Weißenböck Franz Jo 120Krätzl bmp 120Krätzl, Meine Päpste 170Ein alter, im Ruhestand wie Helmut Krätzl höchst aktiver Landpfarrer seufzte einmal, mit Blick auf die Entwicklung der Kirche in den Jahrzehnten nach dem Konzil: „Wir sind auf eine andere Kirche geweiht worden.“ Das ist wohl wahr, und wie sehr die Kirche sich geändert hat, haben beide in ihrem Leben erfahren – manchmal auch erlitten, sei es wegen Veränderungen, die zu groß waren, als dass man sie ohne die Wachstumsschmerzen jedes „Aggiornamento“ hätte bewältigen können oder sei es, dass sie als zu zaghaft erschienen, als dass sie den Anschluss an die moderne Welt und Zeit hätten sichern können. Auch aus Krätzls jüngstem Werk lässt sich für den aufmerksamen Leser eine doppelte Botschaft herauslesen:

Zum einen Nostalgie nach einer Zeit, als die Kirche und ihr Wort in der (österreichischen) Gesellschaft etwas galten, in der die Jugend sich eindrucksvoll öffentlich zur Kirche bekannte und die Frage der geistlichen Personalrekrutierung keine existenzbedrohende war. Wie vielen imponierte dem jungen Krätzl, wie machtvoll die Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Zum andern aber und vor allem die Sorge, die Kirche könnte ihre Anschlussfähigkeit für die Menschen von heute infolge doktrinärer Erstarrung verlieren wenn nicht bereits weithin verloren haben.

Der Autor Helmut Krätzl hat es sich zur Gewohnheit gemacht, zu runden und halbrunden Geburtstagen und Jubiläen (und dazwischen) ein Buch vorzulegen. Zum 70er „Neue Freude an der Kirche“, zum 75er „Geschenkte Zeit“, zum 80er „Mein Leben für eine Kirche, die den Menschen dient“ und jetzt, zum 85. Geburtstag „Meine Kirche im Licht der Päpste. Von Pius XII. bis Franziskus.“ Aus dieser „Jubiläenreihe“ fällt sein wohl wichtigstes Buch heraus: „Im Sprung gehemmt. Was mir nach dem Konzil noch alles fehlt“ (1998). Es hat ihm eine Einladung – oder darf man sagen Vorladung? – der Glaubenskongregation beschert und ein Gespräch mit Joseph Ratzinger, damals Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, mit dem Krätzl seinerzeit, während der ersten Session des Konzils, unter dem gemeinsamen Dach der Anima lebte: Ratzinger als Konzilstheologe, Krätzl als Konzilsstenograph.

Wie seine früheren Bücher ist auch das jüngste kein „Jubelbuch“ und keine Hagiographie. Es ist auch keine distanziert vorgetragene historische Darstellung, die dem Gebot „sine ira et studio“ verpflichtet wäre. Nein, Krätzl schreibt mit Eifer, er ergreift Partei, er lässt gelegentlich auch Zorn durchschimmern, wenn auch immer gemildert durch seine Liebe zur Kirche und deren Personal. Zwei Dinge machen das jüngste Werk des emeritierten Wiener Weihbischofs besonders lesenswert: zum einen sein persönlicher Zugang zu den sieben Päpsten und dem von ihnen repräsentierten Kirchenbild, zum andern der starke und informative Österreich-Bezug. Vor allem aber zeichnet das Buch seine klare Sprache aus: Krätzl beschönigt nichts, er stellt auch die fatalen Entwicklungen dar, übt Kritik, wo es ihm geboten erscheint, nennt dabei auch Ross und Reiter. Auch Papst Franziskus, die Hoffnungsgestalt für so viele innerhalb wie außerhalb der Kirche, wird nicht ausgenommen. Zu Recht stellt Krätzl in diesem Zusammenhang, auch mit Blick auf die beiden Familiensynoden und deren „Ergebnis“, die Frage, wie weit pastorale Praxis und kirchliche Lehre auseinanderdriften dürfen. „Ich wundere mich“, schreibt er (S. 195), „dass der Papst nicht auch die Lehre ändert, wenn die Kirche insgesamt und vor allem durch die gewissenhafte Arbeit der Theologie zu neuen Erkenntnissen gekommen ist.“

Gerade zu diesem Punkt hätte sich wohl der eine oder andere Leser eine Erörterung der Lage der Theologie im deutschen Sprachraum und in Österreich gewünscht. Die restaurativen Maßnahmen Roms in den letzten Jahrzehnten, die Disziplinierung von Theologen und die Diskreditierung neuer Denkansätze haben leider dazu geführt, dass die Theologie im Konzert der Wissenschaften als ebenbürtiger Gesprächspartner weithin ausgefallen ist. Die Folge ist, dass Theologie auch für Studenten, nach einem massiven Hörer- und vor allem Hörerinnenzuwachs in den Jahren nach dem Konzil, zuletzt im Sinkflug begriffen ist. „Im Sprung gehemmt“ – gerade auf diesem Gebiet lässt sich diese Diagnose stellen, und gerade hier werden die Folgen langfristig sich als äußerst schädlich erweisen.

„Meine Kirche im Licht der Päpste“ ließe eine Bilanz erwarten. Krätzls Buch ist jedoch viel mehr. Es ist ein Weckruf. Dafür gebührt dem unerschrockenen Autor Dank.

fjw