Flügge Erik 120Flügge Erik Jargon der Betroffenheit 170Erik Flügge löegt den Finger auf eine aktuelle Wunde. Verschrobene, gefühlsduselnde Wortbilder reihen sich Sonntag für Sonntag auf den Kanzeln aneinander. Die Kirche scheint sprachlich in den Achtzigern hängengeblieben zu sein. Der Kommunikationsprofi Flügge bricht mit Gewohntem und entwickelt Strategien für eine zeitgemäße Sprache, damit Kirche bei den Menschen »ankommt«. Das Buch ist ein Appell an die Veränderung der Kommunikation in der Kirche und macht Hoffnung, dass es ein mögliches Unterfangen ist.

Die nachstehende Rezension ist der Wochenschrift "DIE FURCHE" Nr. 33/2016 vom 18. August 2016 entnommen und stammt aus der Feder von Otto Friedrich. Weitere Rezensionen von Andreas Batlogg SJ und Wolfgang Beck erreichen Sie durch Doppelklick auf die Namen. Zusätzlich bieten wir hier eine Leseprobe.

Quelle: DIE FURCHE Nr. 33/2016 vom 18. August 2016

Franziskus, der Papst, hat immer wieder eine menschengerechte und lebensnahe Sprache in der kirchlichen Verkündigung eingemahnt. Der 50 Jahre jüngere deutsche Kommunikationsexperte Erik Flügge bringt dies prägnant, frech und auf seine Weise auf den Punkt.

Predigen statt kuscheliger Gefühlsduselei

Von Otto Friedrich

Um nicht Gefahr zu laufen, umsonst zu sprechen, muss es die Sprache sein, die die Adressaten verstehen. Es kommt oft vor, dass die Prediger Wörter benutzen, die sie während ihrer Studien und in bestimmten Kreisen gelernt haben, die aber nicht zur gewöhnlichen Sprache ihrer Zuhörer gehören. Es gibt Wörter, die eigene Begriffe der Theologie oder der Katechese sind und deren Bedeutung der Mehrheit der Christen nicht verständlich ist. Die größte Gefahr für einen Prediger besteht darin, sich an die eigene Sprache zu gewöhnen und zu meinen, dass alle anderen sie gebrauchen und von selbst verstehen."

Papst Franziskus hat in seinem Schreiben ,,Evangelii Gaudium" vom Dezember 2013 einen langen Abschnitt dem Thema Predigt gewidmet. Das obige Zitat enthält einige Kernaussagen dazu, die implizieren, dass die fehlende Sorgfalt bei der Rede von Gott, die ja zum Grundauftrag für die Kirche(n) gehört, ein weitverbreitetes Problem darstellt. Man wird dem Pontifex da kaum widersprechen: Sein Anliegen, die evangelische Freude in den Mittelpunkt der Verkündigung zu stellen, kann vom Beobachter der kirchlichen Performance hierzulande nur unterstrichen werden.

Verschwurbelung der Botschaft

Einen weiteren Unterstützer hat Franziskus, der Papst: Erik Flügge, Kommunikations- und Politikberater mit theologischer Vergangenheit (und von daher von zwei Seiten am Problem interessiert), hat mit seinem Buch ,,Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt" einen Bestseller vorgelegt. Ausgangspunkt war Flügges Blog, auf dem er das, was den kritischen Grundduktus seines Buches ausmacht, erstmals geäußert hat offenbar mit vielen Reaktionen und großem Zuspruch, sodass er dies zum Ausgangspunkt eines prägnanten, aber ebenso tiefgehenden wie frechen Buches gemacht hat.

Was hat ein gerade einmal 30-jähriger, der etwa Kampagnen für die SPD entworfen hat und ganz und gar nicht auf den Mund gefallen ist, mit dem 50 Jahre älteren Oberhaupt der katholischen Christenheit gemeinsam? Beide treibt ein ähnliches Anliegen um, wobei Flügge meint, dass die Botschaft der Kirchen (er nimmt die protestantischen Spielarten da nicht aus) zwar durch und durch existenziell ist, diese aber von den Vertretern der Institution so verschwurbelt verbreitet wird, dass von selbiger bei den Menschen so gut wie nichts ankommt: ,,Ich halte es nicht aus, wenn ihr sprecht", so beginnt Flügge seine Philippika wider die sich pastoral gebende Sprache der Theolog(inn)en: ,,Es ist oft so furchtbar. Verschrobene, gefühlsduselige Wortbilder reiht ihr aneinander und wundert euch, warum das niemand hören will. Ständig diese in den Achtzigern hängen gebliebenen Fragen nach dem Sein und dem Sinn, nach dem, wer ich bin und werden könnte, wenn ich denn zuließe, dass ich werde, was ich schon längst war. Wie bitte?! - Wer soll denn das verstehen?" Schon von Anfang an bringt Flügge die Schwierigkeiten, die er – gemeinsam mit vielen Zeitgenossen - an der kirchlichen Sprache ortet, auf den Punkt. Man soll und darf ja durchaus skeptisch sein gegenüber den Wunderwuzzis der Kommunikationsbranche, die etwa den Politikern das Sprechen so beibringen; dass sie von den Menschen möglichst gewählt werden.

Nebel der Relevanzlosigkeit

Aber es ist schon frappierend, dass etwa Abgeordnete sich einen Kommunikations-Kundigen wie Flügge antun, das Gros der Priester in deutschen Landen jedoch nicht.

Wer sich auf die Lektüre von ,,Der Jargon der Betroffenheit" einlässt, wird nicht alles goutieren. Doch in vielem trifft Flügge den Nagel auf den Kopf: An Papst Franziskus mag er, dass er den ,,Nebel der Relevanzlosigkeit" durchdringt und ,,zum Beispiel der Meinungsstärke und Verständlichkeit" wird. Aber Gottes sonstiges Bodenpersonal überzeugt Flügge nicht ,,In Deutschland und Österreich dringen Bischöfe nur noch selten durch. Meist nur, wenn sie ihre Opposition gegenüber den Rechten einzelner Minderheiten übersetzen. Was darin gehört wird, ist im seltensten Fall das Bischofswort selbst als der meist wesentlich pointiertere Aufschrei der Betroffenen."

Flügge hat da vor Jahresfrist in seinem Blog einen offenen Brief an den Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst veröffentlicht (einen Vertreter des liberalen Bischofsflügels in Deutschland), in dem er gegen dessen Verbot der Segnung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft eines CDU-Abgeordneten brandmarkt. Unabhängig davon, ob man Flügges Eintreten für diese Segnung teilt oder nicht: Sein Befund, dass die Begründung der Segnungsverweigerung durch den Bischof intellektuell hanebüchen und für denkende Menschen unannehmbar ist, kann wenig hinzugefügt werden.

Flügge merkt in seinem Buch denn auch an, eine strikt konservative Position sei ihm da viel lieber als der Eiertanz der Argumentation vieler Kirchenleute und Prediger, die vorgeben, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, in Wirklichkeit aber um den heißen Brei herumreden.

Rede braucht auch richtiges Timing

Flügge brandmarkt den entsprechenden Predigtstil und will vom Prediger nicht als ein dummes Kind verschaukelt, sondern durchaus gefordert werden – auch ästhetisch will er nicht bloß mit Kinderzeichnungen oder Ähnlichem im Gottesdienst abgespeist werden. ,,Oft wird Predigern gesagt", schreibt Flügge, ,,sie bräuchten einen lebensweltlichen Einstieg. Dieser wird oft missverstanden als eine banale Geschichte. Aber wer will schon eine Rede [...] darüber hören, wie jemand kürzlich eine Weinbergschnecke gefunden hat und über diese nachdachte? Oder wie man einen Kuchen gebacken, die Oma angerufen oder mit dem Taxifahrer gesprochen hat."

Jeder, der Gottesdienste hierzulande besucht, wird ähnliche Beispiele wie diejenigen, die Flügge hervorzieht, kennen: ,,Relevanz erzeugt man nicht mit Banalität, sondern damit, das richtige Timing zu haben und möglichst an das heranzurücken, was die Zuhörerinnen und Zuhörer aktuell im Kopf haben." Auch das ist mehr als wahr.

Man kann den Diagnosen Flügges über die Spracharmut oder Redeverklemmtheit in den Kirchen nur zustimmen. Dabei ist der Autor erkennbar einer, dem am Wohl, besser gesagt an der Bedeutung der Kirche liegt. Bis auf die letzte der 160 Seiten spürt der Leser, wie es Flügge darum geht, die Botschaft Jesu, wie man in der von ihm so kritisierten Sprache sagen würde: heutig zu machen. Er wartet dabei auch mit bedenkenswerten Tipps auf. Kirchenfreunde und -funktionäre sollten dieses Buch lesen.

Und Franziskus, der alte, aber so agile Papst, darf sich von einem Jungen verstanden wissen.


Flügge Erik, „Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt. Verlag Kösel. 160 Seiten, Preis: 17,50 €, ISBN 978-3-466-37155-6


Zum Autor:
Erik Flügge, geboren 1986, ist Geschäftsführer der Squirrel & Nuts Gesellschaft für strategische Beratung mbH. Er ist politischer Stratege, Dozent und Experte für Beteiligungsprozesse. Er berät Spitzenpolitiker und Parteien bei der Kommunikation und viele Städte und Gemeinden bei der Entwicklung von Partizipationsprojekten.

Vor seiner Tätigkeit als Berater war er in der katholischen Bildungsarbeit tätig.

Sein Interesse gilt weiterhin der Theologie – dies wird auch in seinem Blog deutlich.