Drewermann Eugen 120Eugen Drewemann sprach im September 2018 in Basel. Die christkatholische Kirche war voll, die Zuhörerinnen und Zuhörer lauschten 90 Minuten lang gebannt von seinen Worten und Gedanken. Drewermann sprach über die Botschaft Jesu. Klar, direkt, fordernd, eindrucksvoll! Er ist einer der Theologen, die die Botschaft Jesu heute ansprechend hilfreich und damit einladend formulieren kann.

Das Netzwerk: zeitgemäß glauben hat Berichte von diesem Auftritt des deutschen Theologen und Psychoanalytiker studiert und bietet nachstehend einige davon gesammelt an. Darunter sind: Der Telebasel Talk vom 13. September 2018, die Baseler Zeitung vom 14. September 2018 oder die BZ Basel vom 10. September 2018 oder das Röisch Katholische Pfarrblatt der Nord-Schweiz und der Bericht der Römisch Katholischen Kirche Basel Stadt. Nachstehend noch den Bericht des katholischen Medienzentrums www.kath.ch.

 «Das ‹Böse› ist nur ein Symptom von Leid»

Basel, 13.09.18 (kath.ch) Der streitbare Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann sprach in Basel über die bedingungslose Menschenliebe Jesu, die zum Umdenken in Strafjustiz, Wirtschaft und Friedenspolitik führen müsste.

Der Bericht ist von Boris Burkhardt

Er zitiert Sokrates, Kierkegaard, Darwin, Goethe, John Wayne, Gandhi, Carl Gustav Jung – und Bibelstellen aus dem Gedächtnis: Kritiker werfen dem streitbaren Theologen und Psychoanalytiker Eugen Drewermann vor, bei der Wahl seiner Zitate beliebig zu sein; in seinem Vortrag in der vollbesetzten christkatholischen Predigerkirche in Basel am Mittwochabend folgte der 78-Jährige aber durchaus einem roten Faden, als er verschiedene politische und gesellschaftliche Aspekte wie Strafjustiz, Kapitalismus und Krieg unter dem Gesichtspunkt betrachtete, was Jesus mit seiner Botschaft der bedingungslosen Liebe eigentlich gemeint habe – und die Kirchen schon lange aus den Augen verloren hätten.

Zuspruch unbedingten Trostes

Bezugspunkt für Drewermanns Vortrag ist die die Taufe Jesu im Jordan, bei dem Gott ihm die Zusage gibt: «Du bist mein Sohn.» Diesen Zuspruch unbedingten Trostes gibt Jesus laut Drewermann an die Menschen weiter. So sei es damals für Jesus gefährlich geworden, weil er «die grenzenlose Menschlichkeit» gelebt habe.

Im Israel vor 2000 Jahren sei er vor allem als unerhört empfunden worden, weil er den gesetzlichen und kultischen Bestimmungen die alleinige Autorität abgesprochen habe: «613 Gesetze Mose und 2000 Zusatzkommentare zur Anwendung auf Alltagssituationen: All das machte Jesus zunichte, weil Gott ein guter Mann ist.» Jesus habe in der Bergpredigt selbst betont, dass sich «kein Jota des Gesetzes» ändern werde: «Aber der Mensch braucht zum Leben andere Grundlagen als Gesetze.»

Den Täter nicht bestrafen

Die Definition von Sünde als Bruch mit Gottes Gebot, der bestraft werden muss, will Drewermann mit dem dänischen Philosophen Søren Kierkegaard als «Verzweiflung» neu interpretieren: «‹Böse› Menschen handeln unter innerem Zwang, weil sie in der Gesellschaft in einem Getriebe feststecken, das sie selbst nicht durchschauen.» Man sollte Täter nicht bestrafen, sondern mit beiden Armen umfangen: «Das ‹Böse› ist nur ein Symptom von Leid.»

Drewermann begründet diese Ansicht mit dem Gleichnis vom verlorenen Schaf, für das der Schäfer seine Herde verlässt und es sucht, bis er es findet. Jesus wolle Asylstätten des Verständnisses für die Menschen schaffen, wo man nur gefragt wird: Wer bist du selbst? Was hast du erlebt, dass du so bist?» Diese Liebe und dieses Verständnis riefen auch in kriminellen Tätern eine Form von Selbsterkenntnis hervor.

«Wie tröstet man einen Verzweifelten? Jesu Botschaft ist psychotherapeutisch.»

Aus dem Konzept dieser «Asylstätten» ergibt sich für Drewermann seine gesellschaftlich gesehen wichtigste Aussage: «Jeder Mensch, auch wenn er kein Christ ist, braucht die Botschaft Jesu, weil er Mensch ist.» Weil der Mensch in der Natur überflüssig sei (»Sie braucht uns nicht.») und in der Gesellschaft nur zur Verbesserung des Bruttoinlandprodukts eingespannt werde (»Streng dich an!»), könnten wir Menschen Gottes Botschaft von der bedingungslosen Liebe nur in Jesu vernehmen. «Unsere Gerechtigkeit hilft den Menschen nicht weiter», sagte Drewermann: «Wie umfängt man einen Verlorenen? Wie tröstet man einen Verzweifelten? Jesu Botschaft ist psychotherapeutisch.»

Kein Frieden im Kapitalismus

Den zweiten Teil des anderthalbstündigen Vortrags, der von den gut 400 Zuhörern in aufmerksamer Stille verfolgt wurde, widmete Drewermann der Kapitalismuskritik. Wer den Kapitalismus akzeptiere, akzeptiere, dass Menschen, die durch ihre Voraussetzungen gesegnet seien, aus der Not anderer Menschen mit weniger guten Voraussetzungen Profit schlügen. Deshalb werde es keinen Frieden geben, solange der Kapitalismus regiere.

«Die Definition, dass Frieden die ‹Balance of Power› sei, wischte Jesus von der ‹Tafel der Geschichte›»: Wenn die Menschen einander im Sinne der erwähnten «Asylstätten» verstehen würden, gäbe es laut Drewermann keinen Grund für Krieg mehr. Auch Gandhi habe in diesem Sinne Frieden nicht als «Ziel», sondern als «Methode» definiert.

Redeverbot bei Katholiken

Drewermann betonte mehrfach, wie dankbar er für die Gelegenheit sei, in Basel in einer christkatholischen Kirche sprechen zu dürfen: Laut eigener Aussage hat er in sämtlichen Einrichtungen der römisch-katholischen Kirche Redeverbot. Der Abend wurde dennoch von der Römisch-katholischen Kirche in Basel-Stadt initiiert und in Zusammenarbeit mit der christkatholischen Gemeinde Basel organisiert.

Kernthesen der Drewermann-Theologie

Die Themen, die der gebürtige Nordrhein-Westfalener Drewermann in Basel ansprach, sind Kernthesen seiner Theologie. Er überwarf sich mit der Römisch-Katholischen Kirche, aus der er 2005 austrat, vor allem, weil er Wunder, Himmelfahrt, Jungfrauengeburt und selbst die Auferstehung als psychologische Symbole und keine «Ereignisse in der sogenannten Wirklichkeit der äusseren Tatsachen» deutet.


 

Zu Eugen Drewermann:

Eugen Drewermann ist im Juni 1940 in Bergkamen geboren, er ist ein deutscher Theologe, Psychoanalytiker sowie Schriftsteller und ehemaliger römisch-katholischer Priester. Drewermann ist ein wichtiger Vertreter der tiefenpsychologischen Exegese und als kirchenkritischer Publizist tätig.

Drewermann stammt aus einer gemischtkonfessionellen Bergmannsfamilie (Vater evangelisch, Mutter katholisch). Er legte 1960 sein Abitur am humanistischen Gymnasium Hammonense in Hamm ab. Von 1960 bis 1965 studierte er Philosophie in Münster und Katholische Theologie in Paderborn. 1966 wurde er zum Priester geweiht und arbeitete als Studentenseelsorger und ab 1974 als Subsidiar in der Gemeinde St. Georg in Paderborn. Ab 1968 ließ er sich in Göttingen in Neopsychoanalyse ausbilden und habilitierte sich 1978 in katholischer Theologie. Ab 1979 hielt er als Privatdozent Vorlesungen an der theologischen Fakultät Paderborn. Am 8. Oktober 1991 entzog ihm Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt (1926–2002) die katholische Lehrbefugnis und im Januar 1992 die Predigtbefugnis. Im März 1992 folgte die Suspension vom Priesteramt. Ursache waren strittige Ansichten Drewermanns in Fragen der Moraltheologie und der Bibelauslegung. Drewermann ist als Schriftsteller, Redner, Psychotherapeut und als Lehrbeauftragter tätig.

Am 20. Juni 2005, seinem 65. Geburtstag, trat Drewermann aus der römisch-katholischen Kirche aus und gab dies in der Talkshow Menschen bei Maischberger kurz vor Weihnachten 2005 der Öffentlichkeit bekannt.

Kernthesen seiner Theologie

Zentral für die Theologie Drewermanns sind die Thesen, dass A) der Mensch sein Heil nur dadurch erlangen kann, dass er im Inneren seiner Seele sich selbst findet und nur dadurch auch zu Gott kommt ohne äußere vollendete theologische Wahrheiten, dass B) biblische Texte wesentlich psychologisch und im Sinne großer Dichter ausgelegt werden müssen, da es im Christentum um die angstlösende Wirkung im Inneren der Seele geht, C) dass Sünde nicht in einem nur ethischen Sinne verstanden werden darf, sondern existenzphilosophisch als Zustand der Verzweiflung im Inneren der Seele interpretiert werden muss, was bedeutet, dass man niemals verurteilend, sondern nur mit dem Versuch eines begleitenden Verstehens auf Menschen zugehen darf, weshalb Gott niemals als ein strafender Gott dargestellt werden darf, der womöglich sogar noch Höllenqualen verhängen könnte, und D) dass man nur dann zu einer gesunden religiösen Auffassung gelangen kann, wenn man alle Religionen, alle Kulturen und alle Kunst, Philosophie und Wissenschaft miteinbezieht, also die unendliche Allgegenwart Gottes zu allen Zeiten und in allen Kulturen wirksam ist und deshalb überall wichtige Aspekte zum Verständnis Gottes zu finden sind.

In diesem grundsätzlichen undogmatischen Verständnisrahmen interpretiert er Jesus Christus als eine Verkörperung einer vollendeten wahren Humanität, die den Menschen im Angesicht Gottes in ein absolutes Vertrauen führen soll, das ihn aus seinem radikalen Ausgesetztsein gegenüber seiner Endlichkeit, Sterblichkeit und Sündhaftigkeit unter der Perspektive einer absoluten Güte befreit. Und nur dies kann den Menschen und die Welt letztendlich erlösen, nicht aber ein festes Schema an gegebenen festgeschriebenen Bedingungen.

Zentrale Gestalten, auf denen die Drewermannsche Theologie aufbaut, sind Martin Luther, Sören Kierkegaard, Sigmund Freud, Giordano Bruno, Fjodor Dostojewski, Albert Camus, Friedrich Schleiermacher, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi und Buddha. Manchen dieser Größen steht er in Teilen durchaus kritisch gegenüber, aber er erkennt auch in diesen Fällen deren tiefe existentielle Suche an, die ihm viel wichtiger ist als eine scheinbar in sich stimmige Theologie, die jedoch den Tragödien vieler Menschen nicht standhält.