat dich gerettet.“ 11)

Entscheidend bleibt letztendlich der Zugang des Konzils zu dieser Frage: In der Kirchenkonstitution wird Jesus Christus in seiner weltumfassenden Dimension zum Urgrund von Kirche. Der Eröffnungssatz dieses Dokuments beginnt mit einer entsprechenden Grundlegung: „Weil Christus das Licht der Völker ist,“ usw., ergeben sich alle weiteren Überlegungen zum Verständnis von Kirche. [Lumen gentium cum sit Christus, ...]. Diese Verknüpfung ist konstitutiv. Wird sie gelöst, kann im strengen Sinne nicht von Kirche gesprochen werden.

Über die Zeiten wegweisend bleibt erneut der paulinische Zugang: Der Apostel ordnet bereits in seinem ersten Schreiben (jenem an die Kirche von Thessalonichi) die verschiedenen Ortskirchen Gott zu. Dies bleibt für ihn mit einer einzigen Ausnahme (Röm 16,16) gängige Praxis.

Überdies sieht er diese Kirchen „in Christus“ verwirklicht. 12) In diesem Sinn ist in 1 Thess 2,14 von den „Kirchen Gottes, die in Judäa sind, in Christus Jesus“ die Rede. Das bedeutet: Das Christusgeschehen bildet den Ermöglichungsgrund und den letztverbindlichen Referenzpunkt für Kirche-Sein.Dann ist aber ausdrücklich und mit Paulus festzuhalten: Der Kyrios Jesous Christos steht nicht nur am Beginn von Kirche und vor ihrem Anfang. Er bildet auch als entscheidende Referenzperson ihre theologische Grundlage in Orthodoxie und Orthopraxie, in ihrem Selbstverständnis also und in ihrer Glaubenspraxis.

Und dann ist es auch nicht verwunderlich, wenn wir im Blick auf die normative Verankerung weitere Überlegungen genau auf diesen Punkt abheben. Das bedeutet nicht, dass daraus eine Imitation der Jesuszeit und seiner Nachfolgebewegung im Verhältnis 1:1 abgeleitet werden sollte oder dürfte. Aber will Kirche heute und morgen eine Kirche in Jesus Christus bleiben, so muss sie sich in ihren Lebensgrundlagen an den Prinzipien dessen behaften lassen, der ihre Mitte und ihr Ursprung ist, und ihr Leben muss aus den Anfängen von Kirche ableitbar sein. 13) Die Orientierung an diesen Anfängen von Kirche nimmt die normierende Kraft des Christusgeschehens und der geistgeprägten biblischen Überlieferung der ersten Generationen dieser Glaubensgemeinschaft ernst. Aus diesem Grund ist dieser Blick zurück unerlässlich. Er ist nicht beliebig, sondern normativ und hat normierende Konsequenzen. Denn die richtungsweisenden Grundlagen von Kirche finden sich nicht erst in der durch die Jahrhunderte gewachsenen Tradition, sondern in den vom Kyrios Jesous Christos bestimmten und geprägten Anfängen von Kirche.

Damit ist ein notwendiger methodischer Rückbezug an die biblische Botschaft im Sinne einer Norm gebenden Grundlage ausgesagt. Entscheidend ist dabei, dass die Anfänge und die weitere Tradition der Kirche (und damit ihre als normierend verstandene Grundlage) nicht beziehungslos nebeneinander stehen. Das bedeutet keinesfalls, dass beides deckungsgleich sein muss. Aber zumindest erkennbare Linien einer ableitbaren Verbindung der Tradition mit den Anfängen des Christusgeschehens und dessen Bezeugung in den biblischen Schriften sind unverzichtbar. Ohne solche inhaltlichen Verknüpfung und Ableitbarkeit erweist sich die so genannte Tradition ohne biblische Verankerung – was ihre theologische und ihre kirchlich verbindliche Aussagekraft relativiert und reduziert. 14) Gerade im Blick auf das vorliegende Thema ist diese Feststellung unerlässlich. Denn sie zeigt den Sinn und die Notwendigkeit einer auf die Bibel bezogenen Rückfrage und Relektüre.

Eine solche „normative Relektüre“, wie diese Methode umschrieben werden kann, ist als methodisches Prinzip für die Reflexion über Kirche schon in der Apg des Lukas nachzuverfolgen. Besonders in seiner Darstellung des Lebens der Urkirche in Jerusalem, aber auch in der Beschreibung der (vorwiegend paulinischen) Missionstätigkeit verfolgt Lukas nicht in erster Linie ein berichtend-historisches Interesse. Er unterzieht in seinem „Blick zurück“ einzelne Punkte des Lebens der ersten zwei Generationen nach Ostern einer reflektierten Sichtweise. Diese ist „nach vorn“, auf seine Kirche also, ausgerichtet und hat zum Ziel, die Anfänge von Kirche von Ostern her als paradigmatische Wirklichkeit für Kirche auch in seiner Zeit zu präsentieren. 15) Anhand der Stichworte Lehre der Apostel, Gemeinschaft, Teilen, Gebet, Brechen des Brotes – und dies alles in Beharrlichkeit – aus den ersten Sammelberichten lässt sich das gut nachvollziehen (vgl. Apg 2,42-47; 4,32-37; 5,12-16). 16)

Damit möchte ich diesen einführenden und grundlegenden Teil meiner Ausführungen abschliessen. Ich könnte an das zuletzt Gesagte anschliessen und nach der Lebendigkeit von Pfarren anhand der Sammelberichte der Apg fragen. Vermutlich ist Ihnen dieser Zugang bekannt, und daher gehe ich anders vor. Es soll aber zumindest gesagt werden, dass diese Perspektive des Lukas, insbesondere seine fünf Elemente des Gemeindelebens, also Lehre der Apostel, Gemeinschaft, Teilen, Gebet, Brechen des Brotes, alles in Beharrlichkeit, ihre Aktualität nicht verloren haben.

Ich möchte uns kurz in Erinnerung rufen, was wir für das Weitere mitnehmen: Es sind neben den kritischen Anmerkungen zum gegenwärtigen Kirchenbefund vor allem zwei Punkte: Zum einen die uneingeschränkte und unverzichtbare Konzentration auf Jesous-Christos-Kyrios (und zwar bewusst in dieser Dreigestalt der biblischen Christusbezeichnung). Und es ist zum anderen die Überzeugung, dass wir vom biblischen Befund auszugehen haben, an welchen eine sich entwickelnde theologische Tradition – gleichsam als Gegenprobe für ihren Wert – andockbar sein muss. Ist dies nicht möglich, gehört diese Überlieferung nicht zu den Prior-, sondern zu den Posterioritäten für die Bestimmung dessen, was unsere Pfarren als Kirchen vor Ort lebendig erhalten oder machen kann.

Es geht also jetzt um „Lebendige Pfarren“ – womit wir, so mögen Sie vielleicht sagen, endlich beim Thema wären. Natürlich beschränke ich mich auf wesentlich erscheinende Punkte.

 

2 LEBENDIGE PFARREN ALS KIRCHEN VOR ORT

Der Titel dieses Abschnitts zeigt Ihnen bereits, wie ich heutige Pfarren in das Kirchenganze einordne. Ich kehre dazu erneut zu Paulus und zu seinen ersten Brief an die Kirche von Korinth zurück.

 

2.1 Kirche als überschaubar gegliederte Organisationsgrösse. Es ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass ich die Bezeichnung „Kirche“ im Singular und im Plural verwende. Dies ist keine Zufälligkeit, sondern es verdankt sich dem neutestamentlichen Befund. Paulus adressiert zwar sein Schreiben „an die Kirche Gottes, die in Korinth ist“ (1 Kor 1,2), wie er dies z.B. bereits in 1 Thess und auch in 2 Kor tut. Die Pluralanrede in Gal („an die Kirchen Galatiens“) einerseits und die Verwendung des Kirchenbegriffs in Phlm („an die Kirche deines Hauses“) zeigt das vielfältige Verständnis von ekklesia, vor allem aber auch das Strukturprinzip der frühen Ortskirchen, die sich aus mehreren Hauskirchen zusammensetzen und jeweils dort, an ihrem Ort, kirchliches Leben entfalten. Die Kirchen der neutestamentlichen Frühzeit sind nicht top-down, sondern bottom-up organisiert. Die jeweilige Grösse einer Hauskirche folgt vermutlich den örtlichen Vorgaben, sprich: den Möglichkeiten des Versammlungsraumes. Erneut lerne ich aus 1 Kor, dass ein Gemeindemitglied, nämlich Gaius, sein Atrium der ganzen Kirche zur Verfügung stellt, wenn (zu bestimmten Anlässen) sich die ganze Ortskirche (also alle Hauskirchen) gemeinsam versammeln (vgl. 1 Kor 14,23; Röm 16,23). Die Regel ist dies nicht. Der Alltag, der Gottesdienst am Ersten Tag der Woche, geschieht in der Hauskirche, ebenso wie die soziale Sorge untereinander, das Teilen und Mitteilen von „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ im Leben der einzelnen Christinnen und Christen. 17)

Dass dies alles nicht immer so klappt, wie es soll, wissen Sie. Es wäre in der Kritik des Paulus an den korinthischen Kirchen an Parteiungen und Streit nachzulesen, die schon den Briefanfang in 1 Kor 1, weitergeführt in Kap. 3 und sodann 1 Kor 11 bestimmen. Uneinigkeit und Streit sind so gewichtige Störfaktoren, dass Paulus mit schweren Geschütz argumentiert: Er stellt den Missständen in Korinth den dieser Ortskirche längst bekannten Bericht über die „Nacht, in der der Herr Jesus übergeben wurde“ (1 Kor 11,23) gegenüber – beachten Sie bitte: Kein pragmatisches, sondern ein eminent christozentrisches Argument!

Die Kirchenstruktur in dieser Weise ist keinesfalls die einfachste Strukturform, aber sie ist jene, die zur Nachfolgegemeinschaft Jesu und jetzt zur Bekenntnisgemeinschaft um den Kyrios Jesous Christos passt! Denn nur sie ermöglicht unmittelbare Kommunikation untereinander, Sorgfalt und Beziehungspflege.

Unser Kommunikationszeitalter erschliesst uns unzählige Möglichkeiten von scheinbar uneingeschränkten Verständigungsformen. Tempo und Ausmass der Kommunikationsmöglichkeiten bringen den Menschen an die Grenzen seiner Kapazität. Verstehen wir Kommunikation nicht nur als einen Austausch oder eine Vermittlung von Wissen und von Nachrichten, sondern als Möglichkeit ganzheitlicher, also personal-menschlicher Begegnung und eines entsprechenden personal-persönlichen Austausches, so werden wir diesen Befund weit zurückhaltender formulieren. Denn die Kommunikationsentwicklung der letzten Jahrzehnte hat in die zwischenmenschliche Begegnung (und damit in den Alltag) sehr viel Oberflächlichkeit und Routine gebracht.

Die Lehre aus dieser Erfahrung besagt: Wir können den zwischenmenschlichen Kommunikationsradius nicht einfach unter Anwendung technischer Hilfsmittel beliebig ausweiten – weder damit, das ich mit einem modernen Verkehrsmittel die Versammlung einer grösseren Personenzahl zu einer Veranstaltung ermögliche, noch dadurch, dass ich auf Twitter oder Facebook 500 Freunde habe oder sogar noch mehr.

Das gilt auch, wenn ich verschiedene Formen der verbalen und der nonverbalen Kommunikation miteinander verbinde. Als Redner kann ich mit direktem Augenkontakt maximal 50 Personen ansprechen, und die Reichweite regelmässiger menschlicher Kontaktpflege geht über 500 m nicht hinaus. Natürlich gibt es Ausnahmen. Fallweise können Grossevents eine ungeahnte Kommunikationsintensität auslösen, emotionale Phänomene inklusive; aber alltagstauglich sind solche Menschenansammlungen nicht. 18)

Nachhaltige Kommunikation zwischen Menschen kann auf die Dauer nur in einem überschaubaren Rahmen gepflegt werden. Hier geht es jetzt für uns nicht um eindeutige Eckwerte, es geht vielmehr um das Prinzip. Es geht um die Überschaubarkeit, die verschiedene Kommunikationsebenen (und -anlässe) eröffnet und damit eine interpersonale Beziehung an Grundvertrauen und Kennenlernen ermöglicht. Beides sind Voraussetzungen für einen tiefgehenden, den ganzen Menschen erfassenden Austausch. Diese Überschaubarkeit kann ich daher auch nicht irgendwo einfach inszenieren, sondern sie bedarf – wiederum in der Regel – des eigenen vertrauten Lebensraumes, der dafür das herausragende Gefäss abgibt.

Sie merken ja vermutlich, dass ich zwischen den Zeilen bereits von Kirche spreche, von der Kirche, die am Ort lebt. Zumindest exemplarisch kann belegt werden, dass die voranstehenden Überlegungen auch da und dort in die Kirche Eingang gefunden haben. In einem Interview aus dem Jahr 2007 hält Jorge Mario Bergoglio, damals Erzbischof von Buenos Aires, fest:

„Unsere Religionssoziologen sagen uns, dass sich der Einfluss einer Pfarrei auf einen Umkreis von 600 m erstreckt. In Buenos Aires liegen zwischen einer Pfarrei und der nächsten ca. 2000 m. Ich habe den Priestern damals gesagt: ‚Wenn ihr könnt, mietet eine Garage, und wenn ihr den einen oder anderen disponiblen Laien auftreiben könnt, dann lasst ihn nur machen! Er soll sich um diese Leute hier kümmern, ein bisschen Katechese machen, ja, auch die Kommunion spenden, wenn er darum gebeten wird.‘“ 19)

 Wir können auf dieses bemerkenswerte Zitat nochmals zurückkommen. Im Moment soll das Gesagte genügen, um auf eine Revision der vielerorts geplanten Grossraumstrukturen zu dringen. Zwar fehlen uns im biblischen Material viele Detailangaben; der Hinweis auf entsprechende Häuser ist in den neutestamentlichen Schriften jedoch so weit gestreut, dass der entsprechende Befund verallgemeinert werden kann. Die entsprechende Praxis wird nach dem paulinischen Vorgehen in der Paulusschule fortgesetzt. Die Konzentration auf das antike Haus ist in dieser späteren Zeit der frühen Kirche sodann in der Apg belegt. Spuren davon finden sich auch in den synoptischen Aussendungsreden, in denen die Ausgesandten dazu ermahnt werden, in einer neuen Stadt in einem (einzigen) Haus Quartier zu nehmen und von dort aus zu wirken. Dieser überschaubare Rahmen ermöglicht es offensichtlich, die Wesenszüge von Kirche miteinander zu leben.

Gerade wenn nicht nur kontextuelle Gründe dafür massgeblich waren, den Weg von vielen überschaubaren Kircheneinheiten zu wählen, kann nicht davon ausgegangen werden, diese Form kirchlichen Lebens sei geschichtlich überholt. Die zuvor angestellten Überlegungen, die sich der Kommunikations- und sodann der Sozialwissenschaft verdanken, zeigen die zeit-übergreifende Richtigkeit dieser Strategie. Kirche kann also zu jeder Zeit in überschaubarer solidarischer Gemeinschaft die Nachfolge Jesu verwirklichen. Dass diese Strukturform nicht zu Isolation und Abschottung führen darf, sondern auf die Pflege der Katholizität in Solidarität zu achten ist, sei nochmals hervorgehoben. Gerade dort, wo es um zwischenmenschliche Solidarität geht, um teilen und Mitteilen von Trauer und Angst, Hoffnung und Freude, ist diese Überschaubarkeit unverzichtbar.

Ehrliche Kirchenverantwortliche verbrämen die jetzt laufenden Umorganisationen nicht mit beigebrachten theologischen oder soziologischen Argumenten, sondern geben zu, dass es die personale Notsituation sei, die sie zu einem solchen Vorgehen herausfordert. Genau dies ist aber, wenn die richtigen Wertigkeiten der Themen und Argumente eingehalten werden, zu hinterfragen, bzw. als Handlungsgrund zurückzuweisen. Denn die Kirche ist für die Menschen da, und nicht umgekehrt, und das Leben der Kirche ebenfalls, und auch Dienste in der Kirche müssen auf die Kirche und insbesondere auf ihre Mitte hingeordnet sein. Bevor wir uns diesem Aspekt zuwenden, ist eine weitere Grundfrage des Kirchenverständnisses aufzugreifen.

 

2.2 Klerus und Laien oder Volk Gottes. Die Fragestellung hinter dieser Alternative ist bekannt. Gerade im Zuge der Analyse der vielen

Missbrauchsfälle wurde die Klerikalisierung der Kirche kritisch angesprochen. Dass diese Tendenz keinesfalls überwunden ist, könnten ja zahlreiche Beispiele zeigen.

In der Jesusbewegung können wir zwar verschiedene Gruppierungen erkennen, die unterschiedlich zusammengesetzt waren und vielleicht auch verschiedene Schwerpunkte in ihrem Engagement für die Botschaft Jesu kannten. Ich denke z. B. an den Zwölferkreis, darin wieder an den so genannten „Inneren Kreis“ (Petrus, Andreas und die Zebedäussöhne), an andere Jüngerinnen und Jünger, an die Frauengruppe. Petrus einerseits und Maria von Magdala andererseits haben da wohl eine Sonderstellung eingenommen. In der frühen Kirche werden ebenfalls verschiedene Dienste ausgeübt. Die Apg erzählt von einem besonderen Respekt vor den Aposteln. Aber von einer Zweiteilung der Jesusgemeinschaft und sodann der nachösterlichen Bekenntnisgemeinschaft in Dienstträgerinnen und Dienstträger und andere, die etwa noch theoretisch legitimiert worden wäre, kann wohl nicht die Rede sein. Dies kam wohl niemand in den Sinn, und es wurde dafür auch keine Notwendigkeit gesehen. Ein Nachwirken der jüdischen Ordnung von Priester, Leviten und Volk kann jedenfalls nicht wahrgenommen werden, allenfalls die Achtung vor besonderen Kompetenzen wie jenen des Rabbi oder des Schriftgelehrten.

Erst mit der Institutionalisierung eines formellen Priestertums im Zuge der konstantinischen Wende wird eine Entwicklung eingeleitet, die im Laufe der Kirchengeschichte dogmatische Züge annahm, im Kirchenrecht ihren nachhaltigen Niederschlag fand und bis heute andauert.

„Von Anfang an“, muss aber festgehalten werden, „war es nicht so“ (vgl. Mt 19,8). Bekanntlich stand Jesus dem jüdischen Priesterwesen um den Tempel eher reserviert gegenüber; abgesehen vom Hebr bleibt das in neutestamentlicher Zeit auch so. Allerdings wirken in der Folge unfassbare Missverständnisse ineinander. So wird eine Passage in 1 Klem 40 anfangs des 2. Jh. krass fehlgedeutet und die dort auf die jüdische Religion bezogene Unterscheidung zwischen Laien und Klerus kontinuierlich auf die christliche Kirchenstruktur übertragen. 20) Hand in Hand damit wird in der früheuropäischen Kirchentradition der entstehende Kultpriester auf die im Neuen Testament verwendete Bezeichnung presbyteros übertragen, obwohl diese so genannten „Ältesten“ im Judentum die Repräsentanten der nicht im Kult Beschäftigten, also wenn Sie so wollen: der Laien sind. Genaueres kann bei Herbert Haag bereits seit ungefähr 20 Jahren nachgelesen werden. 21) Bis heute wurden diese Fehlentwicklungen nicht richtig gestellt; statt dessen wurde ein entsprechendes Verständnis noch theologisch überhöht. Leider konnte sich auch das letzte Konzil dieser Tendenz nicht entgegenstellen.

Das frühe Christentum kennt keine Kleriker und keine Laiinnen oder Laien. Was die Würde der Christin und des Christen ausmacht, ist seine Taufe. In diesem Initialgeschehen wird der Mensch hineingetauft in den einen Leib Christi (um wiederum Paulus gegenüber der Kirche von Korinth anzusprechen (1 Kor 12,13). Es ist dieser Vorgang, zu recht allmählich grundlegend und ein Sakrament geworden, der Entscheidendes für den Menschen und für die Kirche auslöst: Eingliederung in das Volk Gottes, Zuordnung unter den Namen Jesu, bzw. des dreifaltigen Gottes im Sinne eines familiär gedachten Verhältnisses als Tochter und Sohn Gottes und als Geschwister Jesu Christi und untereinander, darin befähigt, am Tisch des Brotes mitzufeiern, in diesem Sinn also eine Neugeburt in der Kraft des Geistes, und zwar so intensiv, dass Paulus von einer „Tränkung mit dem Geist“ sprechen kann (1 Kor 12,3) und gerade darin die Befähigung zum Zeugnis und zum Bekenntnis des einen Kyrios Jesous Christos erkennt (vgl. 1 Kor 1,3; 12,3 u. ö.), weil in der Taufe die Heiligung und Erwählung des Menschen in und durch Christus Jesus geschieht. Sie haben mitherausgehört, dass die paulinische Sichtweise mit dem gesamten neutestamentlichen Befund verschmilzt. Ich verzichte darauf, jetzt Einzelbelege für eine umfassende Tauftheologie aufzulisten - obwohl eine solche grundlegende theologische Reflexion mehr denn je nötig wäre.

Denn dieses Selbstverständnis über die Würde unserer Taufe fehlt weitgehend, und wenn es in der Glaubenstheorie vorhanden ist, schlägt es nicht in die Praxis von Kirche am Ort, also Pfarre, durch. Demgegenüber ist die unselige Rede von Laiinnen und Laien scheinbar nicht überwindbar. Auf allen Ebenen der Kirche suggeriert sie eine Zweiteilung, die sich in der Zuweisung von Kompetenzen unredlich spiegelt, weil sie dafür zum ausschliessenden Argument wird. Kirche am Ort kann nur in einer Gemeinschaft leben, in der alle sich auf gleicher Ebene verstehen, ungeachtet verschiedener und unterschiedlicher Dienste, die ihnen übertragen sind.

Als letztes zu diesem Thema halte ich fest: Die gerne vorgenommene Bezugsetzung zu einem „allgemeinen Priestertum der Gläubigen“ taugt nicht für eine Verbindung von Klerus und Laien, und dies vornehmlich aus zwei Gründen: Erstens ist die biblische Bezugsbasis mit maximal vier Belegen in 1 Petr und Offb, in denen diese Wendung im metaphorischen Sinn aus der jüdischen Sprachwelt entlehnt ist, zu schmal und zu wenig tiefgreifend, um für die Entwicklung dieser Vorstellung als Grundlage zu dienen. Vor allem zweitens, weil im Zeugnis des Neuen Testaments über das Wirken Jesu keine Spur dafür zu erkennen ist, dass Jesus von Nazaret seine Nachfolgegemeinschaft auch nur in die Nähe eines priesterlichen Selbstverständnisses – und sei es auch nur im bildhaften und übertragenen Sinn – führen wollte.

Sinnvollerweise sollte frau oder man auf diese irreführende Ausdrucksweise in der Kirche verzichten. Es wäre gut, könnten wir unsere Pfarren als Volk Gottes auf dem Pilgerweg (im Sinne der Kirchenkonstitution Art. 9, siehe oben) verstehen, das sich aus getauften Menschen zusammensetzt; als ein Volk, das zugleich einladend offene Ränder hat, das unterwegs ist, wobei einige vorauseilen, andere hinten bleiben, die dritten am Wegrand kürzer oder länger rasten, um dann weiterzugehen; als eine Weggemeinschaft, die einander im Alltag beisteht und dabei Gutes wie weniger Gutes miteinander aushält und teilt, die also solidarisch ist, wie es der absolut unverzichtbare Anfangssatz der Pastoralkonstitution für die Jüngerinnen und Jünger Christi behauptet; als eine um ihre Überzeugungsmitte verschworene und darin zusammengehaltene Gemeinschaft, die vor allem durch ihr Handeln und weniger durch programmatische Reden in ihrem Umfeld glaubhaft Zeugnis geben kann „von der Hoffnung, die sie beseelt“ (1 Petr 3,15), eben dass dieser Kyrios Jesous Christos für sie das personalisierte Zeichen des Heils Gottes, sein Wurzelsakrament ist und sie ihm in allen Menschen, besonders in den Marginalisierten, den Armen und Bedrängten aller Art, begegnen können und dies auch wollen.

Etwa in diesem Sinn geschieht zukunftsfähige, glaubwürdige, heilbringende Kirche vor Ort. Wer darin einen Dienst ausübt, ist doppelt darin gefordert, diese Vision in ihrem oder seinem Verantwortungsbereich zu fördern, mitzutragen und umzusetzen. Aufgabe der Leitungsorgane mit einem grösseren Aktionsradius über eine oder mehrere Pfarren hinaus ist es dann, dieses Bemühen zu fördern, zu vernetzen, allenfalls die fallweise oder kontinuierlich notwendige Solidarität zwischen den Pfarren anzumahnen und zu begünstigen und dafür Sorge zu tragen, dass der Blick über den Tellerrand der Kirche vor Ort nicht verstellt wird. Ohne Zweifel ist es auch Aufgabe der Verantwortungsträger auf pfarrlicher und vorgelagerter Ebene, die Ecken und Kanten der Botschaft und des Wirkens Jesu in der Gesellschaft nicht untergehen zu lassen, sich quer zu stellen und gegen den Trend zu handeln, wenn es die eigene Überzeugung erforderlich macht, sowie jenen zu wehren, die sich unter dem vermeintlichen Deckmantel als „christlich“ bezeichneter Werte dieser Überzeugungsgemeinschaft nähern wollen oder die trotz ihrer Leitungsverantwortung dazu schweigen.

Sie merken: Wir nehmen Fahrt auf und es wird deutlich, dass es hier nicht darum gehen kann, das „wie bisher“ zu legitimieren oder zu sanktionieren. „In dieser Stunde der Kirche“ stehen wir vor einem höchst fälligen Paradigmenwechsel, der Vieles auf den Kopf stellen und aus der bisherigen Ordnung bringen wird. Methodisch mag das ein Ausdruck von Ungeduld angesichts einer vielfach fehlenden Dynamik sein. 22) Vor allem ist es die Konsequenz einer unerschrockenen Besinnung auf eben diese Mitte Jesous Christos Kyrios in einer Zeit, die so markante Zeichen setzt, dass ein „einfach weiter so“ nicht zu verantworten ist. Die vielleicht sich regende Frage: „Ja dürfen wir das?“ kann getrost und vollumfänglich bejaht werden. Es empfiehlt sich statt dessen der ungetrübte Blick auf die Vorrangigkeiten im Leben, im Sterben und im Auferstehen Jesu von Nazaret.

 

2.3 „wie ich euch ...“

An dieser Stelle wäre es wohl geboten, eine das Zeugnis der Evangelien umfassende Sicht auf Jesus von Nazaret, den österlichen Christus und Kyrios, zu entwerfen. Das werde ich jetzt nicht versuchen. Ich beschränke mich auf wenige Hinweise, die für mein Verständnis wegleitend sind, und ich überlasse es Ihnen und Ihrer theologisch-spirituellen Kompetenz, die verbleibenden Lehrstellen mit entsprechenden Details aus den Jesusgeschichten der Evangelien aufzufüllen.

In der Darstellung der Evangelien begegnet uns zweimal im Wort Jesu eine explizite Verknüpfung seines Handelns mit dem Imperativ an die Jüngerinnen und Jünger, es ihm gleich zu tun. Darin wird der Nachfolgegemeinschaft die Persönlichkeit Jesu und seine Eigenart als Vorbild für eine Lebensorientierung vorgestellt. In beiden Fällen ist das entsprechende Jesuswort mit einem markanten „wie ich euch“ charakterisiert. Das impliziert, dass die Gemeinschaft um Jesus selbst, also an eigener Haut, erlebt hat, was aus der Sicht der Evangelien Jesus von diesen Menschen im Blick auf ihr Leben in einer nachösterlichen Kirche erwartet. Beide Sätze stehen im Johannesevangelium, die darin gesetzten Schwerpunkte lassen sich über die markante Formulierung hinaus zur Genüge in den synoptischen Evangelien verifizieren, sodass zurecht von einem Gesamtbefund der Evangelien gesprochen werden kann. Beide Weisungen sind im Kontext des letzten Mahles formuliert, erhalten also durch diese Plazierung eine gewisse Dringlichkeit und Verbindlichkeit.

(1) Im Anschluss an die Fusswaschung formuliert der vierte Evangelist eine Belehrung Jesu an die Jüngerinnen und Jünger, in der diese zeichenhafte Handlung gedeutet und in das Leben der Nachfolgegemeinschaft eingeordnet wird: Ungeachtet dass ich der Kyrios und Lehrer bin, habe ich euch die Füsse gewaschen. Wenn ich dies getan habe, sollt ihr ebenso handeln. Und dann wörtlich: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit, wie ich euch getan habe, ihr einander tut“ (Joh 13,15).

Die in Mk 10 (und sodann in den synoptischen Parallelen) überlieferte Belehrung über den Vorrang des Dienens kann als Auslegeordnung für diese Zeichenhandlung und für dieses Deutewort herangezogen werden. Die Priorität des Dienstes ist unverzichtbar, weil von Jesus vorgelebt und vorgestorben. Frau oder man kann sie auch nicht in einen Optativ abschwächen (Mk 10,43: „Bei euch aber soll es nicht so sein“), wie es bezeichnenderweise im Anschluss an die spätere Mt-Parallelle (Mt 20,26) 23) in fast allen gängigen Bibelübersetzungen bis zum heutigen Tag geschieht (revidierte EÜ eingeschlossen, ausgenommen revidierte Lutherbibel: „Aber so ist es unter euch nicht“), während der Urtext in Mk 10,43 die Negation im Indikativ betont an den Satzbeginn stellt: „Nicht ist es so unter euch.“

Die Nachfolgegemeinschaft Jesu ist eine Dienstgemeinschaft – oder sie ist keine Jesusgemeinschaft. Bezeichnenderweise leitet sich der Begriff „Amt“ unter anderem vom mittelhochdeutsche andbahti ab, und das bedeutet „Dienst“. 24) Trotzdem – oder gerade deswegen nennt diese Gemeinschaft ihre Leitperson Jesous Christos Kyrios. Daran ist – gegen den Trend – auch festzuhalten, weil dieser Kyrios gleichsam wie ein personifiziertes Programm dafür steht, dass Herr-Sein in dieser Kirche anders abläuft als in der Welt und daher nur glaubwürdig ist, wenn es aus einer dienenden Grundhaltung heraus gelebt wird. Es hat ja den Anschein, als versuche der gegenwärtige Bischof von Rom seit fünf Jahren, uns dies vorzuleben. „Die wahre Macht ist der Dienst“ – so O-Ton Bischof Franziskus im Mai 2013. 25)

Denn diese Weisung, einander zu dienen, gilt auf allen Ebenen von Kirche und für alle Menschen in der Kirche. Darin sind zahlreiche zwischenmenschliche Verhaltensweisen miteingeschlossen, die ich im Einzelnen nicht benennen muss. Vorweg fällt auf, dass so gewichtige Themen wie Option für die Armen, Solidarität, Vertrauen, Demut, Selbstbescheidung, Ermutigung u. ä. mit der eingeforderten Verhaltensweise artverwandt sind. Ich lade Sie ein, das Leben in der Kirche am Ort und darüber hinaus einmal unter dieser Perspektive vor ihrem geistigen Auge ablaufen zu lassen. Der Handlungsbedarf wird nicht ausbleiben.

Vielleicht könnten wir auch in diesem Bereich als einen ersten Schritt unsere Sprechweise modifizieren. Ein „Amt“ in der Kirche gibt es streng genommen nicht. Es gibt verschiedene Dienste auf den verschiedenen Ebenen von Kirche. Alles andere geht am biblischen Zeugnis vorbei. Hier und in anderen Bereichen gilt: Sage mir, wie du sprichst, und ich sage dir, wie Du denkst. Unsere Sprache verrät uns!


(2) Ebenfalls in Joh 13 formuliert der Evangelist im Munde Jesu sozusagen einen testamentarischen Rückblick auf dessen gesamtes Wirken, erneut gefasst in eine grundsätzliche Weisung:


„34 Liebt einander. Wie ich euch geliebt habe, liebt auch ihr einander. 35 Darin sollen alle erkennen, dass ihr meine Jüngerinnen und Jünger seid: Wenn ihr Liebe habt zueinander.“ (Joh 13,34-35).

Liebe also als verkündigendes Zeugnis in der Welt. Auch hier ist zu sagen: Diese Weisung hat viele Schwestern, angefangen mit der Barmherzigkeit, der Treue und der Selbstlosigkeit. Die Weisung ist eine Summe jesuanischer Identität und schliesst das gesamte Leben ein.

Beide unter dieser Wendung „wie ich euch“ genannten Bezugspunkte scheinen wie eine Kurzformel christlicher Ethik und Gottesbeziehung – ja auch Gottesbeziehung, kommt doch darin das so genannte „achte Sakrament“ sehr deutlich in den Blick, das im Gleichnis vom Endgericht in Mt 25 entwickelt ist; Christusbegegnung im bedrängten Menschen aller Art. Beide Weisungen erschliessen die dahinter stehende proexistente Grundhaltung Jesu. Sie lässt sich auf die in der Bibel kontinuierlich bezeugte Proexistenz Gottes zurückführen – ein Schlüsselbegriff jeder biblisch fundierten Rede über Gott und/oder das Christusgeschehen. All das ist nicht massgebend für bloss einen Augenblick, sondern gilt als grundlegend für das gesamte Leben. Daher sind diese Eckpunkte auch nicht von einer bestimmten Zahl oder Grösse bestimmt, sondern von der Masslosigkeit der Liebe, eben „überströmend“: Denn nicht mehr siebenmal muss ich verzeihen, sondern 70 mal 7mal – was dann in der jesuanischen Mathematik nicht 490mal ergibt, sondern heisst: ohne jedwede Grenze (vgl. Mt 18,21-22). Das Mass Gottes ist das Übermass, das Mass der Liebe ist die Masslosigkeit: Das eine ist es, solche Sätze auszusprechen. Aber wir wissen: Noch etwas anderes ist es, sie zu leben.

Nach meiner Überzeugung, die auf dem Befund der Evangelien beruht, können wir mit diesen beiden Bezugsetzungen zur Person Jesu und seinem Wirken auskommen. Natürlich müssen wir sie da und dort anreichern. Bauen wir das Leben von Kirche am Ort auf diesen zwei Grundsätzen auf, nämlich einer kontinuierlichen Bereitschaft zu Dienst und Liebe, und stellen wir dies immer wieder in Beziehung zur biblischen Botschaft und zum Kyrios Jesous Christos als deren Verkörperung, so ergeben sich vermutlich die meisten Handlungs- und Lebensstrategien von selbst. Dann könnte es auch möglich sein, dass wir uns mehr und mehr als Gemeinschaft erfahren, die gemeinsam, eben als Volk Gottes, das Leben meistern will und dabei aufeinander Rücksicht nimmt, ja mehr noch: dazu Hilfestellung anbietet und gibt.

Wo dies möglich ist und im Alltag mehr und mehr erfahren wird, wo das Bewusstsein um sich greift, dass „das Auge nicht zur Hand sagen kann: Ich brauche dich nicht“ (1 Kor 12,21), da mag die Bereitschaft und das Drängen wachsen, diese Gemeinschaft auch zu feiern und im Gottesdienst erfahrbar, erlebbar zu machen. Davon muss im letzten Abschnitt meiner Überlegungen die Rede sein.

 

3 PFARRE INITIATIV

3.1 Vorüberlegungen. Natürlich kann dies in verschiedenen Formen geschehen und geschieht es auch. Aber wir alle wissen: Gerade in diesem Bereich sind in den vergangenen Jahrzehnten unverantwortbare Versäumnisse passiert, weil die Not nicht gesehen und die Zeichen der Zeit nicht wahrgenommen und gedeutet wurden. Zwar wird das Lehramt nicht müde, die Eucharistiefeier als die Hochform des Gottesdienstes zu bezeichnen, aber die Leitungsverantwortlichen versagen die Wege, um in den Pfarren das Mahl am ersten Tag der Woche regelmässig zu ermöglichen. Die Kirche verliert sich in Zweitrangigkeiten mit erstaunlich hoher Regelungsdichte und verstellt damit den Blick und den Zugang zur lebendigen Christusbegegnung, eben der Mitte dieser Kirche. Logisch gesprochen, wäre dies ein Widerspruch. Theologisch gesprochen, ist es ein Unrecht und Ärgernis. Dass es dazu gekommen ist, resultiert aus einer kontinuierlichen Pflichtverletzung der Kirchenleitungen mindestens seit dem Konzil – ich habe darüber bereits gesprochen.

Unrecht und Pflichtversäumnis sind nicht nur zu beklagen, sie müssen beseitigt werden. Dafür genügen Worte nicht mehr: Geredet wurde immer wieder und zu viel. Argumente (wie z.B. jene gegen die Frauenordination) gewinnen nicht an Überzeugungskraft, wenn sie durch Jahrzehnte mit konstanter Regelmässigkeit wiederholt werden – von 1976 bis 2018. Das Gegenteil ist der Fall: Geduld und Goodwill werden strapaziert, zugleich werden die Erwartungshaltungen minimiert. Wir freuen uns ja schon darüber, wenn ein Bischof die Möglichkeit eines Frauendiakonats erwägen kann und für vorstellbar hält und ein anderer zugibt, die Ehelosigkeit der Priester sei nicht in Stein gemeisselt und frau oder man könne darüber nachdenken – freilich nicht in unmittelbarer Zukunft.

Aber die Zeit läuft, und es ist nicht einmal mehr fünf vor Zwölf. Zu spät sei es, schrieb der Altabt von Einsiedeln, Martin Werlen vor wenigen Monaten. Es sei bereits nach Zwölf. 26) Wer von Ihnen direkt in der Pfarrarbeit steht, wird das vermutlich bestätigen. Auch die oftmals gestellte Frage, wieso Bischöfe angesichts der pastoralen Notlagen überhaupt noch schlafen können, ist zu wenig. Denn diese Frage drückt Verantwortung, Mitverantwortung aus, und diese muss sich konkretisieren. „Der Worte sind genug gewechselt“ könnte frau oder man mit Johann Wolfgang von Goethe sagen. 27)

Was heute angesagt ist, ist Handeln. Von Komplimenten kann ja (mit Goethe) im Augenblick nicht die Rede sein, wohl aber von etwas Nützlichem, das geschehen sollte. Ich möchte versuchen, dazu Schritte und Argumentationslinien aufzuzeigen. Wenn Sie so wollen, können Sie die bisherigen Ausführungen als Hinführung, als (etwas lang geratene), aber notwendige Vorrede zu diesem Abschnitt verstehen. Denn wenn es jetzt konkret darum geht, wie eine Pfarre als Kirche vor Ort leben kann, darf dies nicht nur aus der pastoralen Schieflage und einem damit verbundenen Pragmatismus abgeleitet werden. Verantwortbar ist es nur, wenn es theologisch verankert werden kann.

 3.2 Pfarre – der Leib Christi vor Ort. Das noch immer tauglichste Bild, um den Lebensprozess von Kirche abzubilden, ist die Rede vom Leib Christi, die Paulus gegenüber der Kirche von Korinth in die christliche Theologie eingeführt hat (vgl. 1 Kor 12,1-30). Es ist kein Zufall, dass dieses Bild mit der Bekräftigung der Geistbegabung für das Christusbekenntnis beginnt (1 Kor 12,3: „Niemand kann sagen: Kyrios Jesous, ausser sie oder er sprechen in heiligem Geist“), auch kein Zufall, dass in der Folge die Vielfalt der Gnadengaben als freie Zuweisungen des Geistes umschrieben werden (1 Kor 12,11 und 12,7). Der Kern der paulinischen Unterweisung setzt sich mit dem Entstehen dieses Leibes als Gemeinschaft der Getauften auseinander, die darin, wiederum erfüllt (wörtlich: „getränkt“, siehe 1 Kor 12,13) mit dem Geist, eben „den Christus“ darstellen (1 Kor 12,12). Aus dieser pneumatischen Christusrepräsentanz erwächst Verantwortung und Ermächtigung für die einzelnen Getauften. Darüber, dass wir diese fundamentale Dimension unseres Getauft-Seins zurückgewinnen müssen, habe ich bereits gesprochen. Dieses Bewusstsein und die uns gemeinsame Überzeugung unserer Geistbegabung und der entsprechenden Ermächtigung (vgl. diese Formulierung in Joh 1,12) aufgrund der Taufe halte ich für die unverzichtbare Voraussetzung für jedes weitere verantwortbare Handeln. Paulus dekliniert in der Folge das Funktionieren dieses Leibes im Zusammenspiel der einzelnen Organe (1 Kor 12,14-27), und lenkt unsere Aufmerksamkeit schliesslich auf die Vielfalt der Aufgaben und Dienste, die zum Gelingen der Lebendigkeit dieses Organismus beitragen (1 Kor 12,28-30). Es ist zu einfach und in der Sache unbegründet, die paulinische Vorstellung in ihrer Bedeutung mit dem Hinweis auszuhebeln, diese von Gnadengaben geprägte Struktur sei durch eine so genannte Amtsstruktur der Kirche überholt worden. Jedenfalls lässt es sich aus dem Text von 1 Kor nicht ableiten. Überdies setzte es voraus, dass sich der Charakter der Taufe seit der Frühzeit der Kirche grundlegend verändert hätte.

Die Kirche in jeder denkbaren Grösse, auch jene kleine vor Ort, lebt als Leib Christi. Sie ist nicht als Filiale zu denken, sondern als umfassende Kirchenwirklichkeit. Sie ist darin auf die Gnadengaben angewiesen, die in ihr lebendig sind und die für den Gemeindeaufbau und das Gemeindeleben herangezogen, also in Dienst genommen werden können. Das Modell für diesen Vorgang können wir in der Wahl der Sieben (Apg 6,1-6) nachlesen, und es lässt sich anhand dieser Erzählung des Lukas formalisieren:

  • Ausgangspunkt ist eine Bestandsaufnahme der Notwendigkeiten der Kirche vor Ort.

  • Als zweiter Schritt folgt die Feststellung der in dieser Kirche vorhandenen Gnadengaben, die es zu wecken, zu fördern, vielleicht auch zu bilden und zu vertiefen gilt. Ich verzichte darauf, jetzt erneut zu begründen, warum dies „ohne Einschränkung durch Geschlecht und Lebensstand“ und unter ausschliesslicher Berücksichtigung von menschlicher und sachbezogener Kompetenz (also von Gnadengaben) geschehen muss. 28) Anhand einer vorgedachten Vision von lebendiger Pfarre ist zu überprüfen, ob zentrale Bereiche des Lebens von Kirche auf diese Weise nicht abgedeckt werden können. In diesem Fall ist die Solidarität des umliegenden kirchlichen Raums zu aktivieren, oder es sind andere Lösungen, zumindest Zwischenlösungen zu entwickeln. [„Zwischenlösungen“ deshalb, weil ein Tourismus der Dienste den zwischenmenschlichen und gemeindlichen Beziehungsaufbau stört und möglichst zu vermeiden ist].

  • Sofern in einer Pfarre eine Bezugs- oder Leitungsperson oder ein entsprechendes Team vorhanden ist, liegt dort die Verantwortung für dieses Vorgehen. Der Prozess selbst hat synodalen Charakter, das heisst: Er geschieht unter möglichst breiter Miteinbeziehung der Menschen, die vor Ort als Leib Christi leben wollen, und aller Menschen guten Willens (Sie erinnern sich an meine frühere Bemerkung von den „offenen Rändern“ von Kirche). All das bedeutet auch:

Dies ist nicht von Heute auf Morgen möglich, es ist ein gemeinsamer Weg. Die eine Pfarre wird schneller vorankommen, eine andere langsamer. Das tut nichts zur Sache, solange wir unterwegs bleiben. Sollten sich Kirchenleitungen darin engagieren wollen, so müssen sie sich mit der subsidiären Hilfestellung begnügen. Es werden sicher mehr Aufgaben und Dienste ihre Konturen gewinnen als wir heute haben, und sie werden sicher in den einzelnen Kirchen vor Ort verschieden sein. Aber eben: Da war doch bei Paulus von der Vielfalt der Gnadengaben die Rede.

  • Der Tag, an dem all dies zu einem guten Ergebnis kommt, wird in dieser Pfarre ein Fest sein, eine Hoch-Zeit für diese Kirche vor Ort, mit Martin Gutl könnte ich sagen: „ein Fest ohne Ende.“ 29) Natürlich müssen all die als notwendig erkannten Dienste auch in Dienst genommen, also beauftragt werden. Das kann nüchtern, aber lieber eher feierlich und im Gottesdienst geschehen. Mit wenigen Ausnahmen sind Ihnen kaum Grenzen gesetzt. Wer sollte es Ihnen verbieten, einer Person das Evangelienbuch oder die Hände aufzulegen, oder andere Gesten in einer liturgischen Feier zu setzen. Nur weil es allenfalls in keinem Rituale steht und unüblich ist, ist es nicht verboten.

Auf den oberhirtlichen Rüffel, der allenfalls folgt, kann frau oder man mit einer Gegenfrage kontern: Wo wart Ihr, als wir nach Wegen suchten, um unserer Pfarre Leben zu geben und sie dafür aufzustellen? Und warum habt Ihr bei Bischof Franziskus nicht gestürmt, um hier Änderungen voranzubringen? Denn soweit ich dies sehe, ist nur Erwin Kräutler beim Bischof von Rom diesbezüglich vorstellig geworden. So wurde eine entsprechende Kommission eingesetzt, und es wird sich zeigen, welches Ergebnis die Sondersynode über Amazonien im kommenden Jahr bringen wird. Dieser eine Bischof hat es jedenfalls versucht. Und die anderen unzählig vielen Bischöfe? – Es ist eine sie alle beschämende Frage.

Zusätzlich muss das alte und hartnäckige, natürlich gerne gepflegte Missverständnis ausgeräumt werden, dass Katholizität mit Einheitlichkeit gleichzusetzen ist.

  • Die Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit der Zusammensetzung der Tätigkeiten in den Pfarren, dieses jeweils konkreten Leibes, muss periodisch anhand der Wachsamkeit für die sich auch verändernden „Zeichen der Zeit“ überprüft werden, wie es das Konzil vorsieht (siehe oben). Deshalb ist es überlegenswert; entsprechende Beauftragungen für bestimmte Zeiträume auszusprechen und dann jeweils weiterzusehen.

  • Nicht nur an diesem grossen Fest, sondern regelmässig muss sich die Pfarre auf ihre Grundlagen besinnen. Sie darf im zwischenmenschlichen Umgang untereinander und nach aussen das zweifache „wie ich euch“ in der ganzen damit verbundenen Variationsbreite nicht vergessen, sie muss es in der Liturgie feiernd erlebbar machen und sie muss bekennen, was sie selbst ist: Leib Christi.


3.3 Den Leib Christi feiern.
Deutlicher und verpflichtender als uns oftmals bewusst ist, hat Paulus die Wirklichkeit von Taufe und Eucharistie miteinander verknüpft. Was Paulus in 1 Kor 12 über die Taufe sagt, ist ohne sein in Kapitel 10 dargelegtes Verständnis des Herrenmahls nicht möglich. Dahinter steht auch nicht einfach nur theologisches Wunschdenken. Wie die zwei Brennpunkte einer Ellipse sind Taufe und Herrenmahl aufeinander verwiesen, so dass das eine ohne das andere zumindest theologisch Fragment bleibt. Die eucharistische Aushungerung der Pfarren durch Jahrzehnte ist ein schwerwiegendes Ärgernis, das nicht weiter hingenommen werden darf.

Wir haben alle möglichen Ersatzlösungen miterlebt. Dass die Grossraumpfarre (oder wie immer das Gebilde benannt sein möge) dem biblischen Kirchenverständnis und einer sinnvollen Beziehungspastoral zuwiderläuft, habe ich schon ausgeführt. Die heute vorgenommenen Mehrfachbesetzungen sind für alle Mitarbeitenden in der Pastoral eine menschenverachtende Zumutung. Sie können nicht zu einem ausgeglichenen Realzustand führen, sondern setzen Namen als Platzhalter, um die zunehmenden Leerstellen im Personalbereich zu verdecken. In zunehmendem Masse wird auch in Europa die Praxis vieler Missionsgebiete übernommen, anstelle von Eucharistiefeiern Wortgottesdienste mit Kommunionfeier zu halten. Es ist erschreckend, wie wenig Sensibilität dabei für eine aufgeschlossene Theologie der Eucharistie erkennbar ist – so als wäre es ausreichend, einfach die früher einmal konsekrierten Hostien an die Menschen zu verteilen. Dabei wir eine unverantwortliche Verkümmerung des Verständnisses der Herrenmahlfeier in Kauf genommen, in der sich doch die versammelte Gemeinde selbst als Leib Christi erfahren soll und dafür in der Begegnung mit dem auferstandenen und erhöhten Kyrios in seinem Wort und am Tisch des Brotes neu alimentiert, also gestärkt wird – ganz zu schweigen davon, dass diese Gottesdienstform nicht wagt, die Bedeutung des Wortes Gottes für sich zum Ausdruck zu bringen, sondern meint, die Wortgottesfeier noch mit einer Kommunion sozusagen vom „Beistelltischchen“ ergänzen zu müssen. 30)

All das letztendlich nur deswegen, weil die kirchendisziplinäre Frage, wer eine Herrenmahlfeier leiten kann, zwar durch Vorschriften und Überzeugungen geregelt ist, die menschlichen Rechts und höchstens halb so alt sind wie die Kirche selbst, denen aber trotzdem mit grosser Beharrlichkeit und abseits jeder Dynamik der Vorrang gegenüber der regelmässigen Feier der personalen Mitte von Kirche eingeräumt wird. Das legt nicht die Tugend der perseverantia, der Beharrlichkeit, offen, sondern ihr Gegenteil, die Verstockung.

Meines Erachtens kann das nicht hingenommen werden.

  • Wenn die Kirche in ihren Leitungsorganen nachweislich durch Jahrzehnte ihre vom Konzil auferlegten Pflichten nicht wahrnimmt,

  • Wenn sie in ihrem Verständnis des so genannten „Amtes“ Ungerechtigkeiten und die Verletzung der gleichen Würde aller Menschen zulässt,

  • Wenn sie nicht nach ihrer eigenen Rechtsordnung agiert, wonach das Heil der Seelen das höchste Rechtsgut ist, sondern menschlich gesetzte Vorschriften diesem Anspruch vorzieht,

  • Wenn sie den zentralen Charakter der christozentrischen Mitte der Kirchen vor Ort missachtet und aufgrund zweitrangiger Rechtssetzung die Kirchen vor Ort in ihrer Lebens- und Glaubensentfaltung behindert,
  • Wenn sie in der Entwicklung von Strukturformen am biblischen Befund vorbei geht, das Kirchenbild des Konzil vernachlässigt und darin theologisches Unrecht setzt, und

  • wenn sie dies kontinuierlich, durch Jahrzehnte, trotz hörbarem Einspruch der Getauften tut,

  • dann muss das Volk Gottes, das aufgrund seiner in der Taufe geschenkten Geistbegabung „inseiner Gesamtheit nicht irren kann“ 31) , selbst handeln. Zwar sieht das Konzil die Handlungseinheit mit den Bischöfen vor. Wenn sich letztere jedoch kontinuierlich verweigern, sind zusätzliche Überlegungen anzustellen.

3.4 Handeln in Verantwortung. Ich habe in meinen Ausführungen mehrfach von Notstand gesprochen, auch von latenter Pflichtverletzung. Dabei geht es weniger um Schuldzuweisung als um die Beschreibung des Ist-Zustands. Wenn das Volk Gottes keine Führung erfährt, oder konkreter: Wenn die mittlere Führungsebene ihre Loyalität gegenüber dem Bischof von Rom und gegenüber dem anvertrauten Volk Gottes zögernd, mangelhaft bis gar nicht wahrnimmt, müssen Notstandsregelungen überlegt werden. Das schnell auftauchende Wort „Ungehorsam“ kann getrost zurückgewiesen werden. Ich würde eher von der notwendigen Wahrnehmung von Verantwortung sprechen, die andernorts brach liegt. Im Übrigen sei daran erinnert, das Kardinal König bereits in der Vorbereitungsphase zum Konzil die Auffassung vertreten hat, es seien bei einer Disziplinlosigkeit nicht nur jene anzuprangern, die sie begehen, sondern auch jene, die durch ihr Verhalten dazu verleitet haben. 32)

Dieser Imperativ zum Handeln entspringt also der Überzeugung, dass wir als Getaufte mit der dynamischen Kraft des Geistes ausgestattet wurden – ich habe darüber gesprochen. Voraussetzung des Handelns ist ein ausdrücklicher diesbezüglicher Konsens, den wir z. B. in einer Pfarre oder einer anderen Gruppierung in möglichst breitem Masse herbeiführen und einsichtig machen müssen. Aus dieser Überzeugung heraus können wir dann Menschen, die wir dafür bewährt und dazu fähig halten, einladen und beauftragen, als Kirche am Ort in unserer liturgischen Mahlfeier den Vorsitz zu übernehmen und uns in der Feier des Mahles anzuleiten. Diesbezüglich müssten wir uns vermutlich vorweg über einige Punkte verständigen:

  • Auch ein solcher Vorgang bedarf einer synodal in der Kirche am Ort herbeigeführten Vorbereitung und Abstützung;

  • Weil das Vorgehen aussergewöhnlich ist, sind Irritationen abzusehen, und es ist alles zu unternehmen, um sie gering zu halten – was eine einfühlsame Handlungsweise erforderlich macht.

  • Aus diesem Grund sollten bisherige Gottesdienstformen wenn möglich beibehalten werden, zumindest für eine gewisse Zeit, damit sich niemand genötigt fühlt.

  • Die Gestaltung der Mahlfeier sollte zwar die grundlegenden Elemente der Eucharistiefeier enthalten, aber in Text und Vollzug vor allem die Zusammensetzung der feiernden Gemeinde spiegeln.

Sie haben es sicher gemerkt: Ich habe die Bezeichnung „Herrenmahlfeier“ vermieden. Es ist nicht notwendig, weiter ins geöffnete Messer zu laufen als es sinnvoll ist. Ungeachtet dessen bin ich überzeugt: Wenn eine Gemeinschaft von Getauften im Bewusstsein ihrer Geistbegabung und im Bewusstsein der Gemeindenot im Namen des dreifaltigen Gottes zusammenkommt, um ihr Kirche-Sein als Leib Christi zu feiern, indem sie auf das Wort Gottes hört und das Brot dieses Leibes bricht, so wird das geschehen, was wir von Eucharistiefeiern aussagen:

Der auferstandene und erhöhte Herr ist in dieser Gemeinschaft gegenwärtig, er vermittelt sich im verkündeten Wort und im gebrochenen, verteilten und gemeinsam gegessenen Brot sowie im geteilten Becher und macht so in der feiernden Gemeinschaft seine personale Gegenwart, die Teilhabe mit Christus und Gemeinschaft untereinander erfahrbar, sodass die Gemeinschaft den darin geschenkten schalom aus dieser Feier hinaustragen kann.

Dies nicht nur deshalb, weil wir uns auf die Zusicherung der Gegenwart Jesu Christi verlassen können, dass er „mitten unter uns“ ist, wenn wir uns in seinem Namen versammeln (vgl. Mt 18,20). Vor allem auch deshalb, weil wir darin die Überzeugung der Kirche aufnehmen. Denn gemäss ihrer liturgischen Tradition ist es der Geist, der die Gaben „heiligt“, damit sie so „Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus“ werden. 33)

Der damit verbundene Formfehler in der Feier ist m. E. vernachlässigbar. Und ich erinnere nochmals daran: Das ist sozusagen eine Notstandsregelung. Mir ist dies auch deswegen bedeutsam, weil ich keine Brücke abbrechen will, bzw. in der Praxis nicht geholfen ist, wenn wir Menschen vor den Kopf stossen. Ausserdem liegt mir daran, die Grenzüberschreitung auf das Minimum und auf Gangbares zu beschränken und Provokation zu vermeiden. „In dieser Stunde der Kirche“ halte ich dieses Vorgehen für einen möglichen und einen gerechtfertigten Weg.

Machen Sie die Gegenprobe: Glauben Sie allenfalls tatsächlich, dass ein Mahl, das in der beschriebenen Weise von Menschen in entsprechender Absicht gefeiert wird, vor Gott einfach keine Bedeutung haben sollte? Das könnte ich ganz und gar nicht. Denn unser Gott erschliesst sich uns in weitherziger Liebe. Der biblische Gott ist weder ein Buchhalter noch ein Zeremoniär.


4 ERMUTIGUNG

Damit möchte ich zum Schluss kommen. Für die offen gebliebenen Details appelliere ich an Ihre Kreativität, Ihre Fantasie, und auch Ihre Kollegialität im Austausch von Meinungen und Erfahrungen.

Ich gehe nochmals zurück in das Neue Testament und führe Sie zurück in das Leben der Urkirche, auch dort in eine kritische Situation. Soeben waren Petrus und Johannes vom Hohen Rat freigelassen worden, nachdem aus diesem Verfahren von Lukas der denkwürdige Satz des Petrus formuliert ist: „Ob es vor Gott recht ist, mehr auf euch zu hören als auf Gott, das entscheidet selbst“ (Apg 4,19) – auch ein durchaus passender Kommentar zu den jetzt angestellten Überlegungen.

Petrus und Johannes kehren in die Versammlung der Kirche von Jerusalem zurück, sie berichten über das Erlebte, und sodann erheben sie alle „einmütig ihre Stimme zu Gott“ (Apg 4,24). Darin kommen sie auf die Grosstaten Gottes in der Schöpfung und in der jüdischen Geschichte zu sprechen. Mit der Wendung „Doch jetzt, Herr, ...“ (4.29) wenden sie sich ihrer Gegenwart zu, und sie bitten: „ 30 Streck deine Hand aus, damit Heilungen und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus!“

Anschliessend stellt Lukas fest:

31 Als sie gebetet hatten, wurde der Ort, an dem sie versammelt waren,

zum Beben gebracht [theologisches Passiv!]

und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt [theologisches Passiv],

und sie sprachen das Wort Gottes – mit Freimut.“


Dieses Bild von Kirche am Ort möchte ich Ihnen nicht zum Abschluss, sondern für das, was kommt, mitgeben: Mit der Erfahrung von Gottes Beistand und darauf weiter bauend, selbstbewusst und mutig, im einmütigen Gebet versammelt, alle erfüllt vom Geist, und wohl deshalb: voll Freimut.

Ob wir nicht Stille halten sollten, damit wir das Erbebt-Werden nicht überhören?


Anmerkungen:

  1. Gaudium et spes Art. 4.

  2. Ebenda, Hervorhebung WK.

  3. Johannes Paul II., in: L’Osservatore Romano vom 25. Jänner 1985.

  4. Lumen gentium Art. 9,4 nach Augustinus, De Civ. Dei XVIII, 1,2, in: PL 41,614.

  5. Siehe Julius Döpfner, In dieser Stunde der Kirche. Worte zum II. Vatikanischen Konzil, München 1967.

  6. Johannes XXIII., Ansprache Il Concilio Ecumenico Vaticano II vom 25. Dezember 1961, in: Acta et Documenta Concilio Oecumenico Vaticano II Apparando, II, I, Rom 1964, 144.

  7. Siehe Johannes XXX., Rundfunkbotschaft La grande aspettazione vom 11. September 1962, in: Acta et Documente Concilio Oecumenico Vaticano II apparando, II, I,, Rom 1964, 348-355, hier 349-350.

  8. Johannes XXIII., Ansprache Gaudet Mater Ecclesia zur Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils vom 11. Oktober 1962, in: Acta Synodalia Sacrosancti Concilii Oecumenici Vaticani II, I,1, Rom 1970, 166-175, hier 167.

  9. Franziskus, „Und jetzt beginnen wir diesen Weg“, Freiburg 2013, 18.

  10. Siehe diese Wortverbindung als grundlegende Charakterisierung des Wirkens Jesu in Lk 24,19 (vgl. Mk 1,21-22.27), sowie dann des gesamten Offenbarungsgeschehens in Dei verbum Art. 2, sowie (bezogen auf das Christusgeschehen) in Art. 4 und 17.

  11. Bischof Franziskus in Antonio Spadaro, Das Interview mit Papst Franziskus, Freiburg 2013, 48. Weitere Belege dazu bei Walter Kirchschläger, Christus im Mittelpunkt. Impulse für das Christsein, Wien 2014, 9-17.127-140.

  12. Zur Analyse dieses Befundes siehe Walter Kirchschläger, „Die Kirchen Gottes (die in Judäa sind) in Christus Jesus“ (1 Thess 2,14). Anmerkungen zur Präambel einer Kirchenverfassung. (Luzerner Universitätsreden 23), Luzern 2012, hier 10-13.

  13. Ausführlicher dazu Walter Kirchschläger, Ortskirchen im Neuen Testament. Bestandsaufnahme und Folgerungen für morgen, in: Walter Kirchschläger/Leo Novak/Anneliese Hecht, Kirchenvisionen. Biblische Perspektiven für eine zukunftsfähige Kirche, Stuttgart 2007, 15-49, hier 16-20; ders., Kirche denken. Neutestamentliche Reflexionen zu einer zukünftigen Kirche, in: Maria Eder (Hrsg.), 20 Jahre Europäische Akademie der Wissenschaften und Künste, Salzburg 2009, 453-465, hier 453-454.

  14. Siehe dazu Walter Kirchschläger, Bleibendes und Veränderbares in der Kirche. Ein biblischer Beitrag zur Systemanalyse, in: Alois Schifferle (Hrsg.), Pfarrei in der Postmoderne. Gemeindebildung in nachchristlicher Zeit. Fs. Leo Karrer, Freiburg 1997, 129-139, hier 131-135.

  15. Zu beachten ist in diesem Zusammenhang der geglückte Titel des themenverwandten Buches von Thomas Söding, Blick zurück nach vorn. Bilder lebendiger Gemeinden im Neuen Testament, Freiburg 1997.

  16. Zur vor allem liturgischen Bedeutung dieser Leitbegriffe siehe Peter Wick, Die urchristlichen Gottesdienste. (BWANT 150), Stuttgart 2002, hier bes. 286-293; vgl. des weiteren Walter Kirchschläger, Was das Neue Testament über den Glaubenssinn der Gläubigen sagt, in: Günter Koch (Hrsg.), Mitsprache im Glauben, Würzburg 1993, 7-24, hier 8-10.

  17. Siehe dazu die grundlegenden Arbeiten von Hans-Josef Klauck, Hausgemeinde und Hauskirche im Urchristentum. (Stuttgarter Bibelstudien 103), Stuttgart 1981; ders., Gemeinde zwischen Haus und Stadt. Kirche bei Paulus, Freiburg 1992.

  18. Es ist ja auch kein Zufall, dass die Qualitätssicherung an Universitäten heute die Betreuungsverhältnisse unter die Lupe nimmt und am liebsten von einem Verhältnis 1:40 ausgeht. Lehrveranstaltungen in den Grosshörsälen sind, obwohl unverhältnismässig kostengünstiger, nicht geschätzt, weil sie bei Lerneffizienzmessungen miserabel abschneiden, also keine Nachhaltigkeit generieren.

  19. Jorge Mario Bergoglio, Was ich beim Konsistorium gesagt hätte, in: Tübinger Quartalschrift 193 (2013) 175-180, Zitat 179.

  20. Dargelegt bei Walter Kirchschläger, Priesterklasse – Sonderklasse. Kirchliche Dienste als Testfall von Kirche, in: Plattform „Wir sind Kirche“ (Hrsg.), Zölibat – so nicht! Gottes amputierte Liebe. (4. Herdenbrief), Wien 2002, 227-239 und 225-256, hier 228-235.

  21. Siehe Herbert Haag, Worauf es ankommt. Wollte Jesus eine Zwei-Stände-Kirche? Freiburg 1997; ders., Nur wer sich ändert, bleibt sich treu. Für eine neue Verfassung der katholischen Kirche, Freiburg 2000.

  22. Siehe dazu Hans Waldenfels, Wann endlich tut sich was? in: Christ in der Gegenwart online Ausgabe 18. Oktober 2018, in: www.herder/de/cig/cig-ausgaben/archiv/2018/42-2018/wann-endlich-tut-sich-... [eingesehen: 29. Oktober 2018].

  23. Par Lk 22,26 schreibt einen Nominalsatz: „Ihr aber nicht so.“

  24. So Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 20 1975, 20.

  25. Predigt in Santa Marta am 21. Mai 2013: „Il vero potere è il servizio.“ in: http://w2.vatican.va/content/francesco/it/cotidie/2013/documents/papa-francesco-cotidie_20130521_servizio-vero-potere.html [eingesehen: 3. November 2018].

  26. Siehe Martin Werlen, Zu spät. Eine Provokation für die Kirche, Hoffnung für alle, Freiburg 2018.

  27. „Der Worte sind genug gewechselt, Lasst mich auch endlich Taten sehn! Indes ihr Komplimente drechselt, Kann etwas Nützliches geschehn.“

  28. Siehe ausführlicher dazu Walter Kirchschläger, Ohne Einschränkung durch Geschlecht und Lebensstand. Zur biblischen Grundlegung kirchlicher Dienste, in: Orientierung 71 (2007) 31-36.

  29. Martin Gutl, Psalm 126, in: https://krankenseelsorge.dsp.at/sites/www.dsp.at/files/u1640/psalm_126_nach_martin_gutl.pdf  [eingesehen: 1. November 2018].

  30. Siehe Walter Kirchschläger, Den Tisch des Wortes decken, in: Dein Wort – mein Weg Heft 3/2013, 4-6, Zitat 6, und ausführlicher ders., Ob die Bibel irren kann? Das Gottesprojekt Bibel. (Kardinal König Bibliothek ), Wien 2014, 149-156.

  31. Vgl. Lumen gentium Art. 12: „Die Gesamtheit der Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen haben (vgl. 1 Joh 2,20.27), kann im Glauben nicht irren.“

  32. 7. Session der Zentralen Vorbereitungskommission des Konzils in deren siebter Sitzung (19. Juni 1962): „Zurecht werden im Text [Schema über die Kirche, Kap. 8: Über die Autorität und den Gehorsam in der Kirche] die möglichen Verfehlungen jener aufgezählt, die gehalten sind, der kirchlichen Obrigkeit zu gehorchen. Aber es würde nicht schaden, wenn auch die Rede von den Verfehlungen wäre, die bei jenen gefunden werden können, welche als solche, die in der Kirche Vollmacht haben, einer falschen Interpretation der eigenen Vollmacht in der Praxis folgen. So würden die einander gegenüberstehenden Verfehlungen in gleicher Weise erwogen.“ In: Acta et Documenta Concilio Oecumenico Vaticano II Apparando. II, II, IV, Rom 1968, 644 [Arbeitsübersetzung WK].

  33. Siehe dazu die entsprechenden Formulierungen in der Epiklese im Hochgebet: „Heilige unsere Gaben durch deinen Geist ...“
    Zum Referenten:

Walter Kirchschläger ist 1947 in Kamegg/Niederösterreich geboren. Er studierte Theologie und Philosophie an der Päpstlichen Universität Gregoriana und an der Universität Wien. 1970 bis 1973 war er Sekretär des Wiener Erzbischofs Kardinal Franz König. 1972 wurde er mit einer Dissertation zu "Der Satan der Evangelien als Versucher" an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien promoviert.

Kirchschläger war Assistent bei Jacob Kremer und wurde 1981 in Wien für Exegese des Neuen Testaments habilitiert. Im gleichen Jahr erhielt er den Kardinal-Innitzer-Preis. Von 1980 bis 1982 leitete er die Wiener Theologischen Kurse und den Fernkurs für theologische Bildung.

Von 1982 bis zu seiner Emeritierung 2012 war Kirchschläger ordentlicher Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Theologischen Fakultät Luzern. Von 1986 bis 1990 war er Studienpräfekt, von 1990 bis 1993 Rektor der Theologischen Fakultät Luzern, die unter seiner Amtszeit zur Hochschule Luzern mit zwei Fakultäten (Theologie, Geisteswissenschaften) umstrukturiert wurde. Von 1997 bis 2000 leitete er als Rektor die Hochschule Luzern, von 2000 bis 2001 war er Gründungsrektor der Universität Luzern.

Kirchschläger ist seit 1970 verheiratet mit Heidi Kirchschläger, geb. Demuth, und hat vier Kinder.