Ludin, Kirche, Faszinationund ÄrgernisLudin Walter OFMCap 150Ein reformierter Pfarrer, eine reformierte Pfarrerin, ein Kapuziner, eine Pflegefachfrau und ein Fotograf ringen mit der Frage: Was ist eigentlich Kirche?

Kirche – Faszination und Ärgernis. Fortunat Wyss, Walter Ludin, Anke Maggauerr-Kirsche, Maja Zimmermann, Fotos: Fernand Rausser, Wegwarte Verlag, Schweiz. 116 Seiten, Preis: (CHF 47.00) 44 Euro, ISBN: 978-3-9524088-2-7

Kirche sei eine niederschwellige Anlaufstelle für Hilfesuchende. Kirche sei ein Ort, wo sich Menschen verschiedenen Alters, verschiedener Berufe, Interessen und Begabung versammeln würden. Kirche sei ein Raum, wo umfassende, verantwortungsbewusste Werte entstehen und wo die Stille gepflegt wird, meint Pfarrer Fortunat Wyss. Walter Ludin ergänzt: Das Produkt Kirche ist voll in Ordnung, aber das Marketing lässt zu wünschen übrig.

Der Fotograf Fernand Rausser zeigt mit seinem atemberaubenden Bilderpanorama im zweiten Teil des Bildbands, wie vielfältig die Bilder von Kirche sind, die sich in Kirchbauten in der Schweiz, aber auch in den USA und andern Ländern widerspiegeln.

Ein wunderschöner Bildband, der mit seinen Fotos zum Betrachten und seinen Textbeiträgen zum Nachdenken einlädt, was Kirche bedeuten und bewirken könnte.


Rezensionen:

  von Mario Galgano

Die Kirche ist nicht nur eine Gemeinschaft oder ein Gebäude: Das kann man in einem neuen Bildband aus der Schweiz auf eine neue Weise erkennen. Das Werk heißt „Kirche – Faszination und Ärgernis“ und ist im Wegwarte Verlag erschienen. Die Bilder sind von Fernand Rausser, die Texte von vier Autorinnen und Autoren. Der reformierte Pfarrer Fortunat Wyss geht auf die Bedeutung der Kirchen in der Landschaft ein. Fremd und fragend seien die Kirchen „mitten in unserer Gesellschaft“. Einladend und gleichzeitig Symbol des Abneigens für all jene, „die von der Kirche nichts mehr wissen wollen“. Die reformierte Pfarrerin Maja Zimmermann-Güpfert geht auf die Gegensätze und Aufeinanderprallen von Kirche als Ort der Nächstenliebe und moralischer Machtausübung ein. Der Kapuziner und Journalist Walter Ludin kritisiert vor allem den Umgang des „kirchlichen Bodenpersonals“ mit der Kirche als solche. Ein Hoffnungszeichen sieht er in den „kleinen und großen Propheten, die die ursprüngliche Botschaft Jesu wiederfinden“. Und die vierte Mitautorin ist die Pflegefachfrau Anke Maggauer-Kirsche. Ihre Gedanken kreisen um die Gottesfindung in der Kirche. Ein – wohl ironisch gemeintes – Zitat von ihr: „Ich käme mir ja blöd vor, sollte ich Gott so einfach auf der Straße begegnen“. Die Bildsprache des Fotographen schweift von idyllischen Schweizer Landschaften bis hin zu provokativen Werbebilder und mystischen orthodoxen Kirchen in Osteuropa. Und am Schluss der Lektüre und des Anschauens hat man das Gefühl: Kirche ist in der Tat ein Ort der Auseinandersetzung – mit sich selbst und mit der Umwelt.

 von Beante Baumgartner

Bei diesem reich illustrierten Bildband des Wegwarte Verlages empfiehlt es sich, von hinten mit Blättern zu beginnen. Lassen Sie sich zuerst zum Thema «Kirche» inspirieren, anregen und bewegen von den zahlreichen eindrücklichen Farbaufnahmen von Kirchen, Kirchenräumen und christlichen Symbolen aus aller Welt des Fotografen Fernand Rausser.

Diese Bilder sind ein schöner Einstieg für den ersten Text von Fortunat Wyss. Der pensionierte reformierte Pfarrer beschreibt seine persönlichen Begegnungen mit dem Fotografen und entwickelt daraus und aus seinen eigenen Erfahrungen als Pfarrer ein Bild der Kirche als Ort der Begegnung und der Gemeinschaft. Fortunat Wyss ist sich nicht sicher, ob die Kirche als Volkskirche weiterlebt, aber er ist überzeugt, dass es die Kirche weiter braucht, als Ort, wo wir gemeinsam an der christlichen Hoffnung festhalten.

Maja Zimmermann ist in ihrer langen Zeit als reformierte Pfarrerin in Moosseedorf und Bern bescheidener geworden in ihren Erwartungen an die Kirche. Früher, im Geiste der Befreiungstheologie, war für sie noch alles klar: Die Kirche ist weiblich und soll sich einzusetzen für die Armen und für Gerechtigkeit. Heute aber könne sie die Welt nicht mehr in klare Lager unterteilen, wo Opfer und Täter voneinander getrennt sind. Heute sieht Maja Zimmermann in der Kirche einen Ort, wo der befreiende Geist des Unruhestifters Jesu wirkt. In dieser Kirche findet sie Raum, «dem Geheimnis Gottes näher zu kommen und zusammen mit andern Menschen etwas von Geist Jesu Christi zu erfahren.»

Ite-Redaktor Walter Ludin wirft einen Blick auf die Kirchengeschichte und zeigt in seinem Beitrag der Wandel von der prophetischen Jüngergemeinde zur mächtigen und staatstragenden Kirche auf. Wenn die Kirche heute die Menschen nicht mehr erreiche, so habe das primär auch mit ihrer «Menschenferne» zu tun. Bleibe sie aber bei den Menschen und sei mit ihnen in ihrer aktuellen Situation unterwegs, so stosse sie auch weiterhin auf Sympathien. Auch Walter Ludin sieht das Ende der flächendeckenden Volkskirche gekommen. Er ist trotzdem, wie alle anderen Autoren, von der Zukunft der Kirche überzeugt, wenn sie nicht einfach zur «Wohlfühl-Religion» wird, sondern die zentrale prophetisch-kritische Tradition der Bibel und von Jesus weiter trägt.

In einem liebevoll-humoristischen Beitrag schliesslich erzählt Anke Maggauer-Kirsche von einem Gott, der ursprünglich in allen Dingen lebte, dann eingeschlossen wurde in speziellen (Kirchen)-Häusern, verwaltet von professionell angestellten Männern und fein säuberlich seziert und sortiert von «gescheiten» Leuten. Doch Gott war immer noch dort, wo er schon immer gewesen war: In der Umwelt, den Menschen, der Natur. «Nur sahen ihn die Menschen nicht mehr.» Neuerdings aber, so orakelt Anke Maggauer, gebe es gewisse «subversive» Elemente, die begonnen hätten, Gott aus seinen Häusern herauszulassen….