Stecher Reinhold Bischof 1981 1996 150Stecher, blauer Himmel trügt 170Schon der Titel fordert zu Fragen heraus. Ist der Himmel im Tal oder auf dem Berg gemeint, ist er realistisch oder im übertragenen Wortbild zu verstehen? Und wenn ja, in welchem?

Der Herausgeber Paul Ladurner hat kurz gefasste Erzählungen und Geschichten, die Reinhold Stecher in Einzelartikel oder Büchern über seine Erlebnisse zwischen 1938 und 1945 niedergeschrieben hat, nunmehr chronologisch zusammengefasst. Es sind 25 Geschichten, die in drei Gruppen unterteilt wurden: „Machtergreifung und Arbeitsdienst“, „Wallfahrt und Haft“ und „Als Soldat in Russland, Lappland und Norwegen“.

Die Geschichten erzählen wie Bischof Reinhold Stecher die NS-Diktatur und den Krieg erlebt hat. Es ist mit Sicherheit kein Einzelschicksal und es ist durch unsichtbare Hände für Stecher gut und andere tödlich ausgegangen.

Ladurner Paul 120Achtzig Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs ist und bleibt es geboten, die Erinnerung an die Gräuel und die Folgen des nationalsozialistischen Terrorregimes wach zu halten. Stecher hat das als Zeitzeuge dieser „unseligen Zeit, die kein Altgold heroischer Verklärung verdient“, immer wieder mahnend getan.

Dieses Buch spannt den Bogen von der Pogromnacht des 9./10. November 1938 in Innsbruck bis zur Rückkehr Stechers nach Österreich im Herbst 1945. 1941 wurde er von der Gestapo verhaftet, 1942 als Funker eines Gebirgsjäger-Regiments bei Ramuschewo (Russland) verletzt und 1943 an der finnisch-russischen Grenze eingesetzt, ehe er nach tausenden Kilometern Rückzug im Fjord von Trondheim (Norwegen) das Kriegsende erleben durfte. In Stechers Erinnerungen reicht, wie er schreibt, „die Skala der wechselnden Gefühle von Entsetzen und Zorn über kritisches Bedenken und ehrfurchtsvoller Verneigung bis zur hoffnungsvollen Veränderung mit dem Blick auf die Verwirklichung einer Zivilisation der Liebe“.

Stecher ist vor sechs Jahren heimgegangen, trotzdem haben diese Geschichten heute hohe Relevanz. Sie lassen nicht nur seinen mit Gottvertrauen und Humor durchtränkten Grundton des Lebens heraushören, sondern sie sind gleichzeitig Warnsignale zur Beurteilung unserer Politik heute.

Christinnen und Christen sind damals den Verlockungen menschenfeindlicher Ideologie in großer Zahl verfallen. Menschen wie er, die sich klaren Wertmaßstäben verpflichtet gefühlt haben konnten unterscheiden was Menschen jetzt brauchen. Sie traten der Willkür mit Entbehrungen, dem Ausgesetzt sein lebensgefährlicher Bedrohungen, Hohn und Spott entschieden und überzeugt entgegen. Teilweise gebückt, in Trauer und in ganz kleinen Dingen. Stecher – so ist es den Geschichten zu entnehmen – konnte durch die unsichtbare Hand Gottes dem für viele andere unausweichlichen Tod entrinnen. Diese Zeit soll sich nicht wiederholen. Es gibt aber Anzeichen, dass sie sich wiederholen kann.

Es ist ein ernstes Buch mit vertrauenvoller Leichtigkeit geschrieben, das aber sehr ernst zu nehmen ist. Der Inhalt fällt den Leserinnen nicht auf die Seele und regt trotzdem zum Nachdenken an. Es ist ein Buch, zum Erinnern – gedenken – mahnen, das zu jeder Jahreszeit gelesen, zu jeder Gelegenheit und jedem Menschen, unabhängig von seiner Einstellung geschenkt werden kann. Das Buch berichtet von Wundern und ist wunderbar.

Hans Peter Hurka


Stecher Reinhold, Hrsg. Ladurner Paul, Der blaue Himmel trügt, Tyrolia Verlag, 160 Seiten, Preis: 19,95 €, ISBN: 978-3-7022-3687-8