2019 03 04 Hurka HP120Wieder einmal ranken sich zahlreiche Spekulationen und Hoffnungen um einzelne Wortmeldungen zur angeblichen Bewältigung der Krisensituation in der Kirche. Neben guten Ideen braucht es aber die mutigen Taten, die das Leben der Kirche nachhaltig verändern können. Weder mit der Individualisierung von Schuld, noch mit strukturellen Veränderungen alleine kann die gegenwärtige Kirchenkrise gelöst werden. Es braucht eine Erneuerung von Grund auf, die auch die theologischen Grundlagen der Verkündigung umfasst und es braucht mündige, lebendige Gemeinden.

Christoph Schönborn stellt fest: "Die Macht der Bischöfe und Pfarrer braucht mehr Kontrolle". An anderer Stelle: "Der Priester ist sakral, ist unberührbar, der ist Herr Pfarrer. Wenn dieses Priesterbild vorherrscht, ist natürlich Autoritarismus die ständige Gefahr. Der Pfarrer bestimmt alles. Es ist die Gefahr, dass der Pfarrer sich mehr leisten darf als die anderen", erklärte der Wiener Kardinal.

Die Frage, was wird die Kirche tun, damit Missbrauchsfälle in ihren Gemeinschaften verhindert oder zumindest deutlich erschwert werden, treibt im Moment nicht nur die Menschen um, sondern auch Bischöfe und Medienleute. Kirchliche Verantwortungsträger geben Beschlüsse bekannt. Konkretisierende Nachfragen sind wichtig, weil ohne sie könnte die öffentliche Debatte schnell wieder entschlafen. Er braucht eine kritische Öffentlichkeit, die die Prozesse konsequent begleitet.

Im Unterschied zu früheren Tagen, wo Schuld fast ausschließlich als Fehler einzelner Menschen individualisiert wurde, wird heute öfter von strukturellen Änderungen gesprochen. Schönborn hat zugestanden, dass es in der Kirche Strukturen und Systeme gäbe, die Missbrauch ermöglichen. Ein Ungleichgewicht der Macht begünstige eine "Dynamik des Schweigens".

Das kirchliche Machtgefälle zwischen Klerikern und Laien begünstige Missbrauch und müsse strukturell entschärft werden. Dazu schlägt der in Wien lehrende Dogmatiker Jan Heiner Tück vor, „Laien, Frauen und Männer, stärker in die kirchliche Arbeit zu integrieren“. Nur so könnten "asymmetrische Kommunikationsformen" abgebaut und "Attitüden priesterlicher Selbstherrlichkeit im Ansatz erstickt" werden, betonte Tück. Ein neuer Typus an Priestern werde kommen, prophezeit Paul Zulehner.

Die Deutschen Bischöfe haben bei ihrer jüngsten Bischofskonferenz einen "verbindlichen synodalen Weg" zur Erneuerung und Veränderung der Kirche beschlossen. Themen seien der "nötige Machtabbau" bei den Klerikern, der Zölibat und die Sexualmoral der Kirche. Die Deutsche Kirche hat sich auch eine Frauenquote verordnet: Ein Drittel der Leitungspositionen der Diözesen sollen in den kommenden vier Jahren mit Frauen besetzt werden.

Dialog braucht gleiche Augenhöhe und Vertrauen

Diese Sprachbilder zur Erneuerung unserer Kirche sind geeignet Hoffnungen zu wecken und die eigene Unruhe wieder zu besänftigen. So nach dem Motto: Jetzt wird etwas geschehen! Wird wirklich etwas geschehen? In den letzten Jahrzehnten gab es immer wieder solche Anläufe. Nach einzelnen zu kleinen Veränderungen sind die Diskussionen schnell wieder in die „Normalität“ abgedrängt worden.

Die Mächtigen in der Kirche stellten immer wieder fest, das was gefordert wird geht nicht, weil …. Eine Reihe schein-theologischer und scheinbar pastoraler Argumente wurden dagegen vorgetragen. Einige widersprachen und wurden dabei immer schärfer, andere wurden scheinbar überzeugt. Tiefgreifende Veränderungen blieben aus. Ob etwas entschieden wird und worüber bzw. von wem entschieden wird, haben ausschließlich die Bischöfe in der Hand.

Das Machtgefälle zwischen Klerus und den anderen Gläubigen ist die gefährliche Klippe. Es braucht einen Dialog auf Augenhöhe, der von gegenseitigem Vertrauen getragen ist. Anders sind keine von allen akzeptierten Lösungen zu finden. Und es braucht einmütige Entscheidungen.

Dialogforen, in denen alle Teile der kirchlichen Gesellschaft gleichberechtigt vertreten sind und mitentscheiden können, sind Voraussetzung. Einmütige Entscheidung setzt voraus, dass selbst die Gegner einer Entscheidung sagen, wir haben unsere Argumente vorgetragen, die Gegenargumente haben uns zwar nicht überzeugt, trotzdem wollen wir es mit dieser Entscheidung versuchen.

Ein solches Vorgehen braucht viel Zeit und Geduld. Das ist keine einfache Sache. Viel zu viel an Kränkungen, abgewürgten Diskussionen, falschen Vorhaltungen usw. stehen zwischen den Teilnehmenden. Mit einem Rucksack aufgestauter und ungelöster Konflikte der letzten 60 Jahre ist es eben nicht ganz einfach. Eines aber ist klar: Billiger wird es keine tragfähigen Lösungen geben.

Sonntägliche Verkündigung

Ein entscheidender Schritt wird sein, die Gleichberechtigung aller in der Verkündigung in Wort und Tat hervorzuheben. Partnerschaftlichkeit ist de facto die Eintrittskarte in den Dialog. Und es muss klar gemacht werden, ein wertschätzender Umgang mit allen Menschen hat Vorrang gegenüber den Ritualen. Hier wird es nicht nur der Befreiung der Gläubigen von irreführender Zeichen und Predigten bedürfen, sondern auch breiter theologischer Nachschulungen vieler Verkünder.

Gemeinden Orte des Anfangs

Entscheidende Veränderungen von der Spitze abwärts sind unverzichtbar. Sie reichen aber nicht. Es braucht die überschaubaren Gemeinschaften, in denen geschlechter- und familienstandsübergreifend sowie Einkommen und den sozialen Stand übergreifend liebevoll gemeinsam der Weg Jesu in der Gegenwart mutig, selbstbewusst und eigenständig probiert wird. Die Verbundenheit mit anderen Gemeinden bringen Impulse und Korrektur. In ihnen kann aber auch jene kritische Öffentlichkeit gepflegt werden, die den Verantwortlichen in der Kirche auf die Finger schaut, ob die heutigen Ansagen auch tatsächlich umgesetzt werden.

In diesem Sinne braucht es die Auferweckung der ganzen Kirche. Die Entscheidung zu einem solchen Leben müssen alle Gläubigen treffen und umsetzen. Das ist weder ein ausschließlich individueller Prozess noch einer der ohne Gottes Hilfe gelingen kann. Dort wo er gelingt wird die Kirche und mit ihr Jesus in dieser Welt auferweckt.