kirche in kl2019 03 04 Hurka HP 150Das Schreiben „Querida Amazonia“ hat viele wachgerüttelt und auch einiges klargestellt. Franziskus handelt nicht wie ein Automat. Franziskus hat der Menschlichkeit vor kirchenrechtliche Korrekturen.den Vorrang gegeben und ist  eine eigenständige Person, die selbständige eigene überlegte Entscheidungen trifft. Auch ich habe mit einem Durchbrechen beim Pflichtzölibat gerechnet und war überrascht, dass er nicht gekommen ist. Halten wir Ausschau, was können wir jetzt tun??

Viele Katholikinnen und Katholiken waren froh, dass die Amazoniensynode vergangenen Oktober mit deutlicher, Zweidrittel-Mehrheit die Weihe von „viri probati“ Franziskus vorgeschlagen hat. Das war ein konkreter wie von Franziskus immer wieder verlangter „mutiger Vorschlag“. Trotzdem ist er ihm nicht sofort gefolgt.

Warum ist Franziskus dem Vorschlag der Synodenväter nicht gefolgt?

Da ist einiges denkbar. Einerseits der Widerstand seines Vorgängers. Die konservativen, reaktionären Teile der Machtträger in der Kirche haben geschickt Joseph Ratzinger für einen Artikel gewinnen können. Damit hat dieser nicht nur entgegen seinem Versprechen, künftig zu Kirchenfragen zu schweigen, gehandelt sondern er hat sich auch einseitig für kirchenpolitische Zwecke instrumentalisieren lassen. War es Eitelkeit oder Altersschwäche? Egal, es war ein unfairer Beitrag mit fatalen Folgen. Sein Verhalten hat das Spaltungsszenario bei zwei oder mehreren Päpsten wieder lebendig gemacht. Gleichzeitig zeigt es, dass auch bei so reaktionären Personen (Sarah, Ratzinger) ihre seit Jahren vorgetragenen Prinzipien, nur dem Glauben und der Einheit der Kirche dienen zu wollen, nichts wert sind. Wenn es ihnen passt, dann handeln sie nach ihren eigenen Gedanken. Es geht ihnen nicht ausschließlich um die Ehre Gottes sondern vorrangig um ihre eigenen Ideen und Meinungen die nicht auf der Müllhalde der Geschichte landen sollen. Da wird alles getan um dies zu verhindern.

Die Eitelkeit Joseph Ratzingers ist doch schon an seinem Lebensstil in weißer Soutane im Vatikan und mit seinen alten Sekretären oder an der Anrede „papa emeritus“ manifestt. Es gibt keinen emeritierten Papst sondern einen Altbischof von Rom. Das sollte der bald 92-Jährige doch zur Kenntnis nehmen.Er ist nicht mehr und auch nicht weniger. Ob verdienstvoll oder nicht wird die Nachwelt beurteilen. Nicht die alten seinerzeitigen um des eigenen Vorteils willen speichelleckenden Hofzöglinge, die ihre Gedanken dem mächtigen Großmeister ständig präsentierten um im Gedächtnis und auf den Beförderungslisten zu bleiben.

Es bleibt die Frage, war das Buch von Robert Sarah mit dem Beitrag von Joseph Ratzinger tatsächlich in der Lage, Franziskus umzustimmen. Wohl eher nicht. Das ist Begleitmusik, nicht die eigentliche Ursache. Wohl eher kann angenommen werden, dass wohl kein Bischof – auch nicht der von Rom als Kirchenspalter in die Kirchengeschichte eingehen möchte. Wobei die Frage berechtigt ist, gibt es nicht ohnehin laufend Kirchenspaltungen? Theoretisch und praktisch. Nur knapp die Hälfte der Katholik/innen glauben an die Auferstehung. Viele zweifeln an der Gottheit Jesu und an der Dreifaltigkeit usw. Das sind doch evidente alltägliche Kirchenspaltungen die tiefer gehen als die Aufweichung des Pflichtzölibats. Trotzdem wäre der Schritt Franziskus doch zu weitgehend gewesen. Die Konflikte wollte er nicht sehenden Auges eingehen. Bei all seinen menschenfreundlichen Zeichen ist er in einer traditionellen Theologie erzogen worden und an den konkreten Situationen gewachsen. Wie das ja von mehreren Bischöfe aus Lateinamerika bekannt ist.

Was ist jetzt zu tun?

Hier zu sitzen und sich gegenseitig seine Klagelieder vor zu singen hat wohl wenig Sinn. Es gilt zu überlegen, was kann trotz der Situation in der wir sind, getan werden. Die Anliegen sind richtig und müssen auf andere Weise in die Praxis gebracht werden. Ich denke daran, Frauen und Männer, unabhängig ob geweiht oder verheiratet, mit priesterlichen Diensten zu beauftragen. Sei es die Gemeindeleitung, die Spendung von Sakramenten wie die Taufe oder Ehe, oder der Eucharistie vorzustehen. Sicher braucht es dazu geeignete Ausbildungen, die in den Pfarren beginnen sollten. Nach der Beauftragung durch die Gemeinde sind sie dann dem Bischof zur Ordination vorzuschlagen. Hier sind jetzt die Bischöfe gefordert. Die Zusammenlegung der Pfarren bietet Chancen. In französischen Diözesen haben Bischöfe Pastoralteams eingesetzt. Sie bestanden aus Priestern und Laien und sie wurden mit den Aufgaben eines Gemeindeleiters offiziell ausgestattet. Warum nicht auch in Österreich oder anderen deutschsprachigen Ländern. Würde das die österreichische Bischofskonferenz beschließen, was kann passieren? Würden sie Kardinal Schönborn absetzen? Will dieser nicht ohnehin schon sein Amt zurück legen? Also wo ist das Problem?

Unabhängig davon kann in jeder Pfarre die Verkündigung z.B. die Predigt auch von dazu geeigneten Laien geleistet werden. Die Pfarre müsste sich allerdings davor schon einig werden, diese Personen auch zu stützen und zu verteidigen, sollten Angriffe seitens der Diözesanleitung kommen. Das bedeutet, dass etwa eine Religionslehrerin die deshalb ihren Job verlöre wirtschaftlich mitgetragen werden müsste. Dem was an Rufmord oder schlechter Nachrede dann aufträte müsste selbstverständlich einheitlich entgegengetreten werden. Das ist selbstverständliche christliche Solidarität!

Wie überhaupt gesagt werden muss, in den Pfarren müssen sich deutlich erlebbar christliche Gemeinden bilden, die nach den Grundlagen Jesu zu leben versuchen. In denen die Mitglieder einander kennen und umeinander wissen, was bedrückt oder Freude bereitet und bei Ereignissen lebensändernd darauf reagieren. Dort wo Schwächere Zuflucht und Unterstützung bekommen, wird Jesus sichtbar. Dort wo um Gerechtigkeit und Ausgleich, um Verzeihung und Liebe gerungen wird, wird Jesus sichtbar. Solche Zeichen brauchen wir heute. Nicht Kämpfe um Macht, Ansehen und Einfluss zeigen Jesus, sondern die empathische Liebe. Solche Gemeinden werden auch eigene Theologien entwickeln, die ständig miteinander ausgetauscht und abgeklärt werden sollten. Das ist die Aufgabe des Dienstes der Einheit. Solch mündige Gemeinden lassen sich auch nicht mehr dreinreden oder gar diktieren wer ihnen als hauptamtliche Leitung zugeteilt wird. Nein, sie bestimmen mit und akzeptieren nicht alles widerspruchslos. Sie vertreten auch ihre Meinung, wenn es um die Frage der Zusammenlegung geht. Begründungen wie: die Pfarre wurde schon dem Orden X vom Herrn Bischofsvikar versprochen, ist kein Argument sondern Zeichen eines diktatorischen Verhaltens und gehört sofort abgestellt.

Ebensolche Solidarität gälte es jenen Priestern gegenüber zu üben, die in Beziehung leben und mit ihren Partnerinnen Kinder aufziehen. Wer sich hier zurück zieht und dem Einzelnen die Konsequenzen alleine tragen lässt, handelt nicht im Geiste Jesu, weil diese Menschen das ja mit ausdrücklichem oder inkludentem Willen der Gemeinde und im Dienst für die Gemeinde tun.

Im Sinne einer Entklerikalisierung schlage ich vor, die Dienste zuerst durch Frauen und Laien ausführen zu lassen, bevor sie Priester oder Diakone ausführen. Die Verantwortung pfarrlichen Lebens liegt bei den Menschen und nicht bei den Kerikern. Mit diesem Selbstbewusstsein müssen Christinnen und Christen ausgestattet sein. Wie schreibt Franziskus in seinem nachsynodalenSchreiben „Querida Amazonia „ er habe alle Wortmeldungen bei der Synode gehört und mit großem Interesse die Berichte der Arbeitsgruppen gelesen. Sein Dokument wolle das Schlussdokument der Synode nicht ersetzen. Also die Voten stehen weiterhin im Zentrum der Betrachtungen und der Lösungsvarianten. Sie sind nicht vom Tisch. Immerhin haben weltweit Vertreter der Kirche diese Vorschläge gemacht und diese sind von zwei Drittel der Synodenväter unterstützt worden. Darunter Kardinal Schönborn, wie er selbst sagte. Das Schreiben von Franziskus bietet nur einen Rahmen für die eigene Reflexion, wie Franziskus in der Einleitung schreibt. Franziskus will die „Wirklichkeit Amazoniens einer Zusammenschau einiger großer Anliegen konkret Gestalt geben, die [er] schon in früheren Dokumenten aufgezeigt habe und die eine Hilfe und Orientierung für eine harmonische, schöpferische und fruchtbare Rezeption des ganzen synodalen Weges sein kann.“ (Qa2) Also es gilt aus dem Ganzen nach Reflexion seine Schlüsse zu ziehen! Und er schreibt weiter unter Ziffer 3: „Zugleich möchte ich das Schlussdokument offiziell vorstellen.“ Er ist es also, der die Ergebnisse mitträgt, „Ich habe es daher vorgezogen, das Schlussdokument in diesem Apostolischen Schreiben nicht zu zitieren, weil ich vielmehr dazu einlade, es ganz zu lesen.“ Auch wenn er nicht gleich daraus kirchenrechtliche Regelungen macht steht er dahinter. „Es bietet uns die Folgerungen der Synode, an der viele Menschen mitgearbeitet haben, die die Problematik Amazoniens besser kennen als ich und die Römische Kurie, da sie dort leben, mit ihm leiden und es leidenschaftlich lieben.“ Das Schlussdokument gibt auch eine Antwort auf die Forderung „Amazonien ist auch bei uns“: „Gott gebe es, dass sich die ganze Kirche von dieser Arbeit bereichern und anregen lässt,“ Das Schlussdokument der Synode gilt der ganzen Kirche. Und Franziskus schreibt “Alles, was die Kirche anzubieten hat, muss an jedem Ort der Welt auf eigene Art Fleisch und Blut annehmen,“ Christinnen und Christen sind weltweit miteinander verbunden. Und wir müssen die Synodenergebnisse mit Fleisch und Blut ausstatten.

Unter Punkt 15 empört sich Franziskus und zeigt, was ihm wichtig geworden ist: “In Bezug auf die beschämende Vergangenheit nehmen wir als Beispiel eine Erzählung über das Leiden der Indigenen während des Kautschukbooms im venezolanischen Teil Amazoniens: »Den Indigenen gaben sie kein Geld, sondern Waren zu teurem Preis, und so wurden sie nie damit fertig, sie zu bezahlen […] Sie zahlten, aber sie sagten zum Indigenen: „Du hast hohe Schulden“, und der Indigene musste zurückkehren, um zu arbeiten […] Mehr als zwanzig Dörfer der Yekuana wurden vollständig zerstört. Die Frauen der Yekuana wurden vergewaltigt, ihnen wurden die Brüste entfernt und den Schwangeren wurde der Bauch aufgeschlitzt. Den Männern wurden die Finger oder die Hände abgeschnitten, damit sie nicht mit den Schiffen fahren konnten […] neben anderen Szenen von ganz sinnlosem Sadismus.«[12]

Franziskus appelliert an das soziale Gewissen angesichts der Zustände in Amazonien. Auch wir in Österreich können den Grundwasserspiegel unseres sozialen Gewissens wieder erhöhen. Die interne Kirchenspaltung zeigt sich auch im unterschiedlichen Umgang mit Flüchtlingen. Die einen, die fast alles tun, damit diese menschlich unter uns leben können und die anderen, die jeden Muslim lieber heute wie morgen aus dem Land schaffen wollen. Lassen wir uns doch nicht vom immer mehr und schneller treiben sondern, schauen wir auch dem Beispiel Jesu folgend auf Kolleginnen und Kollegen, Nachbarinnen und Nachbarn, auf Asylwerber und Obdachlose wie es denen im Berufsleben, in der Schule, im Spital, beim Arzt usw. geht. Und treten wir solidarisch für mehr Gerechtigkeit ein. Das ist ein Anbrechen des Reiches Gottes! Und bewerten wir den Klerikalismus nicht zu hoch. Er sollte am besten überhaupt verschwinden, unter Priestern und Platzhirschen, die sich gern als Priester-Vertreter sehen. Es darf in der Kirche nicht alles nur von Geweihten bestimmt werden. Die übrigen Gläubigen müssen sich verstärkt einmischen. Die blindwütige Zusammenlegung von Pfarren bewirkt verstärkt Kirchenaustritte. Dazu muss aber klat gesagt werden, wenn es keine Gemeinden mehr gibt, braucht es auch keine Priester mehr.

Lassen wir uns nicht entmutigen, sondern setzen wir unsere Kräfte zum Aufbau mündiger Gemeinden ein, die Jesus in unserer heutigen Welt spürbar und erfahrbar machen. Setzen wir uns an die Ruder und bestimmen wir mit, wohin das Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt und wer das Steuer übernimmt. Leider sind heute in vielen Fällen die Steuermänner blind für die Empfindungen der Menschen, die ihnen anvertraut sind. Noch mehr solcher Blindgänger braucht es nicht. Wenn Gemeinden Bürgermeister oder Abgeordnete wählen können werden sie auch Gemeindeleiterinnen oder Gemeindeleiter wählen können. Die Ordinariate verhalten sich zu oft so, als wären sie Aufsichtsbehörden und nicht Servicestellen für die Gemeinden. Dieses Verhalten muss sich dringend ändern. Personalentscheidungen nach der Methode Bombenwurf sind nicht mehr zeitgemäß. Formen der Mitbestimmung sind hier gefragt.

Nächste Schritte selbst suchen, kein konkreter Weg ist vorgegeben

Franziskus hat mit diesem Dokument keinen konkreten einheitlichen Weg vorgegeben. Beeindruckt von der Schönheit und der Würde Amazoniens und dem Leid, das die Menschen die dort leben ertragen müssen hat er zu Gerechtigkeit und jesuanischem Sozialverhalten aufgerufen.

Für die offenen Kirchenfragen haben wir selbst nach Lösungen Ausschau zu halten. Dazu stehen sein Dokument Querida Amazonia und das Schlussdokument der Synode unmittelbar zur Verfügung, um gemeinsam zu reflektieren.

Ich bin überzeugt, wer sich auf diesen Weg einlässt wird Lösungen finden, die sich auch gut mit der Botschaft Jesu vereinbaren lassen.

Hans Peter Hurka