Feinig Willib 1015 Imre 120Der Vorarlberger Autor und Theologe sowie Übersetzer Willibald Feinig hat den Sonnengesang von Francesco d'Assisi von 1225 neu übersetzt und einen Vers 9 hinzugefügt. Dabei leiteten ihn sprachliche Gründe der Übertragung und theologische Gründe. Die Erklärung finden Sie im Anschluss.

francesco portrait 1 120Sonnengesang

von Francesco d'Assisi (1225) in der Übersetzung und mit einem 9. Vers: von Willibald Feinig

Höchster, allmächtiger, guter Herr,

Dir gebührt Lob, Herrlichkeit, Ehre und aller Segen.

Dir allein, Höchster, stehen sie zu

und kein Mensch ist würdig, Dich beim Namen zu nennen.

Gelobt seist Du, mein Herr, mit all Deinen Geschöpfen,

besonders Frau Schwester Sonne.
Sie ist der Tag und durch sie leuchtest Du uns.
Und sie ist schön und strahlend mit großem Glanz:
Dein Banner, Höchster, trägt sie.

Gelobt seist Du, mein Herr, von Bruder Mond und den Sternen.

Im Himmel hast Du sie gebildet, klar, kostbar und schön.

Gelobt seist Du, mein Herr, von Bruder Wind

und von Luft und Wolken und vom blauen Himmel
und jedem Wetter, durch das Du Deine Geschöpfe erhältst,

Gelobt seist Du, mein Herr, von Schwester Wasser;

sehr nützlich ist sie und demütig und köstlich und rein.

Gelobt seist Du, mein Herr, von Bruder Feuer,

durch den Du die Nacht erhellst;
schön ist er und fröhlich und kraftvoll und stark.

Gelobt seist Du, mein Herr, von unserer Schwester, Mutter Erde,

die uns trägt und lenkt
und verschiedene Frucht erbringt und bunte Blumen und Gras.

Gelobt seist Du, mein Herr, von unseren Schwestern, den Frauen,

und von den Männern, unseren Brüdern;
als Hilfe füreinander hast Du sie geschaffen.

Gelobt seist Du, mein Herr, von allen, die vergeben

aus Liebe zu Dir, und Krankheit ertragen und Not.

Selig, die das in Frieden ertragen,

denn Du, Höchster, krönst sie.

Gelobt seist Du, mein Herr, von unserem Bruder, dem leiblichen Tod,

dem kein lebender Mensch entkommt.
Weh denen, die in Todsünden sterben;
selig, die Deinem heiligsten Willen folgen,
denn der zweite Tod tut ihnen nichts.

Lobt und preist meinen Herrn und sagt ihm Dank

und dient ihm mit großer Demut.


Erklärung des Übersetzers:

Warum ich den „Sonnengesang“ neu übersetzt habe? - Wegen der deutschen Fassungen, die ich kenne, z.B. der im derzeitigen Katholischen Gesangbuch der Schweiz, Seite 642:

...gelobt seist du...mit dem Herrn, Bruder Sonne. Er bringt uns den Tag und spendet uns Licht...von dir, Höchster, ein Zeichen.

Und so geht es weiter:

...am Himmel formtest du sie (den Mond)...

...die Schwachheit und Not ertragen...

...unsere Schwester, der leibliche Tod..

...die in tödlicher Schuld sterben...

Wort für Wort problematisch, verglichen mit dem Original. – Kurz: Es ist mir einfach zu schwer geworden, keine Neuübersetzung zu schreiben. Das Lied (en langue vernaculaire, im Dialekt geschrieben, damals ein Wagnis – das wäre es übrigens auch heute) scheint mir unheimlich modern, aktuell, wahr, nach den Entdeckungen der Physiker der letzten Jahrzehnte doppelt; auch persönlich ist es mir im Lauf des Lebens immer wichtiger und tröstender geworden, dieses volle Bewusstsein unseres Eingebundenseins in die Schöpfung Gottes, den beim Namen zu nennen kein Mensch würdig ist, und alle Verniedlichung, selbst die hippiehafte, immer unerträglicher. Nicht zuletzt, weil Franzens Cantico sozusagen ein „offener Text“ ist und im zweiten, später, angesichts eines bevorstehenden Krieges hinzugefügten Teil über Kosmos und Natur hinaus menschliches Handeln und Wollen mit einbezieht.

Daher habe ich mich 1) besonders um das Schlüsselwort jeder Übertragung bemüht, das wiederholte, merkwürdige „per“: … per frate Sole … per sor aqua … per quelli che perdonano.

Im Original steht nicht pro, für , wie es von den einen übersetzt wird:

Gelobt seist du, mein Herr, für Bruder Mond und die Sterne...

Wenn das gemeint wäre, würde sich der Mensch - wie üblich - über den Rest der Schöpfung stellen, als Fürbittender, als Wissender. Das ist gerade nicht das, was Franz erfahren hat und sagt, der einen neuen Raum der Sprachlosigkeit, des Herzens-Gebets, einen Raum für den Glauben eröffnet.

Im litaneihaften Cantico, der für mich – es ist ja kein Verdienst, darum kann man es ruhig sagen - auf einer Ebene mit den Psalmen steht und mit dem „Vater unser“, verwendet er nicht die Präposition pro sondern per.

Diese übersetzen die meisten mit durch - richtig und wörterbuchgetreu; aber es heisst nicht viel, das ist eine logische Floskel.

Gelobt seist du, Herr, durch Schwester Wasser...

Wer lobt da? Das Wasser, oder doch wieder der Mensch? Beide ein bisschen, irgendwie; weder das eine noch der andere ganz. Das ist nicht die herausfordernde Sprache des Gedichts, des Herzens. Kurz - nach vielem Erproben habe ich mich entschieden, das per in Weiterführung des Anfangs auf Deutsch mit von zu übersetzen

Gelobt seist du, mein Herr, von Bruder Wind, von unserer Schwester, Mutter Erde, von unserem Bruder, dem leiblichen Tod.....

Ich weiβ wohl, dass im Original nicht de o.ä. steht, auch kein (lateinisches) a / ab, denke aber, dieses ungewohnte Ausdrucksweise lässt der Schöpfung ihre Handlungsfreiheit, Grösse, Selbstständigkeit, kurz, könnte das sein, was Franz gemeint hat.

2. heisst es im Sonnengesang nicht zufällig mein Herr. Nicht Herr allein, wie auch übersetzt wird (wohl im Bestreben zu versachlichen), auch von jungen Kapuzinern oder solchen, die es einmal waren. Solche Weglassung versachlicht nicht, sie ist ein Missverständnis. Gott ist mein Gott, oder er ist nicht. „Gott“ ausserhalb der persönlichen Beziehung mit „ihm“ gibt es nicht (wenn man mir meine ungeschickte Ausdrucksweise verzeihen will, die sozusagen in der Natur der „Sache“ liegt).

3. Julien Green hat mir mit seiner Biographie Frère François, seinem heimlichen Hauptwerk, das man unbedingt im Original lesen muss, die Augen geöffnet für das Ritterliche an F. (Der Sohn des Textilkaufmanns Bernardone hat sich ja als reicher junger Mann und Nichtadeliger eine Ritterrüstung geleistet und zog gegen Perugia in den Krieg, war dann lang Kriegsgefangener; auch die Beziehung zu Clara hat etwas unerhört Minnigliches). So bin ich aufmerksam geworden auf den Unterton, der in dem wieder merkwürdigen Zusatz zur Sonne mitklingt:

de te ....porta significatione:

Dein Banner, Höchster, trägt sie.

Wie später die kleine Jeanne das Banner getragen hat (der Name Francesco bedeutet kleiner Franzose, seine Mutter war, scheint es, aus der Picardie). Der „signifer“ Michael (Wer-ist-wie-der-Gott) ist der Bannerträger.

4. Franz selbst, schon schwerkrank, hat seinen Cantico im Angesicht drohenden Bürgerkriegs durch einen Einschub erweitert - leicht zu erkennen vor dem Schlussvers. In dieser Form hat er ihn - Gott sei Dank mit Erfolg – von zwei Brüdern vor beiden Parteien, der Papst- und der Kaiserpartei, in Assisi singen lassen (wo über dem gleichen Taufbecken wie er selbst der Zeitgenosse Friedrich II. getauft worden war).

Aus vielfach gegebenem Anlass habe auch ich mir beim Übersetzen noch einen Einschub erlaubt und ihn durch eine neue Stilfigur (Spiegelung) kenntlich gemacht:

Gelobt seist du, mein Herr, von unseren Schwestern, den Frauen,
und von den Männern, unseren Brüdern;
als Hilfe füreinander hast du sie geschaffen.

Francesco hatte ja eine liederliche Jugendzeit hinter sich, als ihm die Schöpfungs- und Gottesminne ins Herz gebrannt wurde. Von da an hat er das Thema Mann-Frau entschieden und drastisch, um nicht zu sagen brutal, beiseite geschoben - in seinem Leben und in seiner Gemeinschaft. Hätte er länger gelebt, hätte er vielleicht auch diesem Aspekt und Teil der Schöpfung im Cantico eine Strophe eingeräumt. (Ein mich prägender Pfarrer, vom Krieg erzogen, pflegte zu sagen: Wenn Jesus 70 geworden wäre - wie er selbst -, wäre in den Evangelien wohl Manches anders formuliert und Anderes nicht übergangen.)

5. Zur Frage nach dem zweiten Tod im Schussteil (wieder so etwas Merkwürdiges): Dazu gibt es sicher schon viel Literatur. Ich habe sie nicht gelesen.

Mir scheint klar: Sterben muss jeder, das ist der erste, physische Tod.

Der zweite ist (für mich) der endgültige, moralische sozusagen, das Hinausgefallensein aus der Liebe, das Nicht-Auferstehen im endgültigen Gericht, wenn das Verborgene der Herzen offenbar wird. Etwas Fürchterliches, wahrhaft Angsterregendes, gegen das der leibliche Tod ein Bruder ist – ich drücke mich wieder ungeschickt aus.

Soviel zur Annäherung eines Übersetzers an diesen Text, der in der Endgestalt sowohl Welt und Materie als auch Moral und Willen umfasst – nicht mit groβer, ungefährer Geste, sondern präzis. Weltliteratur in mittelitalienischem Dialekt. Christus Jesus ist darin omnipräsent, ohne dass er ein einziges Mal genannt würde; der Autor versteckt sich nicht hinter ihm, wie wir anderen Christen häufig. Ich glaube auch, dass dieses Gebet mit seiner von innen kommenden Ehrerbietung einem Muslim viel sagen kann. Jedenfalls scheint es mir ein Antidotum zu sein gegen Leichtfertigkeit im Denken, Reden, Beten.