schoenborn 2019 120Mitglieder des Netzwerks: zeitgemäß glauben sind über die Auftritte von Ex-Kanzler Sebastian Kurz und dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn beim internationalen evangelikalen Großevent „Awakening Austria“ am vergangenen Sonntag in der Wiener Stadthalle entsetzt. Der Ex-Kanzler wirkte hölzern, der Kardinal kränklich und die Veranstalter wirkten peinlich.

Schon die österreichische Geschichte zeigt, dass die Paarung „Thron und Altar“ über die Menschen unseres Landes oftmals Krieg, Leid und Trauer gebracht hat. Auch das amerikanische Vorbild dieser Veranstaltung mit Donald Trump und den evangelikalen Sympathisanten oder andere Beispiele der Gegenwart wie etwa Wladimir Putin, Jair Bolsonaro, Recep Tayyip Erdoğan, die politischen Systeme im Iran oder in Saudi Arabien oder gar der Islamische Staat lassen antidemokratische, menschenrechtsverletzende, diskriminierende bis hin zu tödlichen Tendenzen erkennen.

Absichten durchschaubar

Der Parteiführer wirbt um Wählerstimmen, der Kardinal will die Abwendung Jugendlicher von der Katholischen Kirche bremsen und die Veranstalter wollen öffentliche Aufmerksamkeit. Tausende junge Menschen wie in einem Rauschzustand folgen mit leuchtenden Augen einem unrealistischen Jesus-Zerrbild, das angeblich die Welt und die individuellen Sorgen in Trance heilen werde.

Dieser Jesus von Nazareth hat nicht zur Weltflucht verholfen, sondern hat in der konkreten Lebensrealität seiner Zeit bis zu seiner Hinrichtung gegen Unterdrückung, Selbstsucht und Machtmissbrauch gewirkt. Für bedrohte, gedemütigte und rechtlose Menschen einzutreten, lautet die Botschaft Jesu. In diese Nachfolge sind Christen gerufen. Da geht es nicht darum Menschen in Trancezustände zu versetzen, die eine unheilvolle Gegenwart ausblenden. Gott sei Dank motiviert dieser Jesus bis zum heutigen Tag Menschen wie Franziska und Franz Jägerstätter, Dietrich Bonhoeffer, Óscar Arnulfo Romero und viele andere für ein gerechtes Leben in Frieden und Freiheit einzutreten.

Gebet für Machthaber

Als Gebet für einen Regierungschef mag es konzipiert gewesen sein. Die politischen Ereignisse rund um die Strache-Ibiza-Affäre sollten aber auch den evangelikalen Prediger Ben Fitzgerald sowie Veranstalter und Gäste zu tieferem Nachdenken anregen.

Gebet ist Zwiesprache mit Gott. Durchaus auch gemeinsam. Dort wo Gebet aber zur Show, zur Bühne und zur Wahlwerbung instrumentalisiert wird, werden Grenzen überschritten, die zumindest ein Kardinal erkennen sollte. Auch dann, wenn ihm seine politischen Berater den Auftritt nahelegen und der Parteiführer um Wählerstimmen heischend trotzdem auftritt.

Distanz der evangelischen Kirche

Die in der Ökumene äußerst aktive evangelische Kirche hat mit deutlicher Distanz auf die Ereignisse in dem Event reagiert. Das Netzwerk: zeitgemäß glauben meint, Ökumene ist etwas anderes als gemeinsam in Trance zu kommen!

 

Für das Netzwerk: zeitgemäß glauben

Gertraud Marchewa, Hans Peter Hurka, Dr.in Renate Müller


 Der ORF berichtete umfassend darüber:

„Awakening Europe“

Kritik an „Segensgebet“ für Kurz wächst

Um den Auftritt von ÖVP-Chef Sebastian Kurz bei einem religiösen Großevent in Wien mit 10.000 Besucherinnen und Besuchern gibt es weiter Wirbel. Kurz hatte bei einem Wahlkampfauftritt am Sonntag in der Wiener Stadthalle ein „Segensgebet“ des evangelikalen Predigers Ben Fitzgerald entgegengenommen.

Online seit 17.Juni, 12.48 Uhr (Update: gestern, 21.13 Uhr)

„Gott, wir danken dir so sehr für diesen Mann. Für die Weisheit, die du ihm gegeben hast. Für das Herz, das du ihm für dein Volk gegeben hast“, sagte der aus Australien stammende Leiter der „Awakening“-Bewegung unter anderem. Fitzgerald ist nach eigenen Angaben davon überzeugt, „dass die Zukunft der Nationen von Europa durch radikal Glaubende verändert wird, die frei leben und Jesus mutig bekannt machen“.

Auch Kurz ergriff das Wort und zeigte sich von der Zahl der Teilnehmer in der Stadthalle beeindruckt und bedankte sich beim ebenso anwesenden Kardinal Christoph Schönborn sowie Fitzgerald für die Gebete „für Österreich und die neun Bundesländer“. Inspiriert von seiner Reise durch diese Länder zitierte er dann auch einige Beispiele österreichischer Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Es sei eine Gesellschaft, in der „Glaube eine Rolle spielt“.

Beten für Sebastian Kurz

Bei dem riesigen Event in der Wiener Stadthalle begrüßte Kurz die Gläubigen, danach rief der australische Direktor der Veranstaltung die Anwesenden zum Beten für den Politiker auf. Mehr Videos in news.ORF.at

FPÖ kritisiert „sektenähnliches Verhalten“

Rasch kam in Sozialen Netzwerken Kritik am Auftritt des Ex-Kanzlers auf – am Montag reagierten auch die politischen Mitbewerber. Die FPÖ fand den gemeinsamen Auftritt von Kurz mit dem Prediger Fitzgerald „sehr befremdlich“. Generalsekretär Christian Hafenecker erinnerte Kurz daran, dass in Österreich die Trennung von Staat und Kirche gelebt werde. „Ein Spitzenpolitiker sollte sich daher für eine solche Aktion nicht hergeben“, so Hafenecker.

 

„Mit diesem sektenähnlichen Verhalten wurde eine klare Grenze überschritten. Wenn jemand wie Fitzgerald nach einer Drogendealerkarriere behauptet, Jesus getroffen zu haben, und dann 10.000 Menschen in der Wiener Stadthalle auffordert, Sebastian Kurz zu huldigen, ist das nicht nur peinlich, sondern bedenklich“, so Hafenecker in einer Aussendung.

Auch JETZT-Gründer Peter Pilz äußerte sich: „Es ist peinlich, wenn sich ein Altkanzler an fundamentalistische religiöse Sekten anbiedert und für sich beten lässt. Gefährlich wird es, wenn er den Religionskampf dieser Sekten unterstützt“, hieß es in einer schriftlichen Stellungnahme. Pilz forderte von Kurz eine klare Distanzierung von den Zielen von „Awakening Europe“.

Nicht vor „parteipolitischen Karren“ spannen lassen

Zuvor war auch von kirchlicher Seite Kritik gekommen: So warnte die Direktorin der evangelischen Diakonie, Maria Katharina Moser, vor einem „Missbrauch des Gebets“ für Wahlkampfzwecke: „Die Kirchen sollten sich hüten, sich vor den parteipolitischen Karren spannen zu lassen, egal welcher Partei“, schrieb sie auf Twitter.

Die Kirchen sollten sich hüten, sich vor den parteipolitischen Karren spannen zu lassen, egal welcher Partei. Für andere beten ist gut - aber es darf nicht der Eindruck erweckt werden, dass das Gebet der Wahlwerbung dient, das wäre Missbrauch des Gebets https://t.co/vx7Kga2wZx
— MariaKatharina Moser (@mariakmoser) 16. Juni 2019

„Von Stadthalle steht da nichts“

Ihr Kollege von der katholischen Caritas, Michael Landau, verwies angesichts der Inszenierung auf offener Bühne schlicht auf das Gebot des Matthäus-Evangeliums, im Privaten zu beten („Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu“) – „von Stadthalle steht da nichts“ – mehr dazu in religion.ORF.at.

"Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten." (Mt 6,6) - Von Stadthalle steht da nichts. Da hat der @MathiasB89 völlig Recht. https://t.co/EzCVLSNNi3
— Michael Landau (@mlcaritas) 16. Juni 2019

Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker distanzierte sich von der Veranstaltung. Die evangelischen Kirchen in Österreich seien nicht an dem Event beteiligt gewesen, betonte er in einer Aussendung. Es sei „selbstverständlich, dass wir für alle politischen Amtsträgerinnen und Amtsträger beten. Die Bibel beauftragt uns, sie ins Gebet zu nehmen.“ Dabei sei jedoch die Unterscheidung von Religion und Politik wichtig. „Es muss der Eindruck vermieden werden, dass dadurch einseitig Stellung genommen wird“, warnte Bünker. Religion dürfe nicht für politische Zwecke missbraucht werden.

Kurz: „Nichts Verwerfliches gesagt“

Angesichts der anhaltenden Kritik musste Kurz im Zuge seiner Pressekonferenz zum von der ÖVP beklagten „Fälschungsskandal“ um E-Mails, die Kurz und Ex-Kanzleramtsminister Gernot Blümel belasten sollen, Stellung nehmen. Er sei immer wieder bei unterschiedlichen Religionsgemeinschaften zu Gast, so Kurz auf Journalistenfragen.

Er habe wie Kardinal Schönborn eine Rede gehalten und nichts Verwerfliches gesagt, so Kurz – letztlich habe er nur ein „Wort des Dankes“ ausgesprochen. Auch gab Kurz an, etwas überrascht gewesen zu sein. Auf dem Video des Auftritts sei zu sehen, dass er für seine Verhältnisse starr gewirkt habe, als der Pastor ein kurzes Gebet hielt, so Kurz. Den australischen Pastor habe er „vorher noch nie getroffen“.

Angesprochen auf den Umstand, dass es sich bei der „Awakening“-Bewegung um eine umstrittene Gruppe handle, verwies Kurz auf seine „guten Kontakt zu allen Religionsgemeinschaften“. Bereits am Sonntag hatte Kurz-Sprecher Etienne Berchtold mitgeteilt, das „Segensgebet“ sei eine „spontane Idee“ Fitzgeralds gewesen. Zudem könne „man sich weder Kritik von Kirchenseite noch Lob wie von Fitzgerald, den Kurz noch nie vorher getroffen hat, aussuchen“.

„Als Christen aufgefordert, für Politiker zu beten“

Die katholische Kirche konnte die Kritik am „Segensgebet“ für den Ex-Kanzler nicht nachvollziehen. „Ganz klar ist mir die Kritik nicht“, sagte Michael Prüller, Pressesprecher der Erzdiözese Wien, am Montag. „Wir sind als Christen aufgefordert, für Politiker zu beten“, sagte er.

Auch eine parteipolitische Vereinnahmung – wie etwa von evangelischer Seite kritisiert – konnte Prüller nicht erkennen. Das Gebet habe weder Kurz’ Partei gegolten, noch habe man für seinen Erfolg gebetet. Es habe sich außerdem um eine ökumenische Veranstaltung gehandelt, die katholische Kirche sei daran nicht offiziell beteiligt gewesen, wies er die Kritik zurück. Es hätten lediglich Vertreter daran teilgenommen, darunter eben auch Kardinal Schönborn.

Veranstalter: Haben Nerv getroffen

Die Veranstalter sehen das starke mediale Echo als Bestätigung dafür, einen Nerv getroffen und ein Bedürfnis erfüllt zu haben. Eingeladen hätte man auch Politiker anderer Fraktionen. Dass es just Kurz war, hängt laut „Awakening Europe“ damit zusammen, dass er zur Zeit der Einladung Regierungschef gewesen sei: „Wir hätten auch jeden anderen Bundeskanzler eingeladen, ganz egal welcher Partei er oder sie zugehört“, hieß es in einer Aussendung.

Da Kurz nach erfolgter Zusage nicht mehr Kanzler gewesen sei, habe man sein Kommen nicht kommuniziert: „Auch das sollte unterstreichen, dass es sich keineswegs um einen politischen Programmpunkt handelte.“ Überdies sei bei „Awakening Europe“ für alle Verantwortlichen Österreichs, also auch für alle Politiker, mehrfach gebetet worden.

Angebliche Krebs-„Wunderheilungen“

Die Grundhaltung von „Awakening Europe“ wird als religiös fundamentalistisch eingestuft. Auf Kritik stößt grundsätzlich, dass die Organisation auf Massenveranstaltungen setzt und dabei etwa auch Krebs-„Wunderheilungen“ via Livestream inszeniert („Gib deine Hand auf die Leber und beginn zu beten“) – so auch in Wien, wo in der Stadthalle eine angebliche Krebsheilung gefeiert wurde.

Christian Pöschl, Organisator der Veranstaltung, verwies gegenüber dem Ö1-Mittagsjournal auf den Umstand, dass man schon sehr viele Erlebnisse gehabt habe, wo Menschen durch Gebet von Krebs geheilt worden seien. „Wir selber als Christen können nicht heilen, das wissen wir – es ist die Kraft Gottes, die heilt“, so Pöschl. Die Kritik an der politischen Schlagseite des „Segensgebets“ für Kurz kann der Organisator nicht nachvollziehen: Das Gebet sei spontan gemacht worden, es sei nicht abgesprochen gewesen – Audio dazu in oe1.ORF.at.

Strolz: „Einen Arschtritt bekommen“

Der frühere NEOS-Chef Matthias Strolz reagierte auf die Kurz-Segnung daher auch mit Kritik an der katholischen Kirche: „Als kritischer Katholik am Rande der Kirche hab ich gestern einen Arschtritt bekommen“, so Stolz auf Twitter. Er wisse noch nicht, wie er den nehmen solle: „Scheinheiligkeit, Doppelbödigkeit, Naivität, verunfalltes Popevent oder Aufforderung zum Austritt …“

Auf Twitter machten am Montag zum vielkritisierten Kurz-Auftritt Tweets mit dem Hashtag „#BetenfürKurz“ die Runde. Auch der deutsche Satiriker Jan Böhmermann nahm bereits auf gewohnt ironische Weise dazu Stellung.