Weißenböck FJ 120Weißenböck, Vater unser 170Nach seinem Buch „Credo“ legt Franz Josef Weißenböck nunmehr seine Mutmaßungen zum „Vater unser“ vor. Wie kaum einem anderen Autor gelingt es dem Theologen und Journalisten die beiden Pole jahrtausende alte Worte mit dem kritischen Geist der Gegenwart zu verbinden, zu erfrischen und lebendig zu machen.

Das Vaterunser ist zwei Jahrtausende alt. Es transportiert Vorstellungen, die nicht die unseren sind. Das Bild des „Vaters hat sich gewandelt, und dass er „in den Himmeln“ ist, passt nicht ohne weiteres in das aktuelle Weltbild, schreibt er.

Was ist das für ein Gott, der Menschen „in Versuchung führt“? Und was meint „Erlösung vom Bösen“ - geht es um den Bösen oder um das Böse? Ganz grundsätzlich stellt sich die Frage: Was heißt es überhaupt zu beten?

Das Buch, so Weißenböck, ist eine Einladung zum Denken – zum Nach- wie zum Weiterdenken.

Und tatsächlich, es ist anstößig. Es geht geschichtlichen Ursprüngen nach, erhellt Übersetzungen, stellt die Erfahrungsbilder antiker und neuzeitlicher Literaten daneben, erzählt eigene und andere heutige Erfahrungen und schält so die alten Worte aus dem Dickicht der Jahrtausende. Damit wird der Blick frei auf den Boden, aus dem das Gebet des Herrn gewachsen sein kann.

Weißenböck stellt in Frage, was zur Frage geworden ist, schreibt Klartext, was in kirchlichen Milieus hinter vorgehaltener Hand geflüstert wird. Er tut dies mit theologisch fundiertem Sachverstand, mit rücksichtsvollem Feingefühl und ohne Überheblichkeit. Was unaussprechlich ist, bleibt es auch. „Die Gottesherrschaft“, so schreibt er, „ist in und zwischen uns, oder sie ist gar nicht“.

Gebete wie das „Vater unser“ sind in Fleisch und Blut übergegangen. Gerade deshalb lohnt es sich für jung und alt, die eigenen Überlegungen mit kritischen Mutmaßungen zu vergleichen, was mit den Worten gemeint sein kann. Gelesen ist das Buch leicht und schnell. Mehr Zeit wird das Nachdenken darüber in Anspruch nehmen. Jedenfalls ist es empfehlenswert.

Hans Peter Hurka

Weißenböck Franz Josef, „Vater unser – Mutmaßungen über das Gebet des Herrn“, Edition VABENE, 148 Seiten, Preis: 14,90 €, ISBN 978-3-85167-303-6