Kirchschläger Walter 150Der in der Schweiz lebende österreichische Bibeltheologe Walter Kirchschläger hat einenfiktiven Entwurf für ein nachsynodales Schreiben nach der Amazoniensynode erstellt. Dieses ist nachstehend zu lesen und weiter zu verbreiten. Darinn entgenet  Kirchschläger vergangenen Argumenten, wie die Kirche habe keine Vollmacht und zeigt Wege, wie die Vorschläge sehr wohl in die Traditionder Kirche passen würden.Eine fundierte Arbeit, bei der Franziskus gut abschreiben könnte.

Der Schweizer Bibekwissenschafter Walter Kirchschläger hat nachstehenden fiktiven Entwurf für ein nachsynodales Schreiben für Franziskus entworfen. Mit dem könnte Franziskus sein Folgen den Vorschlägen der Amazonien-Synode begründen.

Walter Kirchschläger Luzern
D ER GROSSE W URF ? Ein Traum zur Amazonassynode,
 
zugleich ein Entwurf für das Nachsynodale Schreiben Spiritu Sancto ducti
Vorbemerkung als Lesehilfe
 
Einen notwendigen „Sprung nach vorwärts“ (un balzo innanzi) hatte Johannes XXIII.
in seiner Ansprache zur Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962) ange-
dacht. Verschiedentlich wurde dazu angesetzt, immer wieder wurde er „gehemmt“
(Helmut Krätzl, 1998). Es blieb bei kosmetischen Retuschierungen, die umfassende Kir-
chen-Re-form fand bislang nicht statt. Mag sein, dass die pastorale Not im Amazonas-
gebiet den Anstoss dazu gibt, über den eigenen theologischen Schatten zu springen und
einen Paradigmenwechsel einzuleiten? – eine Hoffnung, ein Traum ...
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E INFÜHRUNG
I. A BSCHNITT : Der Regenwald brennt – ein Hilferuf
II. A BSCHNITT : Eucharistische Not – Schritte zur not-wendenden Pastoral
1. Kirche unterwegs durch die Zeit
2. Die sakramentale Gegenwart der Kirche
3. Entfaltung der Sakramentalität der Kirche
4. Sieben Sakramente
5. Sakramente im Wandel der Zeit
6. Vollmacht der Kirche
7. Regionalisierte Neugestaltung kirchlicher Dienste (des „Amtes“)
A BSCHLIESSENDE R EFLEXION


E INFÜHRUNG
1. Durch den Heiligen Geist geleitet, haben wir, Schwestern und Brüder aus „allen Kirchen
des Erdkreises“ 1) , uns im Monat Oktober 2019 in Rom versammelt, um gemeinsam über die
besondere Situation und die Herausforderungen zu beraten, denen die Kirchen im Gebiet des
Amazonas ausgesetzt sind. Dies geschah unter aktiver Beteiligung der versammelten Schwes-
tern und Brüder als entsandte Vertreterinnen und Vertreter der katholischen Kirche auf allen
Kontinenten. Es ist dies ein bedeutsames Zeichen der weltweiten Solidarität mit den Kirchen
im Bereich des Amazonas. Zugleich ist diese Zusammenkunft unter dem Vorsitz des Bischofs
von Rom Ausdruck des Wunsches, dem Prinzip der Subsidiarität auch im kirchlichen Mitei-
nander verstärkt zum Durchbruch und zur Anwendung zu verhelfen – wie bereits mein Vor-
gänger Pius XII. es gewünscht hatte.
 
2 2. Die Menschen – und damit die Kirchen – im Amazonasgebiet sehen sich schwerwiegenden
gesellschaftlich-ökologischen Infragestellungen ausgesetzt. Überdies verursachen die ausser-
ordentliche geographische Weite und die besondere Beschaffenheit des Gebietes, die vor al- 2. Die Menschen – und damit die Kirchen – im Amazonasgebiet sehen sich schwerwiegenden
gesellschaftlich-ökologischen Infragestellungen ausgesetzt. Überdies verursachen die ausser-
ordentliche geographische Weite und die besondere Beschaffenheit des Gebietes, die vor al-
lem den personellen Resourcen für die pastorale Tätigkeit in den zahlreichen Kirchen am Ort
diametral gegenüberstehen, erhebliche Herausforderungen auf allen Ebenen dieser Kirchen.
Es ist bekannt, dass das Land um den Amazonas zu einem grossen Teil von indigenen Völ-
kern besiedelt wird, die in den Gebieten des Regenwaldes in überschaubaren Siedlungen und
Dörfern ihr Zuhause und ihre Lebensgrundlage haben. Diese durch unzählige Generationen
geprägte Ordnung des Lebens ist vollumfänglich zu respektieren, und sie darf besonders
durch kirchliche Institutionen nicht in Frage gestellt werden.
 
3. Die Mitglieder der Synode konnten vorweg auf der Grundlage des Vorbereitungsdokumen-
tes und sodann des Instrumentum laboris die angesprochenen Themen studieren, sodass die
Synode sich in ihrer mehrwöchigen Arbeit auf die Frage nach weiterführenden Handlungsim-
pulsen im Lichte der Botschaft Jesu Christi und des Vorbildes, das er in seinem Leben, in
seinem Sterben und in seinem Auferstehen allen Menschen hinterlassen hat, konzentrieren
konnte. Wir sind davon überzeugt, dass für unser kirchliches Tun der unbeirrbare Blick auf
alle Phasen des Christusgeschehens notwendig und fruchtbar ist. Gerade im Schicksal der
indigenen Völker spiegeln sich das (Todes-)Leid, aber auch die Hoffnung und die unbeirrbare
Zuversicht, der wir im Gottvertrauen unseres Herrn Jesus Christus begegnen können.
 
4. Aus dem Gesagten ist nicht nur die Methode der Synode, sondern auch die Herausforde-
rung für die nächste Zeit zu entnehmen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Kirche ver-
pflichtet, sowohl „Freude und Hoffnung“ als auch „Trauer und Angst“ mit allen Menschen zu
teilen und darin ihre Solidarität mit den Menschen zu jeder Zeit und an jedem Ort zu bezeu-
gen (vgl. Gaudium et spes 1) – getreu dem Wort Jesu, dass wir „in den geringsten unserer
Schwestern und Brüder“ Jesus Christus selbst begegnen (Mt 25,45) und ihm so nachfolgen
können.
 
5. Zur wirksamen Umsetzung dieser Grundhaltung griff das Konzil das vom heiligen Johan-
nes XXIII. angeregte methodische Instrument des Aggiornamento auf. 3) So ist sichergestellt,
dass die Kirche einer Region, eines Sprach- oder Kulturkreises stets in der jeweiligen Welt
von heute und in einem inkulturierten Rahmen agiert, innerhalb dessen die Lebensumstände
der Menschen, die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten berück-
sichtigt und im Lichte des Evangeliums eine Antwort auf die Fragen der Menschen ange-
sichts der Vorgaben der jeweiligen Epoche gegeben werden (Gaudium et spes 4). Im Mitden-
ken, Mitreden und Mitentscheiden der Vertreterinnen und Vertreter der Kirche auf der ganzen
Welt, vor allem im gemeinsamen Beten über die angesprochenen Probleme und die darin er-
kannten „Zeichen der Zeit“, 4) sowie im Hören auf das, „was der Geist den Kirchen sagt“ (Offb
2,11 u. ö.), sind die synodalen Elemente erkennbar, durch welche die Handlungsstrategien der
Kirche besonders nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil bestimmt und geprägt werden.
 
6. Die in diesem Geist durchgeführten Beratungen der ausserordentlichen Versammlung der
Bischofsynode zu Amazonien haben nach einem integralen Zugang zur ökologischen Situati-
on dieses Gebietes gesucht. Zugleich wurden in diesem Zusammenhang die Hilferufe der Kir-
che der Amazonas-Region wahrgenommen, die angesichts der Grösse ihrer pastoralen Aufga-
be und der kleinen Zahl der dafür zur Verfügung stehenden Priester auf sakramentaler Ebene
zu verdursten droht. Aus diesem dramatischen Befund ergeben sich für die Kirche verschie-
dene Imperative des Handelns, die – in Entsprechung zu den in der Synode gesetzten Schwer-
punkten – in diesem Nachsynodalen Schreiben in zwei Abschnitten behandelt werden.
 
I. A BSCHNITT : Der Regenwald brennt – ein Hilferuf
7. bis 15. [In Abstimmung mit Fachleuten sind die Überlegungen und Erkenntnisse der
Synode zu diesem Thema zusammenzufassen und die angedachten Folgerungen darzu-
stellen].
II. A BSCHNITT : Eucharistische Not – Schritte zur not-wendenden Pastoral
 
1. Kirche unterwegs durch die Zeit
 
16. Die für die Pastoral in den Gebieten des Amazonas erkannten Probleme wurden im In-
strumentum laboris der Synode ausführlich dargestellt. 5) Im Studium dieser Herausforderun-
gen wurde in den Beratungen der Synode erkannt, dass zu deren Lösung ausserordentliche
und neue Wege beschritten werden müssen.
 
17. Denn die Kirche schreitet auf ihrem Pilgerweg durch die Zeit (vgl. Lumen gentium 8,4)
und ist gehalten, für die ihr zukommenden Aufgaben alle Möglichkeiten und Einsichten an-
zuwenden und zu nützen. Dafür muss sie sich den Erkenntnisfortschritt zu eigen machen, der,
angeleitet vom Heiligen Geist, im Laufe der Zeit in ihrer Mitte entsteht und kontinuierlich und
„in Geduld“ (vgl. Lk 8,15) wächst, bis er im Konsens der Kirche als Frucht des Geistes wahr-
genommen und angenommen werden kann.
 
18. Zwar „muss die apostolische Predigt, die in den inspirierten Büchern besonders deutlichen
Ausdruck gefunden hat, in ununterbrochener Folge bis zur Vollendung der Zeiten bewahrt
werden“ (Dei verbum 8). Dies darf jedoch nicht dazu führen, dass die Offenbarung Gottes wie
ein anvertrautes Talent vergraben (vgl. Mt 25,24-27) und so in ihrer dynamischen Entfaltung
behindert wird. Vielmehr muss die Kirche mit dem ihr anvertrauten Glaubensgut „Handel
treiben“ (ebenda), damit die Menschen zu jeder Zeit in ihr gleichsam wie in einem Spiegel
Gott anschauen und ihm begegnen können (vgl. Dei verbum 7,2). Erkenntnisse der Theologie
und ein Glaubenssinn der Gläubigen, der sich zur Übereinstimmung hin entwickelt (Lumen
gentium 12,1), sind ebenso wie deutlich erkennbare Zeichen der Zeit unverwechselbare
Merkmale dieser Entwicklung, die im Kern bereits in der theologischen Rede von der „Dog-
menentwicklung“ reflektiert ist. 6) Dem geschenkhaften Wirken des Geistes, mit dem alle
Christinnen und Christen „getränkt“ sind (1 Kor 12,13), ist es geschuldet, diese „ihre allge-
meine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten“ auch zu äussern (Lumen
gentium 12,1) und zur Grundlage kirchlichen Handelns zu machen.
 
2. Die sakramentale Gegenwart der Kirche
19. Eine solche Übereinstimmung, die sich im Laufe der Geschichte der Kirche entwickelt
und kontinuierlich verdichtet hat, besteht in der vom Zweiten Vatikanischen Konzil erneut
formulierten Sichtweise unserer Glaubensgemeinschaft: Denn Kirche ist „das ‚allumfassende
Sakrament des Heils’“ (Lumen gentium 48,2). Die Väter des Konzils haben diese grundlegen-
de Aussage in ihre pastorale Reflexion über die Kirche aufgenommen und weitergeführt: Es
ist dieses allumfassende Sakrament des Heils, „welches das Geheimnis der Liebe Gottes ge-
genüber dem Menschen zugleich kundtut und verwirklicht“ (Gaudium et spes 45, vgl. dazu
Joh 3,16).
 
20. Vor diesem hohen Anspruch darf die Kirche zu keiner Zeit zurückschrecken. Es ist viel-
mehr geboten, dass sie alle ihre Möglichkeiten aufbietet, um dieser ihrer Sendung gerecht zu
werden. Zugleich darf die Kirche angesichts der erkennbaren hohen Herausforderung nicht
mutlos werden – weiss sie sich doch durch die Zusage der bleibenden Gemeinschaft mit dem
erhöhten Herrn Jesus Christus (vgl. Mt 28,20; Dei verbum 4) ebenso gehalten wie aufgrund
des Geistes der Wahrheit, den der Vater gesandt hat und der uns „in der ganzen Wahrheit lei-
tet“ (Joh 16,13).
 
21. Diese ihre Sendung und die damit verbundene Verantwortung für alle Menschen hat die in
der Synode über Amazonien versammelte Kirche dazu veranlasst, die folgenden weiterfüh-
renden Überlegungen und Entscheidungen anzuregen, die ich mir in meiner Verantwortung
als Bischof von Rom mit diesem Nachsynodalen Schreiben zu eigen mache. Ich folge damit
dem an Simon Petrus erfolgten Auftrag unseres Erlösers, nach seiner eigenen Umkehr die
Schwestern und Brüder im Glauben zu stärken (vgl. Lk 22,32). Dieser Dienst der Stärkung ist
als Förderung und Ermöglichung kirchlichen Lebens zu verstehen – bis hinein in das Zentrum
der kirchlichen Sakramentalität. Dabei muss uns allen bewusst sein: Ausserordentliche Gege-
benheiten erfordern ausserordentliches Handeln, insbesondere dann, wenn es um Grundlegen-
des für das Leben der Kirche geht.
 
3. Entfaltung der Sakramentalität der Kirche
 

22. Unser Herr Jesus Christus hat seine Berufung und Sendung unter Einsatz von „Tat und
Wort“ (Lk 24,19, vgl. Dei verbum 2) verwirklicht. Darin erwies er sich als der „geliebte
Sohn“ des Vaters (Mk 1,11), der die Zuwendung Gottes zu den Menschen in neuer Weise
wahrnehmbar machte und so gegenwärtig setzte. In Wort und Tat kam die Ermächtigung Jesu
zum Ausdruck, sodass die Menschen die Dimension seines Auftretens erkennen konnten und
darüber in Staunen gerieten, denn „er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat“ (Mk 1,22). Die
Konkretisierung seines Wortes in der gelebten Zuwendung zu Menschen in Not verstärkte die
Überzeugung der unmittelbar Betroffenen ebenso wie jene der Umstehenden, dass sein Wort
ein „Wort in Vollmacht“ war (Lk 4,36), von dem Ähnliches zu bekennen war wie vom Wort
der Gottesrede der Jüdischen Bibel, das – einmal gesprochen „nicht leer“ zum H ERRN zurück-
kehrte, „ohne zu bewirken“ was der H ERR wollte, und ohne „das zu erreichen“, wozu er es
gesprochen hatte (Jes 55,11).

23. So erhielt das Wort und das Handeln Jesu von Nazaret von Anfang an eine tiefere Aus-
druckskraft. In seiner Zuwendung zu einzelnen Menschen wurde die Verkündigung Jesu über5
die anbrechende Königsherrschaft Gottes verdeutlicht. Diese besondere Intensität und Dichte
seines Wortes und seines Handelns, die über den Augenblick hinaus Bedeutung behielt, wur-
de von den Menschen seiner Zeit wahrgenommen und motivierte sie zu der staunenden Rück-
frage: „Wer ist denn dieser?“ (Mk 4,41) sowie zur Auseinandersetzung mit dem Auftreten,
mit der Botschaft und mit der Person unseres Herrn Jesus Christus.

24. Der auferstandene und erhöhte Herr übertrug in der österlichen Sendung und Beauftra-
gung seine Vollmacht auf die Menschen in seiner Nachfolgegemeinschaft (vgl. Mt,28,16-20;
Mk 16,15-18) und ermächtigte sie so dazu, in seinem Namen Zeichen zu setzen, die Gottes
Zuwendung in seiner Königsherrschaft erkennbar werden liessen (vgl. Mk 16,20). Dieses zei-
chenhafte Handeln, in dem die heilende Zuwendung Gottes in für die Menschen erfassbaren
Riten, Worten und Gesten angezeigt wurde, prägt das Leben und Wirken der Kirche also von
Anfang an. Insbesondere die Emmauserzählung (vgl. Lk 24,13-35) zeigt: „Christus ist der
erste Exeget.“ 7 An Ostern erschloss er den Jüngerinnen und Jüngern „den Verstand, um ein-
zudringen in die Schrift“ (Lk 24,45). Schon zur neutestamentlichen Zeit wurde also das ge-
samte Christusgeschehen von biblischen Verfasserinnen oder Verfassern reflektiert und auf-
grund der Anleitung durch den auferstandenen Herrn und seinen Geist für die frühen Kirchen
am Ort in seiner tieferen Dimension ausgelotet und erklärt.

25. Insbesondere gilt dies für die Praxis des Herrenmahls, das sehr bald nach Tod und Aufer-
stehung unseres Herrn Jesus Christus zu seinem Gedächtnis und gemäss seinem Auftrag re-
gelmässig in den Hauskirchen und den Kirchen am Ort gefeiert wurde und dessen Deutung
besonders den Apostel Paulus und sodann die vier Evangelisten beschäftigte. Gleiches ist von
der Feier der Taufe zu sagen, die schon von Paulus als Ausdruck der neuen existentiellen
Zuwendung zu Jesus Christus und der von ihm geschenkten persönlichen Beziehung sowie in
der Folge als Eingliederung in die Gemeinschaft der an unseren Herrn Jesus Christus Glau-
benden verstanden wurde. Für den Apostel Paulus, die Paulusschule und jene Personen, wel-
che die Apostelgeschichte und das Johannesevangelium verfasst haben, war die inhaltliche
Erschliessung und Vertiefung des Taufgeschehens ein vorrangiges Anliegen.

4. Sieben Sakramente

26. „Die Kirche hat „im Laufe der Jahrhunderte erkannt, dass es unter ihren liturgischen Fei-
ern sieben gibt, die im eigentlichen Sinn vom Herrn eingesetzte Sakramente sind.“ Mit diesem
Satz wird im Katechismus der Katholischen Kirche (1117) der entsprechende Befund zutref-
fend zusammengefasst. Denn die kirchliche Praxis ebenso wie die theologische Reflexion und
die pastorale Erfahrung führten erst nach und nach zu der entsprechenden Überzeugung, dass
neben Taufe und Eucharistie auch anderen kirchlich gefeierten Riten ein besonderer zeichen-
hafter, also sakramentaler Charakter eigen ist, da sie und die unmittelbar davon betroffenen
Menschen in aussergewöhnlicher Weise die Nähe und das Wirken Gottes anzeigen können.
Da sich all diese Zeichen auf die Konkretisierung göttlichen Handelns im Christusgeschehen
beziehen, kann in einem gewissen Sinn zu Recht gesagt werden, dass „die Sakramente des

Neuen Bundes [...] alle von unserem Herrn Jesus Christus eingesetzt“, 8 also von seinem Wir-

27. Es scheint geboten, sich den Hintergrund dieser lehrhaften Aussage des Konzils von
Trient zu vergegenwärtigen. Zwar ist es zutreffend, dass nicht erst dieses Konzil eine solche
feierliche Aussage gemacht hat. Bereits auf dem Zweiten Konzil von Lyon wurden die sieben
Sakramente als Inhalt des katholischen Glaubens festgehalten. 9 Das Konzil von Florenz nennt
ebenfalls diese Zahl der Sakramente. 10 So kann also auf eine durch mehrere Jahrhunderte be-
legte diesbezügliche Glaubensüberzeugung verwiesen werden, die bis in das Zweite Vatikani-
sche Konzil (bes. Lumen gentium 11) und in unsere Gegenwart andauert.

28. Zugleich ist die lange Epoche nicht zu übersehen, die zwischen dem Wirken unseres
Herrn Jesus Christus und der neutestamentlichen Zeit einerseits und dem angesprochenem
Zeugnis der Konzilien ab dem 13. Jahrhundert andererseits liegt und die in diesem Zusam-
menhang als eine Phase der wachsenden Einsicht und der theologischen Klärung bezeichnet
werden muss. Dabei kann nicht entgehen, dass dieser Lauf der Jahrhunderte, in dem in der
Kirche unter dem Beistand des Geistes die Erkenntnis in Bezug auf die Sakramente reifen
konnte, eine Epoche umfasst, die mehr als die halbe bisherige Lebenszeit der Kirche aus-
macht. Es wäre also unzutreffend und daher unverantwortlich, von einer zeitlich nur kurzen
Vor- oder Zwischenperiode zu sprechen. Vielmehr legt es sich nahe, eine solche Phase des
inhaltlichen Wachsens in der Glaubenserkenntnis als Merkmal einer Kirche zu verstehen, die
auf der Pilgerschaft unterwegs ist und bleibt.

29. In diesem Zusammenhang ist auch die inhaltliche Kontingenz der bis in unsere Tage ge-
pflegten diesbezüglichen Glaubensüberzeugung zu beachten. Es fällt ja auf, dass zwar ein-
gangs des 2. Jahrtausends der Kirchengeschichte der Ehestand als Sakrament begriffen wurde,
diese sakramentale Einordnung aber bis heute der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen
nicht zugestanden wird, obwohl dafür mehrere gute Gründe angeführt werden können. Dies
wird an anderer Stelle zu bedenken sein. Wird überdies berücksichtigt, dass die angeführten
Konzilien des 13. bis 16. Jh. ihre Überzeugung in Bezug auf die Sakramente im Rahmen sehr
komplexer Glaubenskontroversen zum Ausdruck gebracht haben und ihre inhaltliche Deut-
lichkeit von dieser defensiven Sprechsituation als erheblich beeinflusst gelten muss, ist fest-
zuhalten: Die heutige Ausgangslage einer Reflexion zu diesem Bereich kann in gänzlich an-
derer Weise eingeordnet werden.

30. Vor dem Hintergrund der angestellten Überlegungen kann also mit guten Gründen gefol-
gert werden:
Aufgrund der Unverzichtbarkeit der sakramentalen Verfasstheit der Kirche und als Quelle
ihres geisterfüllten Lebens

  •  als Ausdruck ihrer Treue zum Herrn Jesus Christus, dem „Retter“ aller Menschen (Lk 2,11)
    und
  • als Bekräftigung ihrer uneingeschränkten Absicht und Pflicht, das von unserem Herrn Jesus
    Christus verkündete und den Menschen angebotene Heil weiterhin an allen Orten und durch
    alle Zeiten den Menschen anzubieten, sowie
  • in ihrer dafür aus Liebe gebotenen Verantwortung, diesem Auftrag „aus ganzem Herzen, aus
    ganzer Seele, aus ganzer Einsicht und mit aller Kraft“ (Mk 12,30) nachzukommen;
    ÷ zugleich aber angesichts des im Amazonasgebiet erkannten Mangels, die Sakramente re-
    gelmässig zu feiern, in dem eine neue Zeitsituation, also ein „Zeichen der Zeit“ erkennbar ist;
    und
  • ÷ angesichts der sich daraus ergebenden Gefährdung der Kirchen vor Ort in ihrer Vitalität und

i5. Sakramente im Wandel der Zeit

31. Die Geschichte unserer Kirche vermittelt noch eine weitere Erkenntnis: Die inhaltliche
und strukturelle Ausgestaltung der Sakramente kann einer Entwicklung unterworfen sein.
Diese geschieht nicht willkürlich, sondern sie steht in Beziehung zu Zeit, Kultur und pastora-
ler Herausforderung. Sie betrifft nicht die heilsbezogene Dichte des sakramentalen Gesche-
hens, sondern die Art und Weise, wie sich dieses jeweils entfalten und wie es in den Verlauf
des Lebens in der Kirche zielführend eingeordnet werden kann.

32. Für solche Entwicklungen kann auf verschiedene Bereiche im Leben der Kirche zurück-
geblickt werden. Schon im Laufe der ersten Jahrhunderte wurden das Verständnis und der
Zugang zur Taufe unterschiedlich beurteilt. Der Zeitpunkt für die Feier dieses Sakraments im
Leben eines Menschen unterliegt bis heute unterschiedlichen regionalen Regelungen. Auch
die Leitung der Tauffeier ist in verschiedener Weise geordnet. Ähnliches ist für das Verständ-
nis und die Feier der Firmung zu sagen. Die Deutung der Eucharistie und vor allem die Praxis
ihres Empfangs hat sich in den letzten hundert Jahren nochmals gewandelt – auch dies regio-
nal sehr unterschiedlich. Zur Frage, wer das Ehesakrament feiert, gibt es kontroverse theolo-
gische Auffassungen. Der pastoraltheologische „Ort“ der Krankensalbung wird heute neu
bestimmt. Die Eigenart der verschiedenen Epochen der Kirchengeschichte und der pastoralen
Praxis können für diese sich ändernde Vielfalt ebenso als erste Evidenz gelten wie ein wach-
sendes Verständnis für die Komplexität der theologischen Wirklichkeit „Kirche.“ Die dahinter
erkennbaren Spuren einer inkulturierten Interaktion entsprechen der Eigenart einer Kirche, die
unter Führung des göttlichen Geistes ihren Pilgerweg geht.

33. Es ist nicht verwunderlich, dass die angesprochenen Faktoren unterschiedlich beurteilt
und gewichtet werden. Auch in den Beratungen der Synode über Amazonien konnte dies er-
lebt werden. Zugleich war die Geschwisterlichkeit spürbar, mit der Hoffnung und Angst an-
gesichts der pastoralen Notlage dieser Region geteilt wurde, betroffen machte und das ge-
meinsame Ringen um tragfähige Schritte in die Zukunft förderte.

34. Im gegenseitigen Austausch, im Teilen und Mit-Teilen der versammelten Schwestern und
Brüder, wurde den Mitgliedern der Synode bewusst, was Gott schon bisher in der Kirche
Amazoniens gewirkt hat (vgl. Apg 15,4). Welche Kirche anderer Regionen auf unserer Erde
könnte sich – trotz aller Schwierigkeiten und Unvollkommenheiten – einer solchen Einsicht
verschliessen? Sie verdichtet die Gewissheit, dass der auferstandene und erhöhe Herr mit sei-
ner Kirche unterwegs bleibt.

35. Auch heute versammelt sich die Kirche wie einst in Jerusalem: Angesichts der Not von
Unterdrückung und Verfolgung, zugleich angesichts der Entlassung von Petrus und Johannes
nach dem hohepriesterlichen Verhör – wissend, dass allein „Gott das Wachstum gibt“ (1 Kor
3,6) und unser Herr Jesus Christus seine Kirche leitet. Wie seinerzeit die Apostel beginnen
wir das Gebet und ermutigen uns gegenseitig dazu, zu sprechen: „Doch jetzt, Herr! ...“ (Apg
4,29), um unsere Kirchengegenwart vor Gott zu tragen und mit der Kirche von Jerusalem zu
bitten: „Streck deine Hand aus, damit Heilungen und Zeichen und Vollmachtstaten geschehen
durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus!“ (Apg 4,30). In der Apostelgeschichte ent-
wickelt Lukas in der Folge ein Szenarium der Zuversicht und des Vertrauens:
So schon Johannes XXIII., Enzyklika Pacem in terris vom 11. April 1963, hier n. 21-23.45-46.67.75.3
che der Amazonas-Region wahrgenommen, die angesichts der Grösse ihrer pastoralen Aufga-
be und der kleinen Zahl der dafür zur Verfügung stehenden Priester auf sakramentaler Ebene
zu verdursten droht. Aus diesem dramatischen Befund ergeben sich für die Kirche verschie-
dene Imperative des Handelns, die – in Entsprechung zu den in der Synode gesetzten Schwer-
punkten – in diesem Nachsynodalen Schreiben in zwei Abschnitten behandelt werden.

 „ 31 Als sie gebetet hatten,
wurde der Ort, an dem sie versammelt waren, zum Beben gebracht,
und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt,
und sie sprachen das Wort Gottes – mit Freimut.“

6. Vollmacht der Kirche
36. Im Vertiefen unserer theologischen Erkenntnis der Sakramente und in der Weiterführung
der pastoralen Praxis wissen wir uns von diesem Geist getragen, der von Anfang an die Kir-
che leitet und sie erfüllt, und wir wissen: Auch heute wird der Ort unseres Gebets „zum Beben
gebracht“. Der Geist ermutigt uns zu jenem Freimut ad intra und ad extra, 11 den es für die
nächsten Schritte in der Kirche braucht.1. Kirche unterwegs durch die Zeit

16. Die für die Pastoral in den Gebieten des Amazonas erkannten Probleme wurden im In-
strumentum laboris der Synode ausführlich dargestellt. 5 Im Studium dieser Herausforderun-
gen wurde in den Beratungen der Synode erkannt, dass zu deren Lösung ausserordentliche
und neue Wege beschritten werden müssen.

17. Denn die Kirche schreitet auf ihrem Pilgerweg durch die Zeit (vgl. Lumen gentium 8,4)
und ist gehalten, für die ihr zukommenden Aufgaben alle Möglichkeiten und Einsichten an-
zuwenden und zu nützen. Dafür muss sie sich den Erkenntnisfortschritt zu eigen machen, der,
angeleitet vom Heiligen Geist, im Laufe der Zeit in ihrer Mitte entsteht und kontinuierlich und
„in Geduld“ (vgl. Lk 8,15) wächst, bis er im Konsens der Kirche als Frucht des Geistes wahr-
genommen und angenommen werden kann.

18. Zwar „muss die apostolische Predigt, die in den inspirierten Büchern besonders deutlichen
Ausdruck gefunden hat, in ununterbrochener Folge bis zur Vollendung der Zeiten bewahrt
werden“ (Dei verbum 8). Dies darf jedoch nicht dazu führen, dass die Offenbarung Gottes wie
ein anvertrautes Talent vergraben (vgl. Mt 25,24-27) und so in ihrer dynamischen Entfaltung
behindert wird. Vielmehr muss die Kirche mit dem ihr anvertrauten Glaubensgut „Handel
treiben“ (ebenda), damit die Menschen zu jeder Zeit in ihr gleichsam wie in einem Spiegel
Gott anschauen und ihm begegnen können (vgl. Dei verbum 7,2). Erkenntnisse der Theologie
und ein Glaubenssinn der Gläubigen, der sich zur Übereinstimmung hin entwickelt (Lumen
gentium 12,1), sind ebenso wie deutlich erkennbare Zeichen der Zeit unverwechselbare
Merkmale dieser Entwicklung, die im Kern bereits in der theologischen Rede von der „Dog-
menentwicklung“ reflektiert ist. 6 Dem geschenkhaften Wirken des Geistes, mit dem alle
Christinnen und Christen „getränkt“ sind (1 Kor 12,13), ist es geschuldet, diese „ihre allge-
meine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten“ auch zu äussern (Lumen
gentium 12,1) und zur Grundlage kirchlichen Handelns zu machen.

2. Die sakramentale Gegenwart der Kirche

19. Eine solche Übereinstimmung, die sich im Laufe der Geschichte der Kirche entwickelt
und kontinuierlich verdichtet hat, besteht in der vom Zweiten Vatikanischen Konzil erneut
formulierten Sichtweise unserer Glaubensgemeinschaft: Denn Kirche ist „das ‚allumfassende
Sakrament des Heils’“ (Lumen gentium 48,2). Die Väter des Konzils haben diese grundlegen-
de Aussage in ihre pastorale Reflexion über die Kirche aufgenommen und weitergeführt: Es
ist dieses allumfassende Sakrament des Heils, „welches das Geheimnis der Liebe Gottes ge-
genüber dem Menschen zugleich kundtut und verwirklicht“ (Gaudium et spes 45, vgl. dazu
Joh 3,16).

20. Vor diesem hohen Anspruch darf die Kirche zu keiner Zeit zurückschrecken. Es ist viel-
mehr geboten, dass sie alle ihre Möglichkeiten aufbietet, um dieser ihrer Sendung gerecht zu
werden. Zugleich darf die Kirche angesichts der erkennbaren hohen Herausforderung nicht
mutlos werden – weiss sie sich doch durch die Zusage der bleibenden Gemeinschaft mit dem
erhöhten Herrn Jesus Christus (vgl. Mt 28,20; Dei verbum 4) ebenso gehalten wie aufgrund
des Geistes der Wahrheit, den der Vater gesandt hat und der uns „in der ganzen Wahrheit lei-
tet“ (Joh 16,13).

21. Diese ihre Sendung und die damit verbundene Verantwortung für alle Menschen hat die in
der Synode über Amazonien versammelte Kirche dazu veranlasst, die folgenden weiterfüh-
renden Überlegungen und Entscheidungen anzuregen, die ich mir in meiner Verantwortung
als Bischof von Rom mit diesem Nachsynodalen Schreiben zu eigen mache. Ich folge damit
dem an Simon Petrus erfolgten Auftrag unseres Erlösers, nach seiner eigenen Umkehr die
Schwestern und Brüder im Glauben zu stärken (vgl. Lk 22,32). Dieser Dienst der Stärkung ist
als Förderung und Ermöglichung kirchlichen Lebens zu verstehen – bis hinein in das Zentrum
der kirchlichen Sakramentalität. Dabei muss uns allen bewusst sein: Ausserordentliche Gege-
benheiten erfordern ausserordentliches Handeln, insbesondere dann, wenn es um Grundlegen-
des für das Leben der Kirche geht.

3. Entfaltung der Sakramentalität der Kirche

22. Unser Herr Jesus Christus hat seine Berufung und Sendung unter Einsatz von „Tat und
Wort“ (Lk 24,19, vgl. Dei verbum 2) verwirklicht. Darin erwies er sich als der „geliebte
Sohn“ des Vaters (Mk 1,11), der die Zuwendung Gottes zu den Menschen in neuer Weise
wahrnehmbar machte und so gegenwärtig setzte. In Wort und Tat kam die Ermächtigung Jesu
zum Ausdruck, sodass die Menschen die Dimension seines Auftretens erkennen konnten und
darüber in Staunen gerieten, denn „er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat“ (Mk 1,22). Die
Konkretisierung seines Wortes in der gelebten Zuwendung zu Menschen in Not verstärkte die
Überzeugung der unmittelbar Betroffenen ebenso wie jene der Umstehenden, dass sein Wort
ein „Wort in Vollmacht“ war (Lk 4,36), von dem Ähnliches zu bekennen war wie vom Wort
der Gottesrede der Jüdischen Bibel, das – einmal gesprochen „nicht leer“ zum H ERRN zurück-
kehrte, „ohne zu bewirken“ was der H ERR wollte, und ohne „das zu erreichen“, wozu er es
gesprochen hatte (Jes 55,11).

23. So erhielt das Wort und das Handeln Jesu von Nazaret von Anfang an eine tiefere Aus-
druckskraft. In seiner Zuwendung zu einzelnen Menschen wurde die Verkündigung Jesu über5
die anbrechende Königsherrschaft Gottes verdeutlicht. Diese besondere Intensität und Dichte
seines Wortes und seines Handelns, die über den Augenblick hinaus Bedeutung behielt, wur-
de von den Menschen seiner Zeit wahrgenommen und motivierte sie zu der staunenden Rück-
frage: „Wer ist denn dieser?“ (Mk 4,41) sowie zur Auseinandersetzung mit dem Auftreten,
mit der Botschaft und mit der Person unseres Herrn Jesus Christus.

24. Der auferstandene und erhöhte Herr übertrug in der österlichen Sendung und Beauftra-
gung seine Vollmacht auf die Menschen in seiner Nachfolgegemeinschaft (vgl. Mt,28,16-20;
Mk 16,15-18) und ermächtigte sie so dazu, in seinem Namen Zeichen zu setzen, die Gottes
Zuwendung in seiner Königsherrschaft erkennbar werden liessen (vgl. Mk 16,20). Dieses zei-
chenhafte Handeln, in dem die heilende Zuwendung Gottes in für die Menschen erfassbaren
Riten, Worten und Gesten angezeigt wurde, prägt das Leben und Wirken der Kirche also von
Anfang an. Insbesondere die Emmauserzählung (vgl. Lk 24,13-35) zeigt: „Christus ist der
erste Exeget.“ 7 An Ostern erschloss er den Jüngerinnen und Jüngern „den Verstand, um ein-
zudringen in die Schrift“ (Lk 24,45). Schon zur neutestamentlichen Zeit wurde also das ge-
samte Christusgeschehen von biblischen Verfasserinnen oder Verfassern reflektiert und auf-
grund der Anleitung durch den auferstandenen Herrn und seinen Geist für die frühen Kirchen
am Ort in seiner tieferen Dimension ausgelotet und erklärt.

25. Insbesondere gilt dies für die Praxis des Herrenmahls, das sehr bald nach Tod und Aufer-
stehung unseres Herrn Jesus Christus zu seinem Gedächtnis und gemäss seinem Auftrag re-
gelmässig in den Hauskirchen und den Kirchen am Ort gefeiert wurde und dessen Deutung
besonders den Apostel Paulus und sodann die vier Evangelisten beschäftigte. Gleiches ist von
der Feier der Taufe zu sagen, die schon von Paulus als Ausdruck der neuen existentiellen
Zuwendung zu Jesus Christus und der von ihm geschenkten persönlichen Beziehung sowie in
der Folge als Eingliederung in die Gemeinschaft der an unseren Herrn Jesus Christus Glau-
benden verstanden wurde. Für den Apostel Paulus, die Paulusschule und jene Personen, wel-
che die Apostelgeschichte und das Johannesevangelium verfasst haben, war die inhaltliche
Erschliessung und Vertiefung des Taufgeschehens ein vorrangiges Anliegen.

 
4. Sieben Sakramente
 
26. „Die Kirche hat „im Laufe der Jahrhunderte erkannt, dass es unter ihren liturgischen Fei-
ern sieben gibt, die im eigentlichen Sinn vom Herrn eingesetzte Sakramente sind.“ Mit diesem
Satz wird im Katechismus der Katholischen Kirche (1117) der entsprechende Befund zutref-
fend zusammengefasst. Denn die kirchliche Praxis ebenso wie die theologische Reflexion und
die pastorale Erfahrung führten erst nach und nach zu der entsprechenden Überzeugung, dass
neben Taufe und Eucharistie auch anderen kirchlich gefeierten Riten ein besonderer zeichen-
hafter, also sakramentaler Charakter eigen ist, da sie und die unmittelbar davon betroffenen
Menschen in aussergewöhnlicher Weise die Nähe und das Wirken Gottes anzeigen können.
Da sich all diese Zeichen auf die Konkretisierung göttlichen Handelns im Christusgeschehen
beziehen, kann in einem gewissen Sinn zu Recht gesagt werden, dass „die Sakramente des
Neuen Bundes [...] alle von unserem Herrn Jesus Christus eingesetzt“, 8) also von seinem Wir-
ken und aufgrund seines Handelns hergeleitet sind.
 
27. Es scheint geboten, sich den Hintergrund dieser lehrhaften Aussage des Konzils von
Trient zu vergegenwärtigen. Zwar ist es zutreffend, dass nicht erst dieses Konzil eine solche
feierliche Aussage gemacht hat. Bereits auf dem Zweiten Konzil von Lyon wurden die sieben
Sakramente als Inhalt des katholischen Glaubens festgehalten. 9) Das Konzil von Florenz nennt
ebenfalls diese Zahl der Sakramente. 10) So kann also auf eine durch mehrere Jahrhunderte be-
legte diesbezügliche Glaubensüberzeugung verwiesen werden, die bis in das Zweite Vatikani-
sche Konzil (bes. Lumen gentium 11) und in unsere Gegenwart andauert.
 
28. Zugleich ist die lange Epoche nicht zu übersehen, die zwischen dem Wirken unseres
Herrn Jesus Christus und der neutestamentlichen Zeit einerseits und dem angesprochenem
Zeugnis der Konzilien ab dem 13. Jahrhundert andererseits liegt und die in diesem Zusam-
menhang als eine Phase der wachsenden Einsicht und der theologischen Klärung bezeichnet
werden muss. Dabei kann nicht entgehen, dass dieser Lauf der Jahrhunderte, in dem in der
Kirche unter dem Beistand des Geistes die Erkenntnis in Bezug auf die Sakramente reifen
konnte, eine Epoche umfasst, die mehr als die halbe bisherige Lebenszeit der Kirche aus-
macht. Es wäre also unzutreffend und daher unverantwortlich, von einer zeitlich nur kurzen
Vor- oder Zwischenperiode zu sprechen. Vielmehr legt es sich nahe, eine solche Phase des
inhaltlichen Wachsens in der Glaubenserkenntnis als Merkmal einer Kirche zu verstehen, die
auf der Pilgerschaft unterwegs ist und bleibt.
 
29. In diesem Zusammenhang ist auch die inhaltliche Kontingenz der bis in unsere Tage ge-
pflegten diesbezüglichen Glaubensüberzeugung zu beachten. Es fällt ja auf, dass zwar ein-
gangs des 2. Jahrtausends der Kirchengeschichte der Ehestand als Sakrament begriffen wurde,
diese sakramentale Einordnung aber bis heute der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen
nicht zugestanden wird, obwohl dafür mehrere gute Gründe angeführt werden können. Dies
wird an anderer Stelle zu bedenken sein. Wird überdies berücksichtigt, dass die angeführten
Konzilien des 13. bis 16. Jh. ihre Überzeugung in Bezug auf die Sakramente im Rahmen sehr
komplexer Glaubenskontroversen zum Ausdruck gebracht haben und ihre inhaltliche Deut-
lichkeit von dieser defensiven Sprechsituation als erheblich beeinflusst gelten muss, ist fest-
zuhalten: Die heutige Ausgangslage einer Reflexion zu diesem Bereich kann in gänzlich an-
derer Weise eingeordnet werden.
 
30. Vor dem Hintergrund der angestellten Überlegungen kann also mit guten Gründen gefol-
gert werden:
Aufgrund der Unverzichtbarkeit der sakramentalen Verfasstheit der Kirche und als Quelle
ihres geisterfüllten Lebens
  •  als Ausdruck ihrer Treue zum Herrn Jesus Christus, dem „Retter“ aller Menschen (Lk 2,11)
    und

  •  als Bekräftigung ihrer uneingeschränkten Absicht und Pflicht, das von unserem Herrn Jesus
    Christus verkündete und den Menschen angebotene Heil weiterhin an allen Orten und durch
    alle Zeiten den Menschen anzubieten, sowie
  •  in ihrer dafür aus Liebe gebotenen Verantwortung, diesem Auftrag „aus ganzem Herzen, aus
    ganzer Seele, aus ganzer Einsicht und mit aller Kraft“ (Mk 12,30) nachzukommen;
    ÷ zugleich aber angesichts des im Amazonasgebiet erkannten Mangels, die Sakramente re-
    gelmässig zu feiern, in dem eine neue Zeitsituation, also ein „Zeichen der Zeit“ erkennbar ist;
    und
  • angesichts der sich daraus ergebenden Gefährdung der Kirchen vor Ort in ihrer Vitalität und ihrer Glaubensdynamik,
    sowie angesichts des Wachsens der diesbezüglichen theologischen Erkenntnis und der Über-
    einstimmung im Glaubensbewusstsein
    ist die Kirche heute gehalten, über die inhaltliche und umfängliche Gestaltung ihrer Sakra-
    mentalität tiefgehend und mit der Bereitschaft einer Weiterführung bisheriger theologischer
    Erkenntnis und pastoraler Praxis nachzudenken.

5. Sakramente im Wandel der Zeit

31. Die Geschichte unserer Kirche vermittelt noch eine weitere Erkenntnis: Die inhaltliche
und strukturelle Ausgestaltung der Sakramente kann einer Entwicklung unterworfen sein.
Diese geschieht nicht willkürlich, sondern sie steht in Beziehung zu Zeit, Kultur und pastora-
ler Herausforderung. Sie betrifft nicht die heilsbezogene Dichte des sakramentalen Gesche-
hens, sondern die Art und Weise, wie sich dieses jeweils entfalten und wie es in den Verlauf
des Lebens in der Kirche zielführend eingeordnet werden kann.

32. Für solche Entwicklungen kann auf verschiedene Bereiche im Leben der Kirche zurück-
geblickt werden. Schon im Laufe der ersten Jahrhunderte wurden das Verständnis und der
Zugang zur Taufe unterschiedlich beurteilt. Der Zeitpunkt für die Feier dieses Sakraments im
Leben eines Menschen unterliegt bis heute unterschiedlichen regionalen Regelungen. Auch
die Leitung der Tauffeier ist in verschiedener Weise geordnet. Ähnliches ist für das Verständ-
nis und die Feier der Firmung zu sagen. Die Deutung der Eucharistie und vor allem die Praxis
ihres Empfangs hat sich in den letzten hundert Jahren nochmals gewandelt – auch dies regio-
nal sehr unterschiedlich. Zur Frage, wer das Ehesakrament feiert, gibt es kontroverse theolo-
gische Auffassungen. Der pastoraltheologische „Ort“ der Krankensalbung wird heute neu
bestimmt. Die Eigenart der verschiedenen Epochen der Kirchengeschichte und der pastoralen
Praxis können für diese sich ändernde Vielfalt ebenso als erste Evidenz gelten wie ein wach-
sendes Verständnis für die Komplexität der theologischen Wirklichkeit „Kirche.“ Die dahinter
erkennbaren Spuren einer inkulturierten Interaktion entsprechen der Eigenart einer Kirche, die
unter Führung des göttlichen Geistes ihren Pilgerweg geht.

33. Es ist nicht verwunderlich, dass die angesprochenen Faktoren unterschiedlich beurteilt
und gewichtet werden. Auch in den Beratungen der Synode über Amazonien konnte dies er-
lebt werden. Zugleich war die Geschwisterlichkeit spürbar, mit der Hoffnung und Angst an-
gesichts der pastoralen Notlage dieser Region geteilt wurde, betroffen machte und das ge-
meinsame Ringen um tragfähige Schritte in die Zukunft förderte.

34. Im gegenseitigen Austausch, im Teilen und Mit-Teilen der versammelten Schwestern und
Brüder, wurde den Mitgliedern der Synode bewusst, was Gott schon bisher in der Kirche
Amazoniens gewirkt hat (vgl. Apg 15,4). Welche Kirche anderer Regionen auf unserer Erde
könnte sich – trotz aller Schwierigkeiten und Unvollkommenheiten – einer solchen Einsicht
verschliessen? Sie verdichtet die Gewissheit, dass der auferstandene und erhöhe Herr mit sei-
ner Kirche unterwegs bleibt.

35. Auch heute versammelt sich die Kirche wie einst in Jerusalem: Angesichts der Not von
Unterdrückung und Verfolgung, zugleich angesichts der Entlassung von Petrus und Johannes
nach dem hohepriesterlichen Verhör – wissend, dass allein „Gott das Wachstum gibt“ (1 Kor
3,6) und unser Herr Jesus Christus seine Kirche leitet. Wie seinerzeit die Apostel beginnen
wir das Gebet und ermutigen uns gegenseitig dazu, zu sprechen: „Doch jetzt, Herr! ...“ (Apg
4,29), um unsere Kirchengegenwart vor Gott zu tragen und mit der Kirche von Jerusalem zu
bitten: „Streck deine Hand aus, damit Heilungen und Zeichen und Vollmachtstaten geschehen
durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus!“ (Apg 4,30). In der Apostelgeschichte ent-
wickelt Lukas in der Folge ein Szenarium der Zuversicht und des Vertrauens„

31)" Als sie gebetet hatten,
wurde der Ort, an dem sie versammelt waren, zum Beben gebracht,
und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt,
und sie sprachen das Wort Gottes – mit Freimut.“

6. Vollmacht der Kirche
36. Im Vertiefen unserer theologischen Erkenntnis der Sakramente und in der Weiterführung
der pastoralen Praxis wissen wir uns von diesem Geist getragen, der von Anfang an die Kir-
che leitet und sie erfüllt, und wir wissen: Auch heute wird der Ort unseres Gebets „zum Beben
gebracht“. Der Geist ermutigt uns zu jenem Freimut ad intra und ad extra, 11) den es für die
nächsten Schritte in der Kirche braucht.

37. Das Handeln und Wort unseres Herrn Jesus Christus ist darin unser Vorbild: Angesichts
des Weges durch die Felder und angesichts des Hungers der Menschen in der Nachfolgege-
meinschaft lässt Jesus die Menschen um ihn auch am Sabbat die Ähren am Feld abreissen.
Die Rechtslage ist eindeutig, der Kommentar Jesu für die ausserordentliche Situation ist es
ebenso: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat“ (Mk 2,27).
Zugleich wird aufgezeigt: Das ist bereits Praxis in der Jüdischen Bibel, und: Entscheidend ist
das Prinzip. Das Recht steht nicht über dem besonderen Ausnahmefall. Dies ist die Ordnung,
die Jesus in seinem Dienst an den Menschen setzt. Nicht nur die Jüngerinnen und Jünger hun-
gern am Sabbat. Die Kirche Amazoniens hungert an ihrem Tag des Herrn. Also ist die Ord-
nung des Herrn anzuwenden.

38. In den Erzählungen der Evangelien über das heilende Wirken unseres Herrn Jesus Chris-
tus am Sabbat erschiesst sich seine ermutigende Hermeneutik, die eine punktuell buchstäbli-
che Auslegung des Gesetzes hinter sich lässt und den Blick auf das Wesentliche weitet: Sei es
die Rettung der Seele anstatt sie zu vernichten (vgl. Mk 3,1-6); sei es die aufrichtende Freiheit
der Gotteskindschaft anstelle der fesselnden Gebeugtheit durch das Böse (vgl. Lk 13,10-17);
sei es die Fähigkeit, im Sehen zum Glauben zu finden anstatt im blinden Unglauben zu ver-
harren (vgl. Joh 9,1-41). Diese heilbringende Hermeneutik des Evangeliums zeigt den Men-
schen an: „Eure Erlösung ist nahe“ (Lk 21,28). Sie integriert also die Weisung Gottes in den
Prozess des Kommens seiner Königsherrschaft.

39. Um Missverständnisse zu unterbinden, muss also festgehalten werden: Die Kirche hat im
Rahmen ihrer Verfasstheit auf der Grundlage des Vorbilds und der Botschaft des Herrn Jesus
Christus die Vollmacht für entsprechende (Ver-)Änderungen. Denn unser Herr Jesus Christus
hat in seiner Weisheit seiner Nachfolgegemeinschaft nicht eine überzeitlich-unveränderliche
Detailordnung gegeben. Jesus Christus hat sich vielmehr damit begnügt, die Kernelemente
einer Rahmenstruktur festzulegen.

Dieser Strukturrahmen umfasst in Übereinstimmung mit seinem Vorbild (siehe Joh 13,15.34:
„... wie ich euch ...“)

  •  die unverzichtbare Notwendigkeit der Dienstbereitschaft (Mk 10,43; Joh 13,13-15);
  •  das Verständnis seiner Nachfolgegemeinschaft, aus der die Bekenntnisgemeinschaft „Kir-
    che“ geworden ist, als eine Beziehungsgemeinschaft auf der Grundlage des Liebesgebotes
    (Joh 13,34-35);
  • die Sorge um die Charismen vor Ort, deren Pflege und gegebenenfalls ihre Indienstnahme (1
    Kor 12,3-11.12-31a);
  • die Berücksichtigung der je verschiedenen Gegebenheiten und Notwendigkeiten vor Ort bei
    der Detailentwicklung einer Struktur.

Eine Einschränkung kirchlicher Ermächtigung kann nicht aus dem biblischen Befund abgelei-
tet werden. Wird übernommene Vollmacht jedoch nicht zum Heil der Menschen eingesetzt,
liegt eine Verletzung der anvertrauten Verantwortung und deren Missbrauch vor.

40. Die ausserordentliche Versammlung der Bischofsynode hat den Schrei der Kirche Ama-
zoniens nicht überhört. Sie hat eingehend die Situation studiert und versucht, diese „im Lichte
des Evangeliums“ (Gaudium et spes 4) zu analysieren. 12) Daraus ergeben sich weitere Folge-
rungen:

7. Regionalisierte Neugestaltung kirchlicher Dienste (des „Amtes“)

41. Der dreifaltige Gott, der seine Kirche durch die Zeit führt, schenkt den Menschen in der
Kirche ihre Befähigungen zum Einsatz für den Aufbau dieser Glaubensgemeinschaft. Trotz
der Verschiedenheit der Gnadengaben, der Dienste und der Kräfte sind sie alle auf einen
Geist, auf einen Herrn, auf einen Gott zurückzuführen (1 Kor 12,4-6). In dieser Spannung
einer Einheit in Vielfalt handelt Gottes Geist nach seinem Ermessen, „wie er will“ (1 Kor
12,11). So kann sich in der Kirche in der Kraft des einen Geistes vielfältiges Leben entfalten.
Katholizität bedeutet nicht Einheitlichkeit in Form und Glaubenspraxis, sondern vielgestaltige
Einheit im Glaubensinhalt.

42. Die sakramentale Not in der Pastoral des Amazonasgebietes hat uns auf Defizite in der
pastoralen Struktur der Kirche aufmerksam gemacht. Wer das Leben der Kirche in den letzten
Jahrzehnten mitverfolgt hat, wird bestätigen, dass diese Notsituation in verschiedenen Regio-
nen der Erde allmählich entstanden und kontinuierlich gewachsen ist, wobei sich allerdings
auch kein einheitlicher Gleichklang zeigt. Der Befund ist vielmehr vielfältig. Er erfordert ein
differenziertes Vorgehen unter Führung der regionalen Kirchenleitungen, die mit dem Bischof
von Rom und untereinander in geschwisterlichem Austausch stehen. So kann es gelingen, sich
in diesem Entwicklungsprozess über „die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn
des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis beider zueinander
Antwort [zu] geben“ (Gaudium et spes 4) und so den Stand von Kirche und Gesellschaft in
dieser Zeit zu erfassen. Darin können auch „wahre Zeichen der Gegenwart oder der Absicht
Gottes“ (Gaudium et spes 11) erkannt werden, der dazu einlädt, uns angesichts der notwendi-
gen Entwicklungen vertieft mit der Absicht und dem Ziel kirchlichen Handelns auseinander
zu setzen und zu identifizieren.

43. Die Beratungen der Amazonas-Synode haben gezeigt: Die angemessene Ermöglichung
der regelmässigen Feier der Eucharistie ist aus kirchenbezogenen, aus rechtlichen sowie aus
pastoralen Gründen ein vorrangiges Gebot der Stunde:

  •  Da die Feier der Eucharistie als „Mitte und Höhepunkt des ganzen Lebens der christlichen
    Gemeinde“ zu verstehen ist (Christus Dominus 30,6), muss dafür gesorgt sein, dass alle Glau-
    benden einen regelmässigen Zugang zu dieser Feier haben können.
  • Wird ihnen dies ohne schwerwiegende theologische Gründe verwehrt, liegt ein theologi-
    sches Unrecht und zusätzlich eine Verletzung des Kirchenrechts im Hinblick auf ihre Ver-
    pflichtung zur regelmässigen Mitfeier der Eucharistie (can. 1246 und 1247 CIC) und zum
    Empfang der heiligen Kommunion (can. 920-922 CIC) vor. 13)
  • Kann das sakramentale Leben der Kirche am Ort nicht regelmässig in der Feier der Eucha-
    ristie entfacht und vertieft werden, wird dieser Kirche die Lebensgrundlage für ihre kirchliche
    Vitalität und Dynamik eingeschränkt oder gar entzogen.

44. Ist in einer Kirchenregion aufgrund des Mangels an ordinierten Personen die regelmässige
Feier der Eucharistie nicht möglich, müssen daher Massnahmen entwickelt und getroffen
werden, um diesen Mangel zu beheben.
Entsprechende Vorschläge wurden von mehreren Seiten gemacht. Sie sind zunächst von den
regionalen Kirchenleitungen (Bischofskonferenzen, Sprachregionen) zu prüfen und auf ihre
Tauglichkeit im betroffenen Gebiet zu bedenken. Dabei stehen pastorale Überlegungen und
Gesichtspunkte im Vordergrund, auch wenn die Ergebnisse dieses Prozesses den Rahmen der
bisher gültigen kirchlichen Rechtsordnung überschreiten.
45. Bei der Beurteilung einer solchen Notsituation muss darauf geachtet werden, dass die in
diesem Gebiet tätigen Priester nicht über eine angemessene Belastung hinaus zum sakramen-
talen Dienst verpflichtet werden. Denn neben der Gesundheit steht in einem solchen Fall auch
ihre persönliche Christusbeziehung auf dem Spiel. Die Leitung der Eucharistiefeier verlangt
dem Priester alle physische, aber auch spirituelle und emotionale Energie ab. Damit ist im
Interesse des betroffenen Priesters ebenso wie zum Vorteil der Kirche sorgsam umzugehen.
13
Vgl. auch Katechismus der Katholischen Kirche n. 1389, 2042, 2180-2182.11
Es ist überdies eine Vorgabe der Gerechtigkeit, dass ein Priester sich im allgemein festgesetz-
ten Alter von einer regelmässigen Indienstnahme zurückziehen darf.
46. Der heilige Paul VI. hat bereits im Jahr 1972 mit seinem Apostolischen Schreiben Minis-
teria quaedam die Möglichkeit erwogen, die Einrichtung zusätzlicher pastoraler Dienste bei
entsprechender pastoraler Notwendigkeit zu ermöglichen. 14 In Weiterführung dieser Linie
wird der Bischof von Rom die entsprechenden Vorschläge im Geist der Amazonas-Synode
und dieses Nachsynodalen Schreibens prüfen und deren Umsetzung, wenn immer möglich,
zustimmen.
47. In diesem Zusammenhang wird ausdrücklich zu bedenken sein, ob die dreigliedrige Struk-
tur des sakramentalen Dienstes einer Überprüfung bedarf, die zu einer entsprechenden weite-
ren Auffächerung der Ordination im Zusammenhang mit den vielfältigen Notwendigkeiten
des pastoralen Dienstes an verschiedenen Orten führen kann. Ich bin davon überzeugt, dass
sich im Laufe einen solchen Prozesses zwei Erkenntnisse durchsetzen werden: Es werden sich
mehr als drei Stufen des ordinierten Dienstes herauskristallisieren, und sie werden nicht in
allen Regionen der Welt die gleichen sein. Mit einer solchen Vielfalt wird die Kirche den Er-
fordernissen der Zeit und den Fragen der Menschen heute offener und angemessen begegnen
können.
48. Als Methode für die angesprochene Vorgangsweise bietet sich die Orientierung an der
neutestamentlichen Kirche von Jerusalem an, wie sie Lukas in Apg 6,1-6 darstellt. Die dort
beschriebenen Stufen des Vorgehens können, allenfalls entsprechend adaptiert, auch heute
angewendet werden:
- Die Verantwortlichen einer Kirche am Ort stellen einen Mangel fest.
- Sie legen der versammelten Kirche einen Lösungsvorschlag vor.
- Es werden dafür geeignete Menschen aus dieser Kirche nominiert und in einem synodalen
Prozess ausgewählt.
- Die Verantwortlichen der Kirche legen ihnen die Hände auf und beauftragen sie.
Es empfiehlt sich, zu diesem Weiheritus (Handauflegung) auch andere Getaufte aus der Kir-
che am Ort einzuladen, um sichtbar zu machen, dass dieser sakramentale Dienst von allen in
der Kirche am Ort getragen und für alle eingerichtet ist.
49. In einer anderen Kirchenzeit hat der heilige Johannes Paul II. den Abschluss der Diskussi-
on zu den Fragen der Zulassung zum kirchlichen Amt dekretiert. 15 Dies geschah aufgrund der
damaligen Kirchensituation und in seiner Verantwortung als Nachfolger des Heiligen Petrus.
Seine klare Haltung verdient auch heute noch unseren Respekt.
Eine Generation später gebietet es sich gemäss dem Auftrag des Konzils (Gaudium et spes 4:
„in einer jeweils einer Generation angemessenen Weise“), diese Frage erneut zu evaluieren.
Der Schrei und die Not der indigenen Völker Amazoniens und ihrer kirchlichen Vorsteher
sind zum Anlass dafür geworden, dass sich unsere Erkenntnis weiterentwickeln und unser
Bewusstsein im Lichte der biblischen Erzählung weiter klären konnte:
14
Paul VI., Apostolisches Schreiben Motu proprio Ministeria quaedam vom 1. August 1972, IX. und X., sodann
ders., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi vom 8. Dezember 1975, n. 73.
15
Vgl. Apostolisches Schreiben Ordinatio sacerdotalis vom 22. Mai 1994, n. 4.12
50. Denn „wir sind uns alle bewusst, dass wir nicht nur in einer Zeit der Veränderungen leben,
sondern vielmehr in einer Zeitenwende, die neue und alte Fragen aufwirft, angesichts derer
eine Auseinandersetzung berechtigt und notwendig ist.“ 16 Erneut nach der Darstellung in der
Apostelgeschichte ist es eben Simon Petrus, in dessen Hirtenamt meine Vorgänger und ich zu
verschiedenen Zeiten eintreten durften, der in der Auseinandersetzung mit dem Hohen Rat ein
grundlegendes Prinzip kirchlichen Handelns formuliert hat: „Man muss Gott mehr gehorchen
als den Menschen“ (Apg 5,29). Daher ist für diesen geplanten Strukturerweiterungsprozess
davon auszugehen, dass von den Kirchen in den einzelnen Regionen der Erde für alle Dienste
im Rahmen des sakramentalen Amtes geeignete Personen ohne Ansehen von Geschlecht und
Lebensstand ausgewählt und sodann durch Gebet und Handauflegung für ihren Dienst ge-
weiht und gesendet werden.
52. Wird ein solcher Vorgang eingeleitet, so darf nicht übersehen werden, dass es sich dabei
um einen Prozess geistiger Erneuerung handeln muss. Denn unsere Aufmerksamkeit muss
darauf gerichtet bleiben, die Feier der Eucharistie als die Mitte jedes Lebens in unserer Kirche
neu zum Blühen zu bringen und in ihrer heilvollen Wirksamkeit zu vertiefen. Wer hingegen
meinen wollte, „dass die Lösungen der derzeitigen und zukünftigen Probleme ausschließlich
auf dem Wege der Reform von Strukturen, Organisationen und Verwaltung zu erreichen
sei[en]“ 17 , setzt sich dem zu Recht erhobenen Vorwurf aus, die Kirche als den mystischen
Leib unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus (vgl. 1 Kor 10,17; 12,12-13; Eph 4,4-7) mit
einem weltweiten multinationalen Konzern zu verwechseln.
53. Die Bischofskonferenzen sind eingeladen und beauftragt, sich mit der Frage von Durch-
führungsbestimmungen zu beschäftigen. Sie sollen prüfen, ob und in welchem Rahmen die
Zusammenarbeit zu diesem Prozess in Kultur- und Sprachregionen angezeigt ist und diese in
die Wege leiten.
Nähere Hinweise und Vorgaben werden in der nächsten Zeit folgen.
A BSCHLIESSENDE R EFLEXION
54. Angesichts der Gewichtigkeit der angesprochenen Fragen und der mit diesem Nachsyno-
dalen Schreiben vorgegebenen weiteren Vorgangsweise habe ich die mir damit auferlegte
Verantwortung deutlich vor Augen. Es fehlt auch nicht an Unglückspropheten, die vor einem
solchen Schritt gewarnt haben. Ihnen antworte ich mit den Worten des heiligen Johannes
XXIII., die er in seiner Eröffnungsrede an das Konzil gerichtet hat:
Sie [die überaus besorgten Ratgeber] sind „zwar voll Eifer, aber nicht gerade mit einem sehr
grossen Sinn für Differenzierung und Takt begabt [...]. In der jüngsten Vergangenheit bis zur
Gegenwart nehmen sie nur Missstände und Fehlentwicklungen zur Kenntnis. Sie sagen, dass
unsere Zeit sich im Vergleich zur Vergangenheit nur zum Schlechteren hin entwickle. Sie tun
so, als ob sie nichts aus der Geschichte gelernt hätten, die doch eine Lehrmeisterin des Lebens
ist, und als ob bei den vorausgegangenen Ökumenischen Konzilien Sinn und Geist des
Christentums, gelebter Glaube und eine gerechte Anwendung der Freiheit der Religion sich in
allem hätten durchsetzen können. Wir müssen diesen Unglückspropheten widersprechen, die
immer nur Unheil voraussagen, als ob der Untergang der Welt unmittelbar bevorstünde.“
16
Franziskus, Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland, 29. Juni 2019, Einleitung.
Franziskus, Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland, 29. Juni 2019, 5,2; vgl. ders., Apostolisches
Schreiben Evangelii gaudium 97.
1713
Und mein Vorgänger fuhr fort:
„In der gegenwärtigen Situation werden wir von der göttlichen Vorsehung zu einer allmähli-
chen Neuordnung der menschlichen Beziehungen [ich erlaube mir zu ergänzen: und der Kir-
che] geführt. Sie wirkt mit den Menschen zusammen; aber sie verfolgt über deren Erwartun-
gen hinaus ihren eigenen Plan. Alles, sogar was die Menschen dagegen tun, wendet sie zu
dem, was für die Kirche das bessere ist.“ 18
55. Ermutigt durch diese Worte meines Vorgängers, die das Geheimnis und die Methode sei-
nes segensreichen Pontifikats erschliessen, vertraue ich auf das Wirken des dreifaltigen Gottes
in seiner Kirche. Deshalb bitte ich euch, Schwestern und Brüder: „Hören wir [auf]einander
unter der Führung des Heiligen Geistes – auch wenn wir nicht in gleicher Weise denken – aus
der weisen Überzeugung heraus, dass ,die Kirche im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle
der göttlichen Wahrheit entgegenstrebt, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen‘“ (Dei verbum
8,3) 19 , und ich kehre nochmals in die Kirche von Jerusalem zurück. Bevor Simon Petrus sein
oben (n. 50) zitiertes prophetisches Wort gegenüber dem Hohenrat sprechen konnte, hatte der
Pharisäer Gamaliel dem Gremium ins Gewissen geredet und den Hohenrat zur Zurückhaltung
gemahnt:
„Wenn dieses Vorhaben oder dieses Werk von Menschen stammt,
wird es zerstört werden;
stammt es aber von Gott,
so könnt ihr [es] nicht vernichten“ (Apg 5,38-39).
Ich rufe mir dabei ins Gedächtnis, was mein schon zu unserem himmlischen Vater heimge-
gangener Mitbruder im Bischofsamt Franz König im Rückblick auf sein Leben in unserer
Kirche zu dieser Episode geschrieben hat: „Diese Worte des Gamaliel gelten, so meine ich,
heute noch genauso wie vor 2000 Jahren.“ 20
56. Mit allen Menschen guten Willens stimme ich also ein in das Gebet der Kirche von Jeru-
salem: „Doch jetzt, Herr, ...!“ Wir wissen uns alle im Glauben an Gottes Führung verbunden
und vertrauen auch „in dieser Stunde der Kirche“ 21 auf die Fürsprache unserer himmlischen
Mutter.
Gegeben zu Rom, an den Gräbern der frühen Christinnen und Christen,
am 24. März 2020, dem Gedenktag des heiligen Oscar Arnulfo Romero,
im 7. Jahr meines Dienstes als Bischof von Rom
..........
18
Johannes XXIII., Ansprache Gaudet Mater Ecclesia vom 11. Oktober 1962: Acta Synodalia I, I, 169.
Franziskus, Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland, 29. Juni 2019, 10,2.
20
Franziskus Kardinal König, Erinnerungsbild zu seinem 50. Bischofsjubiläum am 31. August 2002.
21
Julius Kardinal Döpfner im Rückblick auf das Zweite Vatikanische Konzil (1967).

 
19 Eine solche Übereinstimmung, die sich im Laufe der Geschichte der Kirche entwickelt
und kontinuierlich verdichtet hat, besteht in der vom Zweiten Vatikanischen Konzil erneut
formulierten Sichtweise unserer Glaubensgemeinschaft: Denn Kirche ist „das ‚allumfassende
Sakrament des Heils’“ (Lumen gentium 48,2). Die Väter des Konzils haben diese grundlegen-
de Aussage in ihre pastorale Reflexion über die Kirche aufgenommen und weitergeführt: Es
ist dieses allumfassende Sakrament des Heils, „welches das Geheimnis der Liebe Gottes ge-
genüber dem Menschen zugleich kundtut und verwirklicht“ (Gaudium et spes 45, vgl. dazu
Joh 3,16).
 
20. Vor diesem hohen Anspruch darf die Kirche zu keiner Zeit zurückschrecken. Es ist viel-
mehr geboten, dass sie alle ihre Möglichkeiten aufbietet, um dieser ihrer Sendung gerecht zu
werden. Zugleich darf die Kirche angesichts der erkennbaren hohen Herausforderung nicht
mutlos werden – weiss sie sich doch durch die Zusage der bleibenden Gemeinschaft mit dem
erhöhten Herrn Jesus Christus (vgl. Mt 28,20; Dei verbum 4) ebenso gehalten wie aufgrund
des Geistes der Wahrheit, den der Vater gesandt hat und der uns „in der ganzen Wahrheit lei-
tet“ (Joh 16,13).
 
21. Diese ihre Sendung und die damit verbundene Verantwortung für alle Menschen hat die in
der Synode über Amazonien versammelte Kirche dazu veranlasst, die folgenden weiterfüh-
renden Überlegungen und Entscheidungen anzuregen, die ich mir in meiner Verantwortung
als Bischof von Rom mit diesem Nachsynodalen Schreiben zu eigen mache. Ich folge damit
dem an Simon Petrus erfolgten Auftrag unseres Erlösers, nach seiner eigenen Umkehr die
Schwestern und Brüder im Glauben zu stärken (vgl. Lk 22,32). Dieser Dienst der Stärkung ist
als Förderung und Ermöglichung kirchlichen Lebens zu verstehen – bis hinein in das Zentrum
der kirchlichen Sakramentalität. Dabei muss uns allen bewusst sein: Ausserordentliche Gege-
benheiten erfordern ausserordentliches Handeln, insbesondere dann, wenn es um Grundlegen-
des für das Leben der Kirche geht.
 
3. Entfaltung der Sakramentalität der Kirche
22. Unser Herr Jesus Christus hat seine Berufung und Sendung unter Einsatz von „Tat und
Wort“ (Lk 24,19, vgl. Dei verbum 2) verwirklicht. Darin erwies er sich als der „geliebte
Sohn“ des Vaters (Mk 1,11), der die Zuwendung Gottes zu den Menschen in neuer Weise
wahrnehmbar machte und so gegenwärtig setzte. In Wort und Tat kam die Ermächtigung Jesu
zum Ausdruck, sodass die Menschen die Dimension seines Auftretens erkennen konnten und
darüber in Staunen gerieten, denn „er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat“ (Mk 1,22). Die
Konkretisierung seines Wortes in der gelebten Zuwendung zu Menschen in Not verstärkte die
Überzeugung der unmittelbar Betroffenen ebenso wie jene der Umstehenden, dass sein Wort
ein „Wort in Vollmacht“ war (Lk 4,36), von dem Ähnliches zu bekennen war wie vom Wort
der Gottesrede der Jüdischen Bibel, das – einmal gesprochen „nicht leer“ zum H ERRN zurück-
kehrte, „ohne zu bewirken“ was der H ERR wollte, und ohne „das zu erreichen“, wozu er es
gesprochen hatte (Jes 55,11).
 
23. So erhielt das Wort und das Handeln Jesu von Nazaret von Anfang an eine tiefere Aus-
druckskraft. In seiner Zuwendung zu einzelnen Menschen wurde die Verkündigung Jesu über5
die anbrechende Königsherrschaft Gottes verdeutlicht. Diese besondere Intensität und Dichte
seines Wortes und seines Handelns, die über den Augenblick hinaus Bedeutung behielt, wur-
de von den Menschen seiner Zeit wahrgenommen und motivierte sie zu der staunenden Rück-
frage: „Wer ist denn dieser?“ (Mk 4,41) sowie zur Auseinandersetzung mit dem Auftreten,
mit der Botschaft und mit der Person unseres Herrn Jesus Christus.
 
24. Der auferstandene und erhöhte Herr übertrug in der österlichen Sendung und Beauftra-
gung seine Vollmacht auf die Menschen in seiner Nachfolgegemeinschaft (vgl. Mt,28,16-20;
Mk 16,15-18) und ermächtigte sie so dazu, in seinem Namen Zeichen zu setzen, die Gottes
Zuwendung in seiner Königsherrschaft erkennbar werden liessen (vgl. Mk 16,20). Dieses zei-
chenhafte Handeln, in dem die heilende Zuwendung Gottes in für die Menschen erfassbaren
Riten, Worten und Gesten angezeigt wurde, prägt das Leben und Wirken der Kirche also von
Anfang an. Insbesondere die Emmauserzählung (vgl. Lk 24,13-35) zeigt: „Christus ist der
erste Exeget.“ 7) An Ostern erschloss er den Jüngerinnen und Jüngern „den Verstand, um ein-
zudringen in die Schrift“ (Lk 24,45). Schon zur neutestamentlichen Zeit wurde also das ge-
samte Christusgeschehen von biblischen Verfasserinnen oder Verfassern reflektiert und auf-
grund der Anleitung durch den auferstandenen Herrn und seinen Geist für die frühen Kirchen
am Ort in seiner tieferen Dimension ausgelotet und erklärt.
 
25. Insbesondere gilt dies für die Praxis des Herrenmahls, das sehr bald nach Tod und Aufer-
stehung unseres Herrn Jesus Christus zu seinem Gedächtnis und gemäss seinem Auftrag re-
gelmässig in den Hauskirchen und den Kirchen am Ort gefeiert wurde und dessen Deutung
besonders den Apostel Paulus und sodann die vier Evangelisten beschäftigte. Gleiches ist von
der Feier der Taufe zu sagen, die schon von Paulus als Ausdruck der neuen existentiellen
Zuwendung zu Jesus Christus und der von ihm geschenkten persönlichen Beziehung sowie in
der Folge als Eingliederung in die Gemeinschaft der an unseren Herrn Jesus Christus Glau-
benden verstanden wurde. Für den Apostel Paulus, die Paulusschule und jene Personen, wel-
che die Apostelgeschichte und das Johannesevangelium verfasst haben, war die inhaltliche
Erschliessung und Vertiefung des Taufgeschehens ein vorrangiges Anliegen.
 
4. Sieben Sakramente
26. „Die Kirche hat „im Laufe der Jahrhunderte erkannt, dass es unter ihren liturgischen Fei-
ern sieben gibt, die im eigentlichen Sinn vom Herrn eingesetzte Sakramente sind.“ Mit diesem
Satz wird im Katechismus der Katholischen Kirche (1117) der entsprechende Befund zutref-
fend zusammengefasst. Denn die kirchliche Praxis ebenso wie die theologische Reflexion und
die pastorale Erfahrung führten erst nach und nach zu der entsprechenden Überzeugung, dass
neben Taufe und Eucharistie auch anderen kirchlich gefeierten Riten ein besonderer zeichen-
hafter, also sakramentaler Charakter eigen ist, da sie und die unmittelbar davon betroffenen
Menschen in aussergewöhnlicher Weise die Nähe und das Wirken Gottes anzeigen können.
Da sich all diese Zeichen auf die Konkretisierung göttlichen Handelns im Christusgeschehen
beziehen, kann in einem gewissen Sinn zu Recht gesagt werden, dass „die Sakramente des
Neuen Bundes [...] alle von unserem Herrn Jesus Christus eingesetzt“, 8 also von seinem Wir-
ken und aufgrund seines Handelns hergeleitet sind.
 
27. Es scheint geboten, sich den Hintergrund dieser lehrhaften Aussage des Konzils von
Trient zu vergegenwärtigen. Zwar ist es zutreffend, dass nicht erst dieses Konzil eine solche
feierliche Aussage gemacht hat. Bereits auf dem Zweiten Konzil von Lyon wurden die sieben
Sakramente als Inhalt des katholischen Glaubens festgehalten. 9 Das Konzil von Florenz nennt
ebenfalls diese Zahl der Sakramente. 10 So kann also auf eine durch mehrere Jahrhunderte be-
legte diesbezügliche Glaubensüberzeugung verwiesen werden, die bis in das Zweite Vatikani-
sche Konzil (bes. Lumen gentium 11) und in unsere Gegenwart andauert.
 
28. Zugleich ist die lange Epoche nicht zu übersehen, die zwischen dem Wirken unseres
Herrn Jesus Christus und der neutestamentlichen Zeit einerseits und dem angesprochenem
Zeugnis der Konzilien ab dem 13. Jahrhundert andererseits liegt und die in diesem Zusam-
menhang als eine Phase der wachsenden Einsicht und der theologischen Klärung bezeichnet
werden muss. Dabei kann nicht entgehen, dass dieser Lauf der Jahrhunderte, in dem in der
Kirche unter dem Beistand des Geistes die Erkenntnis in Bezug auf die Sakramente reifen
konnte, eine Epoche umfasst, die mehr als die halbe bisherige Lebenszeit der Kirche aus-
macht. Es wäre also unzutreffend und daher unverantwortlich, von einer zeitlich nur kurzen
Vor- oder Zwischenperiode zu sprechen. Vielmehr legt es sich nahe, eine solche Phase des
inhaltlichen Wachsens in der Glaubenserkenntnis als Merkmal einer Kirche zu verstehen, die
auf der Pilgerschaft unterwegs ist und bleibt.
 
29. In diesem Zusammenhang ist auch die inhaltliche Kontingenz der bis in unsere Tage ge-
pflegten diesbezüglichen Glaubensüberzeugung zu beachten. Es fällt ja auf, dass zwar ein-
gangs des 2. Jahrtausends der Kirchengeschichte der Ehestand als Sakrament begriffen wurde,
diese sakramentale Einordnung aber bis heute der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen
nicht zugestanden wird, obwohl dafür mehrere gute Gründe angeführt werden können. Dies
wird an anderer Stelle zu bedenken sein. Wird überdies berücksichtigt, dass die angeführten
Konzilien des 13. bis 16. Jh. ihre Überzeugung in Bezug auf die Sakramente im Rahmen sehr
komplexer Glaubenskontroversen zum Ausdruck gebracht haben und ihre inhaltliche Deut-
lichkeit von dieser defensiven Sprechsituation als erheblich beeinflusst gelten muss, ist fest-
zuhalten: Die heutige Ausgangslage einer Reflexion zu diesem Bereich kann in gänzlich an-
derer Weise eingeordnet werden.
 

30. Vor dem Hintergrund der angestellten Überlegungen kann also mit guten Gründen gefol-
gert werden:
Aufgrund der Unverzichtbarkeit der sakramentalen Verfasstheit der Kirche und als Quelle
ihres geisterfüllten Lebens

  • als Ausdruck ihrer Treue zum Herrn Jesus Christus, dem „Retter“ aller Menschen (Lk 2,11)
    und
    7
    - als Bekräftigung ihrer uneingeschränkten Absicht und Pflicht, das von unserem Herrn Jesus
    Christus verkündete und den Menschen angebotene Heil weiterhin an allen Orten und durch
    alle Zeiten den Menschen anzubieten, sowie
    - in ihrer dafür aus Liebe gebotenen Verantwortung, diesem Auftrag „aus ganzem Herzen, aus
    ganzer Seele, aus ganzer Einsicht und mit aller Kraft“ (Mk 12,30) nachzukommen;
    ÷ zugleich aber angesichts des im Amazonasgebiet erkannten Mangels, die Sakramente re-
    gelmässig zu feiern, in dem eine neue Zeitsituation, also ein „Zeichen der Zeit“ erkennbar ist;
    und
    ÷ angesichts der sich daraus ergebenden Gefährdung der Kirchen vor Ort in ihrer Vitalität und
    ihrer Glaubensdynamik,
    sowie angesichts des Wachsens der diesbezüglichen theologischen Erkenntnis und der Über-
    einstimmung im Glaubensbewusstsein
    ist die Kirche heute gehalten, über die inhaltliche und umfängliche Gestaltung ihrer Sakra-
    mentalität tiefgehend und mit der Bereitschaft einer Weiterführung bisheriger theologischer
    Erkenntnis und pastoraler Praxis nachzudenken.
    5. Sakramente im Wandel der Zeit
    31. Die Geschichte unserer Kirche vermittelt noch eine weitere Erkenntnis: Die inhaltliche
    und strukturelle Ausgestaltung der Sakramente kann einer Entwicklung unterworfen sein.
    Diese geschieht nicht willkürlich, sondern sie steht in Beziehung zu Zeit, Kultur und pastora-
    ler Herausforderung. Sie betrifft nicht die heilsbezogene Dichte des sakramentalen Gesche-
    hens, sondern die Art und Weise, wie sich dieses jeweils entfalten und wie es in den Verlauf
    des Lebens in der Kirche zielführend eingeordnet werden kann.
    32. Für solche Entwicklungen kann auf verschiedene Bereiche im Leben der Kirche zurück-
    geblickt werden. Schon im Laufe der ersten Jahrhunderte wurden das Verständnis und der
    Zugang zur Taufe unterschiedlich beurteilt. Der Zeitpunkt für die Feier dieses Sakraments im
    Leben eines Menschen unterliegt bis heute unterschiedlichen regionalen Regelungen. Auch
    die Leitung der Tauffeier ist in verschiedener Weise geordnet. Ähnliches ist für das Verständ-
    nis und die Feier der Firmung zu sagen. Die Deutung der Eucharistie und vor allem die Praxis
    ihres Empfangs hat sich in den letzten hundert Jahren nochmals gewandelt – auch dies regio-
    nal sehr unterschiedlich. Zur Frage, wer das Ehesakrament feiert, gibt es kontroverse theolo-
    gische Auffassungen. Der pastoraltheologische „Ort“ der Krankensalbung wird heute neu
    bestimmt. Die Eigenart der verschiedenen Epochen der Kirchengeschichte und der pastoralen
    Praxis können für diese sich ändernde Vielfalt ebenso als erste Evidenz gelten wie ein wach-
    sendes Verständnis für die Komplexität der theologischen Wirklichkeit „Kirche.“ Die dahinter
    erkennbaren Spuren einer inkulturierten Interaktion entsprechen der Eigenart einer Kirche, die
    unter Führung des göttlichen Geistes ihren Pilgerweg geht.
    33. Es ist nicht verwunderlich, dass die angesprochenen Faktoren unterschiedlich beurteilt
    und gewichtet werden. Auch in den Beratungen der Synode über Amazonien konnte dies er-
    lebt werden. Zugleich war die Geschwisterlichkeit spürbar, mit der Hoffnung und Angst an-
    gesichts der pastoralen Notlage dieser Region geteilt wurde, betroffen machte und das ge-
    meinsame Ringen um tragfähige Schritte in die Zukunft förderte.8
    34. Im gegenseitigen Austausch, im Teilen und Mit-Teilen der versammelten Schwestern und
    Brüder, wurde den Mitgliedern der Synode bewusst, was Gott schon bisher in der Kirche
    Amazoniens gewirkt hat (vgl. Apg 15,4). Welche Kirche anderer Regionen auf unserer Erde
    könnte sich – trotz aller Schwierigkeiten und Unvollkommenheiten – einer solchen Einsicht
    verschliessen? Sie verdichtet die Gewissheit, dass der auferstandene und erhöhe Herr mit sei-
    ner Kirche unterwegs bleibt.
    35. Auch heute versammelt sich die Kirche wie einst in Jerusalem: Angesichts der Not von
    Unterdrückung und Verfolgung, zugleich angesichts der Entlassung von Petrus und Johannes
    nach dem hohepriesterlichen Verhör – wissend, dass allein „Gott das Wachstum gibt“ (1 Kor
    3,6) und unser Herr Jesus Christus seine Kirche leitet. Wie seinerzeit die Apostel beginnen
    wir das Gebet und ermutigen uns gegenseitig dazu, zu sprechen: „Doch jetzt, Herr! ...“ (Apg
    4,29), um unsere Kirchengegenwart vor Gott zu tragen und mit der Kirche von Jerusalem zu
    bitten: „Streck deine Hand aus, damit Heilungen und Zeichen und Vollmachtstaten geschehen
    durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus!“ (Apg 4,30). In der Apostelgeschichte ent-
    wickelt Lukas in der Folge ein Szenarium der Zuversicht und des Vertrauens:
    „ 31 Als sie gebetet hatten,
    wurde der Ort, an dem sie versammelt waren, zum Beben gebracht,
    und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt,
    und sie sprachen das Wort Gottes – mit Freimut.“
    6. Vollmacht der Kirche
    36. Im Vertiefen unserer theologischen Erkenntnis der Sakramente und in der Weiterführung
    der pastoralen Praxis wissen wir uns von diesem Geist getragen, der von Anfang an die Kir-
    che leitet und sie erfüllt, und wir wissen: Auch heute wird der Ort unseres Gebets „zum Beben
    gebracht“. Der Geist ermutigt uns zu jenem Freimut ad intra und ad extra, 11 den es für die
    nächsten Schritte in der Kirche braucht.
    37. Das Handeln und Wort unseres Herrn Jesus Christus ist darin unser Vorbild: Angesichts
    des Weges durch die Felder und angesichts des Hungers der Menschen in der Nachfolgege-
    meinschaft lässt Jesus die Menschen um ihn auch am Sabbat die Ähren am Feld abreissen.
    Die Rechtslage ist eindeutig, der Kommentar Jesu für die ausserordentliche Situation ist es
    ebenso: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat“ (Mk 2,27).
    Zugleich wird aufgezeigt: Das ist bereits Praxis in der Jüdischen Bibel, und: Entscheidend ist
    das Prinzip. Das Recht steht nicht über dem besonderen Ausnahmefall. Dies ist die Ordnung,
    die Jesus in seinem Dienst an den Menschen setzt. Nicht nur die Jüngerinnen und Jünger hun-
    gern am Sabbat. Die Kirche Amazoniens hungert an ihrem Tag des Herrn. Also ist die Ord-
    nung des Herrn anzuwenden.
    38. In den Erzählungen der Evangelien über das heilende Wirken unseres Herrn Jesus Chris-
    tus am Sabbat erschiesst sich seine ermutigende Hermeneutik, die eine punktuell buchstäbli-
    che Auslegung des Gesetzes hinter sich lässt und den Blick auf das Wesentliche weitet: Sei es
    die Rettung der Seele anstatt sie zu vernichten (vgl. Mk 3,1-6); sei es die aufrichtende Freiheit
    11
    Johannes XXIII., Radioansprache La grande aspettazione vom 11. September1962: Acta et Documenta Conci-
    lio Oecumenico Vaticano II Apparando II, I, Rom 1964, 350.9
    der Gotteskindschaft anstelle der fesselnden Gebeugtheit durch das Böse (vgl. Lk 13,10-17);
    sei es die Fähigkeit, im Sehen zum Glauben zu finden anstatt im blinden Unglauben zu ver-
    harren (vgl. Joh 9,1-41). Diese heilbringende Hermeneutik des Evangeliums zeigt den Men-
    schen an: „Eure Erlösung ist nahe“ (Lk 21,28). Sie integriert also die Weisung Gottes in den
    Prozess des Kommens seiner Königsherrschaft.
    39. Um Missverständnisse zu unterbinden, muss also festgehalten werden: Die Kirche hat im
    Rahmen ihrer Verfasstheit auf der Grundlage des Vorbilds und der Botschaft des Herrn Jesus
    Christus die Vollmacht für entsprechende (Ver-)Änderungen. Denn unser Herr Jesus Christus
    hat in seiner Weisheit seiner Nachfolgegemeinschaft nicht eine überzeitlich-unveränderliche
    Detailordnung gegeben. Jesus Christus hat sich vielmehr damit begnügt, die Kernelemente
    einer Rahmenstruktur festzulegen.
    Dieser Strukturrahmen umfasst in Übereinstimmung mit seinem Vorbild (siehe Joh 13,15.34:
    „... wie ich euch ...“)
    - die unverzichtbare Notwendigkeit der Dienstbereitschaft (Mk 10,43; Joh 13,13-15);
    - das Verständnis seiner Nachfolgegemeinschaft, aus der die Bekenntnisgemeinschaft „Kir-
    che“ geworden ist, als eine Beziehungsgemeinschaft auf der Grundlage des Liebesgebotes
    (Joh 13,34-35);
    - die Sorge um die Charismen vor Ort, deren Pflege und gegebenenfalls ihre Indienstnahme (1
    Kor 12,3-11.12-31a);
    - die Berücksichtigung der je verschiedenen Gegebenheiten und Notwendigkeiten vor Ort bei
    der Detailentwicklung einer Struktur.
    Eine Einschränkung kirchlicher Ermächtigung kann nicht aus dem biblischen Befund abgelei-
    tet werden. Wird übernommene Vollmacht jedoch nicht zum Heil der Menschen eingesetzt,
    liegt eine Verletzung der anvertrauten Verantwortung und deren Missbrauch vor.
    40. Die ausserordentliche Versammlung der Bischofsynode hat den Schrei der Kirche Ama-
    zoniens nicht überhört. Sie hat eingehend die Situation studiert und versucht, diese „im Lichte
    des Evangeliums“ (Gaudium et spes 4) zu analysieren. 12 Daraus ergeben sich weitere Folge-
    rungen:
    7. Regionalisierte Neugestaltung kirchlicher Dienste (des „Amtes“)
    41. Der dreifaltige Gott, der seine Kirche durch die Zeit führt, schenkt den Menschen in der
    Kirche ihre Befähigungen zum Einsatz für den Aufbau dieser Glaubensgemeinschaft. Trotz
    der Verschiedenheit der Gnadengaben, der Dienste und der Kräfte sind sie alle auf einen
    Geist, auf einen Herrn, auf einen Gott zurückzuführen (1 Kor 12,4-6). In dieser Spannung
    einer Einheit in Vielfalt handelt Gottes Geist nach seinem Ermessen, „wie er will“ (1 Kor
    12,11). So kann sich in der Kirche in der Kraft des einen Geistes vielfältiges Leben entfalten.
    Katholizität bedeutet nicht Einheitlichkeit in Form und Glaubenspraxis, sondern vielgestaltige
    Einheit im Glaubensinhalt.
    12
    Vgl. bes. die Zwischenberichte der Arbeitsgruppen der Synode vom 18. Oktober 2019:
    http://press.vatican.va/content/salastampa/it/bollettino/pubblico/2019/10/18/0804/01655.html.10
    42. Die sakramentale Not in der Pastoral des Amazonasgebietes hat uns auf Defizite in der
    pastoralen Struktur der Kirche aufmerksam gemacht. Wer das Leben der Kirche in den letzten
    Jahrzehnten mitverfolgt hat, wird bestätigen, dass diese Notsituation in verschiedenen Regio-
    nen der Erde allmählich entstanden und kontinuierlich gewachsen ist, wobei sich allerdings
    auch kein einheitlicher Gleichklang zeigt. Der Befund ist vielmehr vielfältig. Er erfordert ein
    differenziertes Vorgehen unter Führung der regionalen Kirchenleitungen, die mit dem Bischof
    von Rom und untereinander in geschwisterlichem Austausch stehen. So kann es gelingen, sich
    in diesem Entwicklungsprozess über „die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn
    des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis beider zueinander
    Antwort [zu] geben“ (Gaudium et spes 4) und so den Stand von Kirche und Gesellschaft in
    dieser Zeit zu erfassen. Darin können auch „wahre Zeichen der Gegenwart oder der Absicht
    Gottes“ (Gaudium et spes 11) erkannt werden, der dazu einlädt, uns angesichts der notwendi-
    gen Entwicklungen vertieft mit der Absicht und dem Ziel kirchlichen Handelns auseinander
    zu setzen und zu identifizieren.
    43. Die Beratungen der Amazonas-Synode haben gezeigt: Die angemessene Ermöglichung
    der regelmässigen Feier der Eucharistie ist aus kirchenbezogenen, aus rechtlichen sowie aus
    pastoralen Gründen ein vorrangiges Gebot der Stunde:
    - Da die Feier der Eucharistie als „Mitte und Höhepunkt des ganzen Lebens der christlichen
    Gemeinde“ zu verstehen ist (Christus Dominus 30,6), muss dafür gesorgt sein, dass alle Glau-
    benden einen regelmässigen Zugang zu dieser Feier haben können.
    - Wird ihnen dies ohne schwerwiegende theologische Gründe verwehrt, liegt ein theologi-
    sches Unrecht und zusätzlich eine Verletzung des Kirchenrechts im Hinblick auf ihre Ver-
    pflichtung zur regelmässigen Mitfeier der Eucharistie (can. 1246 und 1247 CIC) und zum
    Empfang der heiligen Kommunion (can. 920-922 CIC) vor. 13
    - Kann das sakramentale Leben der Kirche am Ort nicht regelmässig in der Feier der Eucha-
    ristie entfacht und vertieft werden, wird dieser Kirche die Lebensgrundlage für ihre kirchliche
    Vitalität und Dynamik eingeschränkt oder gar entzogen.

44. Ist in einer Kirchenregion aufgrund des Mangels an ordinierten Personen die regelmässige
Feier der Eucharistie nicht möglich, müssen daher Massnahmen entwickelt und getroffen
werden, um diesen Mangel zu beheben.
Entsprechende Vorschläge wurden von mehreren Seiten gemacht. Sie sind zunächst von den
regionalen Kirchenleitungen (Bischofskonferenzen, Sprachregionen) zu prüfen und auf ihre
Tauglichkeit im betroffenen Gebiet zu bedenken. Dabei stehen pastorale Überlegungen und
Gesichtspunkte im Vordergrund, auch wenn die Ergebnisse dieses Prozesses den Rahmen der
bisher gültigen kirchlichen Rechtsordnung überschreiten.

45. Bei der Beurteilung einer solchen Notsituation muss darauf geachtet werden, dass die in
diesem Gebiet tätigen Priester nicht über eine angemessene Belastung hinaus zum sakramen-
talen Dienst verpflichtet werden. Denn neben der Gesundheit steht in einem solchen Fall auch
ihre persönliche Christusbeziehung auf dem Spiel. Die Leitung der Eucharistiefeier verlangt
dem Priester alle physische, aber auch spirituelle und emotionale Energie ab. Damit ist im
Interesse des betroffenen Priesters ebenso wie zum Vorteil der Kirche sorgsam umzugehen.
13
Vgl. auch Katechismus der Katholischen Kirche n. 1389, 2042, 2180-2182.11
Es ist überdies eine Vorgabe der Gerechtigkeit, dass ein Priester sich im allgemein festgesetz-
ten Alter von einer regelmässigen Indienstnahme zurückziehen darf.
46. Der heilige Paul VI. hat bereits im Jahr 1972 mit seinem Apostolischen Schreiben Minis-
teria quaedam die Möglichkeit erwogen, die Einrichtung zusätzlicher pastoraler Dienste bei
entsprechender pastoraler Notwendigkeit zu ermöglichen. 14 In Weiterführung dieser Linie
wird der Bischof von Rom die entsprechenden Vorschläge im Geist der Amazonas-Synode
und dieses Nachsynodalen Schreibens prüfen und deren Umsetzung, wenn immer möglich,
zustimmen.
47. In diesem Zusammenhang wird ausdrücklich zu bedenken sein, ob die dreigliedrige Struk-
tur des sakramentalen Dienstes einer Überprüfung bedarf, die zu einer entsprechenden weite-
ren Auffächerung der Ordination im Zusammenhang mit den vielfältigen Notwendigkeiten
des pastoralen Dienstes an verschiedenen Orten führen kann. Ich bin davon überzeugt, dass
sich im Laufe einen solchen Prozesses zwei Erkenntnisse durchsetzen werden: Es werden sich
mehr als drei Stufen des ordinierten Dienstes herauskristallisieren, und sie werden nicht in
allen Regionen der Welt die gleichen sein. Mit einer solchen Vielfalt wird die Kirche den Er-
fordernissen der Zeit und den Fragen der Menschen heute offener und angemessen begegnen
können.
48. Als Methode für die angesprochene Vorgangsweise bietet sich die Orientierung an der
neutestamentlichen Kirche von Jerusalem an, wie sie Lukas in Apg 6,1-6 darstellt. Die dort
beschriebenen Stufen des Vorgehens können, allenfalls entsprechend adaptiert, auch heute
angewendet werden:

  •  Die Verantwortlichen einer Kirche am Ort stellen einen Mangel fest.
  • Sie legen der versammelten Kirche einen Lösungsvorschlag vor.
  • Es werden dafür geeignete Menschen aus dieser Kirche nominiert und in einem synodalen
    Prozess ausgewählt.
  • Die Verantwortlichen der Kirche legen ihnen die Hände auf und beauftragen sie.
    Es empfiehlt sich, zu diesem Weiheritus (Handauflegung) auch andere Getaufte aus der Kir-
    che am Ort einzuladen, um sichtbar zu machen, dass dieser sakramentale Dienst von allen in
    der Kirche am Ort getragen und für alle eingerichtet ist.

49. In einer anderen Kirchenzeit hat der heilige Johannes Paul II. den Abschluss der Diskussi-
on zu den Fragen der Zulassung zum kirchlichen Amt dekretiert. 15 Dies geschah aufgrund der
damaligen Kirchensituation und in seiner Verantwortung als Nachfolger des Heiligen Petrus.
Seine klare Haltung verdient auch heute noch unseren Respekt.
Eine Generation später gebietet es sich gemäss dem Auftrag des Konzils (Gaudium et spes 4:
„in einer jeweils einer Generation angemessenen Weise“), diese Frage erneut zu evaluieren.
Der Schrei und die Not der indigenen Völker Amazoniens und ihrer kirchlichen Vorsteher
sind zum Anlass dafür geworden, dass sich unsere Erkenntnis weiterentwickeln und unser
Bewusstsein im Lichte der biblischen Erzählung weiter klären konnte:
1
50. Denn „wir sind uns alle bewusst, dass wir nicht nur in einer Zeit der Veränderungen leben,
sondern vielmehr in einer Zeitenwende, die neue und alte Fragen aufwirft, angesichts derer
eine Auseinandersetzung berechtigt und notwendig ist.“ 16) Erneut nach der Darstellung in der
Apostelgeschichte ist es eben Simon Petrus, in dessen Hirtenamt meine Vorgänger und ich zu
verschiedenen Zeiten eintreten durften, der in der Auseinandersetzung mit dem Hohen Rat ein
grundlegendes Prinzip kirchlichen Handelns formuliert hat: „Man muss Gott mehr gehorchen
als den Menschen“ (Apg 5,29). Daher ist für diesen geplanten Strukturerweiterungsprozess
davon auszugehen, dass von den Kirchen in den einzelnen Regionen der Erde für alle Dienste
im Rahmen des sakramentalen Amtes geeignete Personen ohne Ansehen von Geschlecht und
Lebensstand ausgewählt und sodann durch Gebet und Handauflegung für ihren Dienst ge-
weiht und gesendet werden.

52. Wird ein solcher Vorgang eingeleitet, so darf nicht übersehen werden, dass es sich dabei
um einen Prozess geistiger Erneuerung handeln muss. Denn unsere Aufmerksamkeit muss
darauf gerichtet bleiben, die Feier der Eucharistie als die Mitte jedes Lebens in unserer Kirche
neu zum Blühen zu bringen und in ihrer heilvollen Wirksamkeit zu vertiefen. Wer hingegen
meinen wollte, „dass die Lösungen der derzeitigen und zukünftigen Probleme ausschließlich
auf dem Wege der Reform von Strukturen, Organisationen und Verwaltung zu erreichen
sei[en]“ 17 , setzt sich dem zu Recht erhobenen Vorwurf aus, die Kirche als den mystischen
Leib unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus (vgl. 1 Kor 10,17; 12,12-13; Eph 4,4-7) mit
einem weltweiten multinationalen Konzern zu verwechseln.

53. Die Bischofskonferenzen sind eingeladen und beauftragt, sich mit der Frage von Durch-
führungsbestimmungen zu beschäftigen. Sie sollen prüfen, ob und in welchem Rahmen die
Zusammenarbeit zu diesem Prozess in Kultur- und Sprachregionen angezeigt ist und diese in
die Wege leiten.
Nähere Hinweise und Vorgaben werden in der nächsten Zeit folgen.

A BSCHLIESSENDE R EFLEXION
54. Angesichts der Gewichtigkeit der angesprochenen Fragen und der mit diesem Nachsyno-
dalen Schreiben vorgegebenen weiteren Vorgangsweise habe ich die mir damit auferlegte
Verantwortung deutlich vor Augen. Es fehlt auch nicht an Unglückspropheten, die vor einem
solchen Schritt gewarnt haben. Ihnen antworte ich mit den Worten des heiligen Johannes
XXIII., die er in seiner Eröffnungsrede an das Konzil gerichtet hat:
Sie [die überaus besorgten Ratgeber] sind „zwar voll Eifer, aber nicht gerade mit einem sehr
grossen Sinn für Differenzierung und Takt begabt [...]. In der jüngsten Vergangenheit bis zur
Gegenwart nehmen sie nur Missstände und Fehlentwicklungen zur Kenntnis. Sie sagen, dass
unsere Zeit sich im Vergleich zur Vergangenheit nur zum Schlechteren hin entwickle. Sie tun
so, als ob sie nichts aus der Geschichte gelernt hätten, die doch eine Lehrmeisterin des Lebens
ist, und als ob bei den vorausgegangenen Ökumenischen Konzilien Sinn und Geist des
Christentums, gelebter Glaube und eine gerechte Anwendung der Freiheit der Religion sich in
allem hätten durchsetzen können. Wir müssen diesen Unglückspropheten widersprechen, die
immer nur Unheil voraussagen, als ob der Untergang der Welt unmittelbar bevorstünde.“
18)
Franziskus, Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland, 29. Juni 2019, Einleitung.
Franziskus, Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland, 29. Juni 2019, 5,2; vgl. ders., Apostolisches
Schreiben Evangelii gaudium 97.
1713
Und mein Vorgänger fuhr fort:
„In der gegenwärtigen Situation werden wir von der göttlichen Vorsehung zu einer allmähli-
chen Neuordnung der menschlichen Beziehungen [ich erlaube mir zu ergänzen: und der Kir-
che] geführt. Sie wirkt mit den Menschen zusammen; aber sie verfolgt über deren Erwartun-
gen hinaus ihren eigenen Plan. Alles, sogar was die Menschen dagegen tun, wendet sie zu
dem, was für die Kirche das bessere ist.“ 18)

55. Ermutigt durch diese Worte meines Vorgängers, die das Geheimnis und die Methode sei-
nes segensreichen Pontifikats erschliessen, vertraue ich auf das Wirken des dreifaltigen Gottes
in seiner Kirche. Deshalb bitte ich euch, Schwestern und Brüder: „Hören wir [auf]einander
unter der Führung des Heiligen Geistes – auch wenn wir nicht in gleicher Weise denken – aus
der weisen Überzeugung heraus, dass ,die Kirche im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle
der göttlichen Wahrheit entgegenstrebt, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen‘“ (Dei verbum
8,3) 19 , und ich kehre nochmals in die Kirche von Jerusalem zurück. Bevor Simon Petrus sein
oben (n. 50) zitiertes prophetisches Wort gegenüber dem Hohenrat sprechen konnte, hatte der
Pharisäer Gamaliel dem Gremium ins Gewissen geredet und den Hohenrat zur Zurückhaltung
gemahnt:
„Wenn dieses Vorhaben oder dieses Werk von Menschen stammt,
wird es zerstört werden;
stammt es aber von Gott,
so könnt ihr [es] nicht vernichten“ (Apg 5,38-39).
Ich rufe mir dabei ins Gedächtnis, was mein schon zu unserem himmlischen Vater heimge-
gangener Mitbruder im Bischofsamt Franz König im Rückblick auf sein Leben in unserer
Kirche zu dieser Episode geschrieben hat: „Diese Worte des Gamaliel gelten, so meine ich,
heute noch genauso wie vor 2000 Jahren.“ 20)
56. Mit allen Menschen guten Willens stimme ich also ein in das Gebet der Kirche von Jeru-
salem: „Doch jetzt, Herr, ...!“ Wir wissen uns alle im Glauben an Gottes Führung verbunden
und vertrauen auch „in dieser Stunde der Kirche“ 21) auf die Fürsprache unserer himmlischen
Mutter.

Gegeben zu Rom, an den Gräbern der frühen Christinnen und Christen,
am 24. März 2020, dem Gedenktag des heiligen Oscar Arnulfo Romero,
im 7. Jahr meines Dienstes als Bischof von Rom
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