Schnizlein Julia 120Vikarin Julia Schinzlein von der Evangelischen Pfarrgemeinde A.B. Wien-Währing & Hernals hielt zur 34. Ökumenischen Ostervesper nachstehende Osterpredigt heuer am Ostersonntag in der Pfarre St. Leopold / Gersthof. Der Predigttext zeichnet sich durch Klarheit in der Sprache und Verständlichkeit aus, mit der diese Interpretation des Bibeltexten zu Johannes 20,11-18 dargeboten wird.

Predigt Ostersonntag 21.4.2019, zu Johannes 20,11-18:

Die Gnade Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,
unser heutiger Predigttext ist für mich einer der schönsten und berührendsten Texte der Bibel und ich freue mich, heute darüber predigen zu dürfen.

Es handelt sich – ganz klassisch zu Ostern – um eine Auferstehungserzählung. Aufgeschrieben hat diesen Text der Evangelist Johannes. Also derjenige, der unter den vier Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas der letzte war, der die Überlieferungen über Jesus von Nazareth zu Papier gebracht hat. Johannes wusste von den anderen drei älteren Evangelien. Vielleicht hatte er sie sogar gelesen. Auf jeden Fall kannte er die Jesus-Geschichten, die in ihnen verarbeitet sind. Aber offenbar war er nicht zufrieden mit dem, was es da schon über Jesus gab. Daher schrieb er ungefähr im Jahr 100, also rund siebzig Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung, ein weiteres Evangelium.

In unserem Predigttext schreibt er von Jesus. Und einer Frau. Von Maria aus dem Fischerort Magdala. Auch bekannt als Maria Magdalena. Sie war eine der engsten Weggefährtinnen Jesu. Von sieben bösen Geistern hat er sie geheilt, so erzählt es Markus. Mit bösen Geistern und Dämonen erklärte man sich damals ja meist psychische Krankheiten. Maria Magdalena dürfte wohl ziemlich durch den Wind gewesen sein, als Jesus sie traf. Aber Jesus ließ sich davon nicht abschrecken. Er nahm sich ihrer an. Schenkte ihr Aufmerksamkeit und Verständnis. Er wurde ihr Mentor, ihr Lehrer. Er heilte sie und holte sie so ins Leben zurück.

Ich kann mir gut vorstellen, was Jesus für Maria bedeutet hat. Er war ihre Liebe. Ihr Leben. Und die gemeinsame Vision vom Reich Gottes war ihr Lebenselixier.

Wie unendlich groß muss ihr Entsetzen gewesen sein, als Jesus auf einmal mitten in der Nacht gefangengenommen wurde. Wie furchtbar musste es für sie gewesen sein, als sie mitansehen musste, wie man ihn folterte, quälte und verhöhnte. Wie unendlich groß muss ihre Verzweiflung und Hilflosigkeit gewesen sein, als Jesus gekreuzigt wurde und unter höllischen Schmerzen starb. Ich kann mir vorstellen, dass sich unter Marias Füssen nach Jesu Tod ein tiefes schwarzes Loch aufgetan hat.

Es muss sich angefühlt haben, als wäre ihr eigenes Leben vorbei. Alles, was sie geglaubt, geliebt und gehofft hatte, war tot und begraben.

In dieser unendlichen Trauer geht Maria Magdalena zum Grab. Um Jesus, diesen verurteilten Verbrecher, noch einmal zu sehen. Seinen Körper einzubalsamieren. Ihn noch einmal zu spüren, noch einmal zu ehren.

Doch als sie zum Grab kommt, findet sie den Stein, der das Grab verschließen sollte, weggerollt. Entsetzt rennt sie los - zu Petrus und Johannes, und ruft: Sie haben den Rabbi fortgebracht. Er ist fort!
Sie sucht Hilfe, Halt und Beistand. Und so eilen die beiden Männer mit ihr zum Grab und finden es tatsächlich leer. Das ist zu viel für die beiden Männer. Zu viel der Demütigung. Erst richten sie ihren Rabbi hin, wie einen Verbrecher und dann schänden sie auch noch seine Leiche. Die Männer gehen. Verkriechen sich. Nur Maria – sie bleibt. Und hier beginnt unser Predigttext:

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sah zwei Engel in weißen Kleidern dasitzen. Einer am Kopf und einer an den Füße, wo der Körper Jesu gelegen hatte. Sie sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie sagte zu ihnen: Sie haben meinen Rabbi fortgenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingebracht haben. Als sie dies gesagt hatte, drehte sie sich um und sah Jesus dastehen, aber sie wusste nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie dachte, dass er der Gärtner wäre und sagte zu ihm: Herr wenn du ihn weggetragen hast, sage mir, wo du ihn hingebracht hast und ich werde ihn holen. Jesus sagte zu ihr. „Maria!“ Sie wandte sich um und sagte zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni! Das heißt Lehrer. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zu Gott, meinem Ursprung, aufgestiegen. Geh aber zu meinen Jüngern und sage ihnen: ich steige auf zu meinem Gott und eurem Gott, zu Gott, der mich und euch erwählt hat. Maria aus Magdala kam und verkündete den Jüngerinnen und Jüngern: Ich habe Jesus den Lebendigen gesehen."

Gott segne Reden und Hören

Ja liebe Gemeinde. Das ist die Geschichte von Maria Magdalena. Die Geschichte ihres großen Momentes. Der niemals aufhören wird. Maria ist mit Salböl und Tüchern gekommen. Und sie geht mit einem Auftrag. Sie kommt in tiefster Verzweiflung und sie geht mit freudiger Hoffnung!

Maria aus Magdala ist, wenn man so will, die erste Christin. Die erste, die an den Auferstandenen glaubt. Nein - diese namenlose Frau, die Jesus die Füße gesalbt hat, diese ehemalige Prostituierte, die war sie nicht. Die ist ihr erst später angedichtet worden. Sie war die erste Missionarin, denn sie, eine Frau, bekommt die Mission, den zwölf Jüngern die Osterbotschaft weiterzusagen.

Wie konnte es aber sein, dass bald schon nicht Frauen, sondern Männer die christliche Kirche bestimmen sollten?

Im 1. Jahrhundert nach Christus finden wir noch viele Frauen an der Spitze der Gemeinden. Aber Ende des 2. Jahrhunderts sind alle wichtigen Positionen von Männern besetzt.

Das Ganze hat nicht wenig mit Maria Magdalena zu tun.

Nach dem Evangelisten Lukas hat Jesus sie ja einst aus einer tiefen, dämonischen Verstrickung befreit. Und dann gibt es bei Lukas auch noch eine andere Geschichte, in der eine unbekannte Sünderin Jesus die Füße salbt. Papst Gregor I. setzte im Jahr 591 in einer Predigt Maria von Magdala mit dieser Sünderin gleich. Und weil man gleich noch Sünderin mit einer Prostituierten identifizierte, wurde Maria von Magdala von der Heiligen zur Hure. Viele Jahrhunderte blieb ihr Name befleckt. Noch bis Ende des 20. Jahrhunderts gab es in Irland sogenannte Magdalenenheime. Also Heime zur Aufnahme gefallener Mädchen und Frauen.

Dabei war Maria nicht mehr und nicht weniger, als eine Apostelin. Eine der ersten Zeuginnen, die Jesu Auferstehung bezeugt hat. Und das in einer Zeit, als das Zeugnis von Frauen vor Gericht zum Beispiel gar nichts wert war - nicht zählte.

Das ist schon erstaunlich. Und man muss sagen, dass Jesus und das Urchristentum in ihrem Frauenbild ihrer Zeit wirklich um Jahrtausende voraus waren.

Aber zurück zum Bibeltext.
Neben der Auferstehung an sich, hat dieser Text für mich noch eine andere große Besonderheit. Haben Sie sich nicht auch schon mal gefragt: Warum erkennt Maria Magdalena Jesus eigentlich nicht?

Da steht der, um den sie trauert direkt vor ihr. Ihre große Liebe. Der, der ihr Alles bedeutete. Und der spricht sogar mit ihr. Und sie - sieht ihn und sieht ihn nicht. Mehr noch: Sie hält ihn sogar für jemand anderen. Für den Gärtner! Und dann pflaumt sie ihn auch noch an: Wenn du meinen Herrn weggetragen hast, dann sag mir gefälligst wohin du ihn gebracht hast. Holen kann ich ihn dann schon selbst.

Liebe Gemeinde: Was ist das? Was passiert da?

Kennen Sie das Gedicht „Die unmögliche Tatsache“ von Christian Morgenstern? Da heißt es im Schlussvers: „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“.

Vielleicht ist es das? Maria ist blind für das, was nicht sein kann. Sie sieht ganz offensichtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht. Weil Jesus doch tot ist. Mausetot. Sie war am Fuß des Kreuzes, als er seinen letzten Atemzug aushauchte.

Sie kommt zum Grab, in Erwartung eine Leiche zu finden. Dass die nun quietschfidel vor ihr stehen soll, ist so lächerlich absurd, dass sie es einfach nicht sehen kann. Sie ist nicht bereit für dieses Wunder.

Liebe Gemeinde, geht uns das nicht auch manchmal so? Dass wir einfach nicht sehen, was wir nicht glauben wollen. Was nicht sein darf.

Sicher kennen Sie auch jemanden, bei dem Sie sich schon dachten: Warum erkennt der das denn nicht? Den Betrug zum Beispiel. In der Ehe, in der Familie oder auf der Arbeit. Warum sieht er nicht, wie andere ihn zum Narren halten, obwohl es doch direkt vor seinen Augen geschieht.

Vielleicht ist es ihnen auch selbst schon mal so ergangen. Und sie konnten den Tatsachen nicht ins Auge sehen, weil das Mut braucht. Mut, den wir allein oft nicht aufbringen können.

Aber liebe Gemeinde, dieses Phänomen gibt es ja nicht nur bei negativen Angelegenheiten. Sehr viel häufiger sind wir Menschen nämlich für schöne Dinge blind. Für positive Überraschungen, für Wunder - weil wir sie einfach nicht glauben können.

Und so übersehen wir ganz oft, wie viel Schönes und Gutes sich vor unseren Augen abspielt, so übersehen wir, welche Möglichkeiten sich uns auftun, welche neuen wunderbaren Wege es gibt. Weil wir voll und ganz auf unser eines festes Bild von der Welt fixiert sind.

Politik und Medien bedienen das dann auch sehr gerne.

Ich selbst war ja jahrelang als Journalistin tätig und da gibt es das geflügelte Wort: Only bad news are good news (also nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten), weil sie sich besser verkaufen. Weil die Leute Skandale hören wollen und sich in ihrer negativen Sicht auf die Welt bestätigt fühlen wollen. Die guten Nachrichten - die glaubt keiner. Die kauft Ihnen keiner ab.

So wie Maria. Auch sie glaubt nicht, was sie sieht. Sie kann es einfach nicht glauben.

Ihre Augen und Ohren werden erst in dem Moment geöffnet, als Jesus ihren Namen sagt: Maria. Maria...
Da erkennt sie ihn, ihren Rabbi, ihre Liebe. Da sieht sie ihn. Neu. So wie er jetzt ist.

Und Maria Magdalena lässt los. Das Bild des toten Jesus, das sich ihr unterm Kreuz für immer ins Gedächtnis eingebrannt hat. Das Bild vom Leben, das mit dem Tod ein Ende hat. Das Bild von ihrem eigenen Leben, das sie sich nicht mehr anders vorstellen konnte, als Jüngerin im Gefolge Jesu.

Jetzt ist es Zeit für neue Bilder. Für neues Leben. Für neuen Glauben. Für neue Hoffnung.

Liebe Gemeinde. Das ist Ostern. Für Maria, für die Jünger und für uns!
Ostern ist die Erkenntnis, dass die Dinge anders liegen, als man denkt. Wir dürfen um Himmels willen nicht alles glauben, was wir denken!!

Ostern ist die Hoffnung, dass Gott auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann. Und Ostern ist der Glaube, dass es immer einen neuen Anfang gibt. Weil ER da ist. Weil Gott uns den Mut gibt, hinzusehen. Weil er uns bei unserem Namen gerufen hat, so wie Jesus Maria bei ihrem Namen nannte.

Schon in der Taufe hat Gott uns gesagt: Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.

Er ist da. Im Leben und im Tod, in Neuen und im Alten, gestern, heute, morgen und in Ewigkeit! Amen