Scholl Norbert 120Scholl, Glauben im Zweifel 170Glaube, der an Worten klebt die Jahrhunderte alt sind, kann immer weniger von kritischen Menschen ungefragt übernommen werden. Lebenserfahrungen und Aussagen der Naturwissenschaften verunsichern zusätzlich.

In seinem jüngsten Buch „Glauben im Zweifel“ verweist Norbert Scholl auf den französischen Philosophen René Descartes und streicht die positiven Seiten des Zweifels heraus. Er schützt vor Naivität, vor Selbstüberheblichkeit, vor falscher Sicherheit. Scholl schreibt: „Zweifel kann unkritischen Enthusiasmus enttäuschen, kann desillusionieren, kann Irrwege aufzeigen.“

Der Theologe und emeritierte Religionspädagoge zeigt anhand zahlreicher Aussagen namhafter Naturwissenschaftler, dass nicht der Mensch, die ganze Welt und das Universum rational erklärbar sind. Vieles ist offen und gerade an den Rändern fraglich. Er zitiert Nobelpreisträger, die das „unbegreifbare Geheimnis Gottes“ hinter den Erkenntnissen spüren und er fragt, was vor dem Urknall war, was in den schwarzen Löchern der Materie zu finden ist, woher die Energie kommt, wie Leben definiert oder das Bewusstsein begründet werden kann. Mit seinem leicht lesbaren und fundierten Streifzug durch die Naturwissenschaften macht er klar, nicht alles ist physisch oder neurobiologisch zu erklären.

Im zweiten Teil geht der Theologe seiner engeren Profession nach. Er verlangt ein Umdenken. Eine Theologie ist gefragt, die auf der „Höhe der Zeit“ steht, nicht besserwisserisch agiert und sich mutig fundierter Kritik und berechtigten Zweifeln stellt. Behutsam schält er heraus, was Glaube sein kann, dass Gottesahnung ohne bruchstückhafter Bilder nicht zu gewinnen ist und bietet eine zeitgemäße Erklärung der Dreifaltigkeit. Scholl weist den blutigen Opfertod des Gottes-Sohnes zurück und sieht Jesus als Mensch unter Menschen, in dem uns Gott erschienen ist und er schließt mit einem ans Herz gehenden Kapitel über das Gebet.

Dort wo liebgewordene und noch nicht aufgegebene Traditionen ins wanken kommen versucht Scholl klar, fundiert und behutsam Zugänge zu einem zeitgemäßen Glauben zu eröffnen. Sein Ton ist dabei allen - auch gegenteiligen Meinungen gegenüber – stets wertschätzend.

Es ist ein Buch, das fundiert und kompetent geschrieben, leicht und flüssig zu lesen ist, zeitgemäße Korrekturen benennt und realistische, umsichtig Alternativen bietet. „Glauben im Zweifel“ ist mit persönlichem Gewinn zu lesen, sollte in keiner Bibliothek fehlen und ist ein hervorragendes Weihnachtsgeschenk.

Hans Peter Hurka

Scholl, Norbert, „Glauben im Zweifel. Der moderne Mensch und Gott“, Verlag Lambert Schneider, 224 Seiten, Preis: 19,95 €, ISBN: 9783650401458