Kapeller Anita 120Am 23. Juli 2017 wurde in den römisch-katholischen Kirchen das Evangelium nach Matthäus 13, 24-30 bei den Gottesdiensten verlesen.

Frau Dr. Anita Kapeller war eingeladen im Rahmen einer Predigt nachstehendes Glaubenszeugnis vor der ganzen Gemeinde abzulegen. Die promovierte Theologin hat dabei Hintergründe der Gleichniserzählung und Schlussfolgerungen vorgelegt.

In jener Zeit erzählte Jesus der Menge folgendes Gleichnis:

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.
Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg.

Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein.
Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut?

Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan.

Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen?
Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus.

Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.

Anita Kapeller:

Liebe Pfarrgemeinde, liebe Freunde!

Zum Verständnis dieser soeben gehörten Bibelstelle musste ich mich erstmal in der Botanik schlau machen.
Wovon wird denn eigentlich gesprochen, wenn es heißt: „Als die Aussaat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein.“

Nach übereinstimmenden Quellen handelt es sich bei dem genannten Unkraut nicht um das – uns als Garten und Wiesenbesitzer – plagende Unkraut wie Ackerwinde, Löwenzahn, Klee, Giersch…..

Nein, es handelt sich beim erwähntem Unkraut um den sogenannten „Taumellolch“.

Der Taumellolch ist ein sehr altes, in Volkssagen und mythologischen Erzählungen oft erwähntes, ertragsschädigendes Unkraut. Sein Verbreitungsgebiet umfasst die gemäßigten Zonen Eurasiens, Nordafrika, Azoren, Kanarische Inseln.

Die spezielle Gefahr, die von diesem Gewächs ausgeht ist, dass Taumellolch im Anfangsstadium des Wachstumes, dem Weizen täuschend ähnlich sieht und erst später (bei der Reife oder Ernte) von diesem unterschieden werden kann. Taumellolch ist auch ein extrem gefährliches Gewächs, da es Träger eines höchst giftigen Pilzes ist und somit mit den Weizenkörnern nicht vermischt werden sollte. Nach Verzehr von Brot, dessen Mehl mit Lolch verunreinigt war, kann dieses Gift Schwindel, Gleichgewichtsstörungen (daher der Name Taumel-lolch) Erbrechen, Sehstörungen und im Extremfall den Tod durch Atemlähmung hervorrufen.
Verständlich, dass die Arbeiter sehr erschrocken waren, als sie die Durchmischung des sprießenden Weizens mit Taumellolch feststellten, denn Weizen war die Lebensgrundlage aller – alle hingen vom Ertrag der Ernte ab.

Nach einigen historischen Quellen ist es auch immer wieder vorgekommen, dass absichtlich, mit schädigender Absicht! Taumelloch unter den Weizen gestreut wurde. In der Antike nannte man dieses Vergehen „Saatfrevel“. Im antiken römischen Recht wird z.B. exemplarisch so ein Fall erörtert, dass jemand Lolch in die Saat eines anderen sät, um diese zu verunreinigen. So etwas muss also öfter vorgekommen sein.

So seltsam uns dieses Geschehen auch im Jahr 2017 in der Großstadt Wien vorkommt, für die Menschen im damaligen Israel hatte das Gleichnis einen eindeutigen Lebensbezug und den Zuhörern war klar, worum es ging.

Was wir aber durchaus in unserer Lebenswelt verstehen ist, dass Boshaftigkeit, Racheaktionen oder Mobbing in unserem Zusammenleben sehr wohl vorkommen können…und das trübt genauso das Zusammenleben aller.

Erstaunlich ist für mich, dass sich der Gutsherr keineswegs empört oder aufregt (so wie ich es tun würde), keinen Zornanfall bekommt oder nicht auf Rache sinnt.
Der Gutsbesitzer nimmt den hinterhältigen Akt der Boshaftigkeit einfach als gegeben hin: „…das hat ein Feind von mir getan“. Punkt. Es folgt auch keine weitere Erklärung.

Als ausgesprochene Kämpferin für positives Miteinander und für Gerechtigkeit tue ich mir echt schwer mit dieser emotionslosen Reaktion des Gutsbesitzers. Allerdings: Das gute Zusammenleben kann man zwar wünschen, aber nicht erzwingen. ABER: Nur aufregen bringt nichts…was sollen wir tun?..ist die wahre Frage.

Die Knechte waren schockiert: “Hast du nicht den guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut?“. Sie haben nur das Gute gesehen. Wir als Erwachsene, mit einigermaßen Lebenserfahrung wissen …tja…das Leben ist weder Schlaraffenland noch Wunschkonzert….ABER..

Die erschrockene Reaktion der Knechte erinnert mich sehr an zwei Unterrichtsstunden, die für mich jedes Jahr peinlich und schmerzlich sind, weil ich sehe, dass Kinder erschrecken - Welche Welt ist das?

Das eine ist die Unterrichtsstunde/2.Klasse, in der es im Rahmen des Themas „Wege und Irrwege“, in der es um „Irrwege der Menschheit geht. Schülern ist ja aus den Medien bekannt, dass es Kriege, Mord und Zerstörung gibt…aber es ist nicht schön, den (noch-kindlich-denkenden!) 11 bis 13jährigen in dem Moment zugeben zu müssen: es war immer schon so, das ist die Spezies Mensch. Und die Spezies Mensch schreckt vor nichts zurück, nicht vor der Zerstörung der Natur, der Zerstörung anderer Länder, der Zerstörung anderer Menschen.

Ich erinnere mich auch an die Einführungsstunde ins Thema Christentum- Judentum (3.Kl.) mit dem Leben der Anne Frank- Ermordung der Jüdischen Bevölkerung- nicht schön, zugeben zu müssen, was Menschen einander antun. Und das sehr oft ohne Gewissensbisse.

Ich erinnere an die Nürnberger Prozesse, wo sich die größten Nazi-Kriegsverbrecher als „unschuldig im Sinne der Anklage“ bezeichneten. Niemand bezeichnet sich selbst als böse- Aber: wo versteckt sich…tarnt sich aber dann das Böse, das Unrecht, der Taumellolch, der den Menschen Leid bringt?

Eine weitere, meiner ungelösten Lebensfragen ist: wie gehen wir mit dem Bösen bzw. dem Bösen, das den Menschen entspringt, um?
Aus Rache dreinschlagen ist nicht christlich…das ist zwar nach gut 2000 Jahren Christentum bekannt. Es geht aber auch nicht, passiv zu sein, da das Böse Leid und Unheil als Folge hat->>besonders für die Schwächeren- und das können wir als Christen auch wieder nicht akzeptieren!

Für mich gibt dieses geniale Gleichnis in wenigen Sätzen einige Hinweise:

1. Wir müssen das Leben schützen, geduldig und klug

So wie der Gutsbesitzer es ablehnt, den Taumelloch sofort auszureißen um nicht zu riskieren den guten Weizen zu schädigen…so ist Vorsicht auch geboten bei vorschnellen Verurteilungen und nicht durchdachten Schuldzuweisungen. Um Unrecht zu vermeiden, wird nämlich oft wieder Unrecht getan. Das Gleichnis widerspricht demnach auch dem Abschreckungsargument für die Todesstrafe:
Bei der Thematik der Todesstrafe in den USA erkennt man, dass man mit dem Staat als Bestimmer über Leben und Tod und persönlichen Rachegefühlen Kriminalität nicht verhindert kann. Mord darf niemals legal sein.

Tatsache ist, dass Jesus im Neuen Testament immer wieder appelliert, uns auf die Seite der Bedürftigen und Schwachen zu stellen. Einsatz für das Gute aber auch Schutz der Schwächeren ist unsere christliche Aufgabe. Das erfordert Klugheit, aber auch Zeit und Geduld, wie die des Gutsbesitzers.

Ich weiß, dass diese Prinzipien der Bibel entsprechen, aber nicht, ob diese auch im Kampf gegen riesige Übel wie z.B. Terrorismus, Drogenkriminalität oder sexuellem Missbrauch ausreichen. Schützende Gewalt, die der Verteidigung der Schwachen dient, ist manchmal auch gefordert.

Wir müssen das Leben, uns und Bedürftige und Schwache so schützen, indem möglichst wenig Taumelloch und möglichst viel Gutes von uns gesät wird.
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2. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott einmal die wahre Gerechtigkeit ermöglicht!

Am Beginn des Gleichnisses heißt es: „mit dem Himmelreich ist es…“

Am Ende des Gleichnisses heißt die Botschaft Jesu: „Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen bringt in meine Scheune.“

Ich schließe daraus, dass Jesus eine Abrechnung am Ende des Tages (wann immer das sein mag) erwartet.

Für mich ist das in der heutigen Zeit wirklich ein schwieriger Punkt des Glaubens.

Aufklärung und Religionskritik haben uns über lange Zeit eingeredet… an eine jenseitige Gerechtigkeit oder Heil-werden von Leid und Schmerz nach dem Tod….. ist bloß eine Vertröstung auf das Jenseits- jetzt, hier auf Erden muss man für Recht und Ordnung sorgen. „Hier und jetzt“ ist schon richtig, aber wirklich Gerechtigkeit geschafft haben wir in der Menschheitsgeschichte bis jetzt trotzdem nicht.

Ich glaube, dass das Eingehen in Gott zu unserer Wirklichkeit dazugehören wird und dass sowohl das Gute, als auch das Schlechte beim Aufgenommen-werden in Gott nach dem Tod zählt und eine Rolle spielen wird. Welche? – ich habe keine Ahnung… aber ich glaube Jesus, denn bis jetzt hat für mich kein Mensch etwas Lebenswerteres jemals gesagt.

Das Himmelreich ist nahe, und wir dürfen nicht aufhören, das Gute zu säen…… auch wenn hie und da …giftiger Taumellolch im Leben wächst.

Amen


Zur Person:
Anita Kapeller ist in Oberösterreich geboren und hat an der katholischen Privatuniversität in Linz Theologie studiert. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Wien und ist hier Religionslehrerin. Außerdem ist sie seelsorglich als Hypnosetrainerin mit eigener Praxis tätig und absolviert gerade den Lehrgang Schulseelsorge. Im Pfarrgemeinderat der Donaucitykirche betreut sie vor allem die Belange von Liturgie und Spiritualität (z.B, Nacht-Meditationsstunde/Lange Nacht der Kirchen, Taizegebet,..).