Odermatt Alois 120Das Sprechen über den Glauben fällt schwer. Auch deshalb, weil die Sprachbilder, die in den Köpfen das Denken prägen von Kleinkind an gesät und Sonntag für Sonntag wieder - in nicht mehr zeitgemäße Denkmuster -  eingehämmert werden. Erst tiefergehende, ja existentielle Auseinandersetzungen mit den Inhalten löst von diesem „Richtig“ und „Falsch“. Die eigene Erfahrung und der Austausch darüber bringen jene „Sicherheit“, die Überzeugungen tragfähig machen können.

Ein solcher Impuls für weitergehenden Austausch ist der nachstehende Artikel des Schweizer Theologen Alois Odermatt. Sie können auch mit ihm in einen Dialog eintreten.

Gespräche über Glauben und Kirche
Oder: Da haben die Dornen Rosen getragen

Viermal im Jahr erscheint eine Zeitschrift für die Pfarrgemeinden eines Seelsorgeraums. Jedes Heft enthält einen Grundsatzartikel zu einem bestimmten Thema. Im Jahr 2018 ging es dabei um das Verhältnis zwischen dem «Glauben» und einzelnen Bereichen, nämlich: Glaube und Kunst, Glaube und Politik, Glaube und Wirtschaft, Glaube und Kirche. Ich wurde eingeladen, den Artikel für das letzte Heft zu schreiben, das zum Advent herauskommen sollte.

Wirklichkeiten hinter Formeln und Bildern

Ich ging von der gegenwärtigen Entwicklung aus, die von manchen als «dramatischer Kirchenverlust» erfahren wird. Ich dachte vor allem an Menschen, die in Distanz zum kirchlichen Leben geraten sind, nannte einige Stichworte zum «Glauben im Wandel» und gab zu bedenken, dass der «Glaube» im landläufigen Sinn eng mit Formeln verknüpft ist. Da wird etwa gefragt: Stimmst du diesem Glaubens-Satz oder jener Glaubens-Vorstellung zu? Aber damit geraten wir in eine Falle. Es wird nicht versucht, die Bedeutung dieser Sätze und Vorstellungen aus dem religiösen Denken ihrer Herkunft zu erkennen. Auch die gängigen Glaubens-Umfragen stecken in dieser Falle: Sagst du Ja zu einer Formel oder einem Glaubens-Satz, giltst du als «gläubig»; sagst du Nein, giltst du als «ungläubig». Ich nannte einige Beispiele und stellte sie zugleich in Frage:

  • Glaubst du an Gott als persönliche höhere Macht: allmächtig, gut und gerecht? Aber diese Vorstellung hält unserer modernen Wirklichkeit nicht Stand. Andere Denkbilder breiten sich in unserer Werde-Welt aus. Wie sind nun die Gebete, wie sind die Fürbitten zu ändern?
  • Glaubst du an die Jungfrauengeburt? Aber das ist keine biologische Aussage, sondern ein poetisches Sinnbild. Es bedeutet Neuanfang und Aufbruch.
  • Glaubst du, dass Jesus den Tod auf sich nahm, um die Sünde Adams zu sühnen und den Zorn des Vaters zu besänftigen? Aber das ist eine gotteslästerliche Vorstellung.
  • Glaubst du an seinen Abstieg in die Hölle, an seine Auferweckung? Aber das ist kein historisches Ereignis, keine Wiederverkörperung. Es wird gemeinsam als gewaltiges Urbild für das Erwachen des Selbst aus der inneren Hölle erzählt und gefeiert.
  • Glaubst du an ein Leben nach dem Tod? Aber lassen wir das offen. Das Anliegen der Bibel ist nicht das Leben nach dem Tod, sondern das Leben im Jetzt.

Neue Denkwege versuchen

Mein Text löste Bedenken aus und wurde nicht veröffentlicht. Er sei den Gläubigen nicht zuzumuten. Er könnte auch noch die verbliebene treue Kerngemeinde verunsichern.

Natürlich können Seelsorgerinnen und Seelsorger jene vor der Moderne schützen, die sie zur Kerngemeinde zählen. Aber sind nicht auch «treue Gläubige» dankbar für kritische Diskussionen? Sie haben «ungläubige» oder «andersgläubige» Bekannte und Freunde. Sie haben Kinder und Enkel, die anders denken. Sie sehen sich immer wieder in Gespräche verwickelt, in denen es um religiöse oder kirchliche Fragen geht. Sie möchten lernen, dabei die richtigen Worte zu finden. Sie sind oft auch selber verunsichert und haben kritische Rückfragen zu manchem, was sie von klein auf gelernt und eingeübt haben.

Und jene, die auf Distanz gegangen sind? Haben sie nicht das Recht, gerade in ihrer Distanz ernst genommen zu werden. Ihre Rückfragen zwingen dazu, neue Denkwege zu beschreiten. Und manche wirken gern bei Projekten mit, wenn sie angesprochen werden und dabei «Glaube und Kirche» auf andere Weise erfahren.

Auf Anfrage hin stelle ich meine Überlegungen dem «Netzwerk: zeitgemäß glauben» zur Verfügung. Ich habe sie zu diesem Zweck leicht erweitert.

Ein «dramatischer Kirchenverlust»

Glaube und Kirche – gehört das zusammen? Nein, sagten 2018 knapp 80 Prozent bei einer Internet-Umfrage des sozialen Netzwerks wize.life, das sich an Nutzer ab 40 Jahren richtet. 50 Prozent kreuzten an: «Ich glaube, gehe aber nie in die Kirche.»

Glaube und Kirche – gehört das zusammen? Ja, antwortet der Katechismus der katholischen Kirche (Nr. 166-169). Begründung: erster Träger des Glaubens ist nicht der Einzelne, sondern die Kirche als Ganze. Der Einzelne glaubt, indem er am Glauben der Kirche teilnimmt.

Was aber heißt: am Glauben der Kirche teilnehmen? In Österreich besuchen heute zehn Prozent der 5,1 Millionen katholischen Christen regelmäßig den sonntäglichen Gottesdienst außerhalb der großen Feste. Vor 20 Jahren waren es noch doppelt so viele. Und gegenwärtig treten Jahr für Jahr 50 bis 60 Tausend aus der Kirche aus. Offenbar nimmt nur eine Minderheit am Glauben der Kirche teil. Wie viele werden es in zehn Jahren sein?

Die Zeitschrift «Christ in der Gegenwart» berichtet regelmäßig über diesen «dramatischen Kirchenverlust». Aus Artikeln und Leserbriefen wähle ich einige kritische Hinweise aus. Dabei zeigt sich: Der Glaube ist mehr als Worte. Er ist etwas Tieferes: Vertrauen ins Leben haben, Urvertrauen ins Geheimnis des Lebens – ohne Formeln! Im Lied «Maria durch ein Dornwald ging» scheint dies auf. Es war ursprünglich ein Wallfahrtslied und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der beliebtesten Advents- und Weihnachtslieder. Es erzählt traumhaft von dieser menschlichen Grunderfahrung: Dornen des Lebens tragen Rosen.

Warum bricht die Kirche zusammen?

Freilich, eine echte Suche nach den Gründen dieses dramatischen Kirchenverlustes, so die Kritik, findet nicht statt. Die Bischöfe meinen, mit der Zusammenlegung von Pfarreien oder der Errichtung von Seelsorgeräumen sei es getan. Sie erleben bei ihren Besuchen volle Kirchen. Sie wollen nicht wahrhaben, dass die Zahl aktiver Kirchenmitglieder rasch abnimmt. Sie weigern sich, dringendste Reformen anzupacken. Wer mit jüngeren Menschen spricht, muss erfahren, dass sie sich für die Kirche als Institution nicht mehr interessieren.

Manche sagen, die Kirche breche zusammen, weil die Menschen den Glauben verlieren. Das ist falsch, betont Dipl.-Ing. Helmut Waltersdorfer, Neuhofen an der Krems, der sich als «theologischer Quereinsteiger» leidenschaftlich mit der Kirche befasst. Er veröffentlichte dazu ein eigenes Buch: «Seht, ich mache alles neu: Konkrete Beispiele für notwendende Veränderungen in Theologie und Kirche». In der Zeitschrift «Christ in der Gegenwart» schrieb er: «Immer wieder wird die ‚Schuld‘ des Glaubensverlusts bei den Menschen gesehen. Das ist der falsche Weg. Nicht der Glaube der Menschen verdunstet, sondern das, was die Kirche lehrt und praktiziert. Es ist nicht mehr haltbar, wird nicht verstanden und interessiert kaum jemanden. Die ‚Kunden’ bleiben weg, weil sie sich nicht mehr angesprochen fühlen. Wie lange wollen Kirchenführung und Theologen noch zuschauen? Es ist verantwortungslos, die Menschen mit theologischen Aussagen und Dogmen ‚abzuspeisen‘, die in einer Sprache daherkommen, über die nicht nur junge Leute nur mehr milde lächeln.»

Glaube im Wandel

Kann sich ändern, was die Kirche zu glauben vorlegt? Kann es in anderer Sprache daherkommen? In anderen Bildern? In diesem Punk könnten wir uns den Katechismus der katholischen Kirche zum Verbündeten machen: «Wir glauben nicht an Formeln, sondern an die Wirklichkeiten, die diese ausdrücken und die der Glaube uns zu ‚berühren‘ erlaubt» (170).

Dieser Grundsatz wird leicht übersehen. Aber wenn wir ihn bis in seine Tiefe ausloten, eröffnen sich unverhoffte Möglichkeiten. Er lässt uns den Wandel der Glaubenslehre mitgestalten, der im Gang ist. Der Theologe Michael Seewald hat dazu ein klärendes Buch veröffentlicht: Dogma im Wandel. Wie Glaubenslehren sich entwickeln. Er hält fest: «Das Wort des Dogmas ist nicht das Wort Gottes, sondern ein Wort der Kirche, durch das diese verbindlich versucht, das Wort Gottes in die Zeit hineinzusprechen.» Dabei zeigt sich, dass der Spielraum für Veränderungen grösser ist als manche meinen. Selbst Dogmen können verfallen.

Das Konzil von Florenz (1438-45) war vom Lehrsatz «Außerhalb der Kirche kein Heil» ausgegangen und hatte verkündet: Nur wer zur katholischen Kirche gehört, kann ewige Seligkeit erlangen. Heiden und Juden, Ungläubige und Abtrünnige verfallen nach dem Tod «dem ewigen Feuer». Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) nahm Abschied von diesem Dogma, öffnete sich dem Dialog mit anderen christlichen Konfessionen, mit anderen Religionen, ja mit allen Menschen guten Willens. Es bekräftigte ausdrücklich den allgemeinen Heilswillen Gottes, auch die Heilsmöglichkeit für erklärte Atheisten – was immer das heißen mag.

Ähnlich die Lehre der Erbsünde. Kaum ein Theologe nimmt heute noch die Erzählung vom Sündenfall Adams als Begründung einer Erbsünde ernst. Die meisten halten die überlieferte Lehre für überholt. Für den Münchner Theologen Karl-Heinz Weger ist sie «als ganze für das christliche Leben und für ein gläubiges Daseinsverständnis bedeutungslos geworden». Er fragt, warum die Seelsorge gegenüber den Laien noch an diesem Dogma festhalte.

In Verbindung damit stand eine andere Irrlehre: Wenn Kinder ungetauft sterben, geraten sie in die «Vorhölle», die zwischen Himmel und Hölle liegt, und «bleiben dort in alle Ewigkeit». Ältere Menschen erinnern sich noch an den Kummer, den diese Lehre den Eltern bereitete, wenn ihr Kind vor der Geburt starb – oder vor der Taufe. Erst 2007 erklärte der Vatikan, eine Vorhölle gebe es nicht, habe es nie gegeben. Sang und klanglos. Aber er verlor kein Wort des Bedauerns über die Höllen-Ängste, die er während Jahrhunderten gedeihen ließ.

Das Apostolische Glaubensbekenntnis durchsichtig machen

Erster Träger des Glaubens sei nicht der Einzelne, sondern die Kirche als Ganze, haben wir gehört. Der Einzelne glaube, indem er am Glauben der Kirche teilnimmt.

Eine Rolle in diesem Glauben der Kirche spielt auch das Credo, das Apostolische Glaubensbekenntnis: ein Bekenntnis-Gesang, der im Lauf der ersten Jahrhunderte entstand. In diesem Gesang versuchten die christlichen Theologen und Bischöfe, die Botschaft des Jesus von Nazareth in der religiösen Sprache und mit den religiösen Bildern ihrer Umwelt zu verkünden. Karl der Große schrieb den Text im 8./9. Jahrhundert verbindlich vor.

Seitdem blieb der Wortlaut des Credo unverändert. Der Theologe und Religionspädagoge Hubertus Halbfas zeigt in seinem Buch «Religiöse Sprachlehre» auf, welches Problem damit verbunden ist: «Wenn der Text auch unverändert blieb, die Zeit hat sich mehrfach gewandelt und damit das Verhältnis der Menschen zu dieser Glaubenssprache.» So werde der Inhalt des Credo immer mehr verabschiedet. Eine Wende sei nur dann möglich, wenn ihm in Seelsorge und Religionsunterricht ein neuer Zugang eröffnet werde: von den Bedingungen und religiösen Bildern seiner Herkunft her. Sonst machten sich die Verantwortlichen, betont er, mitschuldig am zunehmenden Autoritätsverlust der Kirchen und am «Glaubensverlust» der Menschen. Gezeigt sei dies an zwei Beispielen, die bereits angedeutet wurden.

Das dichterische Bild der Jungfrauengeburt

Der «Glaube der Kirche» wurde nicht nur in Bilder der hebräischen Überlieferung gekleidet, sondern auch in solche der alten ägyptischen Kultur. Dazu gehörte der Glaube an die Gottessohnschaft des Königs. Das ergab kein biologisches Problem. Jeder ägyptische König hatte selbstverständlich «benennbare natürliche Eltern», aber das Bild der Sohnschaft meinte, «dass der König im Zusammenwirken mit Gott über die Sinnhaftigkeit und Ordnung der Welt zu wachen hat». Zum Bild der Gottessohnschaft gehörte das Motiv der Jungfrauengeburt. Auch dieses Bild wurde ins christliche Credo aufgenommen.

Glaubst du an die Jungfrauengeburt? Da schweigen manche verschämt beim Credo, weil sie meinen, es sei eine biologische Aussage. Und bei Glaubensumfragen kreuzen sie das Nein an. Sie atmen auf, wenn sie erfahren: Das ist keine biologische, keine gynäkologische Aussage, sondern ein kraftvolles poetisches Sinnbild. Es bedeutet Neuschöpfung, die wir alle innerlich erfahren können. Dass es keine biologische Feststellung ist, deutet das Dogma wohl selber an, wenn es von der «immerwährenden Jungfräulichkeit Mariens vor, bei und nach Jesu Geburt» spricht. Eine so kühne Aussage können wir nur spirituell verkraften.

Das gewaltige Urbild der Auferstehung

Die nächste Frage: Glaubst du an seine Auferstehung? Hubertus Halbfas zeigt, dass die ägyptischen Könige auch mit diesem Bild verherrlicht wurden. Über 4000 Jahre wurde dort der Gedanke verfolgt, dass der König, der beispielhafte Mensch, den Weg in die Unterwelt nimmt, um aus ihr neugeboren aufzuerstehen. Aber die Rede von der Auferstehung Jesu entspreche ebenso einer Vorstellung des pharisäischen Glaubens jener Zeit.

Auch hier gilt: Es ist kein raumzeitliches Ereignis. Das legt das Glaubensbekenntnis selber nahe, indem es den Christus-Weg mit dem Abstieg in die Hölle beginnen lässt: «Hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel.» Wenn es raumzeitlich wäre: Wie tief in der Erde läge dann das höllische Reich des Todes? Welche Höhen des Weltalls hätte dann die Himmelfahrt erreicht? Es ist vielmehr eine symbolische Bilderzählung, die Auferstehung mitten drin, zwischen Hölle und Himmel. Zu welcher Erfahrung sind wir da eingeladen? Feiern wir in diesem gewaltigen österlichen Urbild nicht die Auferstehung des Selbst aus der inneren Hölle?

Dornen tragen Rosen

Das war die Falle: Wir meinten, Glauben bedeute, Sätze für wahr zu halten. Aber wir können ihn als Tieferes erfahren: Vertrauen ins Leben haben, Urvertrauen ins Geheimnis des Lebens – und uns davon berühren lassen.

Dieses Urvertrauen besingen wir im Lied «Maria durch ein Dornwald ging». Das ewig Weibliche geht durch den dürren Dornwald des Lebens, «der hat sieben Jahr kein Laub getragen». Wir selber sind diese Gestalt. «Unter dem Herzen» tragen wir die Sehnsucht nach der heilen Welt: «ein Kindlein ohne Schmerzen». Und siehe: «Da haben die Dornen Rosen getragen». Ja, unser dorniges Leben kann Rosen tragen: eine berührende Erfahrung.

Steht hinter dem Kirchenverlust ein Glaubensverlust? Nein, eher die Sehnsucht nach größerer Erfahrung: Nicht an Formeln glauben, sondern uns von den durchscheinenden Wirklichkeiten berühren lassen. Gespräche über «Glauben und Kirche» können dazu beitragen. Und unter der Hand wandeln sich die liturgischen Feiern.


Alois Odermatt
November 2018 / März 2019

Zum Autor:

Alois Odermatt ist Historiker mit Schwerpunkt Liturgie-Geschichte (Dr. phil., dipl. theol.)