reisenbichler ign klhurka in zilena klMüller Re 120Zum Abschluss der Anti-Missbrauchskonferenz im Vatikan hat das Netzwerk: zeitgemäß glauben nachstehende Erklärung abgegeben:

Zur Bewältigung der Krise braucht es mehr

Das Netzwerk: zeitgemäß glauben sieht die Ergebnisse der am Sonntag zu Ende gegangenen Anti-Missbrauchs-Konferenz im Vatikan als wichtig und gut an, sie sind aber zu wenig weitreichend. Einheitliche Standards zur Vorgangsweise nach der Tat und eine Taskforce sind zu begrüßen. Nur die Problemursachen sind damit nicht gelöst!

Der erste Blick gilt den Opfern!

Es muss alles getan werden, damit nicht weitere Verbrechen der körperlichen, sexuellen oder psychischen Gewalt geschehen. Unverzüglich sind alle erforderlichen finanziellen, therapeutischen und organisatorischen Ressourcen bereitzustellen, damit die Opfer die erlittenen Traumata und die Scham und Qual aufarbeiten können.

Diese Zeichen im Rahmen einer Wiedergutmachung sind zu setzen, damit der erlittene Schaden nicht weiter das Leben der Opfer zerstört. Dazu gehört, dass den Opfern geglaubt wird und die Verbrechen anerkannt und angezeigt werden. Hier haben Bedauern und Entschuldigung ihren Platz. Dabei darf aber nicht stehen geblieben werden.

Täter haben für ihre Schuld einzustehen

Täter gehören unverzüglich von der Arbeit mit Menschen abgezogen und einer entsprechenden Aufarbeitung ihrer schrecklichen Tat zugeführt. Selbstverständlich haben sich Täter vor zivilen Gerichten zu verantworten und Strafen zu tragen.

Eine „Rückversetzung in den Laienstand“ ist nicht nur eine Beleidigung der sogenannten „Laien“, sondern geradezu absurd. Bischöfe haben für den Täter in ihren Reihen weiterhin auch die wirtschaftliche Verantwortung zu tragen. Schließlich haben sie die Person ja auch selbst ausgesucht und ausgebildet. Die Täter nach der Tat der Allgemeinheit zuzuschieben ist geradezu unmoralisch.

Mit Individualmaßnahmen ist es nicht getan!

Die Kirche wird nicht herum kommen, eine tief gehende Ursachenforschung zu betreiben, wie Täter in der römisch-katholischen Kirche zu Tätern werden konnten. Die römisch-katholische Kirche wird ihre theologischen Grundlagen der Verkündigung auf den Stand heutigen Wissens bringen müssen. Das trifft ganz besonders ihre Sicht von Gott, sein Wirken in dieser Welt sowie den Umgang mit Macht, mit den Frauen oder die Sexualität und die Beteiligung und Verantwortung aller.

Theologische Grundlagen sind zu revidieren

Der theologische Unterbau der Verkündigung ist kritisch zu hinterfragen. Ausgehend von einer seit mehr als hundert Jahren bekannten fundierten Bibel-Exegese-Forschung sind die Prämissen der Verkündigung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu konfrontieren und mit zeitgemäßen Ausdrucksformen neu zu vermitteln.

Die Teilung in geweihte und nicht geweihte Gläubige widerspricht der Botschaft Jesu. Ganz besonders, wenn die Rechte und Pflichten einseitig verteilt werden. Ein geradezu eigenartiges Licht fällt auf die „hohen Geistlichkeit“, wenn darunter höchste Vertreter des „ordentlichen Lehramtes“ wegen sexueller Übergriffe verurteilt werden, wie kürzlich Kardinal Georg Pell.

Franziskus selbst hat immer wieder den Klerikalismus angeprangert. Es ist höchst an der Zeit, die geweihten Amtsträger von ihren göttlich scheinenden Thronen zu befreien und sie auf gleicher Augenhöhe in die Gemeinden als Diener der Gemeinschaft einzugliedern. Rechenschaft und Verantwortung gehören selbstverständlich dazu.

Die Verkündigung der Kirche hat versagt!

Die Gläubigen wurden wie unmündige Kinder zur Passivität erzogen. Sie sollten zuhören und schweigen. Nebensächlichkeiten religiöser Rituale wurden zur Hauptsache hochstilisiert. Gleichzeitig wenden sich vor allem kritische und junge Menschen ab, weil die Verkündigung in vielen Bereichen der Botschaft Jesu widerspricht und unverständlich geworden ist. Sie steht auch oft im Dissens mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und kann so keine spürbare und wahrhaftige Hilfe im Leben sein.

Das Haus der Kirche brennt lichterloh!

Finanzskandale verschiedener Kirchenleitungen schreien zum Himmel. Kinder wurden weltweit zu Tausenden sexualisierter Gewalt und Übergriffen ausgesetzt und Nonnen vergewaltigt, ja sogar von Bischöfen wie Prostituierte bei Äbtissinnen bestellt.

Wenn Kardinal Christoph Schönborn einen „Qualitätssprung“ im Erreichen eines gemeinsamen Problembewusstseins sieht erhebt sich die Frage, von welchem Bewusstseinsstand aus urteilen die höchsten Vertreter des ordentlichen Lehramtes über Verkündigungsinhalte wie die Frage Geschiedener und wieder verheirateter, Frauenweihe oder über den Zölibat?

Sexualisierte Gewalt ist nicht erst seit wenigen Tagen ein Verbrechen. Eine Institution, die sich mit göttlichem Recht ausgestattet sieht und strenge Vorgaben - ganz besonders für die Ausübung der Sexualität - gemacht hat muss sich fragen, wieso sich Verantwortungsträger bis zu „höchsten Geistlichen“ an solchen Verbrechen beteiligen konnten und sie vertuschten?

Es braucht strukturell tiefgehendere Reformen

Beteuerung, Versorgung der Opfer und Bestrafung der Täter reicht nicht aus. Um Verschweigen und Vertuschen zu vermeiden und mehr Transparenz in die Entscheidungen zu bringen, ist es unerlässlich, Alleinentscheidungen abzustellen und Betroffene bei Entscheidungen miteinzubeziehen. Dabei wird ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Frauen und Männern hilfreich sein.

Was geschehen ist, ist fürchterlich und lässt sich nicht mit der Erklärung, das sind Verfehlungen Einzelner abtun! Was muss eigentlich noch geschehen, dass alle Kleriker, Diakone, Priester, Bischöfe und Kardinäle von ihren "göttlichen Thronen" steigen, sich gleichberechtigt in die Schar der Gläubigen einreihen und einsehen, so kann es nicht weiter gehen?

Es braucht strukturelle Machtbegrenzungen, Checks and Balances, eine aufgeteilte Machtbalance, unabhängige Kontrolle, niederschwellige Beschwerdestellen und ein Ende mit selbstherrlichen Alleinentscheidungen.

Alle Gläubigen haben ein Recht und die Pflicht mit zu entscheiden!

Ganz egal, ob sie Frauen oder Männer sind, verheiratet oder nicht. Einzig geeignet müssen sie sein, für den Dienst, den sie im Team auszuführen und zu verantworten haben. Für ein liebevolles Miteinander aller Menschen in dieser Welt haben sich Christinnen und Christen einzusetzen.

Für das Netzwerk: zeitgemäß glauben

Dr. Renate Müller, Dr. Ignaz Reisenbichler und Hans Peter Hurka