polak regina kl Hier geht es nicht um den Corona-Virus! Es ist eine Frage, die sich alle Jahre Mitfeiernden bei der Osterliturgie stellen.. "Tötet Gott aus Strafe oder gar aus Lust am Töten?????"

Fragen, die viele Menschen gerade bei den Osterlesungen immer wieder verwirren. Diesen Fragen stellt sich konkret Regina Polak, praktische Theologin an der Wiener Universität Überlegungen dazu können Sie nachstehend lesen.

Regina Polak denkt aufgrund ihrer virtuellen Gottesdiensterfahrungen in der Heiligen Woche über eine zentrale pastoraltheologische Aufgabe nach: Die Übersetzung der biblischen Welt- und Gotteserfahrung für Zeitgenossinnen und Zeitgenossen außerhalb, aber auch innerhalb der Kirche. Denn der Abstand zwischen biblischem, liturgischem und zeitgenössischem Weltbild ist groß geworden.

Abstand macht Differenz sichtbar und kann deshalb neue Perspektiven auf das eröffnen, was einem selbstverständlich und vertraut ist. So erging es mir bei den Gottesdiensten der Heiligen Woche. Diese habe ich das erste Mal in meinem Leben nicht im liturgischen Raum der Kirche mit einer Gemeinde, sondern virtuell erlebt. So sehr ich mich dabei bemüht habe, sie in einer spirituellen Haltung zu zelebrieren, ist doch der Modus der Zuseherin und Zuhörerin dabei wesentlich stärker in den Vordergrund getreten als dies der Fall ist, wenn ich in die singende, betende, knieende Gemeinde eingebettet bin. Da ich glaube, dass meine Gedanken für die Verkündigung der biblischen Botschaft in einer säkularen und religiös Pluralen Gesellschaft insgesamt von Relevanz sind, soll im Weiteren auch irrelevant sein, auf welche konkreten Gottesdienstübertragungen bzw.- streamings ich mich dabei beziehe. Es geht mir nicht um die Kritik eines bestimmten Gottesdienstes, sondern um Grundsatzfragen.

Mit den Augen und Ohren der “Anderen“ sehen und hören

Obwohl die Gläubigen heuer gezwungen waren, ihren Glauben gleichsam „privat“, allein oder mit ihrer Familie bzw. Hausgemeinschaft zu feiern, waren die zentralsten Gottesdienste des christlichen Glaubenslebens in einem Ausmaß öffentlich präsent wie noch nie zuvor. Mehrere Fernsehsender haben die Gottesdienste übertragen, unzählige Gemeinden und Ordensgemeinschaften haben via Internet einer breiten Öffentlichkeit Einblick in die wichtigsten Feiern des Kirchenjahres gegeben. Man konnte also nicht nur mitfeiern, sondern auch einfach mal vorbeischauen und zusehen bzw. zuhören. Auch wenn dieser Modus aus theologischer Sicht ebenso wenig einem gläubigen Mitfeiern entspricht wie die Gottesdienste selbst mangels leibhaftiger Präsenz und voller Anbindung an die Kirche im Vollsinn Liturgie „sind“, so war dies doch auch eine missionarische Situation par excellence. So haben sich wohl in diesen Tagen unter den Hunderttausenden „Hinzugeschalteten“ auch Nicht-KirchengeherInnen, AgnostikerInnen, AtheistInnen oder anders Religiöse in diesen „Raum“ begeben. Ich fragte mich, wie „wir“ da wohl von diesen Außenstehenden wahrgenommen werden.  Ich habe begonnen, auch mit den Ohren und Augen der „Anderen“ zuzuhören und zuzusehen. Bei dieser Identifikationsübung halfen mir meine Erfahrungen im christlich-jüdischen, im christlich-muslimischen Dialog ebenso wie meine Erkenntnisse aus der Religionsforschung.

Der Idealfall der Textrezeption … ist nicht die Regel

In den Gottesdiensten der Heiligen Woche werden die zentralsten und gewichtigsten Texte der Bibel vorgelesen. Im Idealfall ist die Rezeption dieser Texte durch die Gläubigen eingebettet in ein religiöses Alltagsleben, d.h. sie werden im Horizont eines gelebten Glaubens gehört und interpretiert. Der, die „ideale“ Gläubige hat sich mit diesen Texten schon beschäftigt, kennt sie und hat sie mit Priestern, TheologInnen, Gläubigen in ihrer Bedeutungsfülle befragt und ausgelegt, mit all den damit verbundenen offenen Fragen und Schwierigkeiten. In ein gläubiges Alltagsleben eingebettet, sind sie deshalb in den Ohren der mit ihnen Vertrauten mit Erfahrung angereichert, mit Leben erfüllt, mit Erinnerungen verbunden. Sie sind in diesem Sinn er- und gelebtes Wort Gottes.

Doch dieser „Idealfall“ ist in einer säkularisierten Gesellschaft keinesfalls mehr der Normalfall oder gar die Regel – auch nicht für viele KatholikInnen, schon gar nicht für Außenstehende. Die Texte sind vielen fern, manchmal auch völlig unbekannt. Sie werden gehört, wie man heute eben die meisten Texte hört: als Ausdruck einer Weltanschauung, als Lehr-, Glaubens- und Moralbuch, als Sachinformation, als Beschreibung von Fakten und Lehren, als historische Berichte. Dass es Regeln der Auslegung gibt, aus Erfahrung gewachsen, die vor der Beliebigkeit der Deutung schützen, dass diese Texte Ausdruck gelebter und über Jahrhunderte hinweg erlernter und reflektierter Glaubenserfahrung sind, die in jeder Generation der Deutung bedürfen, dass ihre Lektüre und ihr Verständnis untrennbar mit einem konkreten Glaubensleben verbunden ist und ohne dies nicht verstanden werden kann, ist nicht einmal so manchem Gläubigen wirklich bewusst.

Eine Kluft im Weltbild

Und so wurde mir in diesen Feiern wie noch nie zuvor bewusst, wie massiv ohne Einbettung in ein Glaubensleben der Abstand ist zwischen der Art, wie die Heilige Schrift ihre Welt- und Glaubenserfahrung ausdrückt, und wie dies ZeitgenossInnen tun. Das Problem dabei ist nicht, wie seit den 70er-Jahren immer wieder moniert wird, die Sprache. Die Texte der Liturgie sind durchaus zu verstehen. Das Problem ist der Unterschied der Welt- und Gottesbilder, die den Interpretationsrahmen sowohl der Texte als auch des Hörens der Texte bilden. Gebildete ZeitgenossInnen stellen sich Gott heute wohl nicht mehr als über den Wolken auf einem Thron sitzenden allmächtigen Herrscher vor, der sich auf die Erde begibt – im damaligen Weltbild eine Revolution. Dank eines langen Lernprozesses verbinden die zwei Drittel jener europäischen ZeitgenossInnen, die an Gott glauben, mit Gott heute eher eine Energie, eine höhere Macht, eine den Menschen und der Welt zugewandte liebende Wirklichkeit. Sie glauben nicht mehr an Magie, Wunder oder Irrationales. Die Texte der Bibel bedürfen daher dringend einer Übersetzung in unser Weltbild.

In den Gottesdiensten, die ich am Gründonnerstag, am Karfreitag, in der Osternacht und am Ostermorgen „besuchte“, fand eine solche Übersetzung so gut wie nicht statt. Gläubigen fallen die kognitiven Dissonanzen der alten biblischen Texte mit einem modernen Weltbild normalerweise nicht (mehr) auf. Sie sind mit den Texte vertraut, haben deren Sinn verstehen gelernt oder aber hören vielleicht gar nicht mehr richtig zu. Aber wer weder Lernerfahrungen noch ein positives Vorurteil gegenüber diesen Texten hat: Was hört er, was hört sie?
Herausfordernde Textpassagen

Am Gründonnerstag hört unser fernstehender Gast Gott sagen: „In dieser Nacht gehe ich durch das Land Ägypten und erschlage im Land Ägypten jede Erstgeburt bei Mensch und Vieh.“ (Ex 12, 12)
Am Karfreitag ist immer wieder von „den Juden“ die Rede, z.B.: „Die Juden entgegneten ihm: Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz muss er sterben, weil er sich zum Sohn Gottes gemacht hat.“ (Joh 19,7).
In der Osternacht verlangt Gott von Abraham die Opferung Isaaks (Gen 22) und lässt die Ägypter im Meer ertrinken (Ex 14-15).

Zu den alttestamentlichen Lesungen gibt es in der jüdischen wie christlichen Theologie längst Auslegungen, die helfen, diese „gewaltigen“ Textpassagen, in denen Gott wie ein zorniger Tyrann erscheint, für heute zu erschließen und den damit oft verbundenen Antijudaismus zu bekämpfen. Das Schott-Messbuch bietet für alle diese Stellen kurze Einführungen. Dank des langjährigen christlichen-jüdischen Dialogs gibt es nach Jahrhunderten des Gottesmordvorwurfes zahlreiche Unterlagen, wie man die Karwoche ohne das Wecken oder Bedienen antijudaistischer Stereotypen feiern kann. Auch das Pastoralamt der Erzdiözese Wien hat 1989 „Hinweise für die Gestaltung der Karwochenliturgie unter dem Aspekt Christen – Juden“ herausgegeben. Juden müssen sich nicht, wie jahrhundertelang üblich, davor fürchten, nach der Karfreitagsliturgie von „Gläubigen“ verprügelt zu werden. Priester und TheologInnen sind in all diesen Fragen ausgebildet. Auf Ö1 hat Johannes Kaup dieses Problem in der Sendung Logos im Zusammenhang mit der Matthäus-Passion hervorragend aufgegriffen.
Mancher virtuelle Gottesdienst wird darauf eingegangen sein, ich selbst habe zu keiner einzigen dieser Textstellen einen erläuternden Kommentar gehört. Die Texte wurden vorgelesen und die problematischen Stellen blieben unkommentiert.

Ich befürchte, dass viele der Zaungäste auf dieser Weise in dem bestätigt wurden, was ich an Rückmeldungen das Jahr über zu diesen Stellen immer wieder höre:  Warum soll ich an diesen Gott glauben, der so gewalttätig ist? In der christlichen Variante: Warum kann man diese Stellen aus dem AT nicht einfach weglassen, Jesus hat doch dieses Gottesbild überwunden? Auch heute hat mir ein gläubiger Christ geschrieben: „Ich war dermaßen aufgebracht über die Lesung Genesis 22, 1-14, die in der Osternachtsfeier zur Lesung kommen sollte und auch dann kam (…) Mein Anwendungskriterium ist immer die Frage: ՚Wie sag‘ ich’s meinem Kinde?՚ Wie erzähle ich eine Begebenheit, für die man im richtigen Leben fünf Jahre Haft, eine Wegweisung und die Wegnahme des Kindes durch die Fürsorge bekommt, als frohe Botschaft zu Ostern? Obwohl die Fußnote dazu in meinem AT die Geschichte wunderbar erklärt, ist die Stelle heutzutage ՚unverkäuflich՚. Ich kann mich meinen Kindern gegenüber nicht hinter einer Tradition verschanzen, die ich nicht weitergeben kann. Wir haben sie zu einem naturwissenschaftlichen Denken erzogen, deren Tradierbarkeit Voraussetzung ist.“
Wie sich solche Aussagen für jüdische Ohren anhören, kann ich hier nicht erörtern.

Was tun?

So mancher Katholik wird nun – zu Recht – einwenden, dass die Karwoche der falsche Zeitpunkt ist, bibeltheologische Bildungsprozesse stattfinden zu lassen. Umso wichtiger ist es aber dann, wenn diese Gottesdienste von Hunderttausenden gesehen und gehört werden, die Sensibilität für die Problematik zumindest zu signalisieren: durch ein einführendes Wort, eine Anmerkung in der Auslegung. Gerade dann muss sichtbar werden, dass man fähig ist, auch mit den Ohren anderer zu hören. Die Texte müssen deshalb weder weggelassen, entschärft oder gar banalisiert werden. Sie sind und bleiben eine Herausforderung. Aber einfach darüber hinweg zu schweigen, signalisiert, dass man mit der Gesellschaft am wichtigsten Ort des Glaubenslebens nicht in Kontakt ist. Was sonst den theologischen Alltag prägt, muss auch und gerade hier Konsequenzen haben.

Ich möchte meine Überlegungen nicht als Kritik an einzelnen Zelebranten verstanden wissen. Vielmehr glaube ich, dass sich hier ein grundsätzliches, ein strukturelles Problem der Pastoral zeigt: Wie wird die Fülle der theologischen und lehramtlichen Erkenntnisse seit dem Zweiten Vatikanum rezipiert? Diese wirklich ernst zu nehmen, muss sich auch auf den pastoralen Alltag und gerade auch auf die Feier der hohen Festtage auswirken. Zugleich stellt sich die Frage, ob wir in der Pastoral und Liturgie ausreichend darüber nachdenken, wie wir den Entwicklungen im religiösen Feld gerecht werden können. Investieren wir ausreichend Zeit und Hirn in die Frage, wie wir unsere heiligen Texte in eine Zeit übersetzen können, die in religiöser Hinsicht völlig anders „tickt“, d.h. denkt als zu biblischen Zeiten und auch noch vor einigen Jahrzehnten. Damit votiere ich weder für eine Trivialisierung der Texte, für eine willkürliche Selektion, ein beschämtes Verbergen oder Beschweigen noch auch für den Ersatz durch Texte von Khalil Gibran. Aber vor uns steht in der Pastoral eine gewaltige Denk-Aufgabe. Das haben mir die virtuellen Gottesdienste bewusst gemacht. Auch die Theologie ist in die Pflicht genommen, zu prüfen, wie sie mit der Pastoral des Alltags besser in Kontakt treten kann.

Wenn wir dieser sicherlich anspruchsvollen Aufgabe ausweichen, wenn wir nicht üben, die jeweils „Anderen“ in unseren Zeugnissen mitzudenken und daraus theologische, pastorale und liturgische Konsequenzen ziehen, laufen wir Gefahr, vor allem jene zu bedienen, denen zu allen heiligen Zeiten ein Kulturchristentum genügt, die auf der Suche nach stimmungsvollen Ritualen oder ein paar tröstlichen Worten sind, sonst aber nicht viel weiter denken wollen oder können. Gebildete ZeitgenossInnen mit intellektuellem wie auch ethischen Anspruch an Religion werden wir so nicht mehr gewinnen können. Die heute so aktuelle Botschaft der biblischen Texte bleibt unerhört. Katholische Gottesdienste zeichnen sich durch eine faszinierende Ästhetik aus. Aber diese Ästhetik bemisst ihre Qualität auch an dem Inhalt, den sie verkündigt. Dieser Anspruch verdankt sich nicht nur akademischen Spitzfindigkeiten, er ist von eminent pastoraltheologischer Relevanz für unsere Zukunft in einer säkularen und religiös pluralen Gesellschaft.
Bildquelle: Jeff Jacobs on Pixabay

 
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