Göller Vera 150Die Theologin Mag.a Vera Göller hat nachstehende Gedanken zum Weiblichen als Predigt zum Muttertag zusammengefasst. Das Netzwerk: zeitgemäß glauben dokumentiert sie hier.

Wir stehen jetzt zwischen Ostern und Pfingsten. Im heutigen Evangelium spricht Jesus zu seinem Vater im Himmel und von der Liebe, mit der der Vater ihn geliebt hat. Zugleich feiern viele von ihnen heute Muttertag. Natürlich hat der Muttertag nichts mit den kirchlichen Festen zu tun, aber auch bei einem profanen Fest wie dem Muttertag, egal aus welchen Gründen er entstanden ist, können wir ein bisschen nachspüren, was uns dieses Fest auch über Gott sagen kann. Ich möchte heute gar nicht über Mütter reden oder über die Verdienste von Frauen sondern Sie einladen das Weibliche an sich zu betrachten, über die weiblichen Wesenszüge in jedem Menschen nachzudenken.

Wie könnte man also das Weibliche, die weibliche Seite im Menschen beschreiben? Das Weibliche ist eher passiv, abwartend, hat einen langen Atem, ist geduldig, es ist bergend, umhüllend, schützend, bewahrend, nicht ausgrenzend, sanft, zärtlich, das Leben erhaltend, heilend, es bricht nicht das Rohr, das geknickt ist und verzeiht die Schuld.

Nun liebe Gemeinde, vielleicht beginnen Sie innerlich zu protestieren und meinen: sind das nicht Männer auch? Auf der anderen Seite gibt es genug starke Frauen: Politikerinnen, Sportlerinnen, Managerinnen, Wissenschaftlerinnen, Chirurginnen.

Sie haben vollkommen recht. Es gibt Männer, die mehr Geduld, mehr Mütterlichkeit haben als manche Frau. Genau deshalb finde ich es wichtig, von den Eigenschaften, die wir in der Psychologie, in der Poesie als weiblich bezeichnen, vom weiblichen Anteil im Menschen zu sprechen.

Jeder Mensch, jeder Mann und jede Frau, besitzt diese weiblichen Wesenszüge in unterschiedlicher Intensität. Der Muttertag wäre eine Möglichkeit einmal das Mütterliche in jedem Menschen, nicht nur in Müttern, zu ehren, zu achten und hochzuhalten.

Die männlichen Eigenschaften wie Mut, Stärke, Aktivität, Durchsetzungsfähigkeit, die Initiative ergreifen, sich behaupten können sind die Eigenschaften, die in einer Leistungsgesellschaft wertgeschätzt werden. Die sogenannten weiblichen Eigenschaften haben da keinen Platz, werden oft unterdrückt und nicht wertgeschätzt. Männer mit überwiegend weiblichen Wesenszügen werden als Softies abgetan.

In Gen 1/26,27 spricht Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. (Ist das nicht wunderbar, wir Frauen und Männer, sind Gott ähnlich) …..Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Sie kennen alle diese Stelle. Jeder Mann und jede Frau sind Abbild Gottes. Hat Gott also eine männliche und eine weibliche Seite?

GOTT ist natürlich nicht männlich. Gott ist das mysterium tremendum et fascinosum, das Geheimnis, das einen erschauern lässt und uns gleichzeitig fasziniert, Gott, der ganz andere. Wenn wir von Gott sprechen wollen, können wir uns immer nur in Vergleichen oder Metaphern, Bildworten, seinem Geheimnis annähern. Die frommen Juden sprachen den Namen Gottes, Jahwe, aus Ehrfurcht nicht aus, sondern sagten „Er“ und deuteten zum Himmel.
Aber wenn wir diesen geheimnisvollen, großen, allmächtigen Gott lieben sollen, so brauchen wir menschlich erlebbare Bezeichnungen für Gott wie Vater und Mutter, wie Mann und Frau.

Jesus selbst hat Gott Vater genannt, eigentlich „Abba“ Väterchen oder Papa. Die Darstellungen in der Kunstgeschichte von Gott als Vater sind uns wohl vertraut. Denken wir an den Schöpfergott mit weißem Bart eines Michelangelos oder an den Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn von Franz Alt.

Aber wo tritt die weibliche Seite Gottes in Erscheinung?

Nun, vielleicht erinnern Sie sich an die Aussagen im AT über Gottes Mütterlichkeit:

  • Jesaja 49,15 kann denn eine Frau ihr Kind vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde; ich vergesse dich nicht. Gottes Liebe ist größer als die einer Mutter.

  Bei Hosea 11, 4 sagt Gott: ich war da für sie [das Volk Israel], wie die [Eltern] die den Säugling an ihre Wangen heben. Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen.

  • Gott liebt wie eine Mutter. Die Eigenschaften Gottes sind auch Langmut, Geduld, Sanftheit, wie das leise Säuseln des Windes vor der Höhle in der sich der Prophet Elias auf der Flucht verbarg.

  • Aber wir finden in den alttestamentlichen Texten auch den fordernden Gott, den strengen Richter.

  • In der Person Jesu erfahren wir Barmherzigkeit und Güte, aber auch klare Worte, die mit Entschiedenheit gesprochen werden. So sagt er zu Petrus, dem er seine Kirche anvertraut, in einer bestimmten Situation: Hinweg Satan. Oder denken wir an die Vertreibung der Händler aus dem Tempel.

  • Wir stehen, wie schon gesagt, in der Zeit vor Pfingsten. Das hebräische Wort ruah ist weiblich. Ruah bedeutet Atem, Windhauch, prophetischer Geist und wird dann im NT zum hl. Geist. In der Tradition wird der Hl. Geist, oft in Gestalt einer Taube zwischen Vater und Sohn dargestellt. Zwischen dem 10. und 16. Jahrhundert finden sich Darstellungen der dritten göttlichen Person als Frau, so auch in Urschalling einem kleinen Weiler oberhalb vom Chiemsee.

  • Diese weibliche Gestalt zwischen Vater und Sohn stellt die Liebe, die Caritas dar. Der hl. Geist, die evangelische Theologin Dorothe Sölle spricht in der weiblichen Form von hl. Geistin, ist nicht nur die Liebe zwischen Vater und Sohn, sondern wird ausgegossen in die Herzen der Gläubigen, sodass auch wir von göttlicher Liebe erfüllt werden, wenn wir unser Herz für Gott offen halten.

Der Monat Mai ist auch der sogenannte Marienmonat.

Nun, viele von Ihnen werden sich sicher schon gedacht haben: Wir haben doch MARIA. In ihr wird das Weibliche, die Frau, geachtet und gewürdigt. Das stimmt.

Ab dem 12.Jahrhundet gibt es von Frankreich ausgehend in ganz Europa die Schreinmadonna, auf Französisch: „Vierge ouvrante“, eine Holzstatue, die aufklappbar ist, im Inneren findet sich der sogenannte Gnadenstuhl, Gott Vater mit dem Sohn am Kreuz und dazwischen die Darstellung des hl. Geistes im Symbol der Taube.(Taube weiblich). Diese Darstellungen wurden später sogar verboten, waren aber zu einer bestimmten Zeit könnte man sagen „in Mode“. Sie waren Ausdruck des Glaubens des Volkes, das versuchte Maria als „Mutter Gottes“ darzustellen. Die Sehnsucht der Menschen nach der weiblichen Seite Gottes kommt in diesen Darstellungen und Titeln für Maria immer mehr zum Ausdruck.

Nun, warum ist es mir so wichtig, der weiblichen Seite im Menschen und der weiblichen Seite Gottes in unserem Bewusstsein einen würdigen Platz zu verleihen?

Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass sogar ein Kirchenvater(Thomas von Aquin übernimmt diesen Gedanken von Aristoteles)meinte, Frauen besäßen keine Seele. Überlegen wir, wie lange es dauerte, bis Frauen das Wahlrecht erhielten und das wurde oft mit Schmerzen erkämpft. Mittlerweile wird uns beides zugestanden, die Seele und das Wahlrecht, und dennoch sind es mehrheitlich immer noch Frauen, die in Indien, Nicaragua, in den arabischen Ländern, wegen ihres Geschlechts als Föten getötet werden, misshandelt, verstümmelt, sexuell und wirtschaftlich missbraucht werden, denen man ihre menschliche Würde und ihr Selbstwertgefühl genommen hat und die man geringer entlohnt , weil sie Frauen sind. Wir kennen alle diese Themen.

Wenn wir also dieses weibliche Antlitz Gottes anerkennen, was bedeutet das dann für unseren Glauben? Betrachten wir einmal die Wehrlosigkeit des verletzlichen Kindes in der Krippe und die Ohnmacht des Gottes Sohnes Jesus von Nazareth unter dem Blickwinkel der weiblichen Seite Gottes.

Überall dort auf der Welt , in der Geschichte und in der Gegenwart, wo Frauen unterdrückt, diskriminiert oder getötet werden, weil sie Frauen sind und das müssen wir uns bewusst machen, dort wird auch Gott verletzt, dort wird die weibliche Seite Gottes missachtet und verletzt, dort wird die weibliche Schöpferkraft Gottes unterdrückt und im Keim erstickt.

Muttertag bedeutet für mich das „Mütterliche“, Schützende und Heilende in jedem Menschen, in jeder Frau und jedem Mann zu ehren und wert zu schätzen. Das heißt auch dem sanften Wesen in uns selbst und in Anderen mit Ehrfurcht zu begegnen.


Zur Autorin:

Mag.a Vera Göller absolvierte das Lehramtsstudium an der Universität Wien in Theologie und Französisch. 35 Jahre Unterricht an AHS und HLA. Ausbildung in Sozial-und Lebensberatung und Begleitung von „Exerzitien im Alltag“. Sie hat zwei Söhne und vier Enkelkinder.

Bücher: Komm, Heiliger Geist, Was mich gehen lässt, www.edition-weinviertel.at. Das Geheimnis der Weihnachtskrippe, Mit den Küssen seines Mundes bedecke er mich. Eigenverlag.