Frau an Gottes Seite Titelbild Erschaffung Adams 150Göller Vera 120Rund 60.000 Menschen habe die großartige Ausstellung von Michelangelos Sixtinischer Kapelle in Wien besucht und waren beeindruckt. Eine von ihnen war die Perchotoldsdorfer Theologin Vera Göller. Sie hat ihre Gedanken zum Thema: "Die Frau an Gottes Seite" ebenso eindrucksvoll zusammengefasst. Darin beschreibt sie ihre Gedanken zum ganzheitlichen Gottesbild in Michelangelos Fresko „Die Erschaffung Adams“.

Sollten Sie an dem wunderbar gestalteten Heft Interesse haben, bitte wenden Sie sich an die Autorin, Frau Mag.a Vera Göller: vera.go[at]tele2.at  Der Selbstkostenpreis beträgt 9 € plus Porto.

Erschaffung Adams Creación de Adám 150Das ganzheitliche Gottesbild in Michelangelos Fresko „Die Erschaffung Adams“

Eine große Ausstellung in der Wiener Votivkirche gibt seit mehr als zwei Monaten den 50.000 Besuchern einen würdigen Rahmen ab, die von Manfred Waba und Michael Erb geschaffenen Fresko Repliken von „Michelangelos Sixtinischer Kapelle“ in Originalgröße zu bestaunen. „Die Erschaffung Adams“ ist das Meisterwerk dieses Deckenfreskos aus dem 16. Jahrhundert, der Hochrenaissance, das die Werbung in den letzten vierzig Jahren in vielschichtigen Variationen auf aberwitzigen Produkten positioniert hat.

Hat uns das Genie Michelangelo, der sich als Bildhauer, nicht als Maler verstand, mit seinen auf der Decke der Sixtina sich windenden, muskelstrotzenden Körpern auch heute etwas zu sagen?

Michelangelo Buonarotti wird als zweiter von sechs Söhnen in Caprese, einem kleinen Dorf in der Toskana, 1475 geboren. Nach einer Ausbildung zum Bildhauer geht er mit 21 Jahren nach Rom.

30-jährig, hingerissen vom Auftrag eines Grabmals für Papst Julius II., dem er als Bildhauer mit seinen imposanten Gestalten Ausdruck verleihen hätte können, flieht er, eine Verschwörung erahnend nach Florenz. Julius der II. beruft ihn zurück nach Rom, doch Michelangelo folgt diesem Ruf nur widerwillig erst einige Zeit später. Der Papst beauftragt ihn mit dem Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle. Der Bildhauer Michelangelo zögert, da dieser Auftrag an ihn neue Herausforderungen in der Malerei stellt, mit deren Al-fresco -Technik er nicht vertraut ist. Die Ausmalung des Deckengemäldes wird fünf Jahre in Anspruch nehmen und ist 1513 abgeschlossen.

Rund 500 Jahre liegen zwischen der Entstehung des Werkes und seinem Betrachter. In 500 Jahren hat sich in der Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst viel verändert. Künstler wie Michelangelo arbeiteten im Auftrag der katholischen Kirche und wurden vom Papst und seinen Kardinälen, was die Inhalte und biblischen Aussagen der Fresken betrifft, kontrolliert. Zwischen Michelangelo und dem Papst begann ein jahrelanges Ringen aus dem der Künstler mit seinem Werk schließlich als Sieger hervorging. Der Papst wünschte sich für das Deckengemälde Szenen aus dem Neuen Testament; Michelangelo ließ sich jedoch für seine Fresken vom Alten Testament inspirieren. Als der Papst mehr Blau und Gold wünschte, damit das Werk prunkvoller wirke, blieb Michelangelo unnachgiebig mit dem Argument, die Leute, die dargestellt wurden, waren auch arm und einfach. Gab es in den Kirchen allzu freizügige Darstellungen wurden 30 Jahre später andere Maler beauftragt, die Geschlechtsteile und üppige Körperformen dezent mit darüber gemalten Tüchern zu verhüllen. Erstaunlich, dass Michelangelos Werk von diesen Korrekturen großzügig verschont blieb. Wie betrachte ich nun als 62-jährige Frau im Jahr 2016 „die Erschaffung Adams“ eines 38-jährigen Michelangelos aus den Jahren 1508 – 1513?

Auf sanft herabfallenden, grünen Hängen liegt eine nackte Männergestalt, aufgestützt auf seinem rechten Arm. Die Muskeln seiner Oberarme sind heute vergleichbar einem Bodybuilder. Das rechte Bein liegt ausgestreckt parallel zum Wiesenhang, das linke Bein ist aufgestellt und angezogen. Der ganze Körper und das Geschlecht sind unverhüllt. Auf dem Knie ruht der untere Teil des ausgestreckten linken Arms. Ein solcher Art aufgestützter Unterarm führt zu der total entspannten Haltung der linken Hand, während die rechte Hand leicht eingerollt erscheint. Dieser Adam ist noch nicht in Aktion, sondern empfangend. Sein Hals 90 Grad gewendet, sein Blick ausgerichtet auf den Kreator, unschuldig erwartend, was dieser mit ihm vorhat. Gott und Adam schauen sich an, ihre Blicke begegnen sich fast auf gleicher Höhe. Gott will nicht einen Diener, sondern einen Partner. Das Geschöpf Adam weiß noch nichts von Waffen, Folter und Todesstrafe. Sein Geist ist rein und unverletzt, frei von jeglicher Aggression.

Gottes Finger ist dem Menschen nahe aber berührt ihn nicht materiell sondern geistig. „O Grün des Fingers Gottes“, so nennt die Äbtissin Hildegard von Bingen den Hl. Geist. Die wenigen Zentimeter leerer Raum zwischen den Fingern der Kreatur und dem Finger des Kreators weisen hin auf die unendliche Dimension Gottes, dem Menschen nahe und doch so fern, dass Letzterer manchmal an der Existenz seines Schöpfers zweifelt, an seinen Plänen mit der Menschheit verzweifelt. Gott der ganz Andere, das Mysterium tremendum et fascinosum. Wie versucht Michelangelo, der Bildhauer und Maler wider Willen, diesen unbegreiflichen Gott, der uns erschauern lässt, ins Bild zu bringen?

Adam, von schöner, edler Gestalt, die reine, nackte Wahrheit, blickt seinem Schöpfer ins Antlitz, oder reicht sein Blick noch weiter bis zu jener Gestalt, die hinter Gott, von seinem Arm umfangen und geborgen, sich an ihm festhält? Wir werden diese Gestalt später noch genauer ins Auge fassen.

Tasten wir uns voran zum Gottesbild des Michelangelo, beginnend bei der Fingerspitze seiner rechten Hand. Oft wurde allein die Geste dieser beiden Hände, herausgenommen aus dem Gesamtbild, für Dekorationszwecke vermarktet. Die linke Hand Adams, die sorgenfrei entspannte, empfangende Hand, ist das Ziel von Gottes nacktem, ausgestrecktem Arm, der in den ausgestreckten, rechten Zeigfinger mündet, dessen Spitze die gebündelte Geisteskraft des Schöpfungsaktes erahnen lässt, der in Wille und Tat gipfelt. Ist nicht jeder menschliche Zeugungsakt ein Abbild dieses Schöpfungs­aktes?

Gottes Körper, eine sanft geschwungene Linie, schwebt nur wenig höher, parallel zum sanften Schwung der Wiesenhänge und zur Linie von Adams ausgestrecktem Bein. Die Arme von Schöpfer und Geschöpf sind fast auf einer Horizontalen. Michelangelos Schöpfergott ist dynamischer Geist, gehüllt in ein zart rosa lila Gewand, der Herzensfarbe, das den nackten, rechten, ausgestreckten Arm freigibt. Gottes wallendes, grauweißes Haar mit ebensolchem Bart, haben jahrhundertelang unsere Vorstellung von einem männlichen Gott, einem Vatergott geprägt.

Die Allegorie der göttlichen Wesenheit ist umhüllt von einem rötlichen, gewölbten Tuch, das in seiner Form einer Muschel, einer überdimensionalen Nussschale oder einem das menschliche Gehirn umfassenden Schädel ähnelt. In ihm tummeln sich zehn engelhafte kleinere und größere Gestalten, Cherubime, in deren Mitte die Gestalt einer nackten Frau den ruhenden Pol darstellt. Es könnte Sophia, die göttliche Weisheit sein oder die Geisteskraft Gottes. Hier ist nicht Aktion, sondern Schönheit und Sein. Über ihrem linken Oberschenkel liegt ein hellblaues Tuch, das sich hinter Gottvater durchschlängelt und am unteren Ende der Allegorie sanft heraus weht. Adam, der Mensch, allein in einer kargen Landschaft, steht im Kontrast zu der spielerischen, überquellenden Fülle der göttlichen Existenz. Die Engel sind Sprachrohr und Überbringer des Wortes Gottes. Wer ist die Frau an Gottes Seite? Die göttliche Weisheit, die von Anbeginn der Schöpfung Teil Gottes ist, oder auch die Geisteskraft Gottes, werden in der Kunst in weiblicher Gestalt abgebildet, letztere zumeist im Symbol der Taube. Warum wurde die weibliche Gestalt in diesem Fresko in der Kunstgeschichte so wenig beachtet? Oft erscheinen Reproduktionen von Adam und Gottvater genau dort abgeschnitten, wo die Gestalt Evas sichtbar würde.

In Michelangelos allegorischer Darstellung erscheint die weibliche Gestalt, die göttliche Weisheit, die Geisteskraft, das Vorbild für die Erschaffung Evas, aus Gottes linker Seite entstanden zu sein oder sich dort immer schon zu befinden. Dies erinnert an die bildlichen Darstellungen der Erschaffung Evas aus Adams Seite.

Die Umhüllung durch das Tuch, aus deren unterem Ende Engelbeine herausragen, was die Bewegung und Dynamik der Allegorie unterstreicht, betont die Einheit der göttlichen Existenz, zu der auch der weibliche Teil gehört und der bis in unser Jahrhundert hinein vernachlässigt wird. Die kraftvolle Hand Gottes ragt aus dieser Einheit heraus, mit der anderen Hand umarmt er die weibliche Gestalt, seine weibliche Seite, die als Abbild noch nicht erschaffen, doch schon immer in ihm, in seinem Sein existiert. Nach dem Abbild der weiblichen Seite Gottes wird Eva das Wesen, das Adam entspricht.

Adam, als einzelner Mensch allein und passiv, hat doch seinen Kopf Gott zugewendet. Eva hingegen, geborgen in Gottes Arm, dessen Hand sich wie eine Wurzel auf eine Engelsschulter stützt, von Engeln umgeben, hält sich an Gottes Unterarm fest und wendet ihren Blick Adam zu. Die Gesichter von Adam und Eva ähneln sich, die beiden Wesen entsprechen einander. Gott sprach: Wir wollen Menschen machen, uns ähnlich. Indem Adam Gottes Antlitz sucht, erkennt er die Frau an Gottes Seite, das Abbild der weiblichen Seite Gottes.

Ganz anders präsentiert Michelangelo die Frau im Fresko „die Erschaffung Evas“. Hier erscheint sie nicht als Mittelpunkt der göttlichen Wesenheit sondern außerhalb Gottes an der Seite Adams. Nackt, mit dem Oberkörper weit nach vorne gebeugt, die Hände bittend zu Gott erhoben, nimmt sie eine sehr aktive Rolle ein, während der nackte Adam, sorglos schlafend, in sich selbst ruhend und verträumt, von Evas Aktionen nichts mitbekommt. Gott steht aufrecht, auf demselben Bodenniveau wie die beiden Menschen, die rechte Hand wie im Gespräch erhoben. Er wendet sich intensiv der bittenden Eva zu, nachdenklich, verstehend oder erklärend.

Michelangelo wurde auch der „Göttliche“ genannt. Ein Genie, das unter dem Auftrag dieses Deckengewölbes immer wieder an seine Grenzen stieß, viele Krisen durchlitten, Jahre körperlicher Gesundheit eingebüßt hat, und doch ein sehr hohes Alter erreichte. Er stirbt 1564 in Rom, sein Leichnam wird nach Florenz gebracht und dort bestattet.

Kehren wir zurück zu Michelangelos „die Erschaffung Adams“. Wie in vielen großen Kunstwerken, in der Malerei, Dichtung und Musik, finden die späteren Generationen Aussagen, die, dem Künstler noch unbewusst, dessen Absicht übersteigen und der Nachwelt eine Botschaft übermitteln, für die die Menschen der Entstehungszeit des Werkes noch nicht reif waren. „Der Geist wird euch in die ganze Wahrheit einführen“. Dieser Satz aus der hl. Schrift gilt für alle kommenden Generationen.

In den Mittelpunkt der allegorischen, dynamischen Gottvaterdarstellung malt er einen ruhenden Pol, eine Frauengestalt, umgeben von der fließenden Bewegung der zehn Engel. Damit setzt er in diesem Fresko einen neuen Akzent zur jahrhundertelangen, einseitigen Darstellung Gottes als Mann. Michelangelo schafft ein ganzheitliches Gottesbild, zu dem die weibliche Seite von Anbeginn dazugehört und nach deren Abbild Eva erschaffen wird. Was in den Texten der Bibel chronologisch zum Ausdruck gebracht wird, ist nur die Ausgestaltung eines Bildes, nach dem Gott immer der Gleiche, Unveränderliche bleibt und ist. Für die Frauen heute, die in einer patriarchalischen Kirche beheimatet sind, mag es aber trotzdem von Bedeutung sein, dass in diesem bekannten und berühmten Werk, eine Frauengestalt zu finden ist, die bislang kaum Beachtung fand.

Blicken wir zurück in die Anfänge des Christentums. Bei den Griechen und Römern galten Frauen und Kinder nicht viel, nicht so im Urchristentum. Das Evangelium enthielt einen sozialen Sprengstoff, eine vollkommen neue gesellschaftliche Denkweise mit der Botschaft, dass durch die Taufe und dem Bekenntnis zu Christus, Frauen, Kinder ja sogar Sklaven dem Mann und Herrn als ebenbürtig gelten. So gab es im Urchristentum neben der patriarchalen Strömung die Strömungen, in denen Frauen führende Rollen in der Gemeinde hatten, so Phöbe, eine Diakonin im Dienst der Verkündigung des Evangeliums, Lydia und eine Junia, die in der Missionsarbeit tätig war. Maria von Magdala, die erst später mit der Sünderin und der Maria von Bethanien zu einer Gestalt verschmolz, galt damals als erste Apostelin und heute als Kirchenlehrerin. Ein apokrypher, koptischer Text, das Evangelium der Maria Magdalena, handelt vom Aufstieg der Seele zu Gott. Maria ist nicht Verfasserin dieses Evangeliums sondern Sprachrohr einer frühchristlichen Gemeinde, in der Frauen noch etwas zu sagen hatten.

Die Achtung und der Respekt vor dem Weiblichen sind in unserer Gesellschaft verloren gegangen, das wird spürbar im Umgang miteinander und auch im Umgang der römisch katholischen Kirche mit den Frauen, wenn ein Papst Franziskus auf die Frage nach der Frauenordination mit Ablehnung reagiert.

Darüber hinaus geht es auch darum, uns als Frau oder Mann zu erlauben, unserem weiblichen Anteil in uns, einen würdigen Platz einzuräumen und somit unsere Gesellschaft zum Positiven hin zu verändern. Es ginge dann nicht mehr nur um Profitgier, Aufrüstung und wirtschaftliche Ausbeutung sondern mehr um das Bemühen einer friedlichen Koexistenz bei minimalem Verbrauch von Ressourcen und den Erhalt der Schönheit unseres Planeten. Den weiblichen Anteil Gottes, die Stellung der Frau in einer patriarchalischen Kirche, sowie den Umgang mit unserer weiblichen Seite in uns selbst, zu hinterfragen, soll dieser Traktat einladen, indem wir auf Michelangelos allegorische Gottesdarstellung in „die Erschaffung Adams“ wie in einen Spiegel blicken können.