Treitler Wolfgan 120Treitler sehr gut 170Eine überraschende Email bringt Wolfgang Sattler Erinnerungen an zwei Jahre seiner Internatserziehung zurück: Schläge, Lockmittel, scheinbares Vertrauen und blanker Hass sollten ihn gefügig machen. Die Intervention des Vaters bringt nichts. Was bleibt ist der Rückzug und die Flucht in ein Versteck.

„Sehr gut“ ist der Titel des Buches. Das hart ausgesprochene „t“ des Peinigers klingt bis heute nach. Sehr gut sind die inhaltlichen Darstellungen. Wolfgang Treitler ist es mit dieser Novelle gelungen, Blicke in die Gefühlswelt des jungen Zöglings zu vermitteln und die Nöte des Zweit- und Drittklasslers einfühlsam zu verstehen.

Diese Novelle spielt im Stiftgymnasium Seitenstätten und beschreibt die übermächtige Struktur der Macht eines einzelnen Erziehers. Beinahe schafft es dieser, ungestraft seine sexuellen Machtgelüste an dem jungen, erwachenden Knaben zu befriedigen. Das Sattler nicht gebrochen wird, hat er seinem Lernerfolg und der zunehmenden Reife zu verdanken, die ihm ein immer widerständigeres Auftreten gestattete.

Es ist ein mutiges und großartiges Buch! Es vermittelt die Nöte ohne jeden Voyeurismus, in die junge Menschen kommen. Sie sind fern eines vertrauten und haltgebenden Elternhauses in einer fremden Umgebung auf sich allein gestellt einer zügellosen, unkontrollierten Macht ausgesetzt. Der Autor vermittelt in gut vorstellbaren Bildern die konkreten Situationen und Stimmungen, in die der junge Bursche gebracht wird. Diesen Zwängen kann er nur teilweise entfliehen, zu groß ist die Macht und die dem Erzieher zugestandene Autorität. Am Ende der Novelle stehen nach 40 Jahren eine klare und gut reflektierte Haltung dem Erlebten und dem Täter gegenüber, eine kleine Revanche und eine stille Heimkehr.

Der Theologe zeigt, es waren nicht die strenge Ordnung oder die Gebetspraktiken, es waren die Übergriffe dieses Erziehers, die die Intimität des Schülers verletzte und so die Entwicklung der Persönlichkeit beschädigte. Die langen Schatten des Erfahrenen können auch nach 40 Jahren noch aufwühlen, bei manchem vielleicht sogar erst zum ersten Mal.

Treitler eröffnet mit dieser Novelle Einsichten in die Gefühlswelt der jungen Opfer aber auch der unreifen und völlig mit ihrer Aufgabe und Macht überforderten Täter, die die Burschen missbrauchten. Und er differenziert. Es ist kein reißerischer Bericht, sondern eine einfühlsam geschilderte, schmerzliche Erinnerung. Wer Interesse an dem Thema sexueller Machtmissbrauch in kirchlichen Einrichtungen hat, sollte dieses Buch lesen.


 

Treitler, Wolfgang, Sehr gut, ARCHINOAM Verlag, 174 Seiten, Verkaufspreis: 12,99 € , ISBN: 978-3-7427-6290-0


Zum Autor:

Wolfgang Treitler, ist 1961 in Steyr/Oberösterreich geboren; Er studierte von 1980 bis 1985 selbstständige Religionspädagogik in Sankt Pölten und in Wien.

Ab 1996 war Treitler Dozent für Religionswissenschaft an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Pölten. 1998 habilitierte er sich an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien für das Fach Fundamentaltheologie. Seit diesem Jahr ist er als außerordentlicher Universitätsprofessor an der Universität Wien tätig.

Der Theologe ist Autor von mehr als 15 Büchern und mehr als 250 Beiträgen in wissenschaftlichen und literarischen Zeitschriften sowie in Rundfunk und Fernsehen. In seiner wissenschaftlichen Arbeit versucht er Theologie auf der Höhe der Zeit zu betreiben. Dazu sucht er stets auch Gottes Spuren im konkreten Leben, in der Literatur, im Einklang mit dem heutigen Stand des Wissens aufzuzeigen.

Treitler ist außerdem Mitglied des P.E.N.-Clubs, der österreichischen Gesellschaft und der Freunde von Yad Vashem.