Schockenhoff Eb 120Schockenhoff  Chancen zur versoehnung die kirche und die wiederverheirateten geschiedenen 170Wenn Katholiken sich scheiden lassen, und für ihre neue Beziehung durch eine zivile Eheschließung Verantwortung übernehmen, sind sie zu Lebzeiten des ersten Partners von den Sakramenten, insbesondere von der Eucharistie und dem Sakrament der Buße, ausgeschlossen. Wenn sie dazu in einem kirchlichen Dienstverhältnis stehen, müssen sie mit einer Kündigung rechnen, weil ihre persönliche Lebensführung im Widerspruch zur Moralauffassung der katholischen Kirche steht. Doch Jesus verhielt sich anders zu den Menschen, er predigte Vergebung, nicht Ausschluss. Daher plädiert Schockenhoff für eine menschennahe Kirche, die in ihrer Praxis damit Ernst macht, dass vor Gott jeder Mensch Vergebung finden kann und dass das Wesen der Eucharistie die ausgestreckte Hand Gottes zur Versöhnung ist.

Zum Autor

Eberhard Schockenhoff, geboren am 29. März 1953 in Stuttgart, ist römisch-katholischer Priester und Professor für Moraltheologie in Freiburg im Breisgau. Seit 2001 ist er Mitglied des Deutschen Ethikrats, seit 2009 ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Schockenhoff verfasste zahlreiche Publikationen.

Schockenhoff Eberhard, "Chancen zur Versöhnung? Die Kirche und die wiederverheirateten Geschiedenen", Verlag HERDER, 2. Auflage 2013, Kartoniert, 200 Seiten, Preis: 19,90 €, ISBN: 978-3-451-34117-5


Matthias Mühl hat dazu nachstehende Rezension in der Zeitschrift CHRIST IN DER GEGENWART geschrieben:

Die gültige und vollzogene Ehe kann durch keine menschliche Gewalt und aus keinem Grunde, außer durch den Tod, aufgelöst werden.“ So absolut formuliert Kanon 1141 des Kirchenrechts die Unmöglichkeit der Auflösung einer sakramentalen Ehe. Es ist kaum zu übersehen, dass zwischen dieser Vorgabe und der tatsächlichen Lebensrealität vieler Christinnen und Christen eine kaum überbrückbare „innere Spannung“ (Benedikt XVI.) besteht. Das hat nicht nur mit der veränderten Lebenswirklichkeit in den modernen Gesellschaften zu tun. Bereits im 4. Jahrhundert kamen Augustinus, dessen Ehetheologie den Umgang mit Ehe und Ehescheidung in der lateinischen Westkirche wesentlich mitprägte, Zweifel, ob seine kompromisslose Position tatsächlich eine angemessene Lösung dieser „höchst schwierigen Frage“ darstellt. Nach Augustinus müssen wiederverheiratet Geschiedene von den Sakramenten ferngehalten werden, weil jeder, der zu Lebzeiten des ersten Gatten eine neue Verbindung eingeht, gegenüber diesem Ehebruch begeht, und zwar unabhängig davon, ob ihn am Scheitern der ersten Ehe Schuld trifft oder nicht. Die Duldung einer Zweitehe kam für Augustinus nur infrage, wenn sich die Partner zu geschlechtlicher Enthaltsamkeit verpflichten. Doch am Ende seines Lebens räumt Augustinus ein: „Ich habe vielmehr die Empfindung, nicht zu einer vollendeten Lösung gekommen zu sein, obwohl ich viele ihrer Widersprüche aufgezeigt habe.“ Das Ringen um die Frage von Scheidung und Wiederheirat durchzieht die Kirchen- und Christentumsgeschichte also von Anfang an.

Statistik kein Maßstab für Moral

Heute liegt die Scheidungsrate in Deutschland bei dreißig Prozent - in den großen Städten wird oft sogar jede zweite Ehe geschieden. Nun kann man mit Papst Benedikt zu Recht einwenden, dass „Statistik nicht schon ein Maßstab der Moral sein kann“. Und man sollte auch Scheidungen nicht vorschnell verharmlosen und bagatellisieren, so als ob das Zerbrechen einer Partnerschaft ein willkürliches Schicksal sei und nichts mit dem Aneinanderschuldigwerden und dem Zurückbleiben hinter dem einmal Versprochenen zu tun hätte. Dennoch ist es eine Tatsache, dass auch sakramentale, im Vertrauen auf die helfende Nähe Gottes eingegangene Ehen scheitern können. Es gibt genügend Paare, die so lange wie möglich an ihrer Ehe festhalten wollten und am Ende doch traurig feststellen mussten, dass sie keine gemeinsame Zukunft mehr hatten. Was folgt daraus? Sollen wir uns von der Vorstellung ehelicher Treue und dauerhafter ehelicher Bindung verabschieden, da sie die Menschen offensichtlich überfordert? Das aber käme einem Bruch mit dem Wort und der Weisung Jesu gleich. Müssten wir deshalb nicht umgekehrt umso entschiedener an der kirchlichen Lehre und Praxis zur Unauflöslichkeit der Ehe festhalten?

Was aber ist, wenn es Christinnen und Christen in einer neuen Verbindung gelingt, das zu leben, was ihnen in der ersten Ehe nicht gelungen ist: nämlich eine lebenslange und umfassende treue Partnerschaft, eine außergewöhnliche Verlässlichkeit, sowie die Verantwortung für gemeinsame Kinder, also das, was das Wesen einer Ehe ausmacht? Wird man einer solchen Partnerschaft gerecht, wenn man sie als „dauernden, öffentlichen Ehebruch“ (vgl. Artikel 2384 im Katechismus der Katholischen Kirche) bezeichnet und damit den Ausschluss von Kommunionempfang und den kirchlichen Sakramenten begründet?

Jesu Sorge um die Gescheiterten

Papst Benedikt XVI. hat wie Papst Johannes Paul II. wiederholt festgehalten, dass wiederverheiratete Geschiedene die Kommunion nicht empfangen können. Andererseits aber fordert er in seinem Interviewband ausdrücklich dazu auf, seelsorgliche Wege zu suchen, wie die Kirche „den einzelnen Menschen nahe“ bleiben und ihnen helfen kann, „an Christus als den Heiland zu glauben, an seine Güte zu glauben, weil er immer noch für sie da ist“.

Diesem Anliegen weiß sich auch das Buch von Eberhard Schockenhoff verpflichtet, das sich ausdrücklich an geschiedene und wiederverheiratete Christen wendet, damit diese „sich selbst nicht am Rand der Kirche ansiedeln, sondern wie viele andere Gläubige, deren Lebensweg Bruchlinien, schmerzliche Abschiede und Neuanfänge aufweist, in ihre Mitte zurückfinden“.

Der Freiburger Moraltheologe fragt, „wie weit der Spielraum der Kirche zu einer Änderung ihrer bisherigen Praxis tatsächlich reicht“. Er untersucht das Verständnis von Ehe und Ehescheidung im Zeugnis von Schrift und Tradition und stellt gegenwärtige theologische Ansätze vor. Es ergibt sich ein spannungsvolles Bild: Der prinzipiellen Betonung des Scheidungsverbotes bei Markus (vgl. 10,11), steht die „Ausnahmeregelung“ des Matthäus (vgl. 19,9) gegenüber, „die das strenge Scheidungsverbot Jesu mit Blick auf bestimmte Lebenssituationen abmildert“. Die Unbedingtheit des jesuanischen Verbots der Ehescheidung steht darüber hinaus in Spannung zu Jesu Vorliebe für die Sünder und Gescheiterten, wie sie sich etwa in der Erzählung von der Ehebrecherin zeigt (vgl. Joh 7,53-8,11). Neben der lateinischen Tradition, Ehescheidung und Wiederheirat zu verbieten, duldet die Praxis der orthodoxen Kirchen eine zweite Ehe. Diese Doppelgleisigkeit versucht Schockenhoff theologisch umzusetzen: Auf der einen Seite geht es ihm um den Aufweis der anthropologischen wie theologischen Angemessenheit der Unauflöslichkeit der Ehe. Dies stelle keine „Überforderung des Menschen“ dar, sondern „eine seiner großen Möglichkeiten, durch die sich seine Sehnsucht nach unbedingter Annahme und Geborgenheit erfüllt“. Für Schockenhoff steht deshalb außer Frage, dass die Kirche, wollte sie „irgendwelche Abstriche an der verbindlichen Lebenswahl von Mann und Frau vornehmen, indem sie andere Lebensformen als gleichrangige Alternativen zur Ehe akzeptiert“, ihren Auftrag verraten würde, „freimütig das Evangelium zu verkünden“. Auf der anderen Seite aber sucht Schockenhoff nach einem theologischen Verständnis von Scheitern und lebensgeschichtlichen Brüchen, welches das unbedingte Angenommensein durch Gott gerade auch in diesen Situationen auszusagen vermag. So unterschiedlich und vielfältig die Ursachen sind, warum Ehen geschieden werden, seien es die „strukturellen Zumutungen der modernen Lebenswelt“ oder das „schwere moralische Versagen eines Partners, der die Ehe durch mutwilliges und verantwortungsloses Fehlverhalten zerstört“, in einem kommen sie doch überein: „Es kann endgültiges Scheitern geben.“

An diesem Punkt helfen bloße Schuldzuweisungen nicht weiter. Das Pochen auf die Unauflöslichkeit der Ehe und das Einfordern der einst versprochenen Treue bringen nichts, „wenn die Voraussetzungen nicht mehr bestehen, unter denen Ehe und eheliche Treue gelebt werden können“. Ja, das sakramentale Eheverständnis droht „lebensfremd“ zu werden, wenn es nicht gelingt, „aus der Erfahrung einer bleibenden, den Bruch des Scheiterns überdauernden Nähe Gottes heraus Wege zur Verarbeitung des Scheiterns und Chancen zu einem Neubeginn nach der Trennung aufzuzeigen“, meint Schockenhoff. Daher ist der Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen geradezu ein „Lackmustest für die Glaubwürdigkeit“ der kirchlichen Verkündigung.

Sünder unter Sündern

Schließlich hat die Kirche nach Paulus das Wort der Versöhnung (vgl. 2 Kor 5,19 ff) zu verkünden und den Dienst der Versöhnung so zu vollziehen, dass sich tatsächlich für den Einzelnen Versöhnung mit sich und seiner Lebensgeschichte ereignen kann. Dass die Kirche berechtigt ist, jede Sünde zu vergeben, wurde in der Alten Kirche zu einem „Erkennungszeichen der katholischen und apostolischen Kirche“. Ganz bewusst wiesen die Kirchenväter einen moralischen Rigorismus zurück, der die Wiederversöhnung mit der Kirche für bestimmte Sünden kategorisch ausschloss.

Von hierher fällt auch ein neues Licht auf die Frage nach dem Kommunionempfang. Wiederverheiratete Geschiedene unterscheiden sich dann nämlich nicht mehr von anderen Teilnehmern der Eucharistie dadurch, „dass sie durch unvergebbare Schuld für immer am Kommunion empfang gehindert wären“. Vielmehr gilt auch für sie, dass „Christus als der Gastgeber des eucharistischen Mahles dem sündigen und schwachen Menschen Vergebung schenkt und ihn so seiner Gemeinschaft würdig macht“. Weil gerade gescheiterte und beladene Menschen in der kirchlichen Glaubensgemeinschaft Hilfe und Verständnis finden sollten, Verständnis aber mehr ist „als der Verzicht auf explizite Verurteilung oder amtliche Zurückweisung“, plädiert Schockenhoff für eine dreifache Hilfestellung: Zum einen spricht er sich für eine Beschleunigung der sogenannten Ehenichtigkeitsverfahren aus. Dies ist auch ein Anliegen von Papst Benedikt XVI., der sich ebenfalls dafür einsetzt, die Frage der Gültigkeit der Ehen genauer zu untersuchen. Die Chance solcher kirchenrechtlicher Prozesse sieht Schockenhoff darin, dass sie „einen wahrheitsgemäßen Blick auf die eigene Lebensgeschichte ermöglichen“ und so zugleich „die bestmögliche Klarheit für den weiteren Lebensweg schaffen können“.

Und bei mutwilliger Zerstörung?

Als zweiten Punkt nennt Schockenhoff die Wiederzulassung von wiederverheiratet Geschiedenen zur Eucharistie. Ein dichteres Zeichen, mit seiner schuldbeladenen Geschichte angenommen zu sein, „kann es für Menschen, die mit dem liturgischen Leben der Kirche vertraut sind, nicht geben“. Das Gewissen des Einzelnen entscheide dabei über den rechten Zeitpunkt. Auf dem Weg dorthin kann es sinnvoll sein, eine festgesetzte Bußzeit einzuhalten und das Gespräch mit einem Seelsorger zu suchen. Die seelsorgerliche Begleitung sollte dabei zu „einem achtsamen Blick auf die eigene Lebensgeschichte anleiten und dazu ermutigen, bewusst Verantwortung anzunehmen“. Die Wiederzulassung könnte dann - etwa entsprechend der Rekonziliation in der Alten Kirche - als „ritueller Akt“ gestaltet werden. Ein „zu Lebzeiten des ersten Ehepartners unaufhebbarer Kommunionausschluss“ sollte nur in gravierenden „Ausnahmefällen“ in Betracht gezogen werden, etwa „wenn jemand den Bruch der eigenen Ehe vorsätzlich herbeigeführt hat“.

Schließlich plädiert Schockenhoff für die Segnung jener Paare, die dies wünschen. Das „große Ja, das Gott zu uns Menschen spricht“, sollte auch für die wiederverheirateten Paare und in deren Lebenssituation erfahrbar werden können. „Scheidungsgottesdienste“ sind von daher ebenso auszuschließen wie alles, „was eine feierliche kirchliche Hochzeit vortäuscht oder ihr in der öffentlichen Wahrnehmung gleichkommen könnte“, etwa das Segnen von Ringen oder das Erfragen des Ja-Wortes durch den Priester oder Diakon. Die Bitte um den Segen Gottes und ein begleitendes Segenszeichen „bedürfen keiner geliehenen Feierlichkeit, die etwas vorzutäuschen versucht, was der tatsächlichen Lebenssituation des betreffenden Paares nicht mehr entspricht“. Vielmehr verbinden sich damit Hoffnung auf Vergebung und der Dank, aus einer schweren Lebenskrise einen verantwortbaren Ausweg gefunden zu haben.


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