halbfas hubertus der glaube Hubertus Halbfas Heutzutage begründet christlich glauben

Nach dem großen Erfolg seiner beiden Werke »Die Bibel« und »Das Christentum« vollendet Hubertus Halbfas mit einem weiteren Schlüsselwerk seine breit angelegte Darstellung der kulturellen Grundlagen unseres Lebensraums. Wie die bisherigen Bänden auch auch sein neues Buch umfangreich, sorgfältig gearbeitet und enthält kritisch kommentierte Auslegeordnungen der Inhalte und Wirkungsgeschichten von Bibel und Christentum.

Gleichsam als Quintessenz greift Halbfas nun im neuen dritten Band noch gründlicher in die Realität der vorfindlichen Welt und deren christlicher  Inter-pretation hinein und beurteilt die Kluft noch geschärfter - wiederum in konzentrischen Ringen um das Kapitel „Gott“. Als ausgewiesener Fachmann für Katechese referiert er mit gleicher Seriosität sowohl die entstandene Wirklichkeit (z.B. Entwicklung von Bewusstsein und Sprache, Ergebnisse von Naturwissenschaft und Exegese), wie die Wege und vor allem Abwege der religiösen Deutung (Glaube, Ideologie und daraus resultierend Kirche, Dogma, Volksglaube, Jenseits). Er geht dabei ganzheitlich vor: Um das Buch auszuschöpfen, sind deshalb neben dem Haupttext gleichwertig die durchgän-gigen Randbelege (eine „Wolke von Zeugen“, meist Originalzitate) und die Bilder zu beachten.

Wer dieses umfangreiche, anspruchsvolle Werk durcharbeiten will, braucht den Mut, seinen Glauben bis an den Rand des Abgrunds auszusetzen: Die eigene Konfrontation mit dem Inhalt ist alles andere als ein Spaziergang!  Halbfas kann in seiner Darstellung deshalb bis ins Äusserste gehen, weil er das, was redlicherweise zu sagen ist, nicht durch Rück-sicht auf Karriere und Repression abdämpfen oder verschweigen muss. Wir bräuchten, um dieses uns abgeforderte Ringen um die Realität christlich bestehen zu können, dringend die bestmöglichen Fachleute – aber die schwinden auf-grund der (amts-) kirchlichen Bedingungen zusehends.

Halbfas selber fasst zusammen: „Unser  Weg durch zentrale Kapitel der christlichen Glaubenslehre hat deutlich ge-macht, wie viel dogmatisches Gelände durch Naturwissenschaften, Philosophie, Religionskritik und historisch kritische Forschung unterminiert worden ist.“ Gesicherte Erkenntnisse unterschiedlichster Wissenschaften stellen in Frage, was sich einmal als absolute Glaubensgewissheit verstand. Wer dem christlichen Glauben Zukunft sichern will, muss ihn jedwedem begründeten Einwand und jedem Zweifel aussetzen, um ihm Authentizität zu ermöglichen. Und Halbfas folgert: Angesichts der Realität gibt es für die Kirche einzig die Rückkehr zum „Verlorenen Anfang“, nämlich die radikale Umges-taltung ihres Alltags (Umgang, Strukturen, Mentalitäten, Lehre usf.) aus der grundlegenden Botschaft des Jesus von Nazaret. Diese Kur geht weit über das hinaus, was das II. Vatikanische Konzil an Reformen beschlossen hat (und die seither torpediert sind).

Die bange Frage bleibt: Wie kommen die Einsichten dieses Buchs unters Volk (und seine Leader), sodass es die bittere Notwendigkeit der Reformen einsieht? Darf „man“ die Kirchgänger damit konfrontieren und so ihre unkritische Fröm-migkeit erschüttern? Begeht „man“ an ihrem Leben Verrat, wenn man es nicht tut? Und wo bleibt das kirchliche Perso-nal, das es tun könnte?

Roland Hinnen

Der Glaube, Hubertus Halbfas, Verlag Patmos 2010, 600 Seiten, durchgehend vierfarbig, Preis: 48,00 €, ISBN: 978-3-491-72563-8