Hurka Z 2012 09 30 120Der Skandal an sexuellen Übergriffen von Priestern und anderen Vertretern der katholischen Kirche erreicht nach der Missbrauchsstudie der Grand Jury in Pennsylvania, die im August Aufsehen erregte in Europa einen neuen Höhepunkt. Die Zeitschriften SPIEGEL ONLINE und DIE ZEIT ONLINE berichten heute über eine über alle Diözesen Deutschlands reichende Studie eines unabhängigen Forschungskonsortiums der Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen.

„Demnach wurden mehr als 38.000 Personal- und Handakten aus 27 deutschen Diözesen untersucht und ausgewertet“, berichtet SPIEGEL ONLINE. Im Zeitraum 1946 bis 2014 wurden 3.677 vorwiegend männliche Opfer festgestellt, an denen 1670 Kleriker übergriffig wurden.

„Von 1023 der Beschuldigten ist nur je eine Tat bekannt. 782 der Beschuldigten sollen 2 bis 10 Übergriffe getan haben. 96 der Beschuldigten allerdings mehr als hundert“, berichtet DIE ZEIT ONLINE. Diese Zahlen seien sehr konservativ gerechnet, weil in vielen Fällen Akten vernichtet wurden und die Dunkelziffern nicht bewertet werden können. Nur bei 38 % der Beschuldigten wurde eine Strafanzeige vorgenommen und nur bei jedem Dritten wurde ein kirchenrechtliches Verfahren eröffnet.

Die Angelegenheit kann auch nicht als eine abgeschlossene Vergangenheitsbetrachtung zur Seite gelegt werden. Trotz gesetzter Maßnahmen der Kirchenleitungen gibt es zwar mehr Anzeigen aber weiterhin aktuelle Fälle.

Erschreckend ist, dass die Studienautoren feststellen, Bischöfe hätten "leichtfertig oder bewusst in Kauf genommen", dass vertuscht wird oder die Täter ohne entsprechende Information der Verantwortlichen und der Betroffenen an neuen Orten eingesetzt wurden.

Außergewöhnlich ist auch, dass der Bericht vor seiner offiziellen Präsentation veröffentlicht wird. Dies begründet DIE ZEIT so: „Die Kirche nutzte ihre Macht, um die Täter zu schützen, sie kontrollierte die Akten zuungunsten der Opfer. Nun versucht sie auch die Aufklärung des Missbrauchs zu kontrollieren. Wir möchten ihr die Deutungshoheit nicht allein überlassen.“ Die Präsentation ist für den 25. September 2018 durch den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, geplant. Die Deutschen Bischöfe bedauern vorzeitige Veröffentlichung der Missbrauchsstudie, berichtet heute Vatikan NEWS.

Hans Herrman Groer wurde 1995 zum Rücktritt gezwungen, als seine sexuellen Übergriffe bekannt wurden. Sein Weihbischof Christoph Schönborn verglich die Vorwürfe damals mit den Anwürfen des nationalsozialistischen Regims gegen die Kirche. 2010 hat die Veröffentlichung des damaligen Rektors des Canisius-Kollegs in Berlin, Klaus Mertes, im deutschsprachigen Raum den Bann gebrochen.

Über Einladung ist der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz Christoph Schönborn vor dem Osterfest 2010 einem Bußgottesdienst vorgestanden und hat darin ein öffentliches Schuldbekenntnis abgelegt. Kurz nach Ostern wurde eine „Unabhängige Opferschutzanwaltschaft“ unter der Leitung von Waltraud Klasnic eingesetzt.

Heute wissen wir, dass in Österreich mehr als 1.800 Menschen Übergriffen kirchlicher Vertreter ausgesetzt waren. Die Kirche in Österreich hat den Opfern bisher rund 25 Mio € in bar oder an psychologischer Begleitung zur Verfügung gestellt.

Auch in Österreich gehen die Vorwürfe weiter. Erst im Mai dieses Jahres wird die Opferschutzanwaltschaft mit einer heute 41jährigen Frau konfrontiert, die als Jugendliche von einem Priester geschwängert worden und von Nonnen gedrängt worden sei die heranwachsenden Zwillinge abzutreiben. Die Frau widerstand dem Drängen. Daraufhin wurden die Kinder zur Adoption freigegeben. Die Frau bestreitet die Freiwilligkeit dieser Entscheidung, die Kirchenleitung will sie prüfen. Der Pressesprecher der Erzdiözese Wien, Michael Prüller, erklärte: „Die Ombudsstelle der Erzdiözese untersucht diese neu eingebrachten Vorwürfe. Dazu kommt, dass man heute weiß, dass bei Beziehungen mit Minderjährigen der Begriff der Freiwilligkeit sehr problematisch ist. Wir müssen uns also auch fragen, ob man nicht diese Beziehung als solche schon als missbräuchlich ansehen muss.“

Kardinal Christoph Schönborn, der zum damaligen Zeitpunkt knapp zwei Monate Erzbischof war, hielt in einer Presseaussendung erneut fest, dass die Kirche in der Vergangenheit Fehler gemacht habe: „Heute würden wir wohl rigoroser entscheiden.“ Die Entscheidung von damals habe zwar keinen weiteren Schaden verursacht, doch habe die Erzdiözese zu wenig den der Frau durch die Beziehung zugefügten Schaden und ihr weiteres Schicksal im Blick gehabt, berichtet relogion.orf.at.

Hilfe für die Opfer ist im konkreten Einzelfall gut und wichtig. Sie kommt jedoch (zu)spät. Noch wichtiger ist es, im Vorfeld mehr zu tun, damit solche Fälle erst gar nicht passieren. Auch wenn dies nie 100%ig möglich sein wird, ist mehr zu tun, als bisher geschehen ist.

Dazu gehören u.a.:

  • Entscheidungen ausschließlich in Gremien zu treffen, in denen die Betroffenen angemessen repräsentiert sind.
  •  Klare Kompetenzverteilungen und Dokumentation aller Entscheidungen mit einem Recht zur Einsicht in die Unterlagen, insbesondere durch Betroffene.
  • Zurückweisung jeder Form des Klerikalismus.
  • Anerkennung und öffentliches Bekenntnis der Kirchenleitung zur grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen, Christinnen und Christen, Katholikinnen und Katholiken, wovon einzelne einen Dienst für die Gemeinschaft verrichten, der keine Über- oder Unterordnung zur Folge hat.
  • Unabhängige wissenschaftliche Ursachenforschung und Aufarbeitung, wodurch es zu gehäuften Übergriffen durch Priester kommt, wie die im Vorfeld erkannt werden können und welche Ursachen dabei dem Pflichtzölibat zuzurechnen sind.
  • Die Leitung einer Diözese darf nicht mehr nur einer Einzelperson übertragen werden. Sie soll durch ein Team ausgeführt werden, welches aus gewählten Frauen, Männer, Priester und einem Bischof bestehen.

Tiefgreifende Reformen der katholischen Kirche sind unausweichlich. Es ist abzuwarten, ob die Kirchenleitung die Lehren aus den Verbrechen ziehen wird und die Achtung der Menschenrechte in die Tat umsetzt.