Liebmann Maximilian 120Der emeritierte Theologe und Professor für Kirchengeschichte, Maximilian Liebmann, hat uns nachstehenden Beitrag zum Thema Widerstand und restloses Vertrauen geschickt.

Darin verweist er auf ein falsches Verständnis der Pastoral, welches glaubt, gläubiges Leben abseits der Lebensrealität führen zu können.

Widerstand ist die Pflicht der Christenmenschen dort, wo die Rahmenbedingungen des Menschseins ungerechtfertigt beschnitten werden. Das ist heute in der römisch-katholischen Kirche und in der Gesellschaft unseres Landes der Fall. „Christsein geht anders!“

Statt Widerstand Restloses Vertrauen

von Maximilian Liebmann

Die Bibeltheologie lehrt uns: „Jedermann ordne sich der Obrigkeiten Gewalt unter; denn es gibt keine Gewalt, die nicht von Gott ist. Die bestehenden Gewalten sind von Gott angeordnet. Wer sich daher der Gewalt widersetzt, widersetzt sich der Anordnung Gottes, die sich aber widersetzen, ziehen sich selber das Gericht zu“ (Röm 13,1, dazu: 1.Petr 2,17:1. Tim 2,1ff.)

Mit der Machtübernahme des NS-Regime im März 1938 in Österreich bedeutete dies nicht mehr und nicht weniger , als dass (die neue Macht) Adolf Hitler mit seinem Regime von Gott stammt.1)

Dementsprechend zögerte der versierte Bibeltheologe Theodor Kardinal Innitzer und Vorsitzende der österreichischen Bischofkonferenz nicht, die größte Glocke Österreichs, die Pummerin, beim Einzug Hitlers in Wien am 14. März bis ins Tullnerfeld erklingen zu lassen, d.h. ihn zu begrüßen. 2)

Tags darauf besuchte der Kardinal das neue Staatsoberhaut und versicherte Adolf Hitler die Loyalität der Kirche, zu ihm und zum neuen Staat. Hitler erwiderte hoch erfreut, er hoffe, dass hier in Österreich ein Wendepunkt von Kirche und Reich eintrete, und „daß sich das auch auf das andere Deutschland auswirken möge. Allerdings muß sich die Kirche restlos hinter den Staat stellen. Sie darf nicht gegen ihn arbeiten, aber sie wird auch ihr Vertrauen nicht zu bereuen haben.“ 3)

Zurückgekehrt in sein Palais verfasste Innitzer sogleich seine berühmte Pastoralanweisung, die einerseits von seiner Aussprache mit Hitler und anderseits von der Pastoraltheologie des dominierenden Wiener Pastoralmanagers, des Prälaten Dr. Karl Rudolf 4), geprägt war.

  1. „Seelsorger und Gläubige stellen sich restlos hinter den großen deutschen Staat und seinen Führer, dessen weltgeschichtlicher Kampf gegen den verbrecherischen Wahn des Bolschewismus, … offensichtlich vom Segen der Vorsehung begleitet ist.“

  2. „Alleinige Berufsaufgabe des Priesters ist die Seelsorge, die Feier des hl. Messopfers und der anderen kirchlichen Handlungen, die Spendung der Sakramente und die Verkündigung des Wortes Gottes wie wir es durch die Hl. Schrift und die mündliche Überlieferung übernommen haben. Der Seelsorger muss sich deshalb von jeder Politik fern halten und soll der Entwicklung der Dinge mit Vertrauen entgegensehen ...“
    Karl Rudolf hat Innitzers Pastoralanweisung erläutert und theologisiert: „Die Wirkkraft der Seelsorge zum Sturz des Regimes einzusetzen, war nie zur Diskussion gestanden. Das hätte ja die Anwendung kirchlicher Mittel, also auch der vom Erlöser gestifteten Gnadenmittel, zu einem politischen Zweck bedeutet, eine wesenswidrige Vermengung von kirchlichem und politischem Wesen, die der großen Linie Pius XII. und seines erleuchteten Vorgängers geradezu widersprochen hätte. Derartiges lag der Seelsorge fern.“ 5)

Damit hat Karl Rudolf eindeutig und bis heute nachhaltig den Widerstand gegen den Nationalsozialismus, der über die Pastoraldoktrin hinausging, mit bibeltheologischer Interpretation einerseits und dem Verhalten von Papst Pius XII. andererseits verurteilt. Widerstand war für Rudolf nur erlaubt, wenn er Innitzers Pastoralanweisung entsprach, und damit hat er jeden politischen Widerstand als pastoralwidrig ausgeschlossen. „So wurde aus der Treue gegen den Auftrag des Herrn Jesus Christus ganz von selbst und unmittelbar: Widerstand, Widerstand, der auch für die ungeheuren Machtmittel des Regimes unüberwindlich war, weil seine Quellen in der Tiefe des Glaubens und der Gnade lagen.“ 6)

Innitzer konnte dementsprechend nach dem NS-Desaster selbstzufrieden resümieren, er habe keinen Priester verloren, der nur pastoral tätig war.
Im analogen Sinne äußerte sich auch der Grazer Diözesanbischof Ferdinand Stanislaus Pawlikowski bei der telefonischen Mitteilung des Prozessbeobachters und Leiters der Wiener Klerusrechtsstelle Franz Draxler zum Todesurteil seines Pfarrers Dalla Rosa mit tiefem Bedauern, „daß der junge Geistliche sich zu unklugen Bemerkungen hinreißen hat lassen, die ein so schweres Urteil nach sich zogen“. 7)

Diese spontane Reaktion des Diözesanbischofs entsprach, so unverständlich und erschütternd sie auch erscheinen mag, korrekt und eindeutig der Spiritualität Karl Rudolfs und der dargelegten Pastoraldoktrin, denn die inkriminierten Äußerungen des Pfarrers waren eindeutig politischer Natur, wenngleich pastoral motiviert. Hätte sich sein Pfarrer, mag der Bischof gedacht haben, bloß an die Patoraldoktrin gehalten, wäre ihm sicher nichts passiert, jetzt ist er für sein Schicksal selbst verantwortlich8

Die Opfer des politischen Widerstands haben folglich bei Karl Rudolf keinen Platz.
„Indes von der politischen Widerstandsbewegung im engeren Sinn, die Tausende Blutopfer kostete, soll hier nicht die Rede sein. Sie wird wohl selbst das Wort nehmen, um der Welt über ihre Leistung Rechenschaft zu geben.“ 9) Vielleicht wusste Rudolf bereits, dass sein Kollege, Domkapitular und Bundesbruder (CV Amelungia), Jakob Fried, an solcher Auflistung und Publikation arbeitete: „Nationalsozialismus und Kirche in Österreich“. 10) Nach Diözesen aufgelistet, werden die NS-Opfer von Fried biographisch erfasst und publiziert. Wobei, wie gesagt, beide Eiferer gleich hohe geistliche, bundesbrüderlich verbundene Herren waren. Zufall oder nicht: Nur Karl Rudolf wurde bis dato historisch-wissenschaftlich aufgearbeitet.
Ihre pastoral-kirchenpolitischen Zuständigkeiten trennten sie mehr, als daß sie sie vereinten.

Rudolf hatte sich ganz den kirchenrechtlich organisierten Bewegungen: Männer, Frauen, Burschen – Mädchen, Führer und Führerinnen verschrieben.
Fried widmete sich hingegen den historisch überkommenen, bürgerlich-staatlichen Rechtes organisierten, bloß katholischen Laienorganisationen, Vereinen: Verbindungen; Vorsitzende, Philister, Senioren etc.

Aus dem Dargelegten ist es gleich logisch wie nachvollziehbar, dass eine Seligsprechung von Schwester Restituta, Franz Jägerstätter und dgl. Karl Rudolfs bibeltheologischem Horizont überstiegen.

In der Kreation der diözesanen Pastoralämter sowie im Auf-und Ausbau der KA-Formationen und Hochschulgemeinden, kulminieren Rudolfs Verdienste.

Frieds Bemühen lebt in den bloß katholischen-nicht kirchlichen Veinen, Verbindungen,Organisationen weiter, wie:AKV,DKO.


 Anmerkungen:

  1. Siehe Maximilian Liebmann: „Heil Hitler“ – Pastoral bedingt. Vom Politischen Katholizismus zum Pastoralkatholizismus. Wien-Köln-Weimar 2009, S. 68, 2. Absatz: „Der besondere Vertraute Innitzers, sein Amtsbruder, der Primas Germaniae, Fürsterzbischof von Salzburg, Sigismund Waitz (Gelmi Josef: Ein Tiroler in der Brandung ‑ Fürsterzbischof Sigismund Waitz (1864-1941). In: Mikrut Jan (Hg.): Faszinierende Gestalten der Kirche Österreichs, Bd. 5. Wien 2002, S. 359-394), hat diesen Höflichkeitsbesuch des Kardinals dahingehend kommentiert, dass Adolf Hitler mit dem Anschluss Österreichs Staatsoberhaupt geworden war, und nun, nachdem die ,Volksgemeinschaft Großdeutschlands begründet worden war‘, habe sich die katholische Kirche rasch um die Möglichkeit eines gedeihlichen Wirkens unter den völlig neuen Verhältnissen umsehen müssen. Unter diesen Prämissen sei die Aussprache der ungleichen Partner zu verstehen und zu beurteilen. (Schönere Zukunft 13, Nr. 37, 12.06.1938, S. 965.)

  2. Karl Rudolf: Aufbau im Widerstand. Salzburg 1947, S. 18. Die Abhandlung hatte Karl Rudolf bereits im Februar 1946 abgeschlossen. Ebd.: S. 16.

  3. Protokoll von Johann Jauner Schrofenegg, Begleiter Innitzers und Zeuge der Aussprache.

  4. Zu Karl Rudolf (1886-1964): Erzbischof Franz Kardinal König über Karl Rudolf: „Es gibt in der Seelsorge Stürmer und Dränger neben Zögern und Zaudern. Prälat Rudolf gehörte zu den Stürmern und Drängern in der Kirche.“ In: Johann Weißensteiner: Prälat Karl Rudolf – Stürmer und Dränger in der Kirche. In: Jan Mikrut (Hg.): Faszinierende Gestalten der Kirche Österreichs, Bd. 4. Wien 2002, S. 261-324.

  5. Rudolf: Aufbau im Widerstand, S. 11f.

  6. Ebd.: S. 12.

  7. Veselsky Oskar: Bischof und Klerus der Diözese Seckau unter nationalsozialistischer Herrschaft. Dissertationen der Karl-Franzens-Universität Graz 54. Graz 1981, S. 350f.

  8. Liebmann: „Heil Hitler …“ S. 111 (siehe Anm. 1).

  9. Karl Rudolf Aufbau im Widerstand, Vorwort, S 11.

  10. Jakob Fried, Nationalsozialismus und Kirche erschien 1947 im Wiener-Domverlag.

Zum Autor:

Maximilian Liebmann wurde 1934 in Dillach bei Graz geboren und studierte 1955 bis 1961 Theologie an der Karl-Franzens-Universität Graz. Nach seiner Promotion zum Doktor der Theologie nahm er weitere philosophisch-historische Studien auf.

Zunächst arbeitete Liebmann als Religionslehrer, 1968 wurde er Assistent von Prälat Karl Amon am Grazer Institut für Kirchengeschichte.

Nach Studienaufenthalten in Deutschland und Italien habilitierte sich Liebmann mit der Arbeit über Urbanus Rhegius und die Anfänge der Reformation. Dafür erhielt er auch den Kardinal Innitzer Förderpreis für Theologie. 1979 wurde Liebmann Professor für Kirchengeschichte an der Universität in Graz und lehrte dort bis 2002.

Liebmann ist im kirchlichen Leben fest verankert und so Mitglied in mehreren Gremien, Gesellschaften, Räten und Beiräten, Ritterorden usw.

Liebmann ist seit 1963 verheiratet. Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor.