Muser Ivo 120

Hochgruber Robert 120Synode Brixen 150Robert Hochgruber, Religionslehrer und einst auch Organisator des Kirchenvolks-Begehrens bei unseren Freunden in Südtirol, nahm als Delegierter an der Synode der Diözese Bozen-Brixen teil. Sein Resümee zur Diözesan-Synode, die vom 30. November 2013 bis 8. Dezember 2015 dauerte hat er nachstehend zusammen gefasst.

Und was bleibt?

Gestern haben wir die Arbeiten im Rahmen der 2. Diözesansynode abgeschlossen. Zeit, auf die vergangenen Sessionen zurückzublicken und zu fragen, was die Synode gebracht hat.

Bei der Session vor einer Woche stimmten nach fast einer Stunde Debatte 55 % der Synodalinnen und Synodalen dafür, "im angemessenen Rahmen eine Segensfeier" für Geschiedene-Wiederverheiratete zu halten. Das war konsequent, hatten sich doch Ende Jänner 83 % für eine Zulassung der Geschiedenen-Wiederverheirateten zu den Sakramenten ausgesprochen. Bischof Ivo Muser erklärte daraufhin, dass er diese Maßnahme nicht unterschreiben könne, da die Betroffenen dies meist als zweite kirchliche Trauung missverstehen würden. "Simulatio sacramenti" wäre die Gefahr.

Ich und manche anderen fühlten sich durch diese zwar vom Kirchenrecht gedeckte Machtentscheidung entmündigt und gedemütigt. Damit hat unser Bischof leider die Hoffnungen vieler Betroffener enttäuscht und die Mehrheit der Synode vor den Kopf gestoßen. Es ist zudem ein bitteres Signal in diesem bald beginnenden Jahr der Barmherzigkeit. Kirchliche Normen scheinen wichtiger zu sein als die Menschen in ihrer Not und über eine Mehrheit der Synode setzt sich der Bischof, wenn ihm etwas nicht zusagt, hinweg.

Wir haben jetzt die Situation, dass die Mehrheit der Synode eine Position und der Bischof eine andere vertritt. Gestern haben eine Reihe von Synodalinnen und Synodalen den Bischof gebeten, sein Veto nochmals zu überdenken.

Am vergangenen Wochenende hat es aber auch positive Signale gegeben. 55 % der Synodalinnen und Synodalen sprachen sich dafür aus, bei der Abschlussfeier am 8.12. "ein konkretes Zeichen der Versöhnung mit Menschen, die durch unbarmherzige Handhabung der kirchlichen Normen Leid erfahren (haben)" zu setzen. 88 % befürworteten, dass der Pastoral- und Priesterrat "Kriterien für ein gelingendes wertschätzendes Miteinander" von Laien und Priestern erarbeitet und Laien auch konkret Verantwortung übertragen wird. 58 % möchten den Lehrpersonen im Religionsunterricht ermöglichen, dass sie bei entsprechender Ausbildung auch mehrere Fächer unterrichten können. Andererseits waren 82 % der Synodalinnen und Synodalen gegen eine freiwillige Ausweitung der Elternzeit um ein Drittel in kirchlichen Institutionen. Es würde zu viel Geld kosten, meinten so manche. Dass dies Signalwirkung für die Privatwirtschaft hätte und ein konkretes Zeichen der Unterstützung für die doch hochgelobte Familie wäre, war anscheinend nicht von Bedeutung. Andererseits sprachen sich 70 % dafür aus, dass Frauen eine deutliche und repräsentative Vertretung in kirchlichen Gremien, wie Bischofsrat und Konsultorenkollegium, erhalten sollten. Gar nicht diskutiert, sondern mit großer Mehrheit im Gesamten verabschiedet wurde der Passus bezüglich landwirtschaftlicher Güter im kirchlichen Besitz: "In Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen werden nach und nach die einzelnen Betriebe auf ökologische Wirtschaftsweise umgestellt." Möge dies zwar schrittweise, aber bald umgesetzt werden. Die Zusammenarbeit der verschiedenen Sprachgruppen in den Pfarrgemeinderäten und den Kurienämtern wurde durch Zusammenlegung gefördert. Die Thematik des Dialogs sowie die Flüchtlingsproblematik fanden eine breite Zustimmung.

Und was hat die Synode gebracht, was wird davon konkret in den Pfarreien spürbar werden?

Was würde ich jenen sagen, die zu den 'Open spaces' mit großen Erwartungen gekommen sind, denke ich mir. Wurden sie erfüllt? Es wurden eine Reihe von kleinen guten Maßnahmen verabschiedet, auch manche Ansätze für personelle Veränderungen z.B. verstärkter Einsatz von Pastoralassistentinnen und -assistenten bei zentraler Verwaltung. Das Firmalter mit 18 gäbe es ohne die Synode nicht so schnell, ebenso wie die ökologische Bewirtschaftung der Güter, eine Beobachtungsstelle für Frauen und ihre repräsentative Vertretung in kirchlichen Gremien wohl auch nicht. Und wir wüssten nicht, dass die Themen der Kirchenreform (79 % für Krankensalbung auch durch Laien (KrankenseelsorgerInnen) 83 % für Sakramente (vor allem Kommunion) für Geschiedene-Wiederverheiratete, 67 % für Laienpredigt, 79 % für Diakonat für Frauen und 62 % für Priesterweihe für Frauen sowie 70 % für die Freistellung des Zölibates für Priester) auch die Mehrheit der Synodalinnen und Synodalen mittragen.

Natürlich werden wir erst in ein paar Jahren sehen, was die Synode bewirkt hat. Es war gut, dass sie stattgefunden hat, wenn es auch zeitweise sehr mühsam war. Es hat einen guten Dialog gegeben zwischen den Sprachgruppen und zwischen den Richtungen innerhalb der Kirche - manchmal auch eine Annäherung. Zeitweise kam mir der Gedanke, ob die Diözesanleitung wirklich zu Veränderungen bereit ist. Manchmal hatte ich den Eindruck, die Synode sei eine Show, eine Werbeveranstaltung, bei der kritische Stimmen, die auf die derzeitige Krise in unserer Kirche hinweisen, nur stören und doch hat man sie auch gebraucht, denn sehr viele Vorschläge kamen von dieser Seite.

Offen bleibt, ob das Beschlossene für eine Erneuerung und einen Aufbruch ausreicht. Ich würde an keiner Synode mehr teilnehmen, die beratenden Charakter hat. Das entspricht nicht mehr der heutigen von Demokratie geprägten Zeit und meinem Verständnis des Evangeliums. Die kirchlichen Gremien müssen Entscheidungen treffen können, sonst kommen wir nicht weiter. Die zweimaligen Vetos des Bischofs waren frustrierend und die Vertröstung darauf, dass man ja über alles reden dürfe, ein Hohn auf die Mündigkeit und Wertschätzung eines engagierten Gremiums.
Ich glaube, die heutige klerikale, patriarchale, absolutistische Kirchenstruktur hat ausgedient. Es scheint mir, dass es mit unserer Kirche aber noch weiter abwärts gehen muss, bevor die Leitungsgremien dies einsehen.

Die wirklichen Probleme unserer Seelsorge wurden bei der Synode kaum thematisiert, Lösungswege nur in Ansätzen aufgezeigt, der Klerikalismus nicht überwunden. Der akute Priestermangel führt zu einer Vernachlässigung einer ganzheitlich verstandenen Seelsorge. Die Seelsorgeeinheiten sind eine Notlösung, die in nicht einmal einem Jahrzehnt abgeschafft werden dürfte. Die wenigen Priester werden zu alt oder verstorben sein. Und dies alles nur deshalb, weil das priesterzentrierte und männerdominierte Kirchenbild nicht angekratzt werden darf. Ohne eine echte Beteiligung der Frauen wird es in der Kirche nicht aufwärts gehen. Ohne eine deutliche Demokratisierung wird die katholische Kirche langfristig nicht bestehen. Ohne eine echte Öffnung der Kirche zur Welt wird die Botschaft Christi nicht wirksam werden können.

Mir tut es um die heutige Struktur nicht leid. Leid tut es mir um die Menschen, die teils zu wenig spirituelle Begleitung in ihrem Leben erfahren. Ich wende mich deutlich dagegen, wenn Kirchenvertreter den Menschen von heute einen Rückgang an Glauben oder Religiosität unterstellen. Die Kirchlichkeit geht zurück, nicht aber das spirituelle Bedürfnis. Ich vertraue darauf, dass sich langfristig neue Formen und Strukturen entwickeln, denn das Evangelium ist in seinen Grundätzen zeitlos. Z.B. Liebet eure Feinde. Das müsste derzeit auch für die Terroristen des IS gelten, sage ich zu meinen Schülerinnen und Schülern.

Die Synode habe ihn geerdet, auf den Boden heruntergeholt, betonte Bischof Ivo zum Abschluss. Möge dies Auswirkungen zeigen.

Eine gesegnete Adventszeit wünscht
Robert Hochgruber

Tschötsch, den 5./6. Dezember 2015


Diözesanfinanzen:

In einer Presseaussendung vom 2. Dezember 2015 kündigt die Synode an, dass sie sich mit dem "Vermögen und die finanziellen Mittel" befassen wird. "Die Fachgruppe Finanzen, bestehend aus zehn Synodalen, hat ein Reflexionspapier zum zukünftigen Finanzmanagement der Diözese Bozen-Brixen erarbeitet. Dieses wird allerdings nicht zur Abstimmung gestellt, sondern nach Einarbeitung der Redebeiträge als Anhang der Synodendekrete veröffentlicht, welche der Bischof Anfang nächstes Jahres herausgeben wird", stellt die Synodenleitung fest.

Als Ergebnis der Beartungen "Was das Vermögen und die Finanzgebahrung der Diözese betrifft wurde auf Grundlage eines Reflexionspapiers der Fachgruppe Finanzen eine lebhafte Debatte geführt. Neben der Notwendigkeit einer stärkeren Transparenz und einer verstärkten Einbindung der Gläubigen in die Finanzierung der Pastoral hat die Fachgruppe auch vorgeschlagen, dass sich die Ortskirche mittelfristig von allen Vermögensanlagen trennt. Vor allem dieser Punkt hat zu einer angeregten Auseinandersetzung geführt: ein großer Teil des Vermögens gehe auf Stiftungen zurück, sodass die Kirche an den Stifterwillen gebunden sei, andererseits wurde argumentiert, dass die Einstellung von Personal für die Pastoral ohne angemessene finanzielle Rücklagen zur Sicherung der Gehälter verantwortungslos wäre. Die verschiedenen Argumente, die in der Session gesammelt wurden, werden nun in den Text der Fachgruppe eingearbeitet und in der Dokumentation der Synode veröffentlicht", verkündet die Synodenleitung.

 

Umsetzung der Beschlüsse:

"Letzter Akt der Synode war die Wahl von drei Synodalen für den Synoderrat, welcher die Aufgabe hat, die Umsetzung der Synodenbeschlüsse zu beobachten und ihre Wirksamkeit in Hinblick auf die Visionen zu überprüfen. Der Synodenrat besteht aus dem bisherigen Präsidium der Synode (Eugen Runggaldier, Paola Cecarini, Annamaria Fiung, Sepp Hollweck, Luis Gurndin, don Pierluigi Tosi, Lisa Huber, Reinhard Demetz) sowie aus drei weiteren Mitgliedern (Schwester Klara Rieder, Albert Ebner und Paolo Valente), die heute gewählt wurden", schreibt die Synodenleitung inihrer Presseausendung vom 5. Dezember 2015.


Resümee von außen:

Bischof Ivo Muser sagt zum Abschluss der Synode den Synodalen am 5. Dezember 2015 : "Die Synode hat mich persönlich sehr geerdet. Sie hat mir deutlich gemacht, was da ist, aber auch, was nicht mehr da ist. Oft habe ich für mich entdeckt: Der Platz des Bischofs ist nicht auf dem Stuhl, sondern zwischen den Stühlen. Ich bitte euch alle: Helft mir, diesen Platz fruchtbar zu machen für meinen Dienst an einer “Einheit in der Vielfalt”.

Es ist durchaus begrüßenswert und fortschittlich, wenn die Visionspapiere in öffentlichen 'Open spaces' Veranstaltungenan an mehreren, verschiedenen Orten in der Diözese mit den Menschen diskutiert werden. Vorschläge sollten jedenfalls aber konstruktiv aufgegriffen und berücksichtigt werden. Passiert das nicht, entsteht mehr Ablehnung, als davor ohnehin schon bestanden hat. Das bedeutet nicht, dass alles eins zu eins übernommenwerden kann. Aber eine ernstzunehmende Debatte darüber ist mit den Menschen, die Vorschläge unterbreiten unverzichtbar.

Trotz manch erfreulicher Schritte und der Erkenntnis des Bischofs, dass er sich nach der Synode "geerdet" fühle, bleibt doch noch ein gutes Stück des Weges zu gehen, bis die röm.-kath. Kirche in unserer Zeit angekommen sein wird. Dafür zwei Beispiele:

  • Die Synodenteilnehmerinnen und -teilnehmer gehören nicht nur vom Bischof ernannt, sondern auch vom Kirchenvolk gewählt.
  • Und das sofortige, absolute Veto des Bischofs gegen Maßnahmen, die umsichtig und verantwortungsvoll für Geschiedene und wieder verheiratete Paare vorgeschlagen wurden, kann so heute nicht mehr hingenommen werden. Hier braucht es mehr, als ein JA oder NEIN des Bischofs. Das immer wieder behauptete mögliche Missverständnis, dass eine Segnung mit einer sakramentalen Feier verwechselt werde, darf den gewünschten Segen Gottes eines wieder verheirateten Paares nicht verhindern. Bei einer zweitausend jährigen Erfahrung mit liturgischen Symbolhandlungen wird doch auch heute eine Form zu finden sein, welche die befürchteten Verwechslungen ausschließt. In der orthodoxen Kirche geht es ja auch. In diesem Rahmen muss daher die Begründung des Vetos als Ausrede qualifiziert werden.